Droge GHB in Berliner Clubs - Nur wenige Tropfen zwischen Rausch und Absturz

So 21.11.21 | 08:15 Uhr | Von Sophia Wetzke
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Symbolbild: Die Hand einer Frau bedeckt ihr Longdrink-Glas zum Schutz vor K.O.-Tropfen in einem Club. (Quelle: dpa/H. Kielwasser)
Audio: Radioeins | 18.11.2021 | Sophia Wetzke | Bild: dpa/H. Kielwasser

Als "K.O.-Tropfen" war die Substanz GHB/GBL einst zu trauriger Berühmtheit gekommen. Von Partygängern wird der Stoff immer häufiger als Partydroge benutzt. Berliner Clubs schlagen Alarm und starten Aufklärungskampagnen. Von Sophia Wetzke

Herbst 2019: Jedes Wochenende tropft sich Miriam* die farblose Flüssigkeit mit einer Pipette ins Getränk. "G", wie die Droge in der Szene kurz genannt wird, ist ihr ständiger Begleiter auf Technopartys in Berliner Clubs. Der Rausch: macht selbstbewusst, enthemmt, euphorisiert.

"Für mich war GHB immer ein Mittel, um extrem lange zu feiern und mich dabei extrem lange gut zu fühlen. Meine Feierzeit ist damals von circa zwölf Stunden im Club auf 30 Stunden gestiegen. Ich hab da noch nicht verstanden, wie krass lange das ist und dass man damit nicht noch angeben muss." Nach einer Weile weiß Miriam, wer im Club auch "G" nimmt. Eine eingeschworene Gruppe, der sie sich zugehörig fühlt. Das Risiko macht den Konsum reizvoll.

Die kleine Spanne zwischen gutem Gefühl und Überdosis

Dann kommt der Absturz. Miriam schätzt die Menge in der Pipette falsch ein und dosiert sich über. "Der Türsteher hat mich aus der Toilette getragen. Ich war nicht mehr ansprechbar, habe auf gar nichts mehr reagiert. Im Krankenwagen habe ich dann wohl auch eine Herzdruckmassage bekommen, denn ich hatte davon Abdrücke auf meiner Brust." Miriams Freunde erzählen ihr das alles, als sie am nächsten Tag völlig verwirrt im Krankenhaus aufwacht. Erinnern kann sich Miriam an nichts.

Diese kleine Spanne zwischen Gutfühlen und Blackout – oft nur wenige Tropfen – macht die Droge im Vergleich zu anderen Substanzen zu einem risikoreichen Sonderfall, bestätigt Felix Betzler. Er leitet an der Charité eine Forschungsgruppe zu Partydrogen. "Was GHB so gefährlich macht, ist die Gefahr der Überdosierung, das Abhängigkeitspotential und die Wechselwirkung mit Alkohol", sagt Betzler.

In vielen Clubs wird das Phänomen vernachlässigt

Im Gehirn dockt Gamma-Hydroxybuttersäure an dieselben Rezeptoren wie Alkohol an. Wird neben "G" auch Alkohol getrunken, treten Nebenwirkungen wie Krämpfe, Erbrechen, Bewusstlosigkeit noch schneller auf. Anders als bei anderen Partydrogen besteht bei GHB zudem die Gefahr einer sogenannten Atemdepression: Puls und Atmung fahren so weiter herunter, dass das Herz stehen bleibt.

Im August wird auf der Toilette des Berliner Suicide Club eine junge Irin leblos gefunden, sie stirbt im Krankenhaus an einer Überdosis "G". Jermaine arbeitet als Nachtmanager in diesem Club. "Für uns war das ein Schock, weil wir uns selber auch die Schuld gegeben haben: Hätten wir mehr machen können und so weiter. Uns hat das wachgerüttelt. Nicht nur bei uns, auch bei anderen Clubs und generell in der Kulturszene wurde das Phänomen GHB/GBL viel zu lange vernachlässigt."

Innerhalb von fünf Jahren hat sich der Konsum verfünffacht

Wenn es im Suicide Club in den vergangenen Monaten Notarzteinsätze gab, seien diese so gut wie immer auf "G" zurückgegangen, sagt Jermaine. GHB selbst ist per Betäubungsmittelgesetz verboten, das chemische Vorprodukt ist als GBL aber legal und für wenig Geld zu bekommen. Im Körper wird GBL zum Wirkstoff GHB umgewandelt. Wie verbreitet "G" in Berliner Clubs tatsächlich ist, lässt sich schwer sagen, aktuelle Zahlen gibt es nicht.

Lange war die Substanz eher als Nischendroge in der Szene von Chemsex-Partys und beim queeren Publikum verbreitet, mittlerweile berichten Veranstaltende wie Gäste und auch Drogenaufklärungsstellen von immer mehr Vorfällen in der Technoszene. Die Charité-Forschungsgruppe um Felix Betzler sah bereits vor zwei Jahren eine klare Tendenz, "wenn wir uns die Zahlen von 2015 bis 2019 anschauen, hat sich der Konsum von GHB in dem Zeitraum verfünffacht."

Die Clubs stellt das vor große Herausforderungen: Einerseits müssen sie einen sicheren
Raum für ihre Gäste schaffen, andererseits ist der komplett drogenfreie Technoclub eine Illusion. Rüdiger Schmolke vom Projekt "Sonar" bietet Aufklärungsarbeit zu Substanzgebrauch im Nachtleben an und setzt auf Safer Use statt Verboten. "Selbst in Hochsicherheitstrakten gibt es Substanzen und im Club kriegt man die auch nicht weg, das ist unrealistisch. Unser Gegenvorschlag ist eine klare Schadensminimierung. Wir wollen, dass auch die Clubgänger:innen lernen, dass sie Verantwortung übernehmen können."

Nulltoleranz-Politik sorgt eher für größere Probleme

Eine Nulltoleranz-Politik gegenüber GHB, wie sie der Suicide und viele andere Berliner Clubs bisher gefahren haben, sei mitunter sogar kontraproduktiv, so Schmolke, "wenn die Gäste wissen, sie kriegen lebenslang Hausverbot oder müssen den Club sofort verlassen, wenn rauskommt, dass sie 'G' genommen haben, dann verhindert das natürlich eine effektive Hilfe." Eine Erfahrung, die auch Nachtmanager Jermaine bestätigt: Je strenger der Konsum bei ihm im Club sanktioniert werde, desto häufiger würden Vorfälle vor dem Personal versteckt.

Seit dem Todesfall im eigenen Laden setzt der Suicide Club nun auf Gesprächsrunden und Infoveranstaltungen zum GHB-Konsum. Das Projekt "Sonar" bietet Infostände in Clubs an und schult das Personal in Erster Hilfe. Die Berliner Clubcommission als Interessenvertretung der Nachtgastronomie betreibt Aufklärung per Social Media und hat einen Runden Tisch zum Umgang mit der Droge angekündigt. Außerdem starten die Plattform The Clubmap und der Suicide Club mit Unterstützung diverser Akteure der Szene eine Plakatkampagne.

Dass eine bestimmte Substanz öffentlich so gezielt adressiert wird, ist ungewöhnlich und zeugt von den Problemen, die diese Droge zur Zeit im Nachtleben macht.

Besondere Belastung von Clubpersonal und Freunden

Clubmitarbeiter Jermaine appelliert an die Verantwortung des Einzelnen für eine sichere Party. Wer im Club "G" konsumiert und damit einen Absturz riskiert, handelt seiner Meinung nach egoistisch und zieht alle anderen mit rein. Im Ernstfall müssen Barleute und Türsteher helfen. Und das jedes Wochenende. Die Belegschaft vom Suicide Club steht mittlerweile emotional extrem unter Druck.

"Die Leute kommen rein und geben ihre Verantwortung an der Garderobe ab. An uns, das finde ich schon schlimm genug, weil wir völlig unbekannte Menschen sind. Aber was ich noch viel schlimmer finde, ist, dass man ja seinen kompletten Freundeskreis mit reinzieht. Die werden in eine Situation gebracht, in der sie nie sein wollen und haben im schlimmsten Fall das Leben des eigenen Freundes in der Hand. Wir wollen, dass die Leute Spaß haben, dass sie die Musik zelebrieren und da müssen wir auch wieder hinkommen."

Sendung: Inforadio, 21.11.2021, 10:40 Uhr

Beitrag von Sophia Wetzke

11 Kommentare

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  1. 11.

    Guter Vorschlag, Horst S., denn der ist nur komplett nackig umzusetzen :-) in DEN Club gehe ich dann auch - aber bitte nur Leute unter 40, ja? Makellos. Dann geht´s nämlich auch ohne Drogen ;-)

    Welche Drogen man so nimmt, ist letztlich egal. "Geh ma Bier holn!" beschreibt das Problem allumfassend. Manches muss man sich tatsächlich "schöntrinken". Das Leben, den Job, den Partner, den Club?

    Ob nun GHB/GBL, H, andere bunte Pillen oder sonstewas - irgendwas tuts immer und ist immer schädlich... das weiße Licht kommt näher, Stück für Stück... Ohne es in irgendeiner Weise gutheißen zu wollen, Drogen sind kein neues Problem der Wochenendgestaltung. Ebensowenig wie 9 Tage wach oder Berlin Calling. Früher waren es die Kinder vom Bahnhof Zoo. Als wenn das in Berlin was neues wäre...

  2. 10.

    Die Gefahr einer Überdosierung ist auch bei erfahrenen Konsumenten nie ganz auszuschließen, obwohl man schon erheblich fehldosieren muss um in Lebensgefahr zu geraten. Wie bei allen legalen und illegalen Drogen macht die Dosis das Gift, und dieses Zeug muss man in zehntel Milliliter dosieren. Gefährlicher finde ich noch die extrem schnelle Entwicklung einer physischen und psychischen Abhängigkeit. Ratz patz nimmt man es 24/7, und das ist kein Problem, denn es ist spottbillig. "G" ist unter vielen Namen bekannt. Einer, den man eher selten hört ist "Heroin Light". Der passt aber meiner Erfahrung nach richtig gut.

  3. 9.

    Mit Ihrem letzten Satz könnten Sie recht haben. Ihren Äußerungen davor sprechen jedenfalls dafür.

  4. 8.

    Vielen Dank für Ihren Hinweis. Es gibt zwei Kampagnen. Die Clubcommission macht das vor allem auf Social Media und hat den Round Table am 26.11. initiiert ("Theres No G in Clubculture/There's A G in Dialogue"), Suicide Club und The Clubmap haben die Plakatkampagne ins Leben gerufen unter "Clubculture Against GHB".

  5. 7.

    Ich kann es nicht fassen, glaube aber das sich einige Leute einer umfassenden Untersuchung ihres Geisteszustandes unterziehen sollten. Sie pumpen sich bis zu Abwinken mit diesem Dreckszeug zu und müssen dann ins Krankenhaus eingeliefert werden. Diesen Spaß sollten sie dann schon, damit es sich lohnt, aus eigener Tasche bezahlen. Es würde mich nun nicht wundern, wenn diese Typen nun auch noch zu den Impfgegnern gehören würden. Ich glaube immer mehr daran, dass unser Land allmählich verblödet.

  6. 6.

    @ Horst S., wie soll das gehen? Sie waren schon lange nicht mehr in Clubs und Bars, oder?

  7. 5.

    Drogen sollen doch den Spaß intensivieren, oder? Ob Kaffee, Alkohol, Zigaretten oder Illegales. Da muss aufgeklärt werden, damit die Leute das Risiko der verschiedenen Substanzen zum Spaß-Gewinn in Relation setzen können. Ein Weg der Einschränkung könne sein den Spass zu begrenzen: warum müssen Clubs 48 Std oder mehr am Stück offen sein. Niemand kann so lange Spaß haben ohne Drogen, jede und jeder muss Mal pennen. Ich kann mir nicht vorstellen dass das die Clubs oder den Ruf der Stadt als Party Zentrale ruiniert.

  8. 4.

    Den Beitrag bis zum Ende gelesen? Wenn das Problem ist, dass die Leute die Verantwortung über sich komplett an ihr Umfeld und das Tür-und Barpersonal abgeben, machen wir es ihnen doch noch einfacher und nehmen die Verantwortung mit einem Verbot ab. Und das umzusetzen klappt dann bestimmt genauso gut, wie die Sache mit dem MundNaseSchutz und der konsequenten Bedeckung von Mund und Nase gleichzeitig...
    Was ist mit unserer Gesellschaft los, dass niemand mehr verantwortlich handeln will? Die G-crowd in den Clubs hat ziemlich viele Parallelen mit den Ungeimpften.

  9. 3.

    Und Sie kontrollieren als Clubbesitzer ihre Gäste dann wie genau auf mitgeführte Drogen? Einmal komplett ausziehen bitte plus Griffe in die von außen zugänglichen Körperhöhlen? Chemische Drogen nehmen so wenig Platz ein, die finden Sie im Zweifel nie.

  10. 2.

    Die Plakatkampagne wurde nicht, wie in dem Artikel erwähnt von der Clubkommission initiiert, sondern von THE CLUBMAP, Zug der Liebe, dem Suicide Club, Kulturplakatierung und mir.
    Nachzulesen bei clubculture-against-ghb.org

  11. 1.

    Ein absolutes Drogenverbot in Clubs mit regelmäßiger Kontrolle und Entzug der Lizenz für das Betreiben des Clubs also einer Betreiberhaftung würde hier eine gute Lösung sein!

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