LGBTIQ* in der jüdischen Community - "Der religiöse Raum sollte ein Safe Space für alle Menschen sein"

So 28.11.21 | 10:38 Uhr | Von Liane Gruß
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Synagoge in Berlin (Quelle: dpa/Bildagentur-online/Joko)
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Video: rbb kultur | 26.11.2021 | Sylvia Wassermann | Bild: dpa/Bildagentur-online/Joko

Rosa Jellinek setzt sich in ihrer Freizeit für die Belange der queeren Community ein. Sie sitzt im Vorstand des Vereins Keshet Deutschland und will so die Vielfalt jüdischen Lebens sichtbarer machen - und eine Heimat für jüdische LGBTIQ* und Allies bieten.

 

rbb|24: Wenn Sie jemanden kennenlernen: Wie schnell wird Ihre Religion zum Thema?

Rosa Jellinek (Quelle: Liane Gruß )
Rosa Jellinek | Bild: Liane Gruß

Rosa Jellinek: Es kommt natürlich immer ein bisschen darauf an, wie man sich kennengelernt hat. Aber meistens sage ich nicht: "Hallo, ich bin Rosa. Ich bin jüdisch." Ich glaube, das hat viel mit einer Vorsicht zu tun, das nicht direkt allen Leuten preiszugeben. Ich gehe aber verhältnismäßig offen damit um. Allein durch meine Position bei Keshet spreche ich viel darüber, weil Keshet einen großen Teil meines Lebens ausmacht. Das heißt, ich komme relativ schnell auch darauf, dass ich jüdisch oder queer bin.

Menschen evangelischen oder katholischen Glaubens würden beim Kennenlernen wohl eher nicht gleich über ihren Glauben sprechen oder dass sie einer Glaubensrichtung angehören.

Das macht diesen großen Unterschied aus, wenn man als nicht-christliche Person in einer christlichen Mehrheitsgesellschaft lebt. Das ist wie bei heterosexuellen Menschen, die sich nicht outen müssen. Die müssen niemandem erzählen: "Oh, ich bin heterosexuell", und alle sind überrascht. Es wird irgendwie davon ausgegangen. Und es wird genauso davon ausgegangen, dass man Weihnachten feiert oder dass man nicht religiös ist, bis man etwas anderes erzählt.

Information

"Keshet" ist das hebräische Wort für Regenbogen. Der 2018 gegründete Verein "Keshet Deutschland" will nach eigenen Angaben queeren Juden eine Plattform bieten. [keshetdeutschland.de]

Sie identifizieren sich als queer und bisexuell. Sind LGBTIQ* im Judentum besonders stigmatisiert?

Das Judentum ist ja super vielfältig und wie bei den meisten anderen Religionen auch gibt es eben verschiedene Strömungen. Und im Judentum gibt es auch konservativere Strömungen, die Queerness ablehnen. Aber auch innerhalb von konservativeren oder orthodoxeren Strömungen kann man nicht alle über einen Kamm scheren. Und dann gibt es eben liberalere Reformströmungen, wo Queerness mehr okay ist oder "anerkannt". Das Judentum ist eine Auslegungsreligion. Die Dinge, die in der Thora stehen, wurden schon immer interpretiert und diskutiert.

Und es wird immer wieder neu ausgelegt, was darin steht. So ist es beispielsweise mit Bibelversen, in denen angeblich steht, ein Mann sollte nicht neben einem Mann liegen, wie er neben einer Frau liegt. Das wird oft als Verbot von Homosexualität ausgelegt. Es gibt aber auch viele rabbinische Stimmen, die sagen, dass Männer keinen penetrativen Sex miteinander haben sollen, sich aber lieben können. Es gibt einfach verschiedene Auslegungen von solchen Bibelstellen. Und demzufolge gibt es auch verschiedene Auslegungen der Gesetze, Gebote und Verbote.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Ich bin in einem sehr offenen, liberalen Reformumfeld aufgewachsen. Einer der ersten Sätze in meinem Leben, an den ich mich erinnere, war von meinen Eltern: "Liebe, wen du willst, Hauptsache du bist glücklich."

Ich habe in der Oranienburger Straße in der Synagoge meine Bar Mizwa gemacht. Und da ist eine Frau die Rabbinerin. Auch das war ein sehr offenes Umfeld. Das heißt, ich habe eigentlich immer gute Erfahrungen gemacht. Aber es gibt natürlich auch viele Menschen, die ich kenne, die damit sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben in ihren Synagogen oder die sich nicht trauen, dort geoutet hinzugehen oder mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin.

Was ist Ihr größtes Anliegen, dass Sie als Co-Vorständin von Keshet Deutschland nach außen tragen wollen?

Am wichtigsten ist mir, queere, jüdische Menschen sichtbar zu machen, zu zeigen, dass es uns gibt. Es darf keinen Unterschied machen, ob ich jetzt queer, hetero oder cis-weiblich bin. Der religiöse Raum sollte ein Safe Space für alle Menschen sein. Das heißt eben auch, dass sich queere Menschen sicher in diesem Raum bewegen können müssen, aber eben auch außerhalb der queeren Gemeinschaft und überhaupt in Deutschland.

Keshet Deutschland wurde 2018 gegründet. Wie viele Rückmeldungen hatten Sie nach der Gründung?

Das war total überraschend für uns alle. Nach unserer Gründung haben wir bald die erste Schabbatfeier für queere Menschen organisiert. Wir hatten erwartet, dass sich vielleicht 20 Leute anmelden würden. Und dann hatten wir am Ende fast hundert Anmeldungen und mussten überlegen, wie kriegen wir überhaupt alle in unseren Location rein? Uns ist relativ schnell klar geworden, dass es da eine große Lücke gibt.

Der rbb fragt in dieser Woche: Was ist an Deinem Leben jüdisch? Was ist an Ihrem Leben jüdisch?

Zum einen ist in meinem Leben jüdisch, dass ich mich bei Keshet engagiere und so verbunden mit diesem Verein fühle. Jüdisch ist auch mein Familienleben. Ich würde mich nicht als besonders religiös oder besonders gläubig bezeichnen, aber trotzdem bin ich mit dieser Religion und dieser Kultur aufgewachsen. Es ist eine Art Verbundenheit, die, wie ich mir vorstellen kann, zum Beispiel viele christliche Menschen nicht zu ihrer Religion haben, wenn sie "nur" an Weihnachten in die Kirche gehen.

Welche Traditionen spielen in Ihrem Leben eine Rolle? Wie sieht es mit Schabbat aus oder mit Jom Kippur?

Ich feiere manchmal freitags mit meiner Familie oder Freund*innen Schabbat. Ich feiere die Feiertage auch gern mit meinen jüdischen, aber auch mit meinen nichtjüdischen Freund*innen. Zum Beispiel mache ich jedes Jahr einen Chanukka-Abend. Auch Pessach habe ich dieses Jahr mit meinen Freund*innen gefeiert. An Jom Kippur habe ich dieses Jahr nicht gefastet, weil ich für alle gekocht habe, die vorher gefastet hatten und danach zu mir gekommen sind. Ich feiere viele Feiertage, aber eher in einem nicht so religiösen Rahmen. In die Synagoge gehe ich selten, weil das für mich weniger Bedeutung hat, als dieses Zusammenkommen und Geschichten erzählen in der jüdischen Gemeinschaft.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Liane Gruß

Beitrag von Liane Gruß

4 Kommentare

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  1. 3.

    Juden, Budhisten und Hinduisten haben ca. 1% Anteil an der Bevölkerung. Wieso wird über die anderen Religionen nichts berichtet..?

  2. 2.

    Liebe Rosa,
    vielen Dank für das Interview.
    Es hat mich sehr gefreut, von Dir zu lesen.
    Herzliche Grüße
    Eva Maria

  3. 1.

    Vielen Dank für diesen Artikel und auch die anderen Artikel, die ich hier bereits in den letzten Monaten lesen konnte. Es ist so wichtig, die verschiedenen Aspekte und Auslegungen jüdischen Lebens zu zeigen und es als Teil einer normalen Lebensweise innerhalb unserer Gesellschaft erkennbar zu machen. Mit den gleichen Thematiken und Herausforderungen, wie es sie auch in anderen Religionen und Kulturen gibt.

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