Umbau statt Umzug in Berlin - Wenn das Zusammenrücken in der Mietwohnung die beste Lösung ist

Sa 13.11.21 | 08:26 Uhr | Von Anke Fink
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Eine junge Frau hält eine Bohrmaschine in den Händen. (Quelle: dpa/Christin Klose)
Bild: dpa/Christin Klose

Ob Bankenkrise, Pandemie oder Mietpreisbremse – nichts kann dem Immobilienmarkt in Berlin etwas anhaben. Die Preise fürs Mieten oder Kaufen steigen weiter. Eine Strategie könnte sein, aus kleinen Mietwohnungen mehr rauszuholen. Von Anke Fink

Vier Zimmer zur Miete für eine Familie mit zwei Kindern – das wird in Berlin für immer mehr Familien unbezahlbar. Eine Strategie ist, aufs Land oder an den Stadtrand zu ziehen. Doch auch dort wird bezahlbarer Wohnraum knapp. Die andere Option ist, sich mit einer kleineren Wohnung abzufinden - Kinder ins Schlafzimmer, Eltern auf die Wohnzimmercouch. Früher war das ein Zeichen für eine sozioökonomische Benachteiligung – heute ist es oft eine Entscheidung für das soziale Umfeld und den angestammten Kiez.

Angst vor Investition in die Mietwohnung nehmen

Es muss aber nicht immer nur die Schlafcouch sein. Aus vielen – vor allem Altbauwohnungen – in Berlin lässt sich eine Menge Platz rausholen durch Umbauten. "Die Leute sehen oft nicht, was möglich wäre", sagt die Innenarchitektin Julia von Tresckow aus Berlin. Sie arbeitet seit mehr als zehn Jahren als Innenarchitektin, hilft mit Ideen und Handwerkern, um nicht nur schön, sondern auch praktischer zu wohnen. Wichtig sei ihr dabei, den Leuten die Angst zu nehmen, in eine Mietwohnung zu investieren, denn oft rechne sich das.

Die Innenarchitektin Julia von Tresckow (Bild: Vauteeinteroirs)
Die Innenarchitektin Julia von Treschkow. | Bild: Vauteeinteroirs

20 Prozent Steigerung in fünf Jahren

Die Mieten in Berlin steigen stetig weiter. Laut Statista lagen die Angebotsmieten im dritten Quartal dieses Jahres bei durchschnittlich etwa 10,50 Euro pro Quadratmeter und Monat [statista.com]. Das ist im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nur eine moderate Steigerung von 35 Cent, aber nimmt man das dritte Quartal des Jahres 2016 als Vergleichswert, stiegen die Mieten sogar um knapp 21 Prozent. In einer Umfrage der Wochenzeitung "Die Zeit" vom vergangenen Jahr gab jeder zweite der Befragten an, gern umziehen zu wollen, es jedoch nicht zu tun aus Angst vor den Kosten.

Die Küche ins Wohnzimmer verlegen

Also braucht es Lösungen für die bestehende Wohnung. Eine besonders platzschaffende Variante ist, die Küche ins Wohnzimmer zu verlegen und damit ein Zimmer mehr zu bekommen, in das vielleicht ein Kind einziehen kann. Das hat Innenarchitektin von Tresckow schon in mehreren Wohnung gemacht, wie sie sagt. Wohnküchen seien angesagt - und vor Bratenduft müsse man bei den heutigen Dunstabzugshauben auch keine Angst mehr haben.

Um den Wasseranschluss zu verlegen, brauche es dabei oft nur einen kleinen Durchbruch zu Küche oder Bad, erklärt von Tresckow. Und Starkstromkabel für Elektroherde ließen sich problemlos durch die Wohnung ziehen. "Allerdings sollte man den Vermieter schon fragen, wenn Wasser umgelegt werden muss, auch wenn es nur ein paar Löcher in der Wand sind", so die Innenarchitektin, die aber noch hinterherschickt, dass das alles ohne Probleme rückbaufähig sei. Die Wohnung also bei Auszug wieder im ursprünglichen Zustand zurückgegeben werden kann.

Eine Wohnküche im Berliner Baustil (Bild: Vauteeinteroirs)
In Berlin oftmals der Standard: Wohnzimmer und Küche in einem. | Bild: Vauteeinteroirs

Möbel auch mal in den Raum stellen

Es gibt aber auch andere Varianten, um Platz zu schaffen, etwa durch Trockenbauwände, die gerade aus großen Berliner Zimmern mehr Aufenthaltsraum herausholen können. Das darf man in einer Mietwohnung auch, ohne sich die Zustimmung zu holen. Manchmal reicht es aber auch schon, die Möbel in einer Wohnung anders zu stellen. "Das Phänomen ist, dass die Menschen immer ihre Möbel an alle Wände verteilen", sagt die Innenarchitektin. Man könne Möbel aber auch durchaus mal in den Raum stellen oder Regale als Raumteiler nutzen. So sei es ihr einmal gelungen, aus einem zehn Quadratmeter großen Erzieherbüro in einer Kita einen Besprechungsraum mit Stauplatz in Regalen und zwei Arbeitsplätzen zu schaffen.

Innenarchitektin: Kosten sind nach ein bis zwei Jahren wieder drin

Gerade sei ein Platz für Home-Office ein Riesenthema, erzählt von Tresckow. Da helfe es oft schon, etwas an der Optik zu verändern, so dass man mehr optisch als physisch einen abgetrennten Bereich schafft. Doch auch wenn es ans Ziehen neuer Wände geht, sei der Preis dafür verglichen mit einem Umzug, neuer Miete und Kaution immer noch relativ gering, so die Einschätzung der Innenarchitektin.

Obwohl es natürlich immer eine individuelle Angelegenheit sei, was jemand in seiner Wohnung umbauen oder einbauen will, rechne sich das oft innerhalb von einem Jahr oder zwei Jahren. "Von Bauen und Kaufen gar nicht zu sprechen." Das Rausziehen bei den explodierenden Preisen im Speckgürtel plus der Pendelei zum Arbeiten in Berlin sei meistens teurer. "In der Stadt bleiben ist günstiger und auch nachhaltiger."

Berlin hat ein Problem bei der Verteilung von Wohnraum

Aus Sicht von Wohnraumexperten ist die Nachhaltigkeit beim Thema Umbau aber nur die halbe Wahrheit. "Ich will das gar nicht gegeneinander ausspielen", sagt der Wohnungsexperte Arnt von Bodelschwingh vom Forschungsinstitut Regio Kontext, das sich mit dem Thema Wohnen aus unterschiedlichen Perspektiven befasst. Aber das Umbauen und Anpassen von Wohnungen werde von vielen zurecht als Notlösung verstanden. In Maßen könne man damit zwar Nachteile ausgleichen, die unter Nachhaltigkeitsaspekten besser seien als rauszuziehen.

Das andere Problem sei aber, dass Berlin - selbst bei leicht unterdurchschnittlicher Wohnfläche von unter 38 Quadratmetern pro Kopf - eigentlich ausreichend Wohnraum hätte, so von Bodelschwingh. Wenn man diese Zahl auf einen Fünf-Personen-Haushalt hochrechne, wäre man fast bei 200 Quadratmetern, was in den seltensten Fällen so ist. Dies zeige sehr deutlich, dass es ein Verteilungs- oder Gerechtigkeitsproblem gebe. Berlin habe genug Fläche. Ins Umland zu ziehen, sei eigentlich nur ein Reflex auf eine Knappheit, die es rechnerisch gar nicht gebe, so von Bodelschwingh.

Von einer Wohnküche aus blickt man in ein Schlafzimmer einer Berliner Wohnung (Bild: Vauteeinteroirs)In Berlin oftmals der Standard: Wohnzimmer und Küche in einem.

Bessere Luft versus soziales Umfeld

In Berlin will die Hälfte der Befragten einer aktuellen Umfrage des rbb-Verbrauchermagazins Super.Markt die Wohnung wechseln. Vier von zehn wollen demnach sogar nach Brandenburg ziehen. Der Hauptgrund für die Stadtflucht ist demnach der enge Mietmarkt. Fast 60 Prozent wollen die Stadt wegen der Mietpreise gleich ganz verlassen, vor allem Frauen und Paare mit Kindern.

Nachhaltigkeit ist eine Frage der Selbstbeschränkung

Wer in den Speckgürtel ziehe, um neu zu bauen, handele nicht sonderlich nachhaltig, weil Flächen versiegelt werden müssen. Wer jedoch in den dortigen Altbestand ziehe und nur noch mit der Bahn reinpendele, "lebt vermutlich umweltbewusster, als wenn man in der City wohnt und jeden Weg mit dem Auto macht", so der Wohnungsexperte von Boldelschwingh.

Auf der anderen Seite könne Selbstbeschränkung ein wirksamer Beitrag zur Nachhaltigkeit sein und zugleich regelrecht kultiviert werden, wie etwa beim Minimalismus, sagt von Boldelschwingh. Die Vereinfachung des Lebens habe riesiges Potenzial, auch wohnungspolitisch betrachtet. Andere Länder gingen da schon weiter. In der Schweiz etwa gibt es laut dem Wohnungsexperten vielfach keine Waschmaschinen in Mietwohnungen. Dies sei oft nicht mal erlaubt. Man teile sich dort einen Raum im Keller dafür. Damit gewinne man Spielraum auf der Fläche. "Die Frage, welche Nutzung brauche ich eigentlich zwingend innerhalb der Wohnung, ist spannend."

Entscheidung für den Kiez

Bessere Luft und die Ruhe in Brandenburg sind natürlich ein Standortvorteil im Gegensatz zur Stadt. Die Innenarchitektin von Tresckow habe es jedoch in den vergangenen Jahren häufiger erlebt, dass viele unbedingt in Berlin bleiben wollen. Es gehe auch darum, das soziale Umfeld zu behalten. Meistens seien bei ihrer Kundschaft auch Kinder involviert, die an Schulen gehen und in ihrem Kiez bleiben wollen. Nach ihrer Erfahrung hat sich das Leben in Berlin vor allem in den Bezirken innerhalb des S-Bahn-Rings so verändert, dass man in der Stadt bleibt und eine Datsche auf dem Land hat. Für den Garten im Umland bleibe damit sogar noch etwas Geld übrig.

Beitrag von Anke Fink

50 Kommentare

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  1. 50.

    "...alleine in einer 120qm Wohnung und kann mir bei Leibe nicht vorstellen, in eine viel kleinere Wohnung zu ziehen."

    Von mir einen Vorschlag. Nicht Wohnung, sondern eine noch größere Bleibe. Nennt sich Schule. Könnte beileibe nicht schaden.

  2. 49.

    Im Gegensatz zu ihnen kann ich meine Aussage belegen. "Auf Grundlage von Daten, die Airbnb offen zugänglich macht, werden in Berlin derzeit an einem Tag rund 11 700 Wohneinheiten zur Miete angeboten. Werden nur komplette Wohnungen und keine Zimmer gezählt, so kommt man immerhin auf 7 714 Angebote. "

    Da sind also nicht einmal die illegalen Vermietungen in wahrscheinlich der gleichen Größenordnung mit drin.

    Auch der angebliche niedrige Leerstand stellt sich auf zweiten Blicke als Fake heraus.

    https://www.rbb24.de/wirtschaft/beitrag/2021/03/leerstand-berlin-wohnungen-zweckentfremdung-mitte-von-dassel-mietenwahnsinn-nord.html

    "Auch Reiner Wild vom Berliner Mieterverein sagt auf taz-Anfrage, dass Leerstand ein wachsendes Problem ist. „Nach unserer Beobachtung nimmt der spekulative Leerstand seit gut einem Jahr massiv zu“, bestätigt er. "

    https://taz.de/Spekulativer-Leerstand-in-Berlin/!5749397/

  3. 48.

    Tagelöhner, permanente Weltuntergangsstimmung und Finanzkrise haben wir schon. Fehlen jetzt nur noch die (hier schon) beginnende Wohnungs- und Bettenteilung im Schichtbetrieb und die schattige Hinterhof-Kasernen-Bebauung mit ihren unmöglichen hygienischen und sozialen Zuständen … Willkommen im Berlin der 1920er … Mit seinen schlimmen Folgen !!!

  4. 47.

    Das bestimmen jetzt Sie, wer "in dieser Stadt nichts verloren hat", oder wie? Unglaublich, aber typisch für Berlin. Schuld sind immer die Anderen und der Staat möge bitteschön dafür sorgen, dass sich nichts verändert. Anpassung ist des Berliners Sache nicht. Die Ansprüche steigen dagegen beständig, nur bezahlen sollen das vorrangig Andere.

  5. 46.

    "Und das eine siebzig Jährige nicht mehr umziehen will, ist doch logisch!"

    Logisch wäre es, wenn diese Person bereits in einer altersgerechter Wohnung wohnt, also nicht Treppensteigen oder in die Badewanne steigen muss. Die meisten Menschen die es müssen, bekommen damit solche Probleme, dass sie dann doch zum Umzug greifen.
    Übrigens, das Renteneintrittsalter ist auf 67 Jahre angehoben worden, und die meisten Menschen sind heute mit 70 noch relativ mobil und unternehmungslustig.

  6. 45.

    Ähm..., danke für die Tips zur Anpassung aber viele dieser Umbaumaßnahmen sind in Mietwohnungen gar nicht möglich!
    Weil der Vermieter nicht mitspielt, in Neubauten der Platz schon ziemlich optimiert ist, wer weiss denn heutzutage schon wie lange die Wohnung bewohnt wird. Arbeitsplatz, Mietpreis, Familienplanung sind doch hier teils völlig unkalkulierbare Faktoren. Und das Argument mit der Ökologie ist ja wohl abstrus, bei Neubauten vlt noch nachvollziehbar. Warum sollte ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich eine unsanierte 60m² Wohnung für 350€ warm finde, die seit über einen halben Jahr leer steht, weil sie ganz oben liegt, in einer Gegend die nicht so trendy ist. Dann wird eben nur in einem Zimmer geheizt und Arbeits- und Schlafzimmer bleiben kühl. Grosse Wohnung bedeutet doch nicht gleich unökologisches Verhalten! Und das eine siebzig Jährige nicht mehr umziehen will, ist doch logisch! Mit der Anpassung an den Markt, kann auch übertrieben werden.

  7. 44.

    Wer will schon nach Berlin ziehen? Ich fühle mich in meinem ,,Kuhkaff" sehr wohl. Und wenn ich mal nach Berlin möchte gibt's den RE 1 und die S - Bahn.

  8. 43.

    Ja, man sollte gerade auch ölteren Menschen die Möglichkeit Zimmer in ihrer oft zu groß gewordenen Wohnung z.B. an wohnungssuchende Studierende unterzuvermieten. Stattdessen leben sie häufig allein in zu großen Wohnungen, weil kleinere teurer wären. Bei Deutsche Wohnen, Vonovia wöre auch Wohnungstausch innerhalb des eigenen Bestands eine gute Option.

  9. 41.

    Wenn ich die Kommentare lese, dann wundert es mich schon wieder nicht, dass die Berliner am unglicklchsten sind.

    Ich habe schon in 4 anderen Bundesländern und auch im Ausland gewohnt, aber so viel Unflexibilität, Unzufriedenheit und agressive Schuldzuweisungen sind mir noch nirgeds begegnet.

  10. 39.

    Nö, es sind vor allem Zugezogene, die hier in dieser Stadt nix verloren haben und die Mieten in die Höhe treiben.

  11. 38.

    Die beste Lösung? Also Kinder noch mit Ü30 bei den Eltern? Eigene Familiengründung verschieben? Was für ein Hohn. Zusammenrücken? Kinder wollen auch mal eigene Wohnungen.

  12. 37.

    …. so viel Leerstand gibt es nicht mehr. Das ist Quatsch und wird immer nur behauptet. Es gibt einfach Wohnungsmangel.

  13. 36.

    Das ist, wie Symptome bekämpfen und nicht die Krankheit angehen. Es fehlen Wohnungen. Als Lösung dann zu sagen, man kann ja den vorhandenen Platz effektiver nutzen ist Verarsche. Erinnert an „esst Kuchen, wenn Brot fehlt“

  14. 35.

    Da werden viele Mieter nicht mitspielen, geht ans eigene Geld und lässt den Feind (Vermieter) außen vor.

    Deutschland ist groß, Deutschland ist bunt, Deutschland verfügt über Wohnraum.

    Und...Berlin braucht nicht jeden einzelnen, kommt vorholen Ross runter.

    Wir sind ersetzbar, erkennt es an.

  15. 34.

    Meine 38qm 1 Zimmerwohnung mit Küche, Bad und Balkon reicht mir völlig aus. Ich habe alles, was ich brauche. Was soll ich mit einer Wohnung, in der ich mich ob ihrer Größe verlaufe?

  16. 33.

    Der Adel erklärt den Arbeitssklaven, dass sie weiter hohe Mieten zu zahlen haben und doch einfach zusammenrücken mögen. Die Arroganz der Reichen und des RBBs ist eine bodenlose Frechheit.

  17. 32.

    Versteckt sich in dem Artikel eine politische Botschaft der „Umverteiler*innen“ zu Lasten der Schaffenden und älteren Verdienten, von Leuten die noch etwas schaffen müssen? Wenn eine Innenarchitektin mit berechtigtem geschäftlichen Interesse dieses mit einer zweifelhaften moralische soziale Frage aufwirft, dann ist allergrößte Vorsicht geboten. Denn niemand kann letztendlich die Zuweisung nach m2 wirklich wollen. Denn offensichtlich haben wir vielmehr ein Leistungsproblem, wenn Leistung als unsozial und Umverteilung als sozial angesehen wird.

  18. 31.

    Arbeitsplatz in Berlin und trozdem 1 3/4 std pro einfacher Strecke mit der öffentlichen und 2 mit dem Auto wenn der Anschlussbus auf dem Samstag nicht fährt gehen auch. Das Leben muss finanziert werden, Berliner Arbeitgeber sind immer noch nicht die besten Zahler, dafür aber die aus anderen Bundesländern die sich hier angesiedelt han und ein soziales Gewissen haben. Gab es bei den Berlinern auch einmal.

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