Prozessbeginn Landgericht Berlin - 18-jährige Abiturientin in U-Bahn vergewaltigt

Di 23.11.21 | 20:29 Uhr
Symbolbild: Eine Person geht auf dem ansonsten menschenleeren Bahnsteig des U-Bahnhofs Zoologischer Garten. (Quelle: dpa/C. Soeder)
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Audio: Inforadio | 23.11.2021 | Ulf Morling | Bild: dpa/C. Soeder

Im Sommer wird eine junge Abiturientin auf dem Heimweg in der Berliner U-Bahn vergewaltigt, trotz eines dritten Fahrgastes im Abteil. Am ersten Prozesstag räumte der Angeklagte die Tat ein - er habe sie aber nicht bewusst begangen.Von Ulf Morling

Vor dem Berliner Landgericht muss sich seit Dienstag ein 24-Jähriger wegen Vergewaltigung einer Schülerin verantworten. Der 24-jährige Angeklagte soll in den Morgenstunden des 22. Juni die Abiturientin bereits am Bahnhof Zoologischer Garten beobachtet und sie auf den Bahnsteig der U9 Richtung Osloer Straße verfolgt haben. Er soll gemeinsam mit der 18-Jährigen in die U-Bahn gestiegen sein und sich neben sie gesetzt haben. Als sie sich umsetzen wollte, ergriff er die junge Frau und vergewaltigte sie auf der Fahrt zur nächsten Station "Hansaplatz", wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor.

Rückfahrt von Abifeier endet mit Vergewaltigung

Am Tag vor dem Verbrechen an Sarah P.* (*Name von der Redaktion geändert) hatten sie und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler das Abitur bestanden und bis kurz vor der Tat im Volkspark Wilmersdorf gefeiert. Freunde brachten Sarah P. um kurz vor 4.00 Uhr morgens zum Nachtbus um sie dort zu verabschieden. Am Bahnhof Zoologischer Garten hatte sie den Bus verlassen und war vom Angeklagten um eine Zigarette gebeten worden. Sie hatte dem Angeklagten eine ihrer Selbstgedrehten geschenkt. Vom Bahnsteig der U9 war Sarah P. in den Zug Richtung Osloer Straße eingestiegen. Nicholas W. hatte sich ohne Mund-Nase-Maske direkt neben sie gesetzt.

Als er sich weigerte, weiter von ihr wegzurutschen und sie selbst den Sitzplatz wechseln wollte, wurde die Abiturientin von dem Angeklagten nicht durchgelassen und auf die gegenüberliegende Sitzbank gestoßen. Er vergewaltigte sie. Ein Mann, der mit Kopfhörern hinten im Waggon saß, reagierte nicht auf ihre Schreie und das Brüllen. Die 18-Jährige schaffte es, mit ihrem Handy einen Freund anzurufen, der auch an ihrer Abifeier teilgenommen hatte und sie kurz zuvor mit zum Bus am Volkspark Wilmersdorf begleitet hatte. Sie flehte um Hilfe und panisch war ihr Mitschüler in Richtung Bahnhof Zoo geeilt. Inzwischen war die U9 am nächsten U-Bahnhof Hansaplatz angelangt.

Der Zugführer hatte offenbar ebenfalls die Hilfeschreie der 18-Jährigen gehört und war aus der Fahrerkabine gestürmt. Er griff ein und Nicholas W. hatte die Flucht ergriffen. Auf dem U-Bahnhof Hansaplatz hatte er sich auf einer Bank niedergelassen und ausgeruht.

18-Jährige unter Schock

Sarah P. war nach dem Verbrechen nach Hause gefahren. Nachdem sie sich ins Bett gelegt hatte und nicht einschlafen konnte, habe sie ihre Kleidung gewechselt und sei Spazieren gegangen. Selbst als sie am selben Morgen auf Arbeit ging, habe sie ihrer Mutter nichts von der Tat berichtet. Erst als eine Kollegin sie fragte, was mit ihr heute nicht stimme, sei sie zusammengebrochen, habe geweint und ihr berichtet, was geschehen sei. Dem Rat der Kollegin folgend sei sie nach Hause gefahren und habe mit ihrer Mutter die Polizei aufgesucht, eine ärztliche Untersuchung sei außerdem durchgeführt worden.

Fünf Tage später wurde Nicholas W. festgenommen, weil Sarah P. den Angeklagten auf den von der Polizei vorgelegten Fotos identifizierte. Auf dem Film der Überwachungskamera von der Bank am U-Bahnhof Hansaplatz erkannte ein Bundespolizist den Angeklagten ebenfalls wieder. Der 24-Jährige war bereits auf mehreren Bahnhöfen der Bundespolizei mit Straftaten aufgefallen. Vier Monate vor der Vergewaltigung war er aus der stationären Psychiatrie entlassen worden.

"Es tut mir leid"

Zu Beginn des Prozesses hatte W. zögernd ein Geständnis abgelegt. Es könne sein, dass er die junge Frau heruntergedrückt habe auf die Sitzbank in der U-Bahn. "Mehr ist nicht passiert. Ich war besoffen", sagte er. Anderthalb Liter Wodka habe er getrunken, vielleicht auch einen Joint geraucht. Nach Beratung mit seinem Verteidiger räumte er schließlich die Vergewaltigung auf der U-Bahnfahrt ein: "Ich entschuldige mich. Es tut mir leid!"

Die inzwischen 19-jährige Sarah P. muss im Prozess ebenfalls aussagen, trotz möglicher Retraumatisierung durch das erneute Durchleben der Tat. Doch eine gerichtsfeste Videoaussage, die benutzt werden könnte, um das Opfer zu schonen, ist nicht vorhanden.

Seit der Tat vor vier Monaten ist die junge Frau in traumatherapeutischer Behandlung. Dass sie als Nebenklägerin an dem Prozess teilnehme, sei gut für sie, sagt ihr Anwalt, Patrick Pox. Sie leide zwar grundsätzlich immer noch unter der sehr einschneidenden Tat, doch der erste Prozesstag sei für sie ein kleiner Abschluss der Tat gewesen: der Angeklagte habe seine Tat eingestanden und sich sogar entschuldigt – wenn das vielleicht auch strategische Gründe gehabt habe. "Das hatte schon eine Bedeutung für sie", sagt Pox. Die Teilnahme als Nebenklägerin im Prozess gegen den Vergewaltiger sei für die 19-Jährige Teil der Aufarbeitung des Geschehenen.

Freund schildert Gewissensbisse

Der Freund der jungen Frau, den sie während ihrer Vergewaltigung noch auf dem Handy am Ende der Abifeier erreichte, zeigte sich als Zeuge im Gerichtssaal betroffen und traurig: Wenn er seine Mitschülerin nicht hätte allein nach Hause fahren lassen, wäre diese Vergewaltigung nicht geschehen, sagte der 19-jährige Student. Er lasse sie niemals mehr allein nach Hause gehen, wenn Sarah P. ihn besuche. "Allein als Frau ist es in Berlin nicht ungefährlich", sagte er.

Drei weitere Prozesstage sind für das Verfahren gegen Nicholas W. geplant. Am 9. Dezember soll das Urteil fallen.

*Name geändert

Sendung: Inforadio, 23.11.2021, 18:03 Uhr

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