Prozess um Gewalttaten - Pflegekräfte berichten von schlimmen Zuständen im Oberlinhaus

Di 16.11.21 | 17:40 Uhr
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Archivbild: Fahrzeuge der Kriminalpolizei vor einem Gebäude des Oberlinhaus Potsdam. (Quelle: dpa/M. Sohn)
Audio: Inforadio | 16.11.2021 | Lisa Steger | Bild: dpa/M. Sohn

Im Prozess um die Tötung von vier Schwerstbehinderten haben weitere Mitarbeiter des Potsdamer Oberlinhauses zu den Arbeitsbedingungen ausgesagt. Demnach hatte sich die Situation vor der Tat deutlich verschlechtert.

Im Prozess wegen der Tötung von vier Schwerstbehinderten im Potsdamer Oberlinhaus haben am Dienstag mehrere Zeugen von schlechten Arbeitsbedingungen in dem diakonischen Pflegeheim berichtet. Ein Altenpfleger warf der Hausleitung "strukturelle Gewalt" vor. Wer den Mund aufgemacht habe, sei versetzt worden. Beschwerden seien mit dem Hinweis quittiert worden, andere Bewerber stünden Schlange.

Die Gewalttat im Potsdamer Oberlinhaus Ende April hatte deutschlandweit Entsetzen ausgelöst. Mit einem Messer soll die Angeklagte in der diakonischen Einrichtung vier schwerstbehinderte Menschen getötet und eine weitere Frau schwer verletzt haben.

Verschlechterung der Arbeitsbedingungen

Andere Kollegen der Angeklagten berichteten vor Gericht, der Personalschlüssel habe sich in den Monaten vor der Tat drastisch verschlechtert. Statt mindestens drei Mitarbeiter pro Schicht seien von November 2020 an häufig nur zwei im Einsatz gewesen. Überdies sei es normal gewesen, bis zu sieben Tage ohne Unterbrechung zu arbeiten.

Trotz Überlastungsanzeigen der Mitarbeiter sei mit der Begründung, es seien nicht ausreichend finanzielle Mittel dafür da, keine Leasing-Kräfte hinzugezogen worden. Die Angeklagte habe mehrfach darauf hingewiesen, dass sie nicht mehr könne, zuletzt zwei Wochen vor der Tat.

Was wusste die Hausleitung?

Eine ehemalige Pflegedienstleiterin sagte, die Hausleitung habe von psychischen Problemen der Angeklagten gewusst. Sie widersprach damit Aussagen Verantwortlicher der Einrichtung. Diese hatten am ersten Prozesstag angegeben, keine Kenntnis davon gehabt zu haben, dass die Angeklagte sich 2018 mehrere Wochen in einer Klinik für psychosomatische Erkrankungen behandeln ließ.

Ein Pfleger sagte aus, er habe die Angeklagte kurz vor der Tat im Dienst in sehr schlechter Verfassung gesehen: "Sie meinte, sie kann nicht mehr, selbst nach dem Urlaub."

Die 52-Jährige muss sich wegen Mordes und weiterer Straftaten verantworten. Die Staatsanwaltschaft geht von einer erheblich verminderten Schuldfähigkeit aus. Für Donnerstag ist der Ehemann der Angeklagten als Zeuge geladen.

Sendung: Brandenburg Aktuell, 16.11.2021, 19:30 Uhr

16 Kommentare

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  1. 16.

    Jetzt lassen sie mal die Luft ab. Es stimmt doch. Alte werden ins Heim ABGESCHOBEN. Eine Betreuung wäre mit einer Tagespflege auch möglich, wenn die Alten in Ihrer Wohnung bleiben. Schauen sie mal nach Österreich oder Bayern. Aber Berlin ist sowieso egoistisch. Nur Demos, fordern, Krawall machen und Dreck erzeugen. Die Stadt ist eine Mülldeponie.
    Das was gegenwärtig hier mit den Alten üblich ist gab es noch NIE in Deutschland. Nicht mal in der Ostzone. Heut zu Tage stören die Alten und Pflegebedürftigen, vor allem hier in Berlin. Es geht nur noch um den Job, Kohle machen, dickes Auto fahren und jedes Jahr eine Kreuzfahrt oder zweimal nach Malle. Dabei stören die Alten. Man hat ja bei der Beisetzung und Testatmentseröffnung wieder "Kontakt". Das muss reichen.

  2. 15.

    Was schreiben Sie da für unverschämte Anschuldigungen gegen Menschen, die ihre Liebsten ins Heim bringen müssen!
    Das macht Niemand leichten Herzens Haben Sie eine Vorstellung davon, wie es ist, einen schwer Demenzkranken zu Hause zu betreuen?? Vorallem , wenn vielleicht noch Kinder da sind? Und in welchen Räumlichkeiten sollte sowas denn stattfinden, wenn Familien mit 2 Kindern in 3 Zimmerwohnungen leben. Wo denn dann hin mit Oma??
    Bei den hohen Pflegeheimkostrn muss ich mich drauf verlassen können, das Pflege auch stattfindet. Und das Erbe, das Sie unwissend ansprechen, das geht i d R für den Eigenanteil drauf.

  3. 14.

    Ich stimme Ihnen zu: Die Überführung in privatwirtschaftlich-kommerzielle Organisationsformen wurde seinerzeit mit höherer Kreativität begründet und auch - sogar ganz offen - mit Kosteneinsparung. Natürlich konnte alles, was in Staats- oder Gemeinwirtschaftsregie lief, nur falsch sein und unproduktiv.

    Seither wird jede Kostenstelle im Sinne einer Deckungsbeitragsrechnung (englisch: profit center) geführt, im Verein mit den Krankenkassen nahezu jeder Handschlag mit Zeit und letztlich auch mit Geld bewertet. Jede außergewöhnliche Situation führt zu einem Loch in der Zeit- und Kostenplanung und kann faktisch nicht mehr aufgefangen werden.

    So ist der vorgegebene Zeit- und Kostenrahmen. Nur wenige Häuser können sich dem teilw. entziehen.

  4. 13.

    Meine ehemalige Ehefrau war fast 30 Jahre bei verschiedenen kirchlichen Arbeitgebern in der Pflege bis hin als Wohnbereichsleiterin mit PDL Abschluss tätig. Die Krankenhäuser und Altenpflegeheime auch die kirchlichen, werden generell wie Wirtschaftsunternehmen geführt, das sollte jedem klar sein. Jede Handlung und Tätigkeit in der Einrichtung hat eine vorher festgesetzte Qualifikation, eine Vorgabezeit nach Krankheit oder den Pflegestufen und je nach Zusammensetzung in den Bereichen, ergibt sich daraus der Personalschlüssel. Mit der Novellierung der Pflege, Outsourcing (z. B. Medikamente stellen) und der digitalen Akte fielen viele Arbeitsplätze weg. Auch werden von den Pflegehelfern häufig Teildienste (z. B. 8.00 Uhr bis 11.00 Uhr und nochmals von 14.00 Uhr bis 18.00 Uhr) durch die Leitung geplant und vom Personal abgeleistet. In den Pflegeheimen landen auch immer mehr Bewohner mit den Pflegestufen 3 bis 5. Die einfacheren Fälle werden meist von den Angehörigen oder den lokalen Pfegediensten gepflegt. Auch wurde von ihr bis an 5 Sonntagen hintereinander gearbeitet. Durch all diese Tatsachen und der nicht wertgerechten Bezahlung ist die Arbeit in der Pflege unattraktiv und es finden sich kaum Mitarbeiter für die Pflegeheime oder die vorhandenen wechseln in die ambulanten Dienste oder werden berufsunfähig. Auch die Privatsphäre leidet gewaltig. Letztlich, aufgrund der permanenten Überbelastung erkrankte meine Exfrau an einer sehr schweren Depression mit dem kompletten Programm und allen Folgen und Auswirkungen, sowohl beruflich als auch privat +¬{...

  5. 12.

    Sehr geehrter „Wossi“,
    das ist ein guter Vorschlag. Bin auch gespannt was da noch alles aufgedeckt wird.
    Mit freundl. Grüßen

  6. 11.

    Ja, leider wird in Deutschland den kirchlichen Einrichtungen so ziemlich alles erlaubt, was die gerade so treiben wollen.
    Da ist es egal, ob evangelisch oder katholisch.
    Und leider agieren die Verantwortlichen auch wie ein Privat- Betrieb, der auf möglichst hohe Gewinne ausgerichtet ist. Und leider ist die staatliche Kontrolle nicht vorhanden, sieht weg, und erst wenn was passiert ist, kommt der große Aufschrei.
    Danach geht alles so weiter, wie immer !

  7. 10.

    Gut das bei diesem Verfahren nun auch einmal die Verantwortlichen wie Heimleitung und Geschäftsführer aussagen müssen.
    Ich selbst habe von 1990 bis 2008 im Bereich der stationären Altenpflege gearbeitet. Seit Einführung der Pflegeversicherung und der Privatisierung der sozialen Träger ist nichts besser geworden!
    Die Pflegekräfte arbeiten unter hoher Belastung und Verantwortung am und mit dem Menschen! Erhalten aber keine Supervision welche Möglichkeit bietet das eigene Handeln zu reflektieren. Dieser tragische Fall der Pflegerin und ihres Amoklaufes ist ein Beispiel für dieses Hilflosigkeit. Es werden nur Erklärungen und leere Versprechungen abgegeben. Besser ist nicht geworden in der Pflege und Klatschen ist ein Hohn.

  8. 9.

    Ein Beispiel, weshalb man die Pflegearbeit nicht selbst übernehmen kann: wenn man selber schwerbehindert ist, bzw. so krank, dass es schlicht nicht geht.
    Es gibt ganz gewiss auch noch viele andere Gründe.

  9. 8.

    In diakonischen Einrichtungen zählen auch nur noch die wirtschaftlichen Zahlen. Das geht häufig zu Lasten der betreuten Menschen und der Mitarbeiter.
    Wenn ich mir den Internetauftritt der Diakonie anschaue, ist das ein reines Theaterspiel. Die Wirklichkeit schaut leider anders aus.
    Die halten auch nicht ohne Grund an ihren veralteten Arbeitsrecht fest.
    Hier muss viel mehr nachgebohrt und recherchiert werden, und zwar in allen Einrichtungen.

  10. 7.

    "Wer Angehörige im Heim hat, sollte jeden Tag zu unterschiedlichen Zeiten kontrollieren gehen"

    Es ergibt sich daraus eine völlig andere Frage. Warum werden zunehmend mehr Alte in Heime abgeschoben? In meiner Kindheit/Jugend war das völlig untypisch. Da hat man sich um die Eltern oder Großeltern zu Hause gekümmert.
    Insofern braucht man auch nicht zu kontrollieren. Was will man den kontrollieren im Zusammenhang mit Menschen, von denen man sich, bis auf die Testamentseröffnung, schon losgesagt hat?

  11. 6.

    Ich hoffe mal dass ggf. Auch die Staatsanwaltschaft hinsichtlich Verstoß gegen das Arbeitszeitgesetz ermittelt. Es gibt Arbeitszeitgrenzen, jährliche maximaler Arbeitsstunden usw... Es ist ein offenes Geheimnis dass in Kliniken und Pflegeeinrichtungen permanent gegen geltendes Arbeitszeitrecht verstoßen wird, weil sonst der Betrieb nicht aufrecht erhalten werden könnte, neues Personal gibts nicht, weil es will auch bezahlt werden...

  12. 5.

    Ja, kann man auch so sehen. Erschreckend finde ich dass es ein Haus der Diakonie ist, das Unternehmen wo schon so viele Bewohner in anderen Heimen an Corona gestorben sind. Sämtliche Diakonischen-Einrichtungen sollten sofort kontrolliert werden. Personalschlüssel, Zustand der Bewohner und und und

  13. 4.

    Die Tat ist durch nichts zu rechtfertigen.
    Wenigstens aber werden so die ganzen Missstände an die Oberfläche und so in die Öffentlichkeit gespült.
    Und dieses Heim ist auch nur die Spitze auf dem Eisberg.
    Wer Angehörige im Heim hat, sollte jeden Tag zu unterschiedlichen Zeiten kontrollieren gehen. Das hilft schon ein bisschen.

  14. 3.

    Vielleicht kann man bei der Berichterstattung etwas deutlicher klar machen, welche Einrichtung gemeint ist. Zur diakonischen Einrichtungen des Oberlinhauses zählen verschiedenste Bereiche, u.a. auch die Klinik für orthopädische Behandlung und eine Behinderteneinrichtung in Michendorf. Ich wurde in der Klinik vor Jahren operiert und habe eigentlich gute Erfahrungen gemacht, von einer leitenden Stationsschwester abgesehen. Ein Hilfeersuchen an den Pfarrer hat dann für Besserung gesorgt.

  15. 2.

    Schlechte Arbeitsbedingungen sind gern ein Grund zum kündigen, aber kein Grund, um 4 Menschen zu töten. Wie immer bei solchen Fällen-vergesst die Opfer nicht.

  16. 1.

    Zu den Arbeitsbedingungen kann der rbb24 noch viel viel mehr recherchieren und das Gericht zusätzlich unterstützen. Das war bestimmt nicht alles...

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