Twitter-Video zeigt Attacke in Berlin - "Derartige rassistische Angriffe erlebe ich ein, zwei Mal pro Monat"

Mo 29.11.21 | 14:19 Uhr
Rassistische Attacke in Berlin-Lichtenberg im November 2021. (Quelle: Adegbayi Balogun/Twitter)
Adegbayi Balogun/Twitter)
Bild: Adegbayi Balogun/Twitter)

Adegbayi Balogun aus Lichtenberg wird oft nicht geglaubt, wenn er attackiert wird, wie er sagt. Den letzten Angriff hat er deshalb per Video festgehalten. Balogun ist schwarz, Anfeindungen seien für ihn nichts Neues. Nur, dass diesmal seine kleine Tochter dabei war.

rbb|24: Guten Tag Herr Balogun, auf einem Video, dass Sie mit dem schlichten Hinweis "Das habe ich heute erlebt" am Freitag bei Twitter gepostet haben und das dann viral ging und zu dem inzwischen der Staatsschutz ermittelt, ist zu sehen, wie Sie in Berlin-Lichtenberg von einer gepflegt wirkenden weißen Frau mittleren Alters aufs Übelste rassistisch beschimpft und bespuckt werden. Was ist passiert, bevor sie das Video gestartet haben?

Adegbayi Balogun: Ich bin am Freitag mit meiner kleinen Tochter, sie ist ein Jahr alt, spazieren gewesen. Sie lag im Kinderwagen. Die Frau, die mich später attackierte, hatte ich schon lautstark telefonierend vor mir wahrgenommen. Sie war sehr laut – aber das ist ja nichts Unnormales in Berlin. Ich habe gar nicht so sehr auf sie geachtet und wollte an der Frau vorbeilaufen. Plötzlich rief sie unvermittelt "Ey Du Affe, was willst Du in meinem Land? Geh' zurück in deins. Du nimmst mir meinen Job weg." Zuerst habe ich mich gar nicht angesprochen gefühlt, weil ich gar nichts mit ihr zu tun hatte. Doch sie meinte mich.

Zur Person

A. Balogun (Quelle: Privat)
privat

Adegbayi Balogun

Adegbayi Balogun wurde an dem Tag geboren, als die Berliner Mauer fiel. Er kam vor sieben Jahren und drei Wochen nach Deutschland, um sein Master-Studium zu absolvieren. Nach erfolgreichem Abschluss entschied er sich, zu bleiben. Er arbeitet in der Finanzbranche. Balogun ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Berlin.

Da ich ja denke, dass man immer in Ruhe miteinander reden kann, habe ich sie gefragt, ob ich ihr weiterhelfen kann oder ob sie Hilfe braucht. Da wurde sie richtig sauer, dass ich sie überhaupt ansprach. Sie rief: "Der redet mit mir! Wer bist Du denn, verpiss Dich von hier". Sie sagte der Person am Telefon dann auch: "Der große Affe hier hat auch ein kleines Äffchen dabei". Damit meinte sie meine Tochter. Das ging zwei, drei Minuten mit Beleidigungen weiter, bis ich die Aufnahme anschaltete.

Wo es ja offensichtlich weiterging mit den Beleidigungen und die Frau Sie sogar bespuckt hat. Warum haben Sie die Situation aufgenommen?

Ich habe mich daran erinnert, wie oft mir solche Situationen schon passiert sind und dass viele Leute, wenn ich davon berichte, wie sowas läuft, mir nicht glauben. Viele sagen immer wieder, dass ich übertreibe, wenn ich von sowas berichte. Deshalb dachte ich, dass ich das jetzt endlich mal aufnehme. Damit mal zu sehen ist, was so passiert. Wo sich ja viele nicht einmal vorstellen können, dass man derart attackiert wird, einfach so.

Wie hat sich die Situation dann aufgelöst?

Die Frau ist dann in die Tür der Volkshochschule reingegangen. Ich musste das Ganze erst einmal sacken lassen. Dass ich bereits an solche Vorfälle gewöhnt bin, heißt ja nicht, dass man sowas normal findet. Außerdem musste ich erst einmal meine Tochter trösten. Sie hat zwar nicht geweint, aber sie hatte große, vor Angst geweitete Augen und Panik.

Ich musste im Anschluss meine Hose und meine Schuhe entsorgen, weil die Frau mich vollgespuckt hat. Vollgespuckt in Corona-Zeiten!

Sie haben schon gesagt, dass Ihnen solche Vorfälle öfter passieren. Wie oft ungefähr?

Wegen Corona arbeite ich seit fast zwei Jahren im Homeoffice, da ist es weniger geworden. Aber vorher musste ich ja regelmäßig mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ins Büro fahren. Da ist mir sowas in der Art, also so direkte Konfrontationen, mindestens ein oder zwei Mal im Monat passiert. Abschätzige Blicke und kleine Bemerkungen gibt es aber mehrfach pro Woche.

Passiert Ihnen das überall in Berlin?

Da ich meistens in Lichtenberg unterwegs bin, erlebe ich das meistens auch da. Aber wenn ich mich Richtung Westberlin bewege, ist das schon anders. Da passiert sowas nicht.

Wenn ich etwas im Internet einkaufe und beispielsweise etwas in Marzahn oder Hellersdorf abholen müsste, dann sage ich das inzwischen schon ab, um etwaige Konfrontationen zu vermeiden.

Es gibt insgesamt einige Orte in Deutschland, an die ich mich nicht traue. Ich wurde schon öfter nach Leipzig oder irgendwo in Sachsen eingeladen – da sage ich immer, dass ich nicht komme. Es klingt hart, aber ich glaube, viele Leute meiner Hautfarbe würden mir zustimmen: Das gilt für das gesamte Ostdeutschland.

Ich suche seit zwei Jahren eine Immobilie für mich und meine Familie. In Brandenburg sind die Preise wesentlich günstiger – wir haben uns aber bisher immer dagegen entschieden, dort zu kaufen. Denn wir Eltern können ja nicht nur an uns denken, sondern auch an unsere Kinder. Ich selbst käme damit zurecht, auch wenn es nicht schön ist.

Gibt es Vorfälle, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

In der S-Bahn hier in Berlin hat mich einmal ein maximal Siebenjähriger lauthals mit dem N-Wort bezeichnet, als ich eingestiegen bin und zu seinem Vater gesagt, ich sähe gar nicht so sehr wie ein Affe aus, wie er es immer sagen würde. Alle Leute in der S-Bahn schauten mich an. Der Vater wurde ganz rot und versuchte vom Thema abzulenken. Was ich aber problematisch finde ist, dass alle anderen Mitfahrenden einfach nur wegschauten.

Sie sagen trotzdem, dass sie mit solchen Situationen klarkommen. Wie geht das – welche Bewältigungsstrategien haben Sie?

Da gibt es mehrere Gründe. Einmal bin ich jetzt seit sieben Jahren in Deutschland. Ich bin hergekommen, weil ich an der Humboldt-Universität zu Berlin meinen Master machen konnte. Weil ich hier nicht aufgewachsen bin, sondern in Nigeria, habe ich bis zu meinem 25. Lebensjahr keinen Rassismus erlebt. Somit habe ich wahrscheinlich einfach ein etwas dickeres Fell als jemand, der sowas seit seiner Kindheit immer wieder erlebt.

Ich weiß einfach, dass ich nicht so minderwertig bin, wie mein Gegenüber das denkt. Wenn mir jemand Hass entgegenbringt, kann ich diesen Hass mit meinem Lächeln blockieren. Da kommt der Hass gar nicht bei mir an. Deshalb fällt es mir auch leicht, in solchen Situationen ruhig zu bleiben. Weh tut das trotzdem – keine Frage.

Aber stellen Sie sich nur mal vor, ich wäre nicht ruhig geblieben in der Situation mit der Frau vor der Volkshochschule. Wenn ich da aggressiv geworden wäre oder gar körperlich – können Sie sich vorstellen, wie groß die Nachricht würde? "Ein Schwarzer hat eine deutsche Frau verprügelt", würde es da heißen. Die Leute würden nicht wissen wollen, was vorher passiert ist.

Sie haben mangelnde Hilfe und Unterstützung von Zeugen angesprochen. Ist das etwas, was sie öfter erlebt haben?

Ich von meiner Seite aus versuche ich immer, zu helfen. Egal, welche Hautfarbe jemand hat. Einmal hat ein junger Mann in der Tram einen älteren verprügelt, der angeblich die Freundin des jüngeren fotografiert haben soll. Der alte Mann lag auf dem Boden. Da war ich noch neu in Deutschland und habe erwartet, dass die Leute sich einmischen. Aber auch da haben alle weggeschaut. Ich habe versucht, dem Mann zu helfen. Ich bin groß und fit – so konnte ich den Angreifer blockieren. Aber ich habe mich wirklich gewundert, warum nicht einmal jemand die Polizei angerufen hat. Es ist mir fremd, dass man hier so wenig Zivilcourage hat. Auch wenn man nicht körperlich werden will, kann man um Hilfe rufen oder telefonieren.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Sabine Priess

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