Schulprojekt in Berlin - Am Gymnasium Inklusion lernen

Fr 12.11.21 | 06:11 Uhr
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Symbolbild: Eine inklusive Schulklasse im Unterricht. (Quelle: dpa/U. Deck)
Video: Abendschau | 12.11.2021 | S. Wendling | Bild: dpa/U. Deck

Gymnasien wird oft vorgeworfen, das Thema Inklusion anderen Schularten zu überlassen. Ein Berliner Gymnasium nimmt dagegen seit rund einem Jahr auch Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung auf. Von Kirsten Buchmann

Gruppenarbeit in Deutsch am Hans-Carossa-Gymnasium in Spandau. Fünf Siebtklässler stehen zusammen. Sie nehmen mit einem Smartphone einen Podcast auf. Mit verteilten Rollen sprechen sie die widerstreitenden inneren Stimmen einer Romanfigur. Als erstes legt Tom die Reihenfolge fest und erklärt seiner Gruppe, wie es geht: "Du fängst an, dann ist Manuel dran, dann ich, Ana und Anna, alles in einer Sprachnachricht nacheinander."

Gegenseitig helfen

Manuel ist in seiner Klasse eines der drei Inklusionskinder mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Als er kurz stockt und suchend schaut, tippt seine Mitschülerin auf das Textblatt, damit er die richtige Zeile findet. Manuel ist froh, auf diesem Gymnasium und in dieser Klasse zu sein: "Ich habe gerade gesehen, wenn ich beim Lesen oder beim Schreiben Hilfe brauche, dann melde ich mich mal und dann wird mir geholfen. Das ist ganz wichtig." Umgekehrt unterstütze Manuel auch sie, sagt Ana: "Zum Beispiel ist er in Geschichte richtig gut, Mittelalter, Bauern, Grundherren und sowas."

Die Inklusionsschüler übernehmen aber auch mal eine separate Aufgabe, wie im Geographieunterricht ein Modell zu bauen. Außerdem erhalten sie lebenspraktischen Unterricht: wie fahre ich Bus, wie gehe ich einkaufen oder was bedeutet Geld. An zwei Schultagen pro Woche lernen sie in einer kleinen Gruppe. Den meisten Unterricht haben die drei Inklusionskinder aber gemeinsam mit den anderen. Schulleiter Henning Rußbült ist es ganz wichtig, "dass in unseren Klassen potenzielle künftige Führungskräfte lernen, wie geht Inklusion", damit sie als spätere Entscheidungsträgerinnen und -träger wüssten, "wie integriere ich diese Menschen in die Arbeitswelt."

Hohe Akzeptanz

Die Eltern akzeptieren das Modell, sagt Rußbült. "Wir haben in diesem Jahr die höchste Nachfrage für diese Klasse gehabt." 54 Anmeldungen gab es für 21 Plätze. Bisher hat sein Gymnasium insgesamt ein halbes Dutzend Inklusionsschüler, verteilt auf eine siebte und eine achte Klasse. Henning Rußbült würde gerne mehr solcher Klassen einrichten, eine pro Jahrgang, am Ende also vier Klassen. Nötig dafür seien jeweils genügend Kolleginnen, um das zu unterstützen, was allerdings Geld kostet. "Die Infrastruktur muss stehen, dass man Sonderpädagoginnen bekommt, pädagogische Unterrichtshilfen und Betreuerinnen. Das habe ich den Kolleginnen auch versprochen, dass sie nicht allein in diesen Klassen stehen."

Manuels Deutschlehrerin Anna Mennekes unterrichtet an diesem Morgen nicht alleine, sondern mit einer Sonderpädagogin an ihrer Seite. Die Lehrerin lässt die Gruppen ihre Podcasts vortragen und lobt die Ergebnisse. Anfangs, als sie die Klasse mit den drei Inklusionskindern übernommen habe, sei sie in ihrem Bekanntenkreis gefragt worden, ob die anderen da nicht zu wenig lernten. Das Gegenteil sei der Fall: "Die Schülerinnen und Schüler sind teilweise als Lernpaten eingesetzt." Das heißt, sie erklären und vertiefen dabei immer wieder den Stoff.

Gymnasien nicht raushalten

Schulleiter Henning Rußbült will die Inklusion ausdrücklich nicht nur den Sekundarschulen mit ihrer ohnehin schon heterogenen Schülerschaft überlassen: "Ich finde Inklusion ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Da kann sich meiner Meinung nicht eine Schulform raushalten und sagen, wir machen eine exzellente Ausbildung."

Manuel ist stolz, Teil des Projektes am Hans-Carossa-Gymnasium zu sein, wo er sogar gleich zum Klassensprecher gewählt wurde: "Was ich mir wünschen würde, wäre, dass man dieses Projekt an allen Gymnasien fortsetzt."

Bisher ist das allerdings nicht in Sicht. Beim gemeinsamen Unterricht für die Schüler mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung ist sein Gymnasium Vorreiter.

12 Kommentare

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  1. 12.

    Gucken sie sich bitte das Video dazu an dann sehen sie dass immer mindestens 1sozialpädagogin drin ist häufig sogar zwei

  2. 11.

    Geht es auch mal ohne Beleidigung? Normale Schüler und auch normale Lehrkräfte sind schlicht nicht dafür da, benachteiligten Schülern zu helfen und dafür zurück zu stecken oder sich aufzuopfern. Wenn Inklusion gewünscht ist, dann müssen die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen, aber auch Grenzen der Möglichkeit zur Inklusion akzeptiert werden. Es bringt am Ende ja wohl nichts, das Niveau allgemein noch weiter herabzusetzen, nur damit der Ideologie Genüge getan ist und der Staat teure Sonderöädagogen einsparen kann. Jeder einzelne Schüler hat die bestmögliche Bildung und Förderung nicht nur verdient sondern sogar einen Anspruch darauf. Das gilt für Behinderte genau so wie für Nichtbehinderte.

  3. 10.

    Bitte fühlen Sie sich von meinen Ausführungen gar nicht angesprochen. Natürlich gibt es körperliche Beeinträchtigungen, die eine Beschulung in einer Sonderschule überhaupt nicht rechtfertigen, weil die Beeinträchtigung mit bestimmten technischen oder organisatorischen Mitteln ausgeglichen werden kann. Ihre Tochter gehört da zweifelsfrei dazu. Das verstehe ich aber auch nicht unter Inklusion, weil das eine Verständlichkeit zu sein hat. Brillenträger besuchen ja auch eine Regelschule. Insbesondere bei geistigen, aber auch bei bestimmten besonders schwerwiegenden körperlichen Beeinträchtigungen, kann eine Sonderpädagogik aber nicht sinnvoll ersetzt werden, weil nur diese die Zeit und Individualität der Förderung gewährleisten kann. Kinder, die das wirklich schaffen, gehören gern auf Regelschulen. Für den Rest muss der Staat die beste Förderung sicherstellen. Daran wird aber zunehmend gespart, unter dem Deckmantel der angeblichen Inklusion.

  4. 9.

    Sie wollen also bestimmen, dass Inklusions-Schüler auf die Hilfe von Nicht-Inklusions-Schülern verzichten müssen, damit das Leistungsspektrum der Nicht-Inklusions-Schüler nicht absinkt? Wer behindert hier wen, bzw. ist es selbst - finde den wirklichen Fehler.

  5. 8.

    Man möchte Inklusion ohne die ausreichenden Voraussetzungen zu schaffen und hofft, dass die Lehrer "das schon schaukeln"? Also wieder Anordnen, was andere machen sollen und am Ende Geld sparen durch weniger Förderschulen und speziell ausgebildete und damit "teurere" Fachlehrer? Das wird den Kindern und Eltern nicht gerecht.

  6. 7.

    Als Mutter eines schwerhörigen Kindes muss ich Ihnen sagen, verstehe ich nicht, warum Inklusion nicht möglich sein sollte. Mein Kind benötigt keine Förderschule und wir als Familie wünschen uns auch keinen Alltag mit zwei Schulen und langen Fahrtwegen. Aber... und da stimme ich sie zu ... es ist ein Unding, dass es keine inklusive Unterstützung gibt. Mein Kind braucht keine sonderpädagogischen Förderstunden sondern eine kleine Klasse und gute Akustik plus Lautsprecher. Das gibt es aber nicht, Standard 1 für ALLE Arten der Schwerbehinderung. Und es gibt in Berlin 4(!) Teilzeitkräfte, die sich um den Förderstatus Hören kümmern. Ganze VIER! Naja ganze VIER HALBE!

  7. 6.

    Leider bedeutet diese Inklusion am Ende nur, dass Kinder mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen einfach mit in die normalen Klassen reingesetzt werden, ohne Sonderpädagogen oder spezielle Förderung. Das geht am Ende zu Lasten aller Beteiligten, sowohl der betroffenen Kinder, der Mitschüler, als auch der Lehrer, die mal eben die zusätzliche Förderung mit bewerkstelligen sollen und das in ohnehin schon überfüllten Klassen. Einziger Profiteur ist der Staat, der sich die teuren Sonderbildungseinrichtungen mit hohem Personalbedarf und kleinen Klassen, in denen eine individuelle Förderung überhaupt erst möglich ist, einsparen kann. Das ist kein Fortschritt, das ist eine Verschlechterung der Situation für alle Betroffenen. Es wurde aus ideologischen und wirtschaftlichen Gründen das bewährte Prinzip der Förderschulden aufgegeben. Diese Menschen scheinen dem Staat nichts wert zu sein, weil sie zum Großteil künftig keine guten Steuerzahler werden.

  8. 5.

    Mein altes Gymnasium in Cottbus hat bereits zum Jahrtausendwechsel Schüler mit körperlichen und geistigen Behinderungen und Einschränkungen beschult.

    Hier holt also eher eine Schule auf.

  9. 4.

    Der bessere Titel für diesen Artikel wäre: Gymnasien lernen Inklusion. An dieser Schule passiert nichts, was Sekundarschulen nicht schon seit Jahren machen. Über diese Schulen schreibt niemand einen Artikel.

  10. 3.

    Inklusion ist toll für die behinderten Kinder. Bringt denen richtig viel in ihrer Entwicklung. Bei geistig behinderten geht das leider auf Kosten der Entwicklung der andren Kinder.

  11. 2.

    Inklusion hin und her, das ist ein zweischneidiges Schwert. Der gemeinsame Unterricht von körperbehinderten Kindern und Jugendlichen mit gleichaltrigen mag noch angehen. Sehr problematisch ist aber die "Inklusion" von geistig behinderten Kindern und Jugendlichen. Da waren die für sie geschaffenen Kindergärten und Sonderschulen genau richtig. Hier wurde von der Methodik, dem Unterricht und dem Unterrichsstoff genau auf die Belange dieser Kinder und Jugendlichen eingegangen. Solche Einrichtungen waren keinesfalls zur Diskriminierung oder Herabsetzung geschaffen worden, im Gegenteil, hier ging es um die bestmögliche Förderung und Unterrichtung. Mit der unterschiedslosen "Inklusion" wurde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Geistig behinderte Kinder und Jugendliche haben nun 'mal - auch wenn das manche nicht wahrhaben wollen - nicht die geistigen Voraussetzungen für eine Reifeprüfung oder ein Hochschulstudium, geschweige eine Tätigkeit als "Führungskraft".

  12. 1.

    Inklusion an unserer Grundschule wäre uns wichtiger. Aber da nimmt man keine Behinderten Kinder - egal welche Behinderung. Und das hat was mit Ausstattung und den Eltern zu tun. Stört auch niemand, wenn das auf dem Infoabend gesagt wird.

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