Deutlich mehr Weidetiere gerissen - Wenn der Wolf bis fast ins Dorf kommt

Mi 03.11.21 | 06:01 Uhr
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Kameraaufnahme: Wolf attackiert Jungrinder
Jens Schreinicke
Audio: Inforadio | 03.11.2021 | Thomas Rautenberg | Bild: Jens Schreinicke

Die Wolfspopulation in Brandenburg wächst rasant, und damit auch die Zahl der Weidetiere, die ihnen zum Opfer fallen. Die Rudel kommen auf ihren Raubzügen mittlerweile fast bis in die Dörfer. Von Thomas Rautenberg

Rinderzüchter Jens Schreinicke ist auf den ersten Blick ein bodenständiger Kerl: schwere Arbeitsschuhe, Jeans, ein kariertes Flanellhemd und darüber eine ärmellose Weste. Seine Hände hat er lässig in die Hosentaschen gesteckt, ein paar Hühner laufen um seine Füße herum.

Den 49-Jährigen bringt kaum etwas aus der Ruhe - es sei denn, es geht um die Wölfe. Denn die haben seine Jungrinder angegriffen, und zwar gleich hinten auf dem Hof, keine 20 Meter vom Haus entfernt. Das Blöken der Kühe hatte ihn geweckt und er wusste sofort: Da ist was nicht in Ordnung. "Ich bin nachts raus und habe mit der Taschenlampe geschaut. Erst am Morgen hat mir dann der Tierarzt gesagt, dass bei dem Rind nichts mehr zu machen sei. Das hat schon wehgetan."

Den finanziellen Verlust für sein Jungrind bekommt der Landwirt ausgeglichen. Selbst die Tierarztkosten übernimmt das Land – das hofft Schreinicke zumindest.

Dirk-Henner Wellershoff (l) Gregor Beyer und Jens Schreinicke (r)
Dirk-Henner Wellershoff (l) Gregor Beyer und Jens Schreinicke (r) | Bild: Thomas Rautenberg/rbb

Der Wolf kommt fast bis ins Dorf

Schreinickes Weide für die handaufgezogenen Jungrinder liegt nicht irgendwo in der Pampa - sie ist mitten in Stücken, einem Ortsteil von Michendorf, nur ein paar Kilometer vom südlichen Autobahnring A10 entfernt. Die Kirche, der Dorfkrug und die Feuerwehr - alles ist in Sichtweite. Trotzdem hat hier der Wolf zugeschlagen.

In den vergangenen neun Monaten sind in Brandenburg 947 Nutztiere bei Wolfsattacken verletzt oder getötet worden. Im gesamten Jahr 2020 waren es noch 805 Weidetiere, wie Schafe, Ziegen oder Kühe. Den signifikanten Anstieg der Risszahlen erklärt das zuständige Landesamt für Umwelt vor allem mit der wachsenden Zahl der in Brandenburg lebenden Wolfsrudel. Wölfe sind streng geschützt, sie haben keine natürlichen Feinde und ihre Population erhöht sich dadurch jährlich um rund 35 Prozent. Wissenschaftler nennen das ein exponentielles Wachstum. Immer häufiger werden Wolfsattacken auf Nutztiere in Gegenden registriert, in denen es bislang nur sporadisch zu Rissvorfällen kam. So auch im Ortsteil Stücken.

Die Akzeptanz steht auf dem Spiel

Gregor Beyer, Geschäftsführer des Forums Natur Brandenburg, sieht sich als Vermittler zwischen den unterschiedlichen Brandenburger Interessensverbänden. Das Forum Natur sucht den Ausgleich zwischen Wolfsgegner und - befürworten, einen Kompromiss, mit dem alle Seiten leben können.

Allerdings wird das immer schwerer, wie Beyer zugibt: "Wir hatten nie eine grundsätzliche Anti-Stimmung gegen den Wolf. Weite Teile der Bevölkerung auch im ländlichen Raum haben gesagt, auch bei den Problemen, die wir mit dem Wolf haben, gehört er doch in unsere Kulturlandschaft." Allerdings reagiere man an politisch verantwortlicher Stelle nicht auf den viel zu großen Bestand an Wölfen: "Dass dort von Politik und auch Umweltverbänden kein Umdenken einsetzt, ist schade", sagt Beyer. "Denn die Akzeptanz für den Wolf steht so auf dem Spiel."

Schutz vor dem Wolf ist für viele zu teuer

Landwirt Jens Schreinicke muss also seine Weidetieren schützen. Herdenschutzhunde aber sind teuer und für ihn keine Alternative, denn wirkliche Sicherheit bringen auch sie nicht. Und Stromzäune, die den Wolf abhalten können? Schreinicke winkt nur ab: "Im Sommer auf jeder Koppel fünf Reihen Draht zu ziehen, die ständig unter Strom stehen – das kann ich gar nicht leisten." Noch dazu muss das Gras unter den Elektrozäunen ständig zurückgeschnitten werden, damit es keinen Kurzschluss gibt.

Für viele kleine Unternehmen rechnet sich die Weidehaltung deshalb nicht mehr, und damit geht ein Stück regionale Landwirtschaft verloren, warnt Dirk-Henner Wellershoff, Landwirt und Präsident des Landesjagdverbandes Brandenburg: "Das ist doch genau die Tierhaltung, die wir alle möchten: Draußen in der Natur und extrem tierfreundlich. Da darf sich keiner wundern, wenn die Landwirte genau diese Freilandhaltung abschaffen und die Tiere in den sicheren Stall stellen. Wie lange wollen wir uns das mit anschauen?"

Vom Abschuss so genannter Problemwölfe rät der Landesjagdpräsident seinen Jägern allerdings dringend ab. Trifft man das falsche Tier, ist es schon eine Straftat, warnt Brandenburgs Chefjäger.

Wölfe werden den urbanen Raum besiedeln

Jungwölfe werden, wenn sie das Rudel verlassen müssen, nach neuen Jagdgebieten Ausschau halten. Dort wo sie nicht mit anderen Wölfen in Konflikt kommen, und dort wo viel Beute ist - also auch in den stadtnahen Wäldern rund um die Metropole Berlin.

Diese Entwicklung komme zwangsläufig, sagt Gregor Beyer vom Forum Natur Brandenburg: Hundert Meter von der nächsten Wohnbebauung entfernt ist der optimale Lebensraum der Wölfe, sagt er. Weidetiere, Mülltonnen und damit Essensreste: immer ein gedeckter Tisch. "Wäre ich Wolf, würde ich hier leben wollen", sagt Beyer.

Sendung: Inforadio, 03.11.2021, 09:45 Uhr

66 Kommentare

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  1. 66.

    Hallo? vegetarisch und vegan - was sind das nochmal für Fremdworte? Und? Verhungern so gestrickte?

  2. 65.

    Auch ein verletztes Wildschwein ,Reh ,Hirsch ,Waschbär , usw. kann sehr Wehrhaft werden
    Wollen Sie diese auch ausrotten .Sie sind aber garnicht Tierlieb

  3. 64.
    Antwort auf [Uwe] vom 04.11.2021 um 15:26

    Oje
    Der Böse ,Böse Wolf aus dem Märchen

  4. 63.

    Was wollen Sie mit Ihrer Panikmache eigentlich genau bewirken?

    Sie werden einen verletzten Wolf wohl kaum persönlich anfassen oder umarmen wollen.

    Ansonsten zeigen die wissenschaftlichen Erkenntnisse:

    "Es gibt keine Belege dafür, dass verletzte oder kranke Wölfe (mit Ausnahme von tollwütigen Tieren) für Menschen eine erhöhte Gefahr darstellen. Selbstverständlich sollte auch ein verletzter Wolf mit Respekt und Vorsicht behandelt werden, da er sich, wie jedes andere Wildtier auch, zur Wehr setzen kann, wenn er sich in die Ecke gedrängt fühlt." (Quelle: Bundesamt für Naturschutz: Konzept im Umgang mit Wölfen, die sich Menschen gegenüber auffällig verhalten, BfN-Skript 502 (2018), Seite 15).

  5. 62.

    Lasst doch den Wauzi im Wald leben ,
    Dan gibt es vielleicht nicht mehr so viele Wildschweine ,die viel schaden anrichten ,auf Feldern ,Weinbergen ,und Sportplätzen usw.

  6. 61.

    Nicht nur ein hungriger, sondern auch ein verletzter Wolf kann sehr sehr wehrhaft sein...und was das bedeutet ahnen Sie nicht.

  7. 60.

    Auch in ärmeren Ländern weiß man, dass der Wolf sehr wehrhaft ist. Und was das bedeutet, können Sie vielleicht noch gar nicht abschätzen?

  8. 59.

    Wo kommt eigentlich Ihr Essen her? Aus der Natur oder aus einer Kulturlandschaft? Wenn wir nur "die Natur" machen lassen, werden Sie wohl als erstes Hunger leiden.

  9. 58.

    Was unterscheidet den Wolf vom Menschen noch? Er verunglimpft andere nicht persönlich und öffentlich...Die fleißigen Bauern haben Ahnung. Sie auch?

  10. 57.

    Die meisten Menschen sind nicht fremdenfeindlich, ich auch nicht, aber der Wolf schon...Obwohl, auch der Mensch verteidigt sein Revier... Denken Sie mal darüber nach...und lesen den Artikel ein zweites mal...

  11. 56.

    Auch bei diesem Thema schießen sich grüne Weltverbesserer mal wieder selbst ins Knie, anstatt den Wolf zu treffen.
    Einerseits wird gefordert, wenn, dann mehr Fleisch von glücklichen Rindern zu produzieren und auf industrielle Tierzuchtanlagen und Schlachthof zu verzichten. Andererseits werden die Landwirte, die diesen Wünschen nachkommen, durch grünalternative und weltfremde Einstellungen einiger Phantasten im Regen stehen gelassen.

  12. 55.

    Sie fallen hier ja öfter damit auf, anderen etwas zu unterstellen was überhaupt nicht stimmt. Sie behaupten einfach und warten ab was passiert... und nun das. Bauern in Stücken sind nicht faul. Der Artikel war doch ausgewogen.

  13. 53.

    Allein der DJV vertritt 250000 Jägerinnen und Jäger. Dazu kommt noch eine ganze Reihe anders oder auch nicht organisierter jagender Personen. Sie sehen, dass es sich um verschwindend wenige Einzelfälle in der ansonsten hochdisziplinierten Jägerschaft handelt. Vergleichen Sie das mal mit den KFZ-Führern.

  14. 52.

    Eigentlich nur drei - einer war in der Schweiz. Aber vier völlig diszipliniert angeschossene Menschen nur dieses Jahr in Deutschland sind schon nicht wenig. Fünfzehn zurückhaltene Vorfälle in 2020. usw. Ja, da sind Profis am Werk.
    Musste jetzt sein. Die Diskussion über Wolfsabschüsse geht ja auch schon länger.

  15. 51.

    Nun, für das laufende (und ja schon recht fortgeschrittene) Jahr sehe ich auf der verlinkten Seite gerade mal vier Vorkommnisse. Das stützt meine Feststellung über die disziplinierte und zurückhaltende Jägerschaft.

  16. 50.

    Wenn der Mensch die Natur einfach alleine machen ließe: gäbe es keine Gendefekte - lebten wir mindestens pestizidfrei und vieles mehr. Verschwiegen wird natürlich, dass es Gegenden mit totalem Jagdverbot gibt und es passt garnicht ins Weltbild und dass die Natur dort das Horrorbild Überpopulation excellent selbst völlig im Griff hat. (Man könnte ja auch die menschliche Fressgier reduzieren, wenn man das denn wollte..)

  17. 49.

    "Die Jägerschaft handelt überaus diszipliniert und macht von ihrem Recht, wildernde Hunde zu erlegen äusserst zurückhaltend Gebrauch."
    Dafür ballern die aber nicht gerade selten auf alles andere, was bei drei nicht auf dem Baum ist.
    https://www.peta.de/themen/jagdunfaelle/#
    Bitte nicht an "Peta" stören - aber sonst sucht man sich 'n Wolf nach so'ner Sammlung.

  18. 48.

    Das passt zwar in Deine linksalternative Ideologie, ist jedoch in Stücken vollkommen fehl am Platze. Hier leben Bauern, die Jungrinder per Hand aufziehen und ihnen Auslauf auf der Weide geben. Das ist ein Lebewesen, das leidet durch ein Wildtier, das in unserer Kulturlandschaft keine natürlichen Feinde hat. Wie kann man so herzlos dem Leid von Tieren gegenüber sein?

  19. 47.

    ´Jedes Kind lernt in der Schule, dass sich Beutegreifer über die Begrenzung von Ressourcen wie geeignete Habitate und Nahrung sowie über Krankheiten etc. selbst regulieren.´
    Genau diese Begrenzung von Ressourcen und die Habitate legen wir Menschen nunmal fest. Es gibt in D-land Platz für den Wolf aber eben nicht endlos, das muss doch logischerweise jedem klar sein! Zwischen Ausrotten und nichts tun, gibt es viele Möglichkeiten!

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