Ukrainische Community in Berlin - "Krieg ist für uns zum Dauerzustand geworden"

Fr 17.12.21 | 10:56 Uhr | Von Hasan Gökkaya
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Ukrainische Soldaten gehen an der Trennlinie zu den prorussischen Rebellen (Bild: dpa/AP/Andriy Dubchak)
Bild: dpa/AP/Andriy Dubchak

Nachdem Russland zehntausende Soldaten an der Grenze zur Ukraine zusammengezogen hat, droht der Konflikt sich zu verschärfen. Für die Community mit ukrainischen Wurzeln in Berlin sind dies Tage voller Sorgen - wieder einmal. Von Hasan Gökkaya

2014 hat Russland die zur Ukraine gehörende Halbinsel Krim annektiert - und eine internationale Krise ausgelöst. Heute, fast acht Jahre später, stehen zehntausende russische Soldaten an der Grenze zu dem Nachbarland. Grund genug für den Bürgermeister von Kiew, Ex-Profiboxer Vitali Klitschko, in seinem Gastbeitrag für die "Bild" [bild.de] vor einer russischen Invasion zu warnen. Tatsächlich ist aber auch der Westen höchst besorgt: Zuletzt drohte die EU Russland erneut mit "nie dagewesenen Maßnahmen", sollte der Kreml aggressiv gegen die Ukraine vorgehen.

Die angespannte Situation wirft ihren Schatten auch auf Berlin, wo Tausende Menschen mit ukrainischen Wurzeln leben. Zwar liegen zwischen dem Brandenburger Tor und dem Majdan-Platz in Kiew gut 1.200 Kilometer, dennoch, in Gedanken sei sie immer wieder in der Ukraine, sagt die aus Kiew kommende Übersetzerin Maria im Gespräch mit rbb|24. "Die Angst ist da und ich empfinde die Bedrohungslage auch als ernst", so die 30-Jährige, die mittlerweile verheiratet ist und in der deutschen Hauptstadt lebt.

Mehr als 13.000 Menschen starben in Kämpfen

"Es tut mir unendlich leid, dass ich meine Eltern aus der Ukraine nicht hierher holen kann. Andererseits weiß man überhaupt nicht, wann es überhaupt zu einem Krieg kommen könnte: in ein paar Wochen, ein paar Monaten, ein paar Jahren?" Maria, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, betont, dass ihre Sorgen nicht plötzlich über sie gekommen seien: "Eigentlich geht das schon seit acht Jahren so, denn Krieg ist doch die ganze Zeit. Er ist zu einem Dauerzustand für uns geworden."

Die Übersetzerin spielt damit auf die Kämpfe an, die in der Ostukraine seit der Annexion durch Russland zwischen pro-russischen Milizen und der ukrainischen Armee ausgetragen werden. In den seit 2014 andauernden Kämpfen unterstützt Moskau die Separatisten. Mehr als 13.000 Menschen starben in dem Konflikt bereits.

"Zwei oder drei Tage Krieg könnte bereits sehr viele Menschenleben kosten"

Auch Lilia Usik, CDU-Bezirksverordnete in Lichtenberg, sieht die jüngste Zuspitzung als Belastung für die ukrainische Community in der Stadt und denkt ähnlich wie Maria, dass die Furcht vor einem Kriegsausbruch eigentlich bereits seit acht Jahren in den Köpfen der Community schwirre. Sie betont aber auch, dass viele sich an diesen Schwebezustand inzwischen gewöhnt hätten und nun hoffen würden, dass sich die Situation am Ende doch wieder beruhigt und es somit nur bei Drohgebärden bleibt. "Wir wissen aber auch, dass sich die Lage schnell ändern kann. Und möglicherweise werden die EU und vor allem Deutschland dann kaum etwas dagegen tun können, da eine Abhängigkeit von russischem Gas besteht."

Usik arbeitete sechs Jahre im Bundestag, inzwischen ist sie für den Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie tätig. Sie sagt, auch eine kurze Eskalation wäre fatal: "Selbst zwei oder drei Tage Krieg zwischen den Ländern könnten bereits sehr viele Menschenleben kosten."

"Ukrainer haben sich gewissermaßen an Krieg gewöhnt"

Der in Kiew ansässige Journalist Denis Trubetskoy schreibt in seinem Beitrag für den MDR, dass die Ukrainer sich vor einem Kriegsausbruch sorgten. Jedoch seien wirtschaftliche Probleme wie etwa hohe Strompreise das dominierende Thema im Alltag der Menschen. Das sei auch das Ergebnis einer unabhängigen Studie.

Die Berlinerin Nataliya Pryhornytska hat Osteuropastudien studiert und ist Gründerin der Initiative "Wissensaustausch, Empowerment und Kultur". Sie beschäftig sich intensiv mit der Situation an der ukranischen Grenze. "Ich glaube, es gibt in fast jedem Dorf in der Ukraine eine Person, die gekämpft hat und nicht wieder zurück aus dem Krieg gekommen ist. Daher haben sich die Leute in der Ukraine gewissermaßen auch schon an den Konflikt gewöhnt", so die 33-Jährige.

Dies sei ein Zustand, den sich die in Berlin lebenden Menschen nicht vorstellen könnten. Pryhornytska glaubt, dass der Blick der Deutsch-Ukrainer auf die Situation sogar deshalb anders sein könnte, da sie hier in einer völlig anderen Wirtschaftssituation lebten als in der Ukraine.

Fortunjew: Vertrauen in Bundesregierung zum Teil unterschiedlich

Der Arzt Sergej Fortunjew hält nichts davon, panisch zu werden. Die Lage sei zwar ernst, im Vergleich zu den vergangenen Jahren habe sie sich an sich aber nicht deutlich verschärft, so der 54-Jährige. Fortunjew beobachtet die Krise zwischen den beiden Ländern seit Jahren. Nach eigenen Angaben war er während der Maidan-Proteste auch in Kiew und versorgte dort verletzte Demonstranten. Er hoffe, dass es am Ende nur um politische Zugeständnisse gehen werde und Menschenleben verschont bleiben.

Über die Berliner Community glaubt er, dass sie mehrheitlich eine pro-europäische Sichtweise habe. Unterschiedlich könne aber die Nähe zur Bundesregierung sein. "Die Menschen, die schon länger hier leben, haben mehr Vertrauen in die Bundesregierung und teilen ihre Sicht, auf Diplomatie zu setzen."

Dabei würden dann auch ökonomische Vorteile gegen moralische aufgewogen werden, so Fortunjew. Teile der Community, die erst seit 2014 in Deutschland leben, hätten hingegen weniger Verständnis für "lässige" Reaktionen des Westens gegen Russland.

Beitrag von Hasan Gökkaya

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