Denkwürdige Frage an SED-Funktionäre - Der Journalist der "Mauerfall-Frage" Riccardo Ehrman ist tot

Mi 15.12.21 | 11:59 Uhr
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Der italienische Journalist, Riccardo Ehrman (Quelle: dpa/Angel Navarrete)
Audio: Inforadio | 15.12.2021 | Nikolaus Nützel | Bild: dpa/Angel Navarrete

Das DDR-Reisegesetz gelte ab "sofort", sagte SED-Funktionär Günter Schabowski am 9. November 1989, nachdem der italienische Korrespondent Riccardo Ehrman nachgefragt hatte. Noch am selben Abend fiel die Mauer. Nun ist Ehrman gestorben.

Er stellte am 9. November 1989 auf der SED-Pressekonferenz eine Frage - und nur wenige Stunden nach den Antworten öffnete sich die Mauer: Der italienische Journalist Riccardo Ehrman, der damals den SED-Funktionär Günter Schabowski zu seinem folgenreichen Statement "nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich" brachte, ist tot.

Ehrman sei im Alter von 92 Jahren in der spanischen Hauptstadt Madrid gestorben, berichtete die italienische Nachrichtenagentur Ansa am Dienstagabend unter Berufung auf Ehrmans Frau. Ehrman war in den Wendejahren Berlin-Korrespondent der italienischen Nachrichtenagentur Ansa.

Bei der Pressekonferenz des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) am 9. November 1989 hatte Ehrman Schabowski zunächst eine Frage zum geplanten Reisegesetz gestellt: "Ich heiße Riccardo Ehrman, ich vertrete die italienische Nachrichtenagentur Ansa. Herr Schabowski, Sie haben von Fehlern gesprochen. Glauben Sie nicht, dass es war eine große Fehler, diese Reisegesetzentwurf, das sie haben vorgestellt vor wenigen Tagen?"

Das Mitglied des SED-Politbüros begründete zunächst die Entscheidung. In der Folge fragten Journalisten weiter nach der ersten Gültigkeit dieser lockeren Reiseregelungen, worauf dann Schabowski antwortete: "Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen - Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse - beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt." Dies gelte "sofort... unverzüglich".

Nachricht nach Rom: "Die Mauer ist weg"

Ehrman hatte nach eigener Aussage in diesem Augenblick auch gleich verstanden, was passiert war. "Ich bin sofort raus und habe ein Fernschreiben an meine Zentrale in Rom geschickt: "Die Mauer ist weg", erzählte er zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls 2014.

Nach der Pressekonferenz strömten in Ostberlin Menschenscharen zu den Grenzübergängen. Der Abend ging in die Geschichtsbücher ein.

Nach seinem Ruhestand lebte Ehrman in Madrid. Dort hatte er als Korrespondent seine letzte Station verbracht.

Sendung: Radioeins, 15.12.2021, 8:42 Uhr

18 Kommentare

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  1. 18.

    der Journalisten, der ihm nie angehörte, zu seinem Helden hochpuschte. Das war 2006, als der Verein zum 100. Geburtstag eine knackige story brauchte.
    Ehrman hat das entsprechende Video daheim in Madrid gern jedem Gast vorgespielt. Und seine spanische Ehefrau erzählte, wie sehr sie sich freue, dass er mit ihrer Heimat als Ruhesitz einverstanden war.

  2. 17.

    Noch ein Recherchetipp für den RBB Autor: ich hatte mich 2009 gewundert, warum Ricardo Ehrman seine Heldengeschichte erst so spät publik machte. Bei der Recherche stieß ich auf den österreichischen Journalisten Ewald König, der viele der immer blumiger werdenden Geschichten von Ehrman auseinandernahm. Er lebt in Berlin, hat sein Büro im Haus der Bundespressekonferenz. Und da er lange zum Verein der Auslandspresse gehörte, kennt er auch die Geschichte, wie dieser Verein einen Journalisten, d

  3. 16.

    Die besagte PK fand in den Räumen des heutigen Justizministeriums in der ersten Etage statt. Das war damals wohl das Internationale Pressezentrum. Heute hat man im Erdgeschoss einen kleinen Raum eingerichtet, um zu erinnern. Wenn man zum Tag der offenen Tür das Justizministerium besucht, kann man das anschauen, oft ist auch Herr Brinkmann da, um zu berichten und Fragen zu beantworten. Fakt ist jedenfalls, dass Schabowski völlig unvorbereitet, ohne Kenntnis dieses neuen Reisegesetzes in die PK gegangen ist, denn geplant war das sicher so nicht.

  4. 15.

    Die westlichen tv Teams waren seit der 40.Jahr Feier der DDR am 7. Oktober in solchen Massen präsent, dass ihnen das DDR Fernsehen in Adlershof ein ganzen Studiokomplex freiräumte. Bei den DDR Fernsehleute hiess es dazu :" Die warten alle auf unsere Beerdigung. "

  5. 14.

    Sorry, lieber spätgeborener rbb Reporter. Bitte erst Video anschauen! Ehrman brachte im Auftrag von ADN Chef Pötschke das Thema Reisegesetz ins Gespräch. Schabowski, der wohl darauf gewartet hatte, sagte "..reisen ohne Vorliegen von Voraussetzungen. "
    Den Ruhm, mit der Nachfrage "ab wann?" den Sturm auf die Grenze losgetreten zu haben, beansprucht Peter Brinkmann von der BILD Zeitung.

  6. 13.

    Ehrman war völlig überfordert vom plötzlichen Ruhm. Er erzählte 2009 Geschichten wie " DDR Grenzer haben mich in der Nacht (des 9.11.) erkannt und sich bei mir bedankt. Zeitzeuge Ewald König, damals Österreichischer Korrespondent, hat Ehrmans Phantastereien mehrfach korrigiert . Beim Gespräch 2010 war ihm völlig unklar, wie er benutzt wurde. In Berlin beruft sich Peter Brinkmann von BILD darauf, dann die wichtige Frage gestellt zu haben:"Wann tritt das in Kraft?"

  7. 12.

    Ihr letzter Satz stimmt so nicht. Mit der Währungsunion wurden über Nacht die Ostprodukte aus den Regalen entfernt und durch Westprodukte ersetzt. Ich glaube nicht, dass die Entscheidung dafür Lieschen Müller vom Konsum getroffen hat.

  8. 11.

    Dumm war Schabowskis Antwort. Welches Gesetz gilt ab sofort? Jedes Gesetz benötigt Einführungsfristen. Denn die zuständigen Stellen müssen sich darauf einstellen. Dumm auch die Öffnung der Grenze. Denn nun haben wir wieder das Problem der 50er Jahre, als die Kabel der Berliner S-Bahn geklaut und in Westberlin gegen Westgeld verscherbelt wuren. Wenn ich in der DDR-Regierung gewesen wäre, hätte ich mich erst um die innenpolitischen und wirtschaftlichen Probleme gekümmert. Erst wenn diese gelöst sind, hätte ich mich um die Botschaftsflüchtlinge gekümmert. Ich möchte gern wissen, was die BRD gemacht hätte, wenn ihr die Menschen in Scharen davon gelaufen wären und die DDR sehr gut ausgebildete Spitzenkräfte gezielt abgeworben hätte. Die Mauer war gut für die Menschen, die da bleiben wollten und nicht ihre Steuergelder für die Ausbildung der Flüchtrlinge geben wollten. Auf sehr vielen Strecken ist nun die Reisefreiheit vorbei. Sie sind abbestellt und stillgelegt worden. Auch über Amerika.

  9. 10.

    Guten Abend, Herr von Massenbach, beide Herren (Ehrman und Brinkmann) haben auf der PK Fragen gestellt,
    die entscheidende Frage kam von Herrn Brinkmann, da ich seine Stimme von verschiedenen Veranstaltungen her kenne, kann ich das ganz klar so bestätigen. Über drei Jahrzehnte lagen die beiden Herren zu diesem Thema im Clinch. Im übrigen hat das selbst Schabowski gegenüber Brinkmann so bestätigt. Alles in allem, ein historischer Moment.

  10. 9.

    Vielleicht betrachten Sie einmal volkswirtschaftliche Lage in der ehemaligen DDR. Welche Betriebe waren auf Stand der Technik der achtziger Jahre? Im sächsischen Chemiedreieck wurde noch immer auf Basis der Technik aus Zeit vor dem 1. WK gearbeitet. Bei vielen VEB‘s waren die angeschlossenen Freizeiteinrichtungen wertvoller als die Betriebe selbst. Zudem haben viele DDR-Bürger lieber ihr Geld für Westlebensmittel anstatt im Osten produzierter Güter ausgeben, Folge war Arbeitsplatzverluste etc.

  11. 8.

    Zitat:"...woher die jubelnden Flüchtlinge denn damals wussten, dass Genscher nicht vielleicht seinen Satz beenden wollte mit ..."
    Ganz einfach, Genscher wäre gar nicht erst gekommen.

  12. 7.

    Ich glaube, es ist fast egal, wer denn diese Frage genau so stellte. Ehrman war es nachweislich gewesen, der ANSA die Maueröffnung mitteilte, während alle anderen wegen des unendlichen Kauderwelschs offenbar wieder mal fast eingeschlafen waren.

    Wie Peter Grohmann, ein Stegreif-Theatermensch, es aus seiner Sicht formulierte: "Für uns ein verschlossenes Völkchen, dessen politische Anführer irgendwelche Endlosformeln dahinmurmelten." Das war in der Tat gemein: Im Fernsehen des vorhergenden Bundesgebiets wurden zumeist die Parteitagseröffnungen eingeblendet. - Eingeschlafene Füße, bevor die Angelegenheit überhaupt losging.

    Klartext, sorgsam angewandt, bringt so manches zum Tanzen.

  13. 6.

    Stimmt, 16 Millionen, die ihr Volkseigentum verloren und gut 3 Millionen, die von ihrem Arbeitsplatz befreit wurden.

  14. 5.

    Ich erinnere mich an die Bilder in den Nachrichten. Als Student in Bonn habe ich dann bis spät in die Nacht im Fernsehen die Ereignisse verfolgt, wobei mich heute verwundert woher ausländische Fernsehteams ausgerechnet an diesem Tag in Westberlin eine starke Präsenz zeigte. Das wirkt auf mich, dass im Vorfeld schon einiges durchgesickert war. Es stellte sich nur die Frage wann und wo!

  15. 4.

    Wie lange hätte es noch gedauert, wenn diese Frage nicht gekommen wäre?

  16. 3.

    Haben Sie den Wahrheitsgehalt dieser Behauptung von Ehrmann geprüft? Kennen Sie den Disput, dass Ehrmann nicht diese sog. entscheidenden Frage: "Ab wann?" gestellt hat. see: https://www.wsj.com/articles/SB125597721400194603

    Im Wortprotokoll des Wal Street Journal stellt Peter Brinkmann diese kurze Frage.

  17. 2.

    "Das tritt nach meiner...Kenntnis ist das sofort...unverzüglich."
    Das war schon ein historischer Moment, auch wenn Schabowski so wirkt, als sei er sich dessen gar nicht so recht bewusst.

    Der zweite Evergreen aus dieser Zeit ist für mich Genschers "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...", der Rest war Jubel.
    Wobei in meinem Freundes- und Verwandtenkreis ja bis heute gerne darüber rumgewitztelt wird, woher die jubelnden Flüchtlinge denn damals wussten, dass Genscher nicht vielleicht seinen Satz beenden wollte mit
    "... leider nicht stattfinden wird. Und auch morgen nicht." oder
    "...nur dann stattfinden kann, wenn je ein westdeutscher Bürger einen ostdeutschen Flüchtling bei sich zuhause aufnimmt." oder
    "...nur unter der Voraussetzung stattfinden wird, dass Sie unverzüglich wieder in Ihre ursprüngliche Heimat zurückkehren, sobald dort wieder sichere Bedingungen vorherrschen." ;-)

  18. 1.

    Danke für diese Frage! Damit haben Sie vermutlich wirklich vielen geholfen!

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