Interview | 24 Tiere nach Weihnachten im Berliner Tierheim abgegeben - "Ich war erschüttert, wie viele Fundtiere es doch bis jetzt sind"

Mo 27.12.21 | 16:29 Uhr
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Eine Katze schaut in die Kamera in einem Tierheim. (Quelle: dpa/Marcus Brandt)
Audio: Radioeins | 27.12.2021 | Interview mit Beate Kaminski | Bild: dpa/Marcus Brandt

Jedes Jahr landen etliche Tiere, die zu Weihnachten verschenkt wurden, nach den Feiertagen im Berliner Tierheim. Schon jetzt waren es in diesem Jahr 24. Tierheim-Sprecherin Beate Kaminski sagt im Interview, womit sie in den nächsten Tagen rechnet.

rbb: Frau Kaminski, wie viele Tiere wurden rund um die Feiertage zwischen dem 21. und 26. Dezember gefunden?

Beate Kaminski: In diesem Jahr wurden allein in den letzten sechs Tagen 24 Tiere abgegeben, das sind mehr als im Vorjahr [Anm. d. Redaktion: 2020 wurden 19 Fundtiere abgegeben]. Darunter waren sechs Hunde, zwölf Katzen und sechs Vögel. Die sind auch fast alle noch hier. Nur vier wurden bis jetzt abgeholt.

In welchem Zustand sind diese Tiere? Wurden sie ausgesetzt?

Also teilweise ist es recht eindeutig. Wir haben zum Beispiel ausgesetzte Katzen, die in einem Hausflur gefunden wurden. Wir haben zwei Wellensittiche, die in einem sehr kleinen Käfig ausgesetzt wurden, wo einem der Vögel sogar die Flügel mit Klebestreifen fixiert wurden, so dass er sie gar nicht ausbreiten und fliegen konnte.

Wir haben außerdem zwei relativ junge Hündinnen aus Friedrichshain, die sehr, sehr ängstlich sind. Dabei ist uns noch nicht ganz klar, wie sich diese Geschichte entwickelt. Aber es ist schon sehr ungewöhnlich, dass zwei junge Hunde, relativ unerzogen und sehr lebhaft, einfach irgendwo zurückgelassen werden. Das klingt so ein bisschen nach Überforderung.

Wie ist das Berliner Tierheim derzeit ausgelastet?

Dieses Jahr war nicht leicht für uns, wie natürlich auch für viele andere. Man hat das Gefühl, dass Tiere durchaus zu den großen Opfern der Corona-Pandemie gehören, vor allem Hundewelpen und Kleintiere, wie Kaninchen, Hamster oder Meerschweinchen.

Wir haben dieses Jahr alleine schon mehr als 130 Hundewelpen aus illegalem Handel aufnehmen müssen. Die werden sichergestellt von Veterinärämtern, teilweise ausgesetzt oder von Besitzern abgegeben, die die zwei Tage hatten. Die Tiere waren todkrank, weil sie aus irgendwelchen merkwürdigen Quellen kamen. Man kann sich vorstellen, wenn ein Hund Durchfall hat, gibt es schon viel zu tun. Wenn man aber mehrere Würfe an Welpen bekommt, die alle an Durchfall leiden, zum Teil mit Würmern oder Flöhen befallen sind, kann man sich vorstellen, was dann hier los ist. Und so ging das fast das ganze Jahr.

Das Problem ist, dass man einfach zu leicht an Tiere kommt, wie zum Beispiel über das Internet oder auf irgendwelchen Parkplätzen. Das Internet spielt uns da natürlich leider gar nicht in die Hände.

Beate Kaminski, Sprecherin des Berliner Tierheims

Es gibt viele, die jetzt in der Pandemie auf den Hund oder auf die Katze gekommen sind, weil sie im Home-Office die Möglichkeit haben, sich um ein Tier zu kümmern. Befürchten Sie, dass nach der Pandemie, Haustiere vernachlässigt werden?

Die Sorge muss man natürlich immer haben. Es gibt ja zum Glück, das muss man auch sagen, sehr viele Leute, die sich das gut überlegt haben. Aber es gibt auch viele, die nicht richtig vorbereitet sind. Das Problem ist, dass man einfach zu leicht an Tiere kommt, wie zum Beispiel über das Internet oder auf irgendwelchen Parkplätzen. Das Internet spielt uns da natürlich leider gar nicht in die Hände. Das heißt, wenn ich heute einen Welpen haben will, habe ich den morgen und bezahle inzwischen vierstellige Beträge. Das sind auch keine Schnäppchen sozusagen mehr in Anführungszeichen. Die illegalen Händler fragen natürlich auch nicht nach, ob man Ahnung von Hunden hat, was man mit dem Tier in der Urlaubszeit macht, wie lange man am Tag außer Haus ist. All das würden seriöse Züchter oder ein Tierheim nachfragen. Und da trennt sich natürlich ganz schnell die Spreu vom Weizen.

Weihnachten ist gerade erst vorbei. Wird es in den nächsten Tagen noch schlimmer, wenn die Weihnachtsgeschenke anfangen zu nerven?

Ich war erschüttert, wie viele Fundtiere es doch bis jetzt sind, weil es sich die letzten Jahre so ein bisschen eingepegelt hatte. Für mich bedeutet es: mehr Haustiere in den Haushalte,n mehr Fundtiere, mehr Aussetzungen, mehr Abgaben. Deshalb bin ich ein bisschen skeptisch, wie die nächsten Tage werden.

Rund um Silvester kommen natürlich noch die Böller dazu, dass Hunde wegrennen, wenn sie nicht angeleint sind oder Katzen nicht mehr nach Hause kommen. Das kommt natürlich noch obendrauf. Und da müssen wir echt jetzt bald gucken, wie wir hier mit unserem Platz klarkommen. Denn wir müssen ja auch alle irgendwie versorgen. Also jeden, der Haustiere hat und an ihnen hängt, bitte ich, diese wirklich zu sichern, damit sie nicht wegrennen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Beate Kaminski führte Frauke Oppenberg für Radioeins. Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Version des Interviews, das Sie oben im Beitrag komplett als Audio hören können.

Sendung: Radioeins, 27.12.2021, 14:15 Uhr

11 Kommentare

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  1. 11.

    Sie und Karola haben so recht. Ich bin seit über 40 Jahren Hunde- und Katzenbesitzerin. Ich war bis zur Rente immer berufstätig und wir haben auch Urlaub gemacht. Trotzdem mussten unsere Tiere nie auch nur einen Tag "abgegeben" werden und haben ein stolzes Alter erreicht. Das hat weder etwas mit Haus oder Wohnung, noch mit dem Bankkonto zu tun. Die Liebe zum Tier und das Wissen um jahrelange Verantwortung ist entscheidend.

  2. 10.

    Auch wenn Sie hier nicht ganz unerwartet direkt wieder kräftig Contra bekommen, Sie haben leider Recht. Viele Tierheime übertreiben vollkommen bei der Vermittlung von Tieren, indem sie ausschließlich und kompromisslos die eigenen Vorstellungen anwenden und teils von vornherein Ansprüche aufstellen, die in der Realität kaum erfüllbar sind. Man kann da schon manchmal den Eindruck gewinnen, dass die Vermittlung dem Grunde nach nicht erwünscht ist. Natürlich müssen Bewerber geprüft und ausgefragt werden, muss die Motivation der Interessenten abgeklopft werden, müssen Tiere vor qualvollen Bedingungen geschützt werden. Dagegen sagt niemand etwas, weil das richtig und wichtig ist. Wenn aber die Motivation stimmt, dann kann auch der ein oder andere Makel mal ignoriert werden. Hunde brauchen in der Regel kein Grundstück. Sie brauchen viel Liebe und vor allem viel Auslauf - durch Gassigänge. Katzen können sich auch in Familien mit Kindern sehr wohlfühlen, wenn diese reif genug sind.

  3. 9.

    @Frau Herrmann: ich finde, das Ausmaß an Tragik kann unmöglich an der Relation von Zahlen festgemacht werden! Und wenn es nur ein einziges Tier gewesen wäre, wäre das eins zu viel! Kein Tier hat es verdient, ausgesetzt zu werden.

  4. 8.

    "dass Hunde wegrennen, weil sie nicht angeleint sind."
    Vielleicht sollten die Halter in Berlin allgemein mal realisieren, dass außerhalb der Auslaufgebiete Leinenzwang herrscht. Wem dann der Hund wegrennt, der ist selber schuld.

  5. 7.

    Vielen Dank für den Kommentar. Ich bin da ganz bei ihnen bzgl. der Überarbeitung der Kriterien. Nachdem ich gelesen habe, wie die Rahmenbedingungen zu sein haben, wenn ich einen Hund ein neues zu Hause geben möchte, habe ich es gar nicht probiert einen Hund aus dem Tierschutz zu bekommen. Wir haben keinen Garten, wohnen im Eigentum, mein Mann arbeitet Vollzeit, ich Teilzeit und unser Sohn war zu dieser Zeit 11 Jahre. Meine Arbeitszeit ist flexibel und meine Schwiegereltern wohnen im selben Haus. Wir wohnen im Grünen. Letztendlich haben wir einen Schnauzer beim Züchter gekauft. Ich bin jeden Tag mindestens 4 Std. mit ihm unterwegs, 2x in der Woche am Hundeplatz, lasse ihn am Rad laufen und gehe regelmäßig mit ihm schwimmen. Im Urlaub ist er immer dabei. Jetzt ist er drei Jahre alt. Das alles hätten wir mit einem Hund aus dem Tietschutz auch gemacht. Schade!!!

  6. 6.

    Die Hintergründe/ Lebensumstände zu hinterfragen, ist legitim und definitiv Prämisse einer Vermittlung. Damit die Tiere auch ihre passenden Menschen finden. Einen traumatisierten Hund in eine Familie aus Anfängerinnen zu geben, das wäre natürlich für beide Seiten unverantwortlich. Das meine ich nicht… es geht mir um einen fairen Umgang. Und auch bei erfahrenen Tierhalter*innen weiß doch keine*r, ob dieses eine Tier dann auch wirklich zu diesem Menschen passt. Nur weil man mehr Erfahrung hat, ist man deswegen bemühter, liebevoller?! Hat man es sich dann eher verdient als jemand, der stetig weiter lernt, sich austauscht, beliest und begleiten lässt?!

  7. 5.

    Ich finde das Hochschaukeln solcher " Exzesse" echt gruselig!
    24 Fundtiere für eine Millionenstadt wie Berlin, empfinde ich wahrlich nicht als Tragödie!

    Dazu kommt noch, dass die meisten Tiere wieder von ihren Besitzern abgeholt werden, wo liegt hier irgendwo ein Problem?

  8. 4.

    Sie haben völlig Recht. Teilweise gibt es im Tierheim Berlin Mitarbeiter, die scheinbar die Tiere nicht vermitteln wollen oder fragwürdige Kriterien festlegen. Wer Kinder hat bekommt keine Katze und wer berufstätig ist bekommt keinen Hund. Nähere Umstände werden gar nicht erst erfragt, da man ja von vornherein ausgeschlossen wird.

  9. 3.

    Na klar, dann stellen sie fest das sie doch überfordert sind und geben es einfach wieder ab. Wir oft muss ein Tier dss ihrer Meinung nach aushalten müssen? Die Regeln haben schon einen Grund.

  10. 2.

    Wenn die Vergaberegeln nicht so streng wären, gäbe es noch mehr überforderte Menschen und ausgesetzte Tiere. Ich finde es völlig in Ordnung, dass die Lebensumstände der Interessenten hinterfragt werden.
    Eine Freigänger - Katze kann man nicht ausschließlich in der Wohnung halten, die dreht durch (das habe ich im Freundeskreis selbst erlebt) und wird dann - im besten Fall zurück ins Tierheim gebracht.

  11. 1.

    Ich wünsche mir für alle diese Tiere und die Menschen, die sehr gern ein Tier bei sich aufnehmen wollen, dass das Tierheim seine Vergabemodalitäten reflektiert. Jede*r, der beschließt, für ein Tier die nächsten Jahre verantwortlicher sein, sollte die Möglichkeit dazu bekommen. Die Hürden einer Vermittlung und der Argwohn sind mE nicht mehr angemessen und gehören mE dringend überdacht. Man kann den Menschen nicht in die Köpfe gucken, aber eine Chance haben alle nach einem Gespräch verdient. Vielleicht würden sich mehr Menschen für ein Tier aus dem Tierschutz entscheiden und es auch gar nicht schlecht machen, wenn man sie ließe. Nur weil ich zu alt bin oder zu wenig Garten habe, bewertet man meine Kompetenz direkt?!

    Dabei geht es nicht um ein barrierefreies Click & Collect. Ich wünsche mir ein bisschen mehr Offenheit und Toleranz denen gegenüber, die es sich wirklich gut überlegt haben. Auch wenn ich das Vorgehen des Tierheims bis zu einem gewissen Teil nachvollziehen kann; das was man selbst erlebt, wenn man sich für ein Tier aus dem Tierheim interessiert, ist nicht mehr zeitgemäß.

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