KZ Sachsenhausen - Historiker sagt im KZ-Prozess gegen 101-Jährigen aus

Fr 03.12.21 | 16:03 Uhr
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Der angeklagte ehemalige KZ-Wachmann (l) kommt in den Gerichtssaal. (Quelle: dpa/Fabian Sommer)
Bild: dpa/Fabian Sommer

Im Prozess um tausendfachen Mord im KZ Sachsenhausen hat sich ein Historiker zur Rolle von SS-Einheiten geäußert, zu denen auch der Angeklagte gehörte. Der streitet bisher jede Beteiligung an Erschießungen und anderen Gräueltaten ab.

Im Prozess wegen Beihilfe zu tausendfachem Mord im KZ Sachsenhausen hat ein Sachverständiger darauf hingewiesen, dass SS-Einheiten und Vorgesetzte des Angeklagten an Erschießungen beteiligt waren.

Der 101-jährige Josef S. bestreitet bislang eine Tätigkeit als SS-Wachmann in dem Konzentrationslager bei Oranienburg. Allerdings belegen Personalakten seine Mitgliedschaft in verschiedenen SS-Totenkopfwachbataillons zwischen Oktober 1941 und Februar 1945.

Nach Aussage des Historikers Stefan Hördler zeigen unter anderem Aussagen von Vorgesetzen des Angeklagten die Teilnahme der SS-Wachkompanien an Erschießungen von Gefangenen.

Anklage: Beihilfe zum Mord in 3.518 Fällen

Josef S. muss sich wegen Beihilfe zum grausamen und heimtückischen Mord in 3.518 Fällen verantworten. Es geht um die Erschießung sowjetischer Kriegsgefangener, die Ermordung von Häftlingen durch Giftgas und um die Tötung von Häftlingen durch die Schaffung und Aufrechterhaltung von lebensfeindlichen Bedingungen.

Für eine Verurteilung wegen Beihilfe genügt es gemäß der jüngeren höchstrichterlichen Rechtsprechung, dass der Angeklagte Teil der Vernichtungsmaschinerie des NS-Konzentrationslagers gewesen ist.

Angeklagter bestreitet Vorwürfe

Der Angeklagte streitet bislang alles ab. Am Donnerstag hatte er erklärt, er sei in der fraglichen Zeit Landarbeiter bei Pasewalk in Vorpommern gewesen. Zum Kriegsende sei er nach Kolberg abkommandiert worden, um als Zivilarbeiter Schützengräben zu schaufeln und Unterkünfte zu bauen.

Wegen des Gesundheitszustandes des Angeklagten ist die Verhandlung des Landgerichts Neuruppin nach Brandenburg an der Havel verlegt worden. Der Hochbetagte ist nur wenige Stunden am Tag verhandlungsfähig. Unter den insgesamt 16 Nebenklägern sind Überlebende des KZ Sachsenhausen und Nachkommen ehemaliger Häftlinge, darunter aus Israel, Peru, Polen, den Niederlanden und Frankreich.

Der Prozess soll am 9. Dezember mit dem 15. Verhandlungstag fortgesetzt werden. Insgesamt sind 22 Verhandlungstage angesetzt - ein Urteil könnte im Januar gesprochen werden.

12 Kommentare

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  1. 11.

    Ich kann Ihnen sofort mindestens 50- 100 Namen von Personen nennen die nahezu nahtlos von der NSDAP in die Parteien der BRD gewechselt sind und dort hohe Ämter innehatten.

  2. 10.

    Zitat: "Heute bleiben nur noch die kleinen Fische übrig, mit denen macht man nun kurzen Prozess."

    Ihnen ist schon bewusst, dass der Begriff "kurzer Prozess" im justiziablen Sinne mit den Verfahren des Volksgerichtshofs verbunden ist?! Ihre Wortwahl ist hier vollkommen unangebracht, Verwaltungsfreund.

  3. 8.

    Hätte man in den 60ziger/70ziger Jahren (in der BRD) diesem Angeklagten den Prozess machen können?
    Vielleicht, vielleicht wollte man auch nicht. Dabei könnte man aufarbeiten, welche Richter und Beamte noch aus der Nazizeit in der Regierung und Justiz in Amt und Würden waren.

  4. 7.

    Zitat: ". . . der alte Mann versteht es sowieso nicht mehr aufgrund seines Alters."

    Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung? Der Mann ist offensichtlich verhandlungsfähig und versteht immerhin soviel von der Situation, als dass er nun behauptet zur fraglichen Zeit fast ausschließlich als Landarbeiter tätig gewesen zu sein, obwohl in seinem Rentenantrag von 1985 etwas anderes angegeben wurde ("Wehr- und Kriegsdienst"), und dem Gericht Dokumente zu einen SS-Wachmann mit dem Namen, dem Geburtsdatum und dem Geburtsort des Angeklagten vorliegen, der von 1942 bis 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen tätig war.

  5. 6.

    Ach Tim, das ist ja nun nichts Neues hier, dass sobald ein Artikel zu diesem Prozess veröffentlicht wird sich sofort mehrere Kommentator:innen zu Wort melden, die entweder Whataboutism betreiben, Steuergeldverschwendung beklagen, die Rechtmäßigkeit der Anklage in Zweifel ziehen, nach wirklich wahren Beweisen fragen oder gar "Unmenschlichkeit" ob des Alters des Angeklagten behaupten. Sehr befremdlich, wie kaum versteckt das übliche "Irgendwann muss es auch mal gut sein mit der Vergangenheit" dabei durchscheint.

  6. 5.

    So ist es, in den 50iger und 60iger Jahren hätten auch die Richter und Staatsanwälte abgeurteilt werden müssen, diese Herren haben sich aber gegenseitig freigesprochen. Heute bleiben nur noch die kleinen Fische übrig, mit denen macht man nun kurzen Prozess.

  7. 4.

    Mord verjährt nicht - gut so! Und selbst mit 101 Jahren zu Feige, sich der Vergangenheit zu srellen. Wundert mich nicht.

  8. 3.

    Das traurige ist, daß man nicht in den Sechziger/Siebziger Jahren die damals mittelalten Leute vor Gericht gestellt hat. Juristisch mag es korrekt sein, einen über 100jährigen noch zu verurteilen, moralisch ist es ein Armutszeugnis. Das hätte man wenigstens vor dreißig Jahren in Angriff nehmen müssen. Bei diesem Prozess verlieren alle. Die Nachkommen der damaligen Opfer schütteln entsetzt den Kopf das in 2021 und nicht 1971 verhandelt wird, der alte Mann versteht es sowieso nicht mehr aufgrund seines Alters.

  9. 2.

    Bleiben Sie doch mal bei diesem ganz konkreten Fall. Sie finden also, dass der Angeklagte nicht zur Verantwortung gezogen werden sollte? Zumindest jetzt, wo ihm wohl sowieso kein Gerängnisaufenthalt mehr drohen dürfte, könnte er sich ja mal seiner unrühmlichen Vergangenheit stellen und reinen Tisch machen.

    Warum nennen Sie sich hier eigentlich „Neugieriger“, wenn Sie sowieso schon immer von vornherein alles ganz genau zu wissen glauben?

  10. 1.

    Wurde jemals untersucht, wieviel hochrangige Nazis, die mit der Gründung der Bundesrepublik ebenso hochrangige Posten in der Politik hatten, Beihilfe zu Massenmord geleistet haben??? Genügend bekannte Namen gibt es ja, aber das will keiner wahrhaben. Hier geht es nur um die Aussenwirkung .

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