Interview | Prozess um Tötungen in Pflegeheim - "Er besaß die Frechheit, noch zu leben"

Mi 22.12.21 | 10:57 Uhr
Mitarbeiter des Oberlinhauses stehen am 29.04.2021 vor dem Haus (Bild: imago images/Rolf Zoellner)
Audio: Inforadio | 22.12.2021 | Lisa Steger | Bild: imago images/Rolf Zoellner

Im April tötete eine Pflegehelferin vier Menschen in einem Pflegeheim in Potsdam. Nun wurde sie zu 15 Jahren Haft und der Unterbringung in der Psychiatrie verurteilt. rbb-Gerichtsreporterin Lisa Steger schilderte vorab ihre Eindrücke aus dem Prozess.

rbb|24: Lisa Steger, eine forensisch-psychiatrische Gutachterin hat im Prozess von psychischen Störungen bei der Angeklagten berichtet. Sie sieht einen Zustand erheblich verminderter Schuldfähigkeit. Womit hat die Gutachterin das begründet?

Lisa Steger: Die Angeklagte leidet an einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung, sagte die Gerichtspsychiaterin Cornelia Mikolaiczyk: Das Denken kreise bei Ines R. um die eigene Person. Mit Belastungen könne sie nicht umgehen. Sie verliere dann die Kontrolle.

In der Vergangenheit habe sie Aggressionen immer gegen sich selbst gerichtet. Anders am 28. April. In den Wochen davor sei die Belastung gestiegen – durch die Arbeit, aber auch durch die Sanierung ihres Eigenheimes.

Auslöser für die fünf Messerangriffe sei gewesen, dass eines der späteren Opfer sie an- oder ausgelacht habe. Dieser geringe Anlass führte dazu, dass Ines R. ein Messer aus der Brotdose holte und nacheinander fünf Menschen tief in den Hals schnitt. Ines R. beschrieb die Situation gegenüber der Gutachterin mit den Worten: "Er besaß die Frechheit, noch zu leben."

Die Gutachterin geht davon aus, dass die Pflegehelferin ab einem gewissen Punkt nicht mehr fähig war, ihr Verhalten zu steuern. Die Angeklagte sagte zu ihren Taten, dass sie nicht nachgedacht habe. Sie habe sich nur gewundert, dass es so einfach war: "Ein Schnitt, und die Leute verbluteten" - das äußerte sie wörtlich. Das Erwürgen eines Menschen, das sei wesentlich schwerer, deswegen habe sie das nach einem ersten Versuch unterlassen. Nach den Messerangriffen habe sie sich irgendwann gesagt "fünf reichen mir", und sei nach Hause gefahren.

Die nun Angeklagte soll das der Gerichtspsychiaterin mitgeteilt haben, ohne dabei irgendwelche Emotionen zu zeigen. Das Ergebnis des Gutachtens lautet: Ines R. war zum Tatzeitpunkt erheblich vermindert schuldfähig.

Was könnte das für das Urteil bedeuten?

Die Angeklagte hat die Tötungsdelikte begangen und dabei auch die Arg- und Wehrlosigkeit ihrer Opfer ausgenutzt. Denn diese waren ans Bett gefesselt, halbseitig oder vom Kopf abwärts gelähmt, konnten nicht flüchten und nicht um Hilfe rufen. Daher könnte Ines R. normalerweise wegen Mordes verurteilt werden und eine lebenslange Strafe erhalten.

Sollte die Strafkammer jedoch der Gutachterin folgen, kann sie eine mildere Strafe verhängen. Die Juristen nennen das "Strafrahmenverschiebung". Bei Mord wären das bis zu 15 Jahre statt lebenslang. Lebenslang heißt ja, anders als viele denken, tatsächlich lebenslang. Der Verurteilte kann zwar nach 15 Jahren zur Bewährung entlassen werden, das muss aber nicht so sein.

Ob die Kammer die Strafe mildert, entscheidet sie in eigener Verantwortung. Das Gutachten ist insofern kein vorweggenommenes Urteil. Generell gilt: Je schwerer die Tat wiegt, umso gravierender muss auch die Störung des Angeklagten sein, um eine mildere Strafe zu erhalten.

Doch selbst wenn die Strafe gemildert wird, ist nicht gesagt, dass die Angeklagte wirklich nach dieser Zeit freikommt. Die Gutachterin stellt ihr nämlich eine ausgesprochen schlechte Prognose aus und rät zu einer Unterbringung im Maßregelvollzug. Die Psychiaterin hält Ines R. für sehr gefährlich - gefährlicher noch als vor den Bluttaten, denn sie habe ja bereits einmal die Grenze zur Gewalt überschritten.

Das Unrecht, das sie begangen hat, erkennt Ines R. nicht, sagte die Gutachterin im Prozess: Sie sehe die Schuld ausschließlich bei anderen, nicht bei sich selbst, und es gebe bei ihr auch keine Auseinandersetzung mit den Taten oder mit der Krankheit.

Für das Urteil bedeutet das: Wenn Ines R. in den Maßregelvollzug kommt, dann vermutlich für sehr, sehr lange Zeit. Sollte nach einer möglichen Heilung noch Zeit übrig sein – gemessen an der verhängten Haftstrafe – muss sie diese im Gefängnis absitzen. Es ist aber auch möglich, dass der Maßregelvollzug länger dauert als die verhängte Strafe, weil Ines R. nicht geheilt ist, weil sie weiterhin eine Gefahr darstellt und daher nicht freikommen kann.

Offenbar wollte die Angeklagte schon vor der Tat eine Bewohnerin töten, berichtete die Gutachterin außerdem. So habe sie bereits 2012 während eines Klinikaufenthalts angegeben, sie habe davon geträumt, Bewohner der Einrichtung umzubringen. Sie wurde medikamentös behandelt. Wie kann es sein, dass sie weiterhin in ihrem Job arbeitete?

Das ist tatsächlich die Frage.

Der Gutachterin zufolge hat Ines R. eine Woche vor den Messerangriffen versucht, eine Patientin zu vergiften. Dies gelang aber zum Glück nicht. Zudem hatte Ines R. schon 2009 ihrer Psychoanalytikerin, bei der sie damals in Therapie war, berichtet, sie träume davon, so wörtlich, "Patienten zu massakrieren".

Tötungsfantasien hegte sie auch in Bezug auf ihre Mutter und ihren Sohn, der eine schwere Behinderung hat. Das Jugendamt hatte Ines R. zeitweise eine Familienhelferin zur Seite gestellt, weil sie es selbst so einschätzte, dass sie fähig sein könnte, dem Jungen etwas anzutun.

Die Angeklagte nimmt außerdem seit vielen Jahren Psychopharmaka – auch im Dienst. Die Hausleiterin sagte allerdings als Zeugin aus, sie habe nichts von der psychiatrischen Vorgeschichte gewusst und auch nicht wissen dürfen.

Die Analytikerin, die ab 2009 von den Tötungsfantasien der Angeklagten gegenüber Patienten wusste, benachrichtigte den Arbeitgeber nicht. Im Gericht sagte sie dazu, viele Patienten würden von Gewalt fantasieren, kaum jemand schreite jedoch zur Tat. Sie habe damit auch bei Ines R. nicht gerechnet.

Während ihres langen Anstellungsverhältnisses - über 30 Jahre im Oberlinhaus – war Ines R. mehrfach über lange Zeit krankgeschrieben. Angeblich wusste der Arbeitgeber nicht, dass sie in der Psychiatrie war, und auch nicht, dass sie ständig Psychopharmaka nahm. In der Tat sind Beschäftigte nicht verpflichtet, dem Chef so etwas mitzuteilen. Auch auf der Krankschreibung tauchte die Diagnose nicht auf.

Als Zeugin geladen war auch eine niedergelassene Psychiaterin, die die Angeklagte in den letzten Jahren behandelte. Ines R. war viermal im Jahr bei ihr - bei Bedarf auch öfter.

Das war ein ganz eigenartiger Auftritt: Die promovierte Medizinerin, eine Frau Mitte 50, wollte nicht allein in den Zeugenstand treten. Der Ehemann musste neben ihr sitzen. Sie konnte auf Befragen nicht angeben, in welchem Krankenhaus Ines R. vor einigen Jahren gewesen war. Sie hatte Ines R. ein Attest ausgestellt, wonach diese in der Charité während der DDR-Zeit Opfer von Medikamentenversuchen geworden sei – die Gutachterin ist davon überzeugt, dass das nicht stimmt.

Diese Psychiaterin erklärte im Prozess, von Gewaltfantasien nie etwas erfahren zu haben. Die Taten hätten sie vollkommen überrascht. Medikamente habe Ines R. zur freien Verfügung erhalten, sie durfte sie auch ohne Rücksprache höher dosieren.

Welche Rolle spielte der Arbeitgeber in dem Prozess?

Die Hauptverhandlung befasste sich über weite Strecken mit der Arbeitssituation im Oberlinhaus: Kolleginnen und Kollegen sagten dazu aus, aber auch Hinterbliebene – Menschen, deren Bruder, Sohn, Nichte erstochen worden war.

Diesen Aussagen zufolge gab es schon länger nicht genug Personal. Die Fluktuation war sehr hoch. Zugleich kamen immer mehr Kranke mit der höchsten Pflegestufe in das Thusnelda-von Saldern-Haus: Es waren Menschen, die nicht einmal allein essen oder trinken konnten. Mit Beginn der Corona-Pandemie habe sich die Lage zugespitzt, berichteten Zeugen, denn immer wieder mussten Beschäftigte in Quarantäne, was für die übrigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mehr Arbeit bedeutete.

Mitunter hätten zwei Pflegekräfte im Spätdienst 20 schwerst beeinträchtige Menschen versorgen müssen. Nicht selten hätten die Kranken tagelang nur im Bett gelegen. Hinterbliebene berichten, ihre Angehörigen seien extrem ungepflegt gewesen; ja, mehr noch: Die Angehörigen hätten keine einzige Pflegekraft auf der ganzen Station ausfindig machen können.

Die Pflegedienstleiterin bestätigte als Zeugin, das Personal sei knapp. Sie betonte aber, der Personalschlüssel lasse nicht mehr Stellen zu.

Die Arbeitssituation machte jedenfalls auch der Angeklagten zu schaffen – das sagten viele Befragte im Zeugenstand aus. Die Beweisaufnahme ergab aber auch, dass sie Chancen verstreichen ließ, ihre Lage zu verbessern.

So hatte die Chefin ihr angeboten, in die Hauswirtschaft zu wechseln. Die Angeklagte lehnte das wegen der schlechteren Bezahlung ab. Grund war das noch nicht abbezahlte Eigenheim, auf dem eine Restschuld von 70.000 Euro liegt. Das Haus hat die Pflegehelferin zusammen mit ihrem Ehemann gekauft.

Wie war bisher die Atmosphäre im Prozess?

Ruhig und konzentriert, aber auch bedrückend und mitunter verstörend. Für die Urteilsfindung kommt es natürlich auf die Details an. Notärzte schilderten etwa, wie viel die Opfer vermutlich noch wahrgenommen haben. Ein Notarzt ist mir in Erinnerung, der sagte: Er versucht seit einem halben Jahr zu vergessen, um sich zu schützen, aber es gelingt ihm nicht. Er wirkte sehr angegriffen.

Die Angeklagte blieb dagegen völlig unbewegt. Zumindest nach außen hin wirkte sie gleichgültig und kalt.

Die Richter bewahrten Ruhe, obwohl einige Aussagen zumindest auf mich regelrecht provokativ wirkten. Die Angeklagte berichtete am ersten Prozesstag anderthalb Stunden lang über ihre schwere Kindheit. Alle haben sich gegen sie versündigt: die Mutter, die Schulkameradinnen, die Chefs und die Kolleginnen, das ist ihre Wahrnehmung. Ihr Selbstmitleid bildet einen scharfen Kontrast zu der Unempfindlichkeit gegenüber dem Leid anderer Menschen.

Auch der Auftritt des Ehemannes verlangte den Prozessbeobachtern viel Geduld ab. Er teilt voll und ganz die Sicht, dass seine Frau stets ein Opfer ist. Ausführlich beschrieb er dem Gericht etwa, wie sehr sie unter dem Lärm und der Unordnung bei der im Frühjahr durchgeführten Haussanierung gelitten habe.

Auch der junge Hund, den sich das Paar gekauft hatte, stellte in seinen Augen eine riesige Belastung für Ines R. dar, denn er war lebhaft und musste ausgeführt werden. Die Richter haben sich nicht anmerken lassen, was sie von der Aussage hielten.

Welchen Ausgang des Prozesses erwarten Sie?

Ich erwarte, dass Ines R. ihre Freiheit für lange Zeit einbüßt und dass sie in den Maßregelvollzug kommen könnte, in Kombination mit einer Haftstrafe. Verteidiger Henry Timm argumentiert ja, dass Ines R. eben nicht nur vermindert schuldfähig ist - seiner Meinung nach ist sie vollkommen schuldunfähig. Das würde bedeuten: Maßregelvollzug, aber keine Gefängnishaft. Einen solchen Ausgang halte ich für eher unwahrscheinlich.

Die Angeklagte hatte ja auch gegen ihre Kündigung geklagt und zog vor das Arbeitsgericht. Was ist daraus geworden?

Diese Klage ist nach wie vor anhängig und die Angeklagte steht weiterhin auf der Lohnliste der "Oberlin Lebenswelten GmbH". Am 1. Februar will sich das Arbeitsgericht Potsdam erneut mit diesem Fall befassen.

Die "Oberlin Lebenswelten GmbH" hatte Ines R. im Mai dieses Jahres entlassen - "verhaltensbedingt" - also wegen der Taten – und "personenbedingt" - wegen mangelnder Eignung.

Die Pflegehelferin klagte dagegen, obwohl damals bereits klar war, dass sie die Taten begangen hatte. Sie wollte weiter beschäftigt bleiben oder ersatzweise gegen eine Abfindung von 82.000 Euro ausscheiden. In der Summe sei auch Schadenersatz enthalten, sagte damals ihr Anwalt Henry Timm. Denn der Arbeitgeber habe nicht gemerkt, dass Ines R. überlastet gewesen sei.

Bei einem Gütetermin im Juni vertagte die Arbeitsrichterin die Entscheidung. Sie meinte, es müsse zunächst feststehen, ob die Pflegehelferin schuldfähig war.

Das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg fuhr der Potsdamer Richterin in die Parade. Am 6. Oktober beschloss es, das Arbeitsgericht Potsdam müsse jetzt entscheiden. Begründung:

Wer ein Tötungsdelikt begeht, kann die fristlose Kündigung erhalten - schuldfähig oder nicht. Für das Oberlinhaus sei es unzumutbar, jemanden weiter zu beschäftigen, der anvertraute Menschen umbringt. Deshalb muss jetzt das Potsdamer Arbeitsgericht entscheiden.

Die Fragen stellte Ute Zauft, rbb|24.

Sendung: Brandenburg aktuell, 22.12.2021, 19:30 Uhr

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