Chats von Rechtsextremen oder "Querdenkern" - Wie das Tötungsdelikt von Senzig missbraucht wird

Fr 10.12.21 | 19:39 Uhr | Von Oliver Noffke, Konrad Spremberg, Oda Tischewski
In einer Pfütze spiegelt sich ein Haus in Senzig, in dem fünf Tote gefunden wurden (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Video: Abendschau | 10.12.2021 | Konrad Spremberg | Bild: dpa-Zentralbild/Patrick Pleul

In sozialen Netzwerken versuchen Rechtsextreme, radikale Impfgegner und "Querdenker" den Täter von Senzig als Märtyrer darzustellen. Wie kann die Tötung von Kindern derart missbraucht werden? Von Oliver Noffke, Konrad Spremberg und Oda Tischewski

Ein Mann tötet seine drei Töchter, seine Frau und anschließend sich selbst. Diese Tat wurde am vergangenen Samstag in Senzig entdeckt, einem Ortsteil von Königs Wusterhausen. Für die Pistole, mit der getötet wurde, besaß Devid R. keinen Waffenschein. Diese Fakten sind unbestritten.

Vieles ist dagegen momentan noch völlig unklar. Woher kam die Waffe? War der Mann wirklich Mitglied der Partei Die Basis? Und falls ja, welche Rolle spielen Falschinformationen und Angstszenarien, die unter den Mitgliedern dieser Partei vermehrt kursieren? In welchem Umfang genau war der 40-Jährige in die Fälschung von Impfpässen involviert? Litt er an einer psychischen Erkrankung? Wusste die Ehefrau von den tödlichen Absichten?

"Bemerkenswert, wie die Ereignisse umgedeutet werden"

Obwohl diese Fragen offen sind, wird die Tat genutzt, um Stimmung gegen führende Politiker oder Medien anzufachen. Massenhaft finden sich auf Twitter Nachrichten meist anonymer Profile. Sinngemäß heißt es darin: Aufgrund der Maßnahmen zur Einschränkung der Pandemie habe der Mann ja gar nicht mehr anders agieren können. Ähnliches findet sich in Gruppen und Kanälen auf Telegram. Oftmals unter Klarnamen. Der rechtsextreme Chef der Thüringer AfD, Björn Höcke, schreibt dort etwa, die Corona-Politik treibe Menschen in die Verzweiflung.

"Ich finde es bemerkenswert, wie die Ereignisse umgedeutet werden: Der Staat oder Menschen, die sich impfen lassen, hätten diese Familie in den Tod getrieben", sagt Hannes Püschel vom Potsdamer Verein Opferperspektive. "Faktisch ist es so, der Vater hat die Frau und die Kinder erschossen." Rechtsextreme, Impfskeptiker oder sogenannte "Querdenker" würden die Tat stattdessen nutzen, um den Vater zu entschuldigen.

"Das ist allerdings nicht neu innerhalb der rechten Szene. Solche Strategien kann man bis ins Dritte Reich zurückverfolgen", so Püschel. "Einerseits wird propagiert, man stehe für Recht und Ordnung, andererseits werden Gewalttaten als Notwehr gerechtfertigt."

Täter folgte auch lokalen Chatgruppen von Verschwörungsideologen

Das Centrum für Monitoring, Analyse und Strategie, kurz Cemas, hat ein Telegram-Profil entdeckt, dass dem Täter zugeschrieben werden kann. Es enthält seinen Namen. In einigen Nachrichten werden Details der Familie genannt, die sich mit den realen Umständen decken. Das Profil folgte einer Gruppe, in denen Menschen aus Königs Wusterhausen Verschwörungsmythen ausgetauscht haben.

Im Juli schrieb der spätere Täter Devid R. in eine dieser Gruppen: "Ich bin bereit mich mit allem was ich aufzubieten habe zu wehren und bin brennender Unterstützer derjenigen die gerade für Frieden, Freiheit und Grundrechte ganz vorne kämpfen."

"Wenn man sich die Dynamik in diesen Gruppen anschaut, erkennt man relativ schnell, dass da sehr viel über das Schüren von Ängsten läuft", so Martin Schubert vom Institut Demos, das in Brandenbrug Beratung in Diskriminierungsfällen anbietet. Immer wieder werde behauptet, man erlebe einen Kontrollverlust. Zentrale Motive seien auch, dass man sich in einem Krieg oder Endkampf gegen dunkle Mächte befindet, die den Staat unterwandern, sagt Schubert. "Und man selber ist sozusagen als auferweckte Person letztendlich 'Krieger des Lichts' gegen die Dunkelheit." Es gehe also darum, sich aus dieser angeblichen Gefahrensituation zu befreien, beschreibt Schubert die Diskussionen in solchen Chatgruppen.

Landesverfassungsschutz: Extremisten rufen zu Demonstrationen auf

Nicht alle, die sich in diesen Gruppen aufhalten, gehen mit dieser Umdeutung der Tat von Devid R. mit. Was für eine Art Freiheit soll es sein, wenn ein Mann gewaltsam das Leben seiner Kinder beendet? Diese Frage taucht auch immer in den Diskussionen auf Twitter oder Telegram auf.

In den kommenden Tagen sind im ganzen Land Brandenburg und darüber hinaus Versammlungen angekündigt. Auch von Gruppen und Personen, die die Tat von Senzig als eine Art Verzweiflungstat dargestellt haben, die Politik, Medien oder eben Menschen, die sich impfen lassen, Schuld geben. Der Landesverfassungsschutz verfolgt das aufmerksam.

"Es gibt darüber hinaus Hinweise, dass bekannte Einzelpersonen, Rechtsextremisten und Gruppen versuchen, in ihrem Gebiet die normale Bevölkerung unter Ausnutzung des Themas Corona zu radikalisieren“, teilt Verfassungsschutz-Chef Jörg Müller dem rbb schriftlich mit. "Sie versuchen, berechtigte Sorgen, Ängste und Nöte anzusprechen und das mit ihren extremistischen Einstellungen zusammenzuführen." Nicht jeder, der sich an diesen Demonstrationen beteiligt, sei ein Extremist und freie Meinungsäußerung ein hohes Gut, so Müller. "Die Menschen sollten aber aufmerksam prüfen, wer zu Demonstrationen aufruft. Sonst geraten sie in die Fänge von Extremisten."

Schwierige Suche nach Hintergründen

Devid R. hat einen Abschiedsbrief hinterlassen. Einige Details daraus wurden von der Staatsanwaltschaft Cottbus veröffentlicht. Demnach hatte der Mann Angst, verhaftet zu werden und die Kinder zu verlieren. Seine Frau besaß dem Brief zufolge ein gefälschtes Impfzertifikat. An der Technischen Hochschule Wildau, an der sie tätig war, fiel dieser Schwindel offenbar auf.

Die Bedrohung, die in dem Brief beschrieben wird, war jedoch nicht real. Georg Bantleon, Oberstaatsanwalt in Cottbus, nannte die Ansichten des Mannes am Mittwoch "völlig verquer". Die Familie war bislang weder dem Jugendamt aufgefallen, noch sei der Vater polizeilich bekannt gewesen. "Eine Haftstrafe bei einem Ersttäter, das ist völlig undenkbar. Ebenso die Wegnahme der Kinder", sagte der Jurist.

"Man muss davon ausgehen, dass da ein psychischer Ausnahmezustand eine große Rolle gespielt hat", sagt Hannes Püschel vom Verein Opferperspektive. Das mache die Bewertung der Tat jedoch extrem schwierig. "Deswegen erwarten wir, dass die Ermittlungsbehörden untersuchen, ob eine psychische Erkrankung bestanden haben könnte oder ob eine politische Radikalisierung zu diesem psychischen Ausnahmezustand beigetragen hat."

Beitrag von Oliver Noffke, Konrad Spremberg, Oda Tischewski

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