Interview | Tierrettung Potsdam - "Viele Tiere verletzen sich am Müll, der in der Natur hinterlassen wird"

So 26.12.21 | 09:58 Uhr
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Ein Igel wird in der Tierrettung Potsdam gefüttert (Bild: Tierrettung Potsdam)
Bild: Tierrettung Potsdam

Je mehr Menschen draußen unterwegs sind, desto mehr Tiere in Not werden gefunden. Das machte sich bei der Tierrettung Potsdam gerade im ersten Lockdown bemerkbar. Eine Tierretterin erklärt, was wir beim winterlichen Spaziergang beachten können.

rbb|24: Frau Schwoerer, welche Besonderheiten bringt der Winter für die Tierrettung mit sich?

Hanna Schwoerer: Im Winter haben wir meist weniger Anrufe, weil weniger Menschen und Tiere draußen sind. Es gibt keine Jungtiere mehr und auch die Igelsaison ist inzwischen vorbei – im Herbst kümmern wir uns um sehr viele unterernährte Igel. Allerdings bekommen wir in der kalten Jahreszeit häufiger Meldungen von festgefrorenen Schwänen – dann können wir die Anrufer:innen aber beruhigen: Schwäne stehen oft auf dem Eis, frieren aber nicht fest, weil sie von Natur aus kalte Füße haben.

Wie hat sich die Corona-Pandemie auf die Arbeit des Vereins ausgewirkt?

Gerade im ersten Lockdown haben wir gemerkt, dass viel mehr Menschen spazieren waren. Und die haben auch entsprechend mehr Tiere gefunden und uns dann kontaktiert – vieles konnten wir aber schon am Telefon regeln. Nicht jedes Tier ist unbedingt in Not, vielleicht ist es zum Beispiel nur ein Jungvogel, der gerade seine ersten Flugversuche startet. Und wir geben auch gern Hilfe zur Selbsthilfe, erklären den Menschen also, wie sie ein Tier selbstständig versorgen und zu welchem Tierarzt oder welcher Tierärztin sie es bringen können.

Ansonsten hat leider das Miteinander im Verein gelitten. Vorher haben wir uns in der Regel alle zwei Wochen zum Stammtisch getroffen und ausgetauscht, auch Info-Vorträge von Expert:innen organisiert. Neue Mitglieder konnten erfahrene Tierretter:innen zunächst bei ihren Einsätzen begleiten. Das sind alles Dinge, die nun schwieriger geworden sind. Dadurch geht gefühlt momentan viel Wissen und Sicherheit verloren.

Gab es auch finanzielle Probleme?

Wir sind besser durch die Krise gekommen, als erwartet. Die Spendenbereitschaft ist kaum zurückgegangen und einige größere Unternehmen aus der Region haben uns sehr unterstützt. Die Tierrettung Potsdam ist ein ehrenamtlicher Verein und finanziert sich über die Mitgliedsbeiträge (ab 40 Euro im Jahr), Spenden und sogenannte Fundtierverträge mit den Gemeinden. Letztere sorgen dafür, dass die Gemeinden die Verantwortung für gefundene Haustiere aus der Region an uns abgeben können, wir kümmern uns dann.

Wann kann man sich denn bei Ihnen melden? Hilft der Verein jedem Tier?

Ja, wann immer es geht, fahren wir los, auch nachts. Bei kleineren Wildtieren bekommen wir oft die Frage: Ist es das überhaupt wert? Aber unser Ansatz ist es, dass so viel Natur vom Menschen zerstört wird, dass es sich in jedem Fall lohnt. Jedes Tierleben ist wertvoll. Und für Wildtiere gibt es in Brandenburg ansonsten wenig Hilfe, das bemängeln wir schon seit Jahren. Deswegen arbeiten wir eng mit engagierten Tierärzt:innen und anderen Tierschutzvereinen zusammen, die jeweils unterschiedliche Schwerpunkte haben.

Wir übernehmen die Erstversorgung und den Transport zum Tierarzt, beraten am Telefon oder schriftlich. Ob Wildtier oder Haustier, Maus oder Familienhund, das spielt dabei keine Rolle. Außerdem unterstützen wir bei der Suche nach entlaufenen Tieren, sichern Fundtiere, organisieren die Kastrationen von streunenden Katzen und betreiben ein eigenes Tierheim in Wiesenburg.

Eine Mitarbeiterin der Tierrettung Potsdam hilft einem Vogel (Bild: Tierrettung Potsdam)Auf einem Stand-Up-Paddle-Board eilte die Tierrettung Potsdam einem Bussard zur Hilfe. Er hatte sich in dem Müll von Anglern verheddert.

Wie ist die Tierrettung aufgestellt?

Wir haben etwa 500 Mitglieder, quer durch die ganze Gesellschaft, vom Abiturienten bis zur Rentnerin. Etwa 20 davon fahren aktiv auf die Einsätze, die über eine große WhatsApp-Gruppe koordiniert werden. Wir sprechen aber keine Verpflichtung aus, niemand muss immer erreichbar sein. Wer uns unterstützen möchte, sagt einfach, was er kann und wie oft – dann finden wir eine Aufgabe. Viele bringen sich auch direkt über ihren Beruf ein, verlegen zum Beispiel als Elektriker:innen im Tierheim nach Feierabend noch Leitungen. Andere päppeln junge Vögel oder Igel, stehen dafür auch nachts alle zwei Stunden auf oder nehmen ihre Schützlinge sogar mit ins Büro.

Infobox

Ein Auto der Tierrettung Potsdam steht auf einer Wiese (Bild: Tierrettung Potsdam)
Tierrettung Potsdam

Tierrettung Potsdam

Die Notfallnummer der Tierrettung Potsdam lautet: 0151/70121202. Das Telefon ist zwischen 9:00 und 17:00 Uhr immer besetzt. Darüber hinaus versuchen die ehrenamtlichen Mitglieder je nach ihren Möglichkeiten aber auch rund um die Uhr für die Tiere in und um Potsdam herum da zu sein. Außerdem kann man den Verein jederzeit per E-Mail, Facebook oder Instagram kontaktieren. www.tierrettung-potsdam.de

Haben Sie auch schon dramatische Rettungseinsätze erlebt? Welche Einsätze sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Erst vor Kurzem haben wir auf dem Aradosee in Potsdam einen Bussard gerettet. Er hing kopfüber in einem Baum fest, weil er sich in Angelsehne verfangen hatte. Ein Mitglied der Tierrettung stieg kurzerhand aufs Stand-Up-Paddle-Board und konnte den Vogel so dank vollem körperlichen Einsatz befreien. Jetzt wird er auf dem Falkenhof Potsdam wieder aufgepäppelt und dann anschließend ausgewildert.

Am meisten berührt es mich aber, wenn wir Tiere ihren Besitzer:innen zurückbringen können, dann ist die Freude immer riesig! In diesem Jahr konnten wir beispielsweise eine Katze nach über fünf Jahren wieder mit ihrer Familie vereinen. Möglich war das nur, weil sie korrekt gechippt und registriert war. Und diesen Hinweis möchten wir auch unbedingt allen Katzen- und Hundebesitzer:innen mit auf den Weg geben: Bitte lassen Sie Ihre Tiere korrekt registrieren, das erspart teilweise viel Leid. Den Mikrochip setzen zwar die Tierärzt:innen ein, aber die Registrierung – etwa bei Tasso oder Findefix – müssen Halter:innen selbst vornehmen und bei einem Umzug auch aktualisieren.

Zur Person

Hanna Schwoerer (Quelle: privat)
privat

Hanna Schwoerer (22 Jahre) zog für ihr Jura-Studium nach Potsdam. Bei der Tierrettung Potsdam ist sie inzwischen im Vorstand und übernimmt auch administrative Aufgaben, arbeitet aber am liebsten "direkt am Tier".

Gibt es etwas, das wir als Spaziergängerinnen und Spaziergänger für die Tiere tun können oder besser unterlassen sollten?

Ein wirklich großes Problem ist der Müll, den Angler:innen, aber auch andere, hinterlassen. Viele Tiere verletzten sich daran schwer, verschlucken zum Beispiel Angelhaken. Daher ist unsere große Bitte, die Natur nicht weiter zu vermüllen und so auch weniger Tiere in Gefahr zu bringen. Und wer Enten, Schwänen etc. außerdem etwas Gutes tun möchte, sollte sie niemals mit Brot füttern. Dieses quillt im Magen auf und der Vogel denkt dann, er sei satt, hat aber kaum Nährstoffe zu sich genommen. Man kann füttern – aber dann bitte mit artgerechtem Futter, wie Dosenmais oder Salat.

Und ich persönlich freue mich einfach, wenn die Menschen ein offenes Augen haben für die Tiere um sich herum. Außerdem ist es toll, wenn Menschen nach einem Anruf bei uns nicht einfach auflegen, sondern uns als Hilfe zur Selbsthilfe verstehen und dann selbst aktiv werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jana Herrmann für rbb|24.

9 Kommentare

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  1. 9.

    @ Frank S.,deswegen erwähnte ich ja extra die ehrenamtliche Tätigkeit ,denn nebenbei haben sie noch hauptberufliche Pflichten und da kann dann schon mal was übersehn werden und dafür hab ich natürlich Verständnis.Das Wichtigste is ,,der Greif wurde unter ganz schwierigen Bedingungen ( das Foto läßt erahnen,wie schwierig es war )gerettet und wird unter fachlichen Bedingungen gesundgepflegt

  2. 8.

    Hallo Klaus, Ihren Wunsch nach Rückmeldung verstehe ich gut, und vielleicht kommt ja noch was. Vermutlich aber sind die Ehrenamtlichen bereits sehr stark ausgelastet, so dass solches Feedback wahrscheinlich einfach vergessen wurde. Ich war selbst jahrelang in ökologischen und sozialen Bereichen ehrenamtlich tätig und kann mir das deshalb recht gut vorstellen. Aktuell bin ich nur noch passiv und unterstütze einige Vereine mit kleinen regelmäßigen Spenden. Ich bin aber sicher, dass sowohl die Tierretter* als auch die geretteten Tiere Ihnen durchaus dankbar sind. Und auch ich als "Normalbürger" finde ihre Aufmerksamkeit für den Bussard und Ihre Spende sehr gut.

  3. 7.

    Wir sind gerade in der Nähe von Neustrelitz. Unberührte Natur... Beim Spaziergang sammeln wir Müll. Es ist schier unglaublich, wieviel Plastikmüll man findet, wenn man denn sucht. Selbst in sehr abgelegenen Landstrichen. Ist schon beängstigend.

  4. 6.

    Ich hab hier durch Zufall dieses Interview entdeckt und möchte mal eine Äusserung zur Rettung des Bussards machen.Damals informierte ich die Tierrettung Postdam über den verunglückten Bussard .Als ein Mitglied der Tierretung vor Ort eintraf,informierte ich es über die Zugangsmöglichkeiten für die Rettung des Greifes .Leider mußte ich damals aus Zeitgründen den Ort des Geschehens verlassen. Über die Website der Tierretung bedankte ich mich für diesen Einsatz und kündigte eine Spende an,die ich anschliessend auch tätigte.Leider gab es keine Rückmeldung von der Tierretung.Auch wenn das alles ehrenamtliche Mitarbeiter sind,hätte ich mir ein kurzes Feedback gewünscht

  5. 5.

    Wenn ich so zurückdenke ... Schulzeit in Berlin / Natur- gar Umweltschutz - eine kleine Randnotiz in diesbezüglichen "Leerplänen". Aufgewachsen bin ich zwischen Heidschnucken und Kaltblütern. Großvater war Schäfer. Ja - da blieb jede Menge hängen und Diskussionsbedarf gegenüber den damals "Leerenden" übrig. Sehr "kopfnotenlastig" sowas ;-). Ob sich schulisch was geändert hat, weiß ich nicht und für etliche Leute ist ja schon das Umtopfen der Geranien Umweltschutz in Reinstfrom. Die, die ihr Wissen, ihre Erfahrungen weitergeben, z.T. auch entsprechendes Verhalten einfordern oder anmahnen, werden von nicht wenigen als, vornehm gesagt, Ökospinner abgetan. Das wird noch viel Wasser die Havel runter fließen bis ein wirklich belastbares Umdenken, gar Umlernen, stattfindet. Leider!

  6. 4.

    Tolles Engagement! Ganz herzlichen Dank an Frau Schwoerer und ihre passiven und vor allem aktiven Mitstreiter* bei der Tierrettung und anderen Vereinen! Traurig nur, dass so viele Einsätze wegen Gedanken- oder Respektlosigkeit von Menschen nötig werden. Dem Aufruf, keinen Müll zu machen, wird sich wohl jede* anschliessen, der mal kurz nachdenkt und mit wirklich offenen Augen durch die Landschaft läuft. Und nicht zuletzt z.B. für Angler* sollte das eigentlich zum selbstverständlichen Ehrenkodex gehören. Vielen Tieren wäre zudem enorm geholfen, wenn der Mensch sich nur um menschengemachten Müll kümmert - aber nicht die Natur aufräumen will: Laub, Totholz und gesunde Unordnung an möglichst vielen Stellen sind gerade im Winter überlebenswichtig.

  7. 3.

    Das stimmt, es gibt viele tolle Vereine und Einzelpersonen, die sich engagieren. Was ich meinte, war staatliche Hilfe, die in Berlin z.B. dadurch gewährt wird, dass Wildtiere kostenlos in der Uni Klinik Düppel behandelt werden können.

  8. 2.

    Es kommt doch nicht darauf an, wieviel Menschen unterwegs sind. Die Leute sollten endlich wieder mehr Respekt vor der Natur haben und keinen Müll hinterlassen. Das ist eine Sache der Erziehung, fängt in der Familie an und geht in der Schule weiter. Wann lernen wir endlich, dass wir Teil der Natur sind?

  9. 1.

    "Und für Wildtiere gibt es in Brandenburg ansonsten keinerlei Hilfe, das bemängeln wir schon seit Jahren."

    Das stimmt nicht!!! In Kremmen sind die EHRENAMTLICHEN "Wilde Pflegekinder OHV"

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