Stichproben in Berlin und Brandenburg - Tierschützer kritisieren Kleintierverkauf im Einzelhandel scharf

Sa 04.12.21 | 07:57 Uhr | Von Martina Wenk
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Kleintier in einer Kleintierhandlung (Quelle: dpa/Anton Novoderezhkin)
Video: Super.Markt | 29.11.2021 | Martina Wenk | Bild: dpa/Anton Novoderezhkin

Meerschweinchen mit Bisswunden, Kaninchen mit Ausschlag: Kranke Tiere werden Kund:innen einfach über den Ladentisch gereicht. Tierschützer fordern von der Politik, den Handel mit Kleintieren stärker zu reglementieren. Von Martina Wenk

Klein und kuschelig - vor allem auf Kinder wirken Kleintiere wie Meerschweinchen oder Zuchthasen sehr attraktiv. Verkauft werden sie unter anderen in Zoogeschäften, Pflanzen- und Futtermärkten oder im Baumarkt. Laut Tierschützern kommen viele der Tiere aus grauenvollen Zuchtanlagen, aber auch in den Läden sollen die Zustände kritisch sein. Die Tierschutzorganisation Peta setzt sich dafür ein, dass diese Art Tierverkauf verboten wird.

In jeder besuchten Filiale: verletzte und kranke Tiere

Jana Hoger, Fachreferentin bei Peta Deutschland e.V. sagt, dass sie "meistens ein sehr, sehr trauriges Bild von Tieren" vorfänden, wenn sie in Gartencentern, Baumärkten oder auch Zoohandlungen unterwegs seien: "Wir sehen Tiere, die massiv gestresst sind, die sich teilweise gegenseitig attackieren, die offene Wunden haben. Die auch aufgrund von dem Stress natürlich sehr, sehr immungeschwächt sind."

Bereits 2016 untersuchte die Charité in einer Studie Meerschweinchen aus Berliner Zoohandlungen. 55 von 59 Tieren hatten einen ansteckenden Hautpilz. Wie sind die Bedingungen fünf Jahre später? Das rbb Fernsehen hat Jana Hoger mit versteckter Kamera bei Besuchen von Märkten in Berlin und Brandenburg begleitet.

Die Aufnahmen zeigen, dass unter anderen in einer Filiale von Pflanzen-Kölle in Brandenburg und in einem Geschäft von Futterhaus in Berlin Kleintiere mit ernsthaften Krankheiten oder Verletzungen verkauft werden. In jeder der drei besuchten Einzelhandelsfilialen hat die Expertin von Peta, die selbst vier Jahre in einer Tierarztpraxis gearbeitet hat, verletzte und kranke Tiere gefunden.

Tierärztin Jeannette Koepsel diagnostiziert in der aktuellen Stichprobe des rbb Verletzungen und Krankheiten, darunter typische Bisswunden und Infektionen.

Sowas darf man meiner Ansicht nach gar nicht verkaufen! Das können wirklich ansteckende Pilze sein. Das ist ansteckend auch auf den Menschen, das ist eine Zoonose!

Tierärztin Jeanette Koepsel

Bisswunden und unerkannte Schwangerschaft

Ein Tier mit Bisswunden wurde bei Pflanzen-Kölle im sogenannten Crowding-Verhältnis gehalten. Das bedeutet, dass viele Tiere mit häufigem Wechsel in hoher Besatzdichte zusammenleben.

Das Unternehmen sieht gegenüber dem rbb darin kein Problem und schreibt: "Vorübergehende 'Rangeleien' zur Festlegung der Rangordnung sind (...) völlig normal, nicht zu verhindern und auch nicht überzubewerten. Auch evtl. daraus resultierende leichte Blessuren sind rein oberflächlich und verheilen kurzfristig, komplikationslos und vollständig." Tierärztin Jeanette Koepsel ist anderer Ansicht. "Das ist für so ein Tier ein unglaublicher Stress. Das kann bis zum Tod (...) führen."

Bei einem anderen Meerschweinchen, das in einer Brandenburger Zoohandlung gekauft wurde, muss die Veterinärin wegen einer solchen Verletzung sogar ein Antibiotikum spritzen. Bei einem Artgenossen aus diesem Geschäft erhärtet sich der Verdacht, dass es schwanger sein könnte. Ein Resultat der Gemischtgruppen-Haltung.

Nach Auffassung der Tierschützer ist auch die kritisch zu bewerten, denn so holen sich Käufer:innen mitunter statt einem Meerschwein ungewollt gleich mehrere ins Haus und sind mit der artgerechten Haltung des Nachwuchses dann oft überfordert.

Der Händler rechtfertigt die Haltung in Gruppen gegenüber dem rbb damit, dass die Tiere in ihrer Heimat Peru auch nicht getrennt würden. Tierschützer weisen jedoch darauf hin, dass die Tiere dort jedoch die freie Wildbahn zur Verfügung hätten und nicht ein begrenztes Gehege.

Alle Tiere zur Regeneration im Tierheim

Bei einem Kaninchen, gekauft bei Futterhaus, hat die Tierärztin den Verdacht auf einen Hautpilz und kritisiert: "Sowas darf man meiner Ansicht nach gar nicht verkaufen! Das können wirklich ansteckende Pilze sein. Das ist ansteckend auch auf den Menschen, das ist eine Zoonose!"

Die betroffene Berliner Filiale schreibt dem rbb auf Nachfrage, das Kaninchen sei wegen einer Ohrenentzündung in Behandlung gewesen: "Von Seiten des Tierarztes wurde uns die Gesundheit des Tieres (...) 7 Tage vor dem Verkauf (...) attestiert.

Warum die Dermatomykose bei dieser tierärztlichen Untersuchung nicht diagnostiziert wurde, prüfen wir derzeit." Positiv bei diesem Besuch: Es wurde nach dem Personalausweis gefragt. Und der Kauf des Tieres wurde in einem Vertrag dokumentiert.

Alle Händler verweisen darauf, sich an die gesetzlichen Vorschriften zu halten. Allerdings reichen diese nach Ansicht von Tierschützern nicht aus.

Die kranken Tiere wurden inzwischen in ein Eisenhüttenstädter Tierheim gebracht. Dort sollen sie nun gesund gepflegt und vermittelt werden.

Sendung: Super.Markt, 29.11.2021, 20:45 Uhr

Beitrag von Martina Wenk

20 Kommentare

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  1. 20.

    Also ich bin auch der Meinung, dass Tiere nur von FACHPERSONAL verkauft werden dürfte. Tierhändler sollte ein Ausbildungsberuf sein oder es müssten zumindest entsprechende Qulifikationsseminare mit abschließender Prüfung dafür geben. Man bekommt heut zu Tage ja schwerer einen Angelschein! Trotzdem würde mich die auch die Qualifikation dieser PETA Dame interessieren. Ich kann auch 4 Jahre irgendwo arbeiten und keine Ahnung von der Materie haben.

  2. 19.

    Die Fachberatung in Baumaerkten wenn überhaupt mal jemand zu kriegen ist nur rudimentär vorhanden, bis auf ganz, ganz, wenige Ausnahmen. Tiere gehören da nicht hin. Eigengentlich der Kauf von hochwertigem Wergzeug auch nicht.
    Aber Tiere sollte man wenn im Tierheim und auch dann nur reichlich ueberlegt adoptieren. Dabei ruhig mal auch ein aelteres Tier in die engere Wahl mit aufnehmen. Tiere hat man nicht nur für kurze Zeit, sondern auch für deren ganzes Leben und man übernimmt auch Verantwortung.

  3. 18.

    Peta schaut dorthin, wo wir alle wegsehen. Ich habe auch verletzte oder kranke Tiere in einer dafür bekannten Tierhandlung gesehen. Es geht nur um Geldgier und Umsatz. Mit kranken Tieren Geschäfte machen muss strafrechtlich verfolgt werden!!! Peta macht weiter so! Zeigt die Mißstände an und helft somit anderen Tieren!

  4. 17.

    Nur mal am Rande: ja, in Zoohandlungen gibt es sowas wie Fachpersonal. Das problem: das Personal bekommt aber meist keinerlei Ausbildung zu Kleintieren, die befähigt, artgerechte Haltung zu erklären. Die Mitarbeiter wissen viel zu wenig über Kaninchen und andere Kleintiere!! Bestes Beispiel: der Käfig, der immer dazu verkauft wird. Kein Tier wird in einem Käfig artgerecht gehalten. Würde man eine Katze in dem selben Käfig halten, ist das Tierquälerei. Bei Meerschweinchen und Kaninchen aber nicht?!
    Bitte, kauft keine Tiere im Handel!!! Geht immer ins Tierheim, nur dort bekommt man wirkliche Fachberatung!!

  5. 16.

    Mich würde interessieren, welche. Fachkompetenz die Beauftragte von PETA hat. Ich bin auch der Meinung, dass der Verkauf lebender Tiere in den Gartenabteilungen der Baumärkte nicht nötig ist. Dafür gibt es Zoohandlungen mit entsprechend ausgebildetem Fachpersonal. War früher ein Lehrberuf, heute ???. Aber es ist bekannt, dass Zoohandlungen regelmäßig tierärztlich überwacht werden, und dass ein erkrankten, in Behandlung befindliches Tier vom Verkauf ausgeschlossen ist.

  6. 15.

    Najah " Peta " aus so ein Verein wo man so seine Zweifel hat

  7. 14.

    Illegalen Handel will vor allem kein Tier und Hund schon garnicht. Tierhandel in Baumärkten und Großhandelsketten muss unbedingt verboten werden.

  8. 13.

    Das Problem ist leider grundlegend und ohne Verbot nicht auflösbar. Ein Verbot würde aber auch nichts nutzen, weil es dann nur noch illegalen Handel mit noch schlimmeren Bedingungen gäbe. Meerschweinchen, Kaninchen und andere Nager sind nun mal Gruppentiere. Kämpfe um die Rangordnung lassen sich nicht vermeiden bzw. nur durch Einzelhaltjng und das ist eine noch größere Quälerei für die Tiere. Bezüglich der allgeinen Gesundheit der Tiere in den Geschäften ließe sich sicher noch was verbessern, dann steigen aber auch die Preise, was Kunden meist nicht zahlen wollen und dann wieder auf Tiere zweifelhafter Herkunft ausweichen. Tierhandel ist leider ein schmaler Grat. Es muss vor allem regelmäßig kontrolliert werden, damit die Tiere nicht leiden.

  9. 12.

    Unverantwortlich wie hier „Haustierverbotstaliban*innen“ keine Vorschläge machen, damit die unbestritten heilende psychische Wirkung von Haustieren auf Kinder und auch Einsame ihre Wirkung erzielen kann. Mit dem Kauf eines Haustieres wird der gesetzliche Tierschutz mitbezahlt. Wenn PETA-Leute sich bei den Kontrollbehörden anstellen lassen, wäre das zumindest konstruktiv... und die Erkenntnis, das kleinste Verstöße nicht zu 100% zu verhindern sind, nicht weit. Und kann man das dann nicht aushalten, angesichts des Glücks Millionen von Haustierhaltern?

  10. 11.

    Auch Baumärkte und Co werden vom Amtstierarzt kontrolliert, es gibt nur eine Verkaufgenehmigung, wenn das Personal den zuständigen Paragraphen erworben hat, wo bitte ist der Unterschied zu einem Geschäft, welches nur Tier und Tierbedarf verkauft?

  11. 10.

    Traurig aber Wahr und unsere Politik schaut seit Jahren zu, egal ob illegaler Welpenhandel usw, die Liste ist lang von Tierschutzverstössen.

  12. 9.

    Da stimme ich Olaf zu.Es sollte ein Verbot von Tieren in Baumärkten verboten werden.Nur in ausgewählten Tierhandlungen die regelmäßig kontrolliert werden.Ich habe auch schon sehr kranke Tiere gesehen und dem Tierschutz gemeldet. Da muß unbedingt etwas von der Politik geändert werden.

  13. 8.

    Ich habe mich schon gefragt, wo das Thema bleibt, war doch Anfang der Woche im rbb-Fernsehen.
    Die Tierhändler im Zoogeschäft dürften die Tiere nur mit ärzlichem Zertifikat verkaufen. Ganz verbieten würde nur den illegalen Handel ankurbeln, das will kein Mensch.

  14. 7.

    Nur so zur Information fürs allwissende PETA - die Tiere mit den langen Ohren sind keine Zuchthasen, sondern Kaninchen. Im Übrigen erscheint mir die Berichterstattung stellenweise doch etwas übertrieben.

  15. 6.

    ...das fände ich weniger schlimm, wenn wir auf dem Weg dahin nicht jede Menge Lebewesen so misshandeln würden.

  16. 5.

    Bei allem Mitgefühl für die Tiere in dieser grausamen Lage: Tiere werden nicht "schwanger", sondern trächtig oder tragend - genauso wie sie nicht "essen". Vermenschlichung trägt nichts dazu bei, dass es ihnen besser geht.

  17. 4.

    Tiere haben in Zoohandlungen nichts zu suchen. Wer ein Tier haben möchte, geht bitte zu einem verantwortungsvollen Züchter oder ins Tierheim.

  18. 3.

    Vielleicht überdenken man generell mal den Umgang mit Tieren. Niemand fordert ein Zertifikat, der Verkauf von kränkelnden Tieren ist genauso üblich, wie die artfremde Haltung bis zum Verkauf.
    Tiere gehören in eine Zoohandlung oder in die Obhhut von Züchtern!
    Dazu gibt's ne tolle Doku: Armer Mensch, armes Huhn ...in einigen Mediatheken zu finden!

  19. 2.

    Jetzt reichts! Ich vordere umgehend Mobbingbeauftragte für alle Kleintiergehege!!!!!1!!1!

  20. 1.

    Die Menschheit hat aus Corona nichts gelernt und bekommt was sie verdient hat.

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