Erlass vom 16. Januar 1972 - Das "Fräulein" ist seit 50 Jahren Geschichte

So 16.01.22 | 08:16 Uhr | Von Sigrid Hoff
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Straßencafe in Berlin. (Quelle: dpa/Konrad Giehr)
Bild: dpa/Konrad Giehr

Fräulein oder Frau? Bis vor 50 Jahren spielte diese Unterscheidung eine wichtige Rolle. Und manch einer - oder manch eine - mochte sich auch nach der Abschaffung des "Fräuleins" im behördlichen Sprachgebrauch nicht umgewöhnen. Von Sigrid Hoff

"Ich bin Andreja Schneider, Fräulein Schneider." Mit einer koketten Betonung der Anrede eröffnet die Conférencieuse die konzertante Aufführung von Paul Abrahams Operette "Blume von Hawaii", die derzeit an der Komischen Oper Berlin spielt. "Fräulein Schneider", den Spitznamen nutzt die Schauspielerin seit ihren ersten Auftritten mit dem Comedy-Trio Geschwister Pfister Anfang der 1990er Jahre. Da war das "Fräulein" längst aus der Mode gekommen.

Heute hört man es zuweilen noch auf Berliner Wochenmärkten, meist mit Augenzwinkern: "Wat darf's denn sein, Frollein?". Doch einst stöpselte das "Fräulein von Amt" - eine Institution! - die Telefonverbindungen, schallte der Ruf: "Fräulein, bitte zahlen" durch die Restaurants. "Mein liebes Fräulein" war mal charmant als Begrüßung gemeint, in mahnendem Ton gesprochen der Tadel für kleine Mädchen.

"Fräulein", auch ohne Namen, meinte die unverheiratete junge Angestellte. Die Anrede betonte den Personenstand und machte ihn zugleich öffentlich. Für Männer reichte "Herr", der Ehestand blieb Privatsache.

Ein Fräulein von der Telefonzentrale Volkswagen Factory in Wolfsburg (Quelle: dpa/United Archives/Erich Andres)
Das berühmte "Fräulein vom Amt" Bild: dpa/United Archives/Erich Andres

Vor 50 Jahren landete das "Fräulein" im Papierkorb

Damit ist es nun seit einem halben Jahrhundert vorbei: Am 16. Januar 1972 stellte der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) in einem Erlass fest: "Es ist an der Zeit, im behördlichen Sprachgebrauch der Gleichstellung von Mann und Frau und dem zeitgemäßen Selbstverständnis der Frau von ihrer Stellung in der Gesellschaft Rechnung zu tragen." Das "Fräulein" wurde aus dem Amtsdeutsch getilgt und aus Formularen gestrichen. Fortan gab es nur noch "Herr/Frau".

Abgeleitet von dem Mittelhochdeutschen "vrouwe" war mit "Frau" bis zum 19. Jahrhundert die adlige Dame gemeint, mit "Fräulein" ihre Tochter. Seit dem 19. Jahrhundert fand die Bezeichnung Eingang in das Bürgertum. Um die Wende zum 20. Jahrhundert bürgerte sich die Anrede "Fräulein" für unverheiratete weibliche Berufstätige ein, insbesondere für Lehrerinnen. Schließlich galt für sie noch bis 1919 ein Lehrerinnenzölibat. Ältere Wissenschaftlerinnen waren stolz auf ihr "Fräulein Doktor" - sie hatten es auch ohne Mann geschafft.

Nach 1919, in der Weimarer Republik, wurden die Regeln lockerer und selbst während des Nationalsozialismus durften weibliche Unverheiratete die Anrede "Frau" wählen, insbesondere wenn sie nichteheliche Kinder hatten.

Zwischen Fräuleinwunder und Frau Architekt

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945, mit der Besatzung Deutschlands durch die Alliierten, entdeckten die US-Amerikaner das deutsche "Fräuleinwunder", der deutsche Begriff fand sogar Eingang in die englische Sprache. Anfang der 2000er Jahre bezog sich die Girlsband "Fräulein Wunder" auf diese Tradition.

Die Anrede "Frau", unabhängig vom Ehestand, gehörte in der DDR ab 1949 zur Gleichstellungspolitik. Allerdings verzichtete man bei der Berufsnennung konsequent auf die weibliche Endung. Iris Grund, Jahrgang 1933, einst Mitarbeiterin des Star-Architekten Hermann Henselmann in Ost-Berlin, die als einzige Frau in der DDR die Position des Stadtarchitekten in Neubrandenburg bekleidete, nennt sich mit stolzer Beharrlichkeit noch in hohem Alter: Frau Architekt.

Die FDP-Politikern Marie-Elisabeth Lüders im Juni 1958 in ihrer Bonner Wohnung. (Quelle: dpa/Kurt Rohwedder)
Die FDP-Politikerin Marie-Elisabeth Lüders forderte schon in den 1950ern die Abschaffung des "Fräuleins"

Die alte Bundesrepublik beharrt zunächst auf dem "Fräulein"

In der Bundesrepublik hatte bereits 1954 die FDP-Abgeordnete Marie-Elisabeth Lüders im Bundestag die Abschaffung der Anrede "Fräulein" gefordert. Doch erst Studentenrevolte und Frauenbewegung befeuerten die Bemühungen, Emanzipierte brandmarkten die Verkleinerungsform als Herabwürdigung. Die Alternative, für unverheiratete Männer die Bezeichnung "Herrlein" einzuführen, sei gar nicht erst erwogen worden, bedauert Luise F. Pusch, Mitbegründerin der feministischen Sprachkritik: "Meist wird in der Sprache so entschieden, dass dem Mann möglichst nichts geschieht, das ist meine Beobachtung als Sprachwissenschaftlerin."

Die Abschaffung des "Fräulein" wurde auch nach 1972, selbst an Universitäten, als Provokation verstanden. So hat es Ute Frevert, Historikerin und Direktorin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin-Dahlem und Spezialistin für Geschlechtergeschichte, noch zu Beginn ihres Studiums in Münster erlebt: Wer im Seminar auf der Anrede "Frau" bestand, wurde als Feministin abgestempelt. Dabei hätten sie sich vor allem gegen die Herabwürdigung durch die Anrede "Fräulein" gewehrt. "Dies kenntlich zu machen, darauf zu beharren, war ein Teil der Selbstermächtigung von Frauen in den 1970er Jahren", urteilt die Historikerin.

Die die Freiburger Sprachwissenschaftlerin Helga Kotthoff hingegen erinnert sich an eine rasche Umstellung in der Gesellschaft: "Niemand hat dem 'Fräulein' nachgetrauert, weil damit die Asymmetrie, bei Frauen den Status unverheiratet zu betonen, aufgehoben wurde. Es war ein angebahnter Sprachwandel, der in der Bevölkerung auf breite Zustimmung stieß und sich nicht beschränkte auf akademische Kreise, wie so manche Sprachreform, die im Moment daherkommt."

Ob die Debatten um Gendersternchen oder Glottisschlagpause, die heute die Feuilletons füllen, dereinst auch in einen Erlass münden werden? Sprachkritikerin Luise F. Pusch, die als Erfinderin der Gender-Pause gilt, rät zur Gelassenheit: "Was unerträglich erschien, wird irgendwann ganz normal. Sprache ist auch eine Gewohnheitssache." Das habe sich in den 50 Jahren nach der Abschaffung des Fräuleins gezeigt.

Sendung: Fritz, 14.01.2022, 18:50 Uhr

Beitrag von Sigrid Hoff

56 Kommentare

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  1. 56.

    Beides, werter Herr Elian, nein eher Alles! Einen gut bezahlten Job, der auch Spass macht, eine respektvolle Anrede und gepflegte Umgangsformen. Klare Kante, auch mal deutliche Worte und mal 'n Joke oder zwei - aber nicht unter der Gürtellinie. Echt - dat lüppt. "Wir" Frauen können so sein, wenn wir wollen - oder müssen.

  2. 55.

    Bei einigen Kommentaren zum Gendern(ob nun sinnvoll sei dahingestellt)- darum geht es im rbb24-Artikel eigentlich nicht- fällt mir gerade Mal eine eventuelle politisch-korrekte Stellenbeschreibung ein;
    "... suchen Zimmermann/Zimmerfrau....
    Nach meinem Verständnis sind das doch wohl auch heute noch 2 völlig verschiedene Berufe aus völlig verschiedenen Berufsfeldern...?! DAS GIBT ABER MISSVERSTÄNDNISSE...
    Oder hat sich daran auch aktuell (Stand 01/2022) was geändert ?
    Ich bin Jahrgang 1968...

  3. 54.

    Frage in die Runde: Würdet Ihr Frauen lieber eine hohe Position haben, in der man Euch aber mit "Fräulein..." anspricht oder ein Hartz-IV-Sanktionsbescheid erhalten, in dem Ihr mit "Frau... und Kundin" angeredet werdet?
    Würdet Ihr lieber ein weiblicher Traktorist sein, der zufrieden seiner Arbeit nachgeht, oder eine erwerbslose Traktoristin sein?
    Was ist die weibliche Entsprechung für: "Wer (will, der...)? Vieleicht "Wie (will, die...)? Wie Ihr also seht, habe ich mir über diese ganze Problematik schon so einige Gedanken gemacht, weil ich die Sache sehr ernst nehme.

  4. 53.

    Bloß nicht eine junge Frau eine "Junge Dame" nennen, das ist abwertend und übergriffig. Sie muss wohl "Alte Schlampe" genannt werden, damit sie sich als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft fühlen kann.
    "Früher war ich lediglich ein weibleicher Traktorist. Heute bin ich eine emanzipierte erwerbslose Traktoristin."
    Mit solchen Themen der Gehirnwäsche können sich wohl nur Menschen auseinandersetzen, die keine Probleme haben oder ihren Beitrag dazu leisten wollen, von den wirklichen Problemen und essentiellen Themen in der Gesellschaft abzulenken.
    Ich hatte eine Lehrerin an der Schule, die auch "Fräulein..." genannt wurde, weil sie noch eine unverheiratete junge Frau war. Nicht ansatzweise wäre ich auf den Gedanken gekommen, dass das abwertend sein könnte. Im Gegenteil! In Verbindung mit ihrem Nachnamen hörte sich die Kombination besser an als wenn "Frau" davor gestanden hätte. Abgesehen davon war sie wirklich emanzipiert und wurde in der Gesellschaft gleichberechtigt anerkannt.

  5. 52.

    Also, ich bin 58 J. alt und finde das Gendern super! Im Betrieb fällt mir auf, dass die jüngeren Kolleg*innen ganz selbstverständlich gendern. Das finde ich toll. Hätte ich zu Anfang dieser Bewegung nicht gedacht, aber da man es immer öfter hört, gewöhnt man sich daran. Im Gegenteil, mir fällt es jetzt inzwischen auf, wenn NICHT gegendert wird - und irgendwie fühle ich mich oft nicht mehr angesprochen als Frau, wenn nur die männliche Version benutzt wird.

    Sie schreiben: "...oder eben meine Variante der ausschließlich weiblichen Bezeichnungen umsetzen.". Das habe ich auch für eine kurze Zeit gemacht und siehe da, ich bekam Mails von meinen männlichen Kollegen zurück, ob ich jetzt nur die Kolleginnen meinte oder auch die Kollegen...fand ich schon lustig. Man sieht also, dass sich Männer bei der rein weiblichen Bezeichnung auch nicht angesprochen fühlen.

  6. 51.

    Ich bin Jahrgang 1966 und wurde sowohl in meiner Ausbildung zur Bürokauffrau (1983-1986), als auch in meiner beruflichen Anfangszeit gerne mal mit Fräulein angesprochen, lag wohl auch eher an der Betriebsführung durch jeweils "alte Herren". Sonderlich gestört hat es mich nicht. Mit meiner Heirat hatte es sich dann ohnehin erledigt.

    Dem Gender-Schreibstil verweigere ich mich wo es nur geht. Notfalls spreche ich die Person an wie sie tituliert werden möchte. Auch schon erlebt... meine Offenheit wurde als sehr positiv angenommen.

  7. 50.

    Dem Verlust des Fräuleins ist dennoch, ganz unsexistisch, nachzutrauern."
    Sie können sich ja, um den Verlust zu minimieren, mit Fräulein ansprechen lassen. Frauen sollten Sie allerdings als solche bezeichnen.

  8. 49.

    Man zahlt auf jeden Fall ein bisschen Lehrgeld. Danke für Ihren berechtigten Hinweis, ist korrigiert!

  9. 48.

    Aua! Wieviel Zoll zahlt man denn beim „Zöllibat“?

  10. 47.

    Sie beschreiben etwas, was echte gelebte Gleichberechtigung im Leben und in der Sprache, beinhaltet. Gleiche Bezahlung und selbstbestimmt über den eigenen Körper zu bestimmen, gehören auch dazu. Ob man es ehrlich meint, erkennt man daran und wie man über Frauen spricht. Auch die Entwicklung, weg von Fräulein taugt überhaupt nicht für die Rechtfertigung von „Sprachverschandlung“ des Plural, sondern passt eher, warum Wörter wie herrlich oder dämlich einfach kaum noch benutzt werden, ganz ohne Erlass. Und das ist Entwicklung, die akzeptiert wird. Man kann gerechter richtig formulieren und kann sofort erkennen: echte Wertschätzung oder ...
    Beispiele: Besuchergruppe – Gäste; Ansprechpartner – Kontakt; Expertentagung – Fachtagung; Nutzerordnung – Nutzungsordnung; Teilnehmerliste – Anwesenheitsliste usw.

  11. 45.

    Guten Tag,
    mal eine Zwischenfrage: hat man früher zu einer 50 Jährigen wirklich "Fräulein" gesagt?
    Und die damit einhergehende Frage: wenn nein, warum sollte man aus dem Heiratsstatus einer jungen Frau ein Geheimnis machen? Auf dem Oktoberfest in München wird heute noch entsprechend Tracht getragen - und ich finde da nichts Schäbiges oder Anrüchiges bei - im Gegenteil; nicht nur für mich ist das Teil des deutschen Kulturgutes - jawoll Frollein
    Wochenendgrüße aus Eberswalde

  12. 44.

    Das Gendern ist eher dem Zeitgeist geschuldet. Nichts tun, aber viel sprechen. Das Gendern bewirkt neben breiter Ablehnung wenig bis nichts. Aber tun will von den Sprachgenderern kaum einer was für tatsächliche Gleichstellung. Könnte ja anstrengend werden.

  13. 43.

    Nein. Und sie sind aus einer Sprache auch nicht zu verbannen. Ich finde diese Wörter in jeder Sprache hübsch, aber ich bin ja auch ein alter, weißer Mann.

  14. 42.

    Ich finde das Wort Fräulein schön, aber nicht im Sinne seiner früheren Verwendung. Ich verwende es auch noch ganz bewusst, so wie Schlüpfer oder Brause. Bestelle ich eine Orangenbrause in der Gaststätte, freue ich mich regelmäßig über die ratlosen Gesichter des Bedienpesonals.

  15. 41.

    Dann waren Sie also in Ihrer Jugend ein nicht ganz unattraktives Männlein:) und jetzt ein altes Schlachtschiff.

  16. 40.

    Während wir Älteren noch darüber debattieren, leben die Jüngeren einfach schon mal: Im Umfeld meiner beiden Kinder wird schon ganz selbstverständlich die "Glottisschlagpause" verwendet. Diesen Begriff hatte ich bis eben noch nie zuvor gehört oder gelesen, nehme aber mal an, dass es sich dabei um die gesprochene Pause zwischen z.B. "Lehrer" und "innen" handelt.
    Auch im Radio und TV ist das immer häufiger zu hören. Ob es mir gefällt oder nicht, ich werde mich wohl auch daran gewöhnen müssen oder eben meine Variante der ausschließlich weiblichen Bezeichnungen umsetzen. :-)

    Wichtig finde ich, dass nicht im Nachhinein bei Neuauflagen in Büchern herumgepfuscht wird. Wenn etwas damals eben so geschrieben wurde, dann ist das auch ein zeithistorisches Dokument. Das kann ja heute gerne zu Diskussionen als Anlass genommen werden, darf aber meiner Meinung nach nicht auf unseren heutigen Stand der Sprache übersetzt werden, da es dann den usprünglichen Charakter verfälscht.

  17. 39.

    Ich wurde bis weit in die 80er hinein immer wieder mal zurechtgewiesen, dass es im jeweiligen Fall Fräulein statt Frau (oder umgekehrt) zu heißen habe, das war im süddeutschen Raum schon noch lange relevant.

    An sprachlicher Absurdität in Sachen Ausgrenzung des Weiblichen gefiel mir stets besonders gut die Kaufmännin. :-)

    Mein Vorschlag für bzw. gegen das Gendern - der rbb hatte meines Wissens mal vor ein, zwei Jahren für eine Woche einen solchen Versuch ausgeführt - wäre, einfach z.B. Lehrerinnen, Fußgängerinnen, Mörderinnen usw. zu sagen bzw. zu schreiben. Alle Männer wissen dann ja schon, dass sie da ebenfalls mit gemeint sind - das ist ja aktuell stets das Argument vieler Männer gegen jedwede Veränderung in dieser Angelegenheit.

  18. 38.

    Es gibt auch Frauen, die so froh sind, einen Mann abbekommen zu haben, daß sie nicht einmal in Erwägung ziehen, ihren eigenen Namen zu behalten :)

  19. 37.

    Sprachentwicklung, im Sinne von „ das Verstehen“, hat sich immer durchgesetzt. Von der Geschichte gebrandmarkt wurde immer die Verschandelung durch Ideologie. Nochmal, weil Sie immer wieder von vorne anfangen: Wer hat die Deutungshoheit was Fortschritt ist und welche Rolle spielen da der deutsche Rechtschreibrat, unsere deutschsprachigen Freunde, Sprachwissenschaftler (nicht Genderforscher, was etwas anderes ist) und nicht zuletzt die (auch junge) Mehrheit, Trends usw. Unter Abiturienten wird wie gesprochen usw?

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