Aktivistinnen wollen wegen Klima-Krise kinderlos bleiben - "Wir sollten alle auf den Barrikaden sein"

So 09.01.22 | 07:56 Uhr | Von Maico Riegelmann
Physikstudentin Isi mit ihrem "protest of one" in Berlin-Prenzlauer Berg (Quelle: rbb/Maico Riegelmann)
Audio: rbbKultur | 08.01.2022 | Maico Riegelmann | Bild: rbb/Maico Riegelmann

Linda, Anny und Isi engagieren sich in Berlin für Klima-Gerechtigkeit und beschäftigten sie sich ausführlich mit den Fakten der Klima-Krise. Danach steht ihr Entschluss fest: Sie wollen keine Kinder in diese Welt setzen. Von Maico Riegelmann

Es ist ein kalter, nebliger Dezembermorgen vor dem Bode-Museum in Berlin. Die 24-jährige Linda hat alle Hände voll zu tun. Zusammen mit anderen "Extinction Rebellion"-Aktivist:innen organisiert sie eine Performance, um noch mehr Menschen für den Klimaprotest zu gewinnen.

Nach dem Abschluss ihres Biologie-Studiums im vergangenen Jahr wurde das Klima für sie immer wichtiger. Die Klima-Bewegung veränderte ihr Leben grundlegend. Linda will kinderlos bleiben - entgegen der Lebensentwürfe ihrer Eltern, denn die wünschen sich Enkelkinder. Eine gründliche Aussprache mit ihnen steht noch aus, denn die Vollzeit-Aktivistin will auch auf normale Lohnarbeit verzichten und stattdessen alle Energien in den Klima-Protest stecken.

"Wir haben überhaupt keine Zeit für leere Versprechungen. Die Politik muss handeln. Und da sie das im Hinblick auf Wiederwahl nicht tut, müssen Bürger:innenräte her, an die die Lobbygruppen nicht so leicht herankommen", sagt Linda, die sich seit drei Jahren bei "Extinction Rebellion" engagiert.

Klima-Krise wirft Kinderwünsche über den Haufen

Für die 23-jährige Anny war es ein schwerer Entschluss, denn eigentlich wollte sie gern Kinder. Die Klima-Krise zwingt sie zum Umdenken. Die ersten Folgen der Klima-Krise seien insbesondere im globalen Süden bereits spürbar, so die Geschichtsstudentin, da gebe es Leid, Erderwärmung und Ressourcenknappheit - alles Dinge, die sie und die meisten Menschen ihres Umfelds noch nie erlebt hätten.

“Allein das reicht für mich schon aus, zu sagen, in eine so ungewisse Zukunft sollte kein Kind rein geboren werden", sagt die Aktivistin. Studium, Freundschaften, Familie - alles muss zurücktreten, denn der Kampf ums Klima hat für sie jetzt Vorrang.

"Ziviler Ungehorsam hat die Macht, Menschen und Medien aufzurütteln"

Bis vor Kurzem war Anny in Lützerath. Das vom Kohleabbau bedrohte Dorf im rheinischen Braunkohletagebau Garzweiler ist verlassen – bis auf Landwirt Eckhardt Heukamp. Er klagt gegen den Engergiekonzern RWE und wird dabei von Aktivist:innen wie Anny unterstützt.

Die Besetzungs-Aktionen von Kohlegruben, an denen sie teilnimmt, sind nicht ungefährlich. Doch das nimmt sie in Kauf, wie sie sagt, denn angemeldete Demos seien nicht in der Lage, die Politik zum Handeln zu bewegen. Dazu brauche es mehr: "Nur Aktionen des zivilen Ungehorsams haben die Macht, Menschen und Medien aufzurütteln, weil die Menschen damit ein krasses Risiko eingehen", so Anny.

Besorgte Einwände von Freund:innen und Familie lässt sie nicht gelten, im Gegenteil: "Wir sollten alle auf den Barrikaden sein", so die Aktivistin, "angesichts des Skandals, der hier gerade passiert, dass unsere Welt den Bach runtergeht."

Anny sagt, es sei nicht ihr Wunsch gewesen, kinderlos zu bleiben, vielmehr hätten die Klima-Fakten ihr keine andere Wahl gelassen. Es sei hart, so die 23-Jährige, diese Entscheidung so aufgedrückt zu bekommen, und es fühle sich immer wieder unfair an. Denn sie und die jungen Generationen hätten schließlich die Klima-Krise nicht verursacht. Trotzdem müssten sie aber diese Verantwortung übernehmen, wenn sie sonst niemand übernähme.

Druck auf die Politik

Die Physik-Studentin Isi war mit anderen Aktivist:innen auf der UN-Klimakonferenz in Glasgow, um vor Ort Druck auf die Politik auszuüben. Ihr Entschluss, keine Kinder bekommen zu wollen, sieht sie nicht als politisches Druckmittel, aber es zeige einfach, wie verzweifelt sie und andere Menschen seien.

"Das macht mich oft ziemlich wütend und aber auch ziemlich traurig, weil ich mir denke, ich habe ja auch Wünsche und Träume und die kann ich alle nicht verwirklichen, weil 'ne lange Zeit lang so viele Menschen es einfach verbocken", sagt Isi.

Gestörter Alltagstrott in Prenzlauer Berg

Isi blockiert den Straßenverkehr im Prenzlauer Berg - ganz allein. Auf ihrem Plakat steht: "Ich ertrage es nicht, dass Menschen im globalen Süden wegen der Klimakrise flüchten müssen." Der Alltagstrott einiger Vorübereilender ist kurz gestört, manche schauen fast schuldbewusst, die meisten hasten weiter.

Isi sieht in ihrer Aktion eine Art Pflicht zum Widerstand gegen eine untätige Bundesregierung, die "unser aller Lebensgrundlagen" nicht beschütze. Isi kniet auf einem Stück Pappe mitten auf der Straße. Ein SUV-Fahrer versucht sie zu umfahren, es ist knapp.

Isi weiß, worauf sie sich mit dieser Blockade-Aktion einlässt, es ist nicht ihre erste. "Das ist auf jeden Fall nicht ungefährlich, aber die Krise, die uns bevorsteht, der ökologische Kollaps, ist viel gefährlicher, als wenn ich mich vor ein Auto setze."

Sendung: rbbKultur, 08.01.2022, 19:05 Uhr

Beitrag von Maico Riegelmann

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