Wegen Bauarbeiten - Bahnhof Südkreuz könnte zeitweise als Halt auf einigen ICE-Strecken entfallen

Mi 05.01.22 | 15:55 Uhr
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ICE, Bahnhof, Suedkreuz, Schoeneberg, Berlin (Quelle: imageBROKER/Schoening)
Bild: imageBROKER/Schoening

Die Bahn muss auf der Strecke Berlin-Leipzig Zeit einsparen - wegen Bauarbeiten Ende des Jahres. Sie könnte deshalb den Bahnhof Südkreuz für etwa drei Jahre aus bestimmten ICE-Strecken streichen.

Berliner Passagiere, die mit der Bahn nach München, Leipzig oder Frankfurt verreisen, können ab Dezember möglicherweise nicht mehr ab Südkreuz fahren. Denn dieser Halt könnte dann für etwa drei Jahre aus dem Fahrplan einiger wichtiger ICE-Verbindungen verschwinden. Diese Planungen der Bahn bestätigte ein Berliner Senatssprecher rbb|24.

Bauarbeiten zwischen Berlin und Jüterbog beeinflussen Fahrplan

Konkret soll es um die ICE-Strecken von Berlin nach München via Leipzig und Nürnberg beziehungsweise Frankfurt gehen, von denen laut aktuellem Fahrplan über 20 Züge pro Tag am Bahnhof Südkreuz halten. Grund für die Fahrplanänderungen sind Modernisierungsarbeiten auf dem Streckenabschnitt bis Leipzig. Hier wird zwischen Berlin und Jüterbog das Zugsicherungssystem modernisiert.

Die Bauarbeiten sollen im laufenden Betrieb abschnittsweise durchgeführt werden. So könnten die Züge zwar weiter zwischen Berlin und Jüterbog fahren, aber nicht mehr so schnell wie zuvor. Betroffen sind davon nur Züge, die über 160 km/h schnell fahren. Die verlorene Zeit auf diesem Streckenabschnitt könnte dadurch eingespart werden, dass der Halt am Bahnhof Südkreuz entfällt. Dementsprechende Pläne der Bahn tauchten am Samstag im Web-Forum "Drehscheibe-Online" auf und wurden dort zumindest in Teilen von einem Vorstandsmitglied des DB Fernverkehrs, Philipp Nagl, bestätigt. Nagl äußert sich in dem Forum unter seinem Klarnamen regelmäßig zu Bahn-Themen.

Geplante Arbeiten der Bahn

In Zukunft soll das sogenannte "ETCS" (European Train Control System) eingesetzt werden. Stark vereinfacht ist das eine Art Autopilot für die Schiene, durch den die klassischen Signalampeln abgelöst werden sollen und der den Bahnverkehr sicherer machen soll. Die Anpassung auf ETCS wird langfristig für Hauptstrecken in Deutschland und Europa angestrebt. Den Auftrag für die Modernisierung dieses Abschnitts vergab die Bahn bereits im letzten Jahr, wie aus der betreffenden freiwilligen Bekanntmachung auf einem EU-Portal hervorgeht.

Die Deutsche Bahn will weder bestätigen noch dementieren

Er schrieb in seinem Eintrag, dass die "Details zu den fahrplanerischen Auswirkungen" der Bauarbeiten noch "in Abstimmung" seien und erklärte, wie der Umbau der Stellwerke technisch vonstatten gehen soll. Die Deutsche Bahn selbst wollte auf Anfrage von rbb|24 zunächst "keine konkreten Infos zum Fahrplanwechsel im Dezember 2022" geben. Das Unternehmen kündigte an, "zu gegebener Zeit ausführlich informieren" zu wollen. Auch in Zukunft würden ICEs am Bahnhof halten, hieß es außerdem in der schriftlichen Antwort des Unternehmenssprechers - wie viele, das ließ die Bahn in ihrer Stellungnahme offen.

Ein Dementi der Pläne ist das nicht, schließlich gibt es auch andere ICEs, die den Bahnhof Südkreuz anfahren. Strecken, die nicht über Leipzig (und damit vorbei an Jüterbog) führen, wären von den Fahrplanänderungen ohnehin nicht betroffen. Täglich nutzen nach Angaben der Deutschen Bahn etwa 174.000 Passagiere den Bahnhof Südkreuz. Zumindest ein Teil von ihnen könnte für eine lange Zeit auf den Hauptbahnhof ausweichen müssen. Berliner und Brandenburger, die von dort ihre Fernreise antreten oder Reisende, die vom Flughafen BER kommen und in die Bahn umsteigen beispielsweise.

Südkreuz "bedeutender Einstiegspunkt" - Senat ist informiert

Der Berlin-Brandenburger Landesverband des Fahrgastverbandes Pro Bahn bezeichnet das Südkreuz auf rbb|24 Anfrage als einen "bedeutenden Einstiegspunkt". Dessen Streichung wäre deshalb "natürlich schwierig für die Zeit", erklärte ein Sprecher des Verbands. Allerdings seien für den Verband "Bauarbeiten zur Verbesserung der Strecke generell zu begrüßen." Schließlich solle sich langfristig dadurch die Fahrsicherheit verbessern. Eingeweiht sei man als Fahrgastverband in die Pläne der Bahn aber nicht.

Anders sieht es beim Berliner Senat aus. Der zuständigen Verwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz seien die Pläne bekannt, heißt es auf Anfrage. Und der Senat gibt sich entspannt: Der Hauptbahnhof habe "genügend Kapazität, um die höheren Passagierzahlen der betroffenen ICE-Linien sehr gut zu bewältigen", teilte ein Sprecher mit. Auch Verbindungen zum BER seien vom Hauptbahnhof ausreichend vorhanden.

Regionalverkehr nicht betroffen

Die DB Netz AG, die das Schienennetz verantwortet und damit auch die Baumaßnahmen, habe die betroffenen Verkehrsunternehmen rechtzeitig informiert. Der Regionalverkehr wäre von den Einschränkungen und Fahrplanänderungen wohl ohnehin nicht betroffen. Und weil es sich bislang lediglich um einen Planungsstand der Bahn handelt, kann sich dieser auch och ändern - falls die Bahn eine Alternative zum Zeiteinsparen findet.

Sendung: Abendschau: 05.01.2022, 19:30 Uhr

12 Kommentare

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  1. 12.

    Verstehe die Logik auch nicht. Der Halt am Südkreuz macht doch allerhöchstens 5 Minuten aus. Wenn ich jetzt mit der S-Bahn von, sagen wir, Lichtenrade, zum HBF fahre statt zum Südkreuz, sind das knapp 15 Minuten mehr plus Rolltreppen und wieder 5 Minuten zurück im ICE, also 20 Minuten oder mehr. Vielleicht hat es ja mit der Meldung vom Dezember zu tun: "ICE-Fahrzeit zwischen Hamburg und Berlin verkürzt sich wieder auf unter zwei Stunden", und da will man nicht "zurückrudern".

  2. 11.

    Sollte das so kommen, muss ich mir entweder
    a) einen neuen Job oder
    b) eine neue Wohnung innerhalb Berlins suchen.

    Ich wohne im Bereich S-Bahnhof Hermannstraße und pendle für die Arbeit nach Leipzig. Klingt verrückt, funktioniert aber dank der super Anbindung in Südkreuz, wodurch in etwas mehr als einer Stunde in Leipzig Hbf bin.

    Zum Berlin Hbf brauche ich ewig und die Pendlerbeziehung ist dahin. Das drei Jahre ist das unaushaltbar. Schade, das wird mein Leben stark beeinflussen.

  3. 10.

    Es geht ja nicht darum, was der Hauptbahnhof verkraftet - es geht darum, dass Südkreuz für etliche Berliner viel günstiger gelegen ist. (Und überhaupt der zehnmal angenehmere Bahnhof ist.)
    Vielleicht sollte man lieber einmal Reisende befragen - ich könnte mir gut vorstellen, dass die meisten lieber fünf Minuten länger auf der Strecke unterwegs wären als innerhalb Berlins eine halbe Stunde länger zum Hauptbahnhof.
    Wenn man dazu gezwungen würde, wäre es ja schon absurd...

  4. 9.

    Ach, muss man dem tollen Einkaufszentrum mit Gleisanschluss namens "Hauptbahnhof" noch mehr Fahrgäste zutreiben? Vielleicht sollten Fernzüge überhaupt nur noch dort halten. Wäre doch ein wertvoller Beitrag zur Verkehrswende. Und längere An- und Abfahrtswege passen auch zum mit großem Tamtam verkündeten "Klimanotstand".

  5. 8.

    Was machen hier die wenigen Minuten Halt am Südkreuz noch aus? Längere Fahrzeiten kann ich noch eher akzeptieren, als ein Wegfall des Halts am Südkreuz. Ich meide den Hauptbahnhof, da er aus dem Südwesten Berlins sehr schlecht nur mit vielem Umsteigen erreichbar ist. Ich nutze immer nur den Bahnhof Südkreuz oder falls nicht möglich den Bahnhof Spandau. Dort hält dann in der Regel auf dem gleichen Bahnsteig ein Zug zum Bhf. Zoo, dort kommt man mit der U9 nach Süden.

  6. 7.

    Um es mal klar zu sagen, der Halt am Südkreuz ist unverzichtbar in Richtung Süden. Selbst vom Prenzlauer Berg ist man in Richtung Süden schneller wie über Hauptbahnhof. Am Hauptbahnhof muss man 9 Minuten zum Umstieg rechnen, am Südkreuz reichen drei. Und auch aus Wilmersdorf ist man oft schneller. Und das sehe nicht nur ich so, wenn man die Zahlen betrachtet, die da einsteigen, dann ist der Hauptbahnhof nur ein besserer Provinzbahnhof.

    Was der Senat verlautbart, das kann man nicht ernst nehmen. Die Anbindung des Hauptbahnhofs in Nord-Süd-Richtung ist sehr schlecht, das kommt hinzu.

  7. 6.

    Ohne mit dem Projekt im Detail vertraut zu sein, aber ETCS wird doch die LZB ersetzen? Wahrscheinlich wird man also parallel zum ETCS-Einbau die LZB direkt ausbauen und (vorerst) die PZB als Rückfallebene für noch nicht umgerüstete Züge behalten.

    Auf den paar km machen die 40 km/h Differenz nicht so viel aus, zumal im Fahrplan eh keine 200 km/h gefahren werden.

  8. 5.

    Der Senat ist wahrscheinlich auch deshalb entspannt, da er das Land Berlin als Aufgabenträger für den SPNV vertritt. Im Fahrplan wären eigentlich die paar Minuten Reserve enthalten. Die DB Netz geht aber auf Nummer Sicher, das das Risiko besteht, sonst Nahverkehrstrassen mit knappen Umstiegen zu zerschießen. Flixtrain hat das mit Trassenbestellungen bereits mehrfach getan, ist aber auch unbemerkt von Boulevardmedien auch schnell mit dem Streichen von Verbindungen dabei. So würde sich nach diesem Entwurf an denen vsl. nichts ändern.

  9. 4.

    Fast richtig! Es wird auf ETCS umgestellt. Aus irgendwelchen Gründen kann die alte LZB nicht während der Bauarbeiten betrieben werden.

  10. 3.

    Da offenbar nur Züge betroffen sind, fie schneller als 160 km/h fahren, handelt es sich wohl um die Modernisierung des so genannten Linienzugbeeinflussungssystems (LZB). Das zeigt der Lokführer im Cockpit des Führerdstandes die in Fahrtrichtung des Zuges vorrausliegenden Signale an (ob z.B. grün oder rot) und kann aktiv (wie z.B. der Tempomat im Auto) die gefahrene Geschwindigkeit steuern....

    https://de.wikipedia.org/wiki/Linienf%C3%B6rmige_Zugbeeinflussung?wprov=sfla1

  11. 2.

    Es ist schon eine Weile her, dass der Senat Fragen zum Thema Schienenverkehr auf befriedigende Weise beantwortet hat. Auch bei Abgeordnetenhaus-Anfragen windet man sich regelmäßig um konkrete Angaben herum.

    In diesem Fall stellt sich doch überhaupt nicht die Frage, ob der Hauptbahnhof die zusätzlichen Fahrgäste stemmen kann. Die Frage ist vielmehr, ob sich der Komplett-Ausfall des Haltes Südkreuz vermeiden lässt - falls die Bahn ihn denn überhaupt plant, was gut zu wissen wäre. Eine mögliche Alternative wäre beispielsweise (aus meiner Laien-Sicht), bei jeder zweiten Fahrt am Südkreuz zu halten, aber dafür den Halt in Lutherstadt Wittenberg auszulassen, wo zurzeit fast jeder ICE auf der Route hält.

    Ab Lutherstadt Wittenberg könnten die Züge dann wieder nach dem bisherigen Fahrplan fahren, der Aufwand für die Umstellung könnte sich also in Grenzen halten. Ich kann mir gut vorstellen, dass am Südkreuz im Schnitt mehr Fahrgäste ein- und aussteigen als in Wittenberg.

  12. 1.

    Ab Dezember 2021 (also ab quasi jetzt schon) oder 2022? Dann posten Sie den Artikel bitte nochmal im Herbst ;-)

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