Interview | Wildtierbeauftragter des Senats - Wie der Biber Berlin erobert hat

Mi 12.01.22 | 08:02 Uhr
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Ein Biber in Reinickendorf, Berlin (Bild: dpa/Joko)
dpa/Joko
Video: rbb|24 | 11.01.2022 | Autor: Stefan Oberwalleney | Bild: dpa/Joko

Über 100 Biber leben in Berlin. Das war nicht immer so. Die Wildtiere konnten sich nach und nach wieder in der Stadt etablieren. Wie Biber die Natur nutzen und wo man sie sehen kann, erklärt der Berliner Wildtierbeauftragte Derk Ehlert.

Biber in Berlin, das war nicht immer so, oder?

Nein, im Gegenteil. Erst seit Mitte der 90er Jahre haben wir die Tiere wieder in der Stadt. Ganz am Anfang, ganz im Nordwesten der Stadt ganz vereinzelt und nach und nach konnten sie sich etablieren. Sie haben sozusagen die Stadt erobert und inzwischen haben wir über 100 Biber in der gesamten Stadt verteilt. Berlin bietet den Bibern eine ganze Menge. Wir haben viele Flüsse, viele Seen und Bereiche, in denen die Tiere leben können. Biber sind anpassungsfähig. Sie werden nicht mehr gejagt und das allein ist der Grund, warum sich der Bestand glücklicherweise wieder erholt hat.

Ist mit 100 Tieren die größtmögliche Population erreicht?

Wir sind eine große Stadt mit fast 900 Quadratkilometern, wir haben viele Grünflächen, aber nicht alle Flächen sind für Biber optimal. Biber brauchen Wasserflächen und vor allem brauchen sie Flächen, wo sie aus dem Wasser herauskommen. Das ist nicht überall der Fall. Wir gehen davon aus, dass die Biber die jetzt da sind mit etwa 100 Exemplaren die maximale Grenze erreicht haben, was an Berliner Population möglich ist.

Zur Person

Wildtierreferent Derk Ehlert in Berlin (Quelle: dpa/Paul Zinken)
dpa/Paul Zinken

Derk Ehlert studierte Landschaftsplanung an der Technischen Fachhochschule Berlin. Anschließend arbeitete er als selbstständiger Landschaftsplaner. Seit 2001 ist er bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung in Berlin beschäftigt. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Wildtiere im Stadtgebiet.

Wie regelt sich der Biberbestand in der Natur?

In der Natur wird das ganz geschickt geregelt. Wenn die Revierdichte erreicht ist, bekommen die Biber weniger Nachwuchs. Weil der Stress untereinander zunimmt, durch das ständige Eintreten von Fressfeinden der gleichen Art. Da findet eine hormonelle Steuerung statt und die Biber bekommen weniger Nachwuchs. Wir hatten im Schlosspark Charlottenburg anfangs drei, manchmal auch vier Jungen, jetzt sind es nur noch ein bis zwei. Daran merkt man es schon.

Selbst an der Spree, in Bereichen wo der Fluss kaum bibergerechte Uferzonen hat, gibt es angenagte Bäume. Hat sich hier ein Biber verirrt?

Dauerhaft kann dort kein Biber leben. Es gibt viele Jungbiber, die kein Revier haben, die auf der Suche sind nach freien Grundstücken und die gibt es nicht mehr allzu viele. Die in Berlin ansässigen Biber verteidigen ihre Reviere gegenüber ihren Artgenossen und die Jungtiere müssen irgendwo ihr Revier suchen und dann tauchen die auch mal an der Gotzkowskybrücke auf und an anderen Stellen. Das ist aber nicht wirklich ein ernst gemeinter Platz, wo Biber dauerhaft leben können.

Biber sind in der Dämmerung aktiv. Was wir von ihnen mitbekommen sind angenagte Bäume. Das finden die Grünämter der Stadt doch wahrscheinlich nicht so gut?

Biber sind Vegetarier, die ernähren sich von frischem Grün. Im Sommer fällt das gar nicht auf, weil sie frisches Grün ausreichend finden. In den Wintermonaten kommen sie an kein frisches Grün, weil nichts wächst. Also müssen sie an die Bäume ran. Sie schneiden die Bäume, sie fällen sie, um an die Kronen heranzukommen und na klar, manchmal gibt es auch Zielkonflikte zwischen den Menschen, die die Bäume erhalten wollen und den Tieren, die sich davon ernähren.

Biberschäden in Berlin Grunewald. (Quelle: rbb/C. Kampf)
Bild: rbb/C. Kampf

Welche Feinde hat ein Biber?

Ein Wolf wäre ein natürlicher Feind, den wir in der Stadt natürlich nicht haben. Die größten Feinde sind Viren und Bakterien. Biber haben in den ersten Lebensjahren häufig Probleme mit Bakterien, die ihnen die Nahrung zerkleinern im Magen. Nicht alle Biber, die hier geboren werden, werden auch erwachsen. Die meisten Biber sterben in den ersten beiden Wintern. Wenn sie erwachsen sind, haben sie gute Chancen auch alt zu werden. Die vom Menschen gemachten Veränderungen und Gefahren sind vor allem die Berliner Straßen.

Wie reagiert Berlin denn auf den Biber?

Sehr tolerant. Vor allem die Grünflächenämter und staatlichen Gärten sind sehr tolerant gegenüber den Tieren. Das müssen sie auch sein, denn letztlich, wenn man die Tiere wegnehmen würde, würden morgen wieder Neue kommen. Man kann die Bäume allerdings auch schützen. Schutzmaßnahmen, die verhindern, dass die Biber an die Bäume rangehen. In einigen Teilen Berlins wird das mit Erfolg realisiert, dass Schnittgut von den Sträuchern liegen gelassen wird, damit der Biber was zu fressen hat und nicht an die Bäume herangeht.

Haben wir etwas vom Biber?

Grundsätzlich gibt es Biber, weil sie eine Funktion haben. Sie halten die Ufervegetation frei von Bewuchs. Sie sorgen dafür, dass neue kleine Pflanzen am Ufer aufwachsen, gerade bei den Uferfiltraten ist es wichtig, an den großen Seen wie Unterhavel, Oberhavel und Müggelsee, wo wir ja auch unser Grundwasser gewinnen. Biber sorgen dafür, dass sich das Schilf bilden kann und dass genug Licht rankommt. Insofern sollte das unser ureigenstes Interesse sein, dem Biber hier auch weiterhin den Lebensraum zu bieten.

Ersparen uns Biber damit am Ende Geld, das wir sonst für den Erhalt von Uferflächen benötigen?

Wenn man das so praktisch sieht, in jeden Fall. Man sollte mehr Fairness den Tieren gegenüber haben. Sie hier leben lassen. Wir brauchen die Biber. Natürlich können wir Biber nicht überall tolerieren, zum Beispiel da, wo es große Schäden gibt, da muss man die Bäume schützen, aber ansonsten können wir, das haben die vergangenen 20 Jahre gut gezeigt, gemeinsam mit den Bibern die Stadt erobern.

Kann ich Biber beobachten?

Es ist im Schlosspark Charlottenburg durchaus möglich Biber zu sehen, denn hier leben Biber seit einigen Jahren. Wenn man an den Randzeiten herkommt, also früh morgens oder am späten Nachmittag hat man durchaus die Möglichkeit, auch mal Biber zu sehen. Die fühlen sich hier zuhause und bekommen auch jedes Jahr Junge.

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11 Kommentare

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  1. 11.

    Da hier nur europäische Biber leben, sind sie wohl eher nicht invasiv. Hier in Berlin dürfte sich der Schaden in Grenzen halten, am Oderdeich sieht es anders aus. Aber auch da müsste sich ein Weg finden. Schließlich hat man sich so über die Wiederkehr gefreut. Bäume kann man schützen.

  2. 10.

    Seien wir doch froh. Was wäre das Theater ohne den Biberpelz?

  3. 9.

    Meiner Meinung nach haben wir hier die invasiven Arten, weil der Mensch sie an Orte gebracht hat, wo sie nicht hingehören, und jetzt muss der Mensch dafür sorgen, dass diese eingebrachten Arten keinen Schaden an den heimischen Arten anrichten. Hat der Mensch ja richtig gut hinbekommen. Naturbedingte Invasion gibt es in dem Ausmaß nicht, da die heimischen Arten das meist selber regulieren können.

  4. 8.

    Was wäre denn von einer Artenvielfalt zu halten, die sich selbst reguliert ohne daß Menschen eingreifen, also richtig Natur?

  5. 7.

    Guten Abend, tote Tiere gehören auf den Teller oder an den Spieß. Wölfe, Bären, Nutria, Elche und Biber sollten in ihrem Bestand in der norddeutschen Tiefebene kontrolliert und ggf. dezimiert werden. In diesem Sinne uns allen ein gesundes Miteinander, es gibt größere Probleme in unserer Stadt als hungrige Nager...

  6. 6.

    In der Natur ist nichts umsonst... Wirklich gar nichts... Nur manchmal verstehen wir den Sinn und Nutzen nicht, werden wir auch nie, aber besser werden geht schon... geht nur nicht von alleine... Anstrengungen sind wohl nötig.

    P.S. Vielleicht sind wir Menschen (zeitweise) befähigt dafür da, Leben überhaupt zu sichern... wenn nötig außerhalb der Erde? Wir werden es nie erfahren...Und da ist sie wieder: Die Nutzenfrage ,-)

  7. 5.

    So ein Quatsch, (bei allem Schaden welchen der Mensch verursacht) gibt es auch in der Natur invasive Arten, welche andere ausrotten/vertreiben und deshalb nur durch die Regulierung des Menschen erhalten bleiben.

  8. 4.

    Ach Max, sie können auch einen Stuhlkreis gründen, aber in der Natur hat alles seine Funktion. Jeder hat jeder was von jedem, oder Alles von Allem, je nachdem, auch wenns nur 'n bisschen ist. Ja, ich weiss, das ist hart - aber es ist wie es ist.

  9. 3.

    ...am Flakensee in Erkner sind Biber mittlerweile auch tagsüber, ohne Scheu, zu beobachten. Außerdem leben sie auch im Teltowkanal in Steglitz und am Ufer des Beusselmarktes.

  10. 2.

    "Haben wir etwas vom Biber?" die Frage finde ich überhaupt nicht wichtig oder gar überhaupt nicht ok.....kein Lebewesen ist dazu da, das ein anderes von ihm einen Vorteil hat....wir haben alle eine Berechtigung zum Leben (Mensch und Tier) auch ohne das wir für andere einen Nutzen bieten.....aber ist eh in unserer Gesellschaft so, das insbesondere Tiere (und auch Menschen) immer einen Nutzen haben müssen um eine Daseinsberechtigung zu haben....

  11. 1.

    Schön, dass die Biber wieder da sind. In der Natur regelt sich sowieso alles von selbst. Leider funkt der Mensch meist dazwischen und bringt alles aus dem Gleichgewicht.

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