Berlin und Brandenburg - Welchen gefährdeten Tierarten es 2021 besser und welchen schlechter ging

Mi 05.01.22 | 08:19 Uhr | Von Anne Kohlick
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Großtrappen (Otis tarda), Männchen, Hahn, Brandenburg, Deutschland, Europa (Quelle: imageBROKER/Ingo Schulz)
Bild: imageBROKER/Ingo Schulz

Mehr als 500 Tierarten in Berlin und Brandenburg sind vom Aussterben bedroht. Klimawandel, Pestizide und versiegelte Flächen lassen Populationen schrumpfen. Doch für einige der folgenden Spezies hat sich die Lage 2021 verbessert. Von Anne Kohlick

1. Fischotter

"Sensation!", titelte ein Berliner Boulevardblatt Anfang Dezember, "Fischotter erobern die Hauptstadt". Auch wenn von einer Otter-Übernahme der Berliner Gewässer noch keine Rede sein kann, war 2021 für die Wassermarder ein gutes Jahr: In Berlin wurden die Tiere nach Angaben der Stiftung Naturschutz an fünf verschiedenen Orten gesichtet - auch mit Jungtieren. Seit den 1960er Jahren galten die Fischotter in Berlin als ausgestorben.

In Brandenburg nehmen die Fischotter-Bestände schon seit mehr als zehn Jahren wieder zu. Verschmutzte Gewässer und Jäger hatten im Laufe des 20. Jahrhunderts Otter-Populationen stark dezimiert, sodass die Wassermarder aus vielen Bundesländern - vor allem in Westdeutschland - ganz verschwanden. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern konnten sich Fischotter aber immer halten.

Bild: Bildagentur-online

Otter weigern sich, unter Brücken durchzuschwimmen

Obwohl der Fischotter schon seit Jahren nicht mehr bejagt werden darf und kaum natürliche Feinde hat, gehört er laut Naturschutzbund Nabu weiterhin zu den am stärksten bedrohten Säugetierarten Mitteleuropas. Straßen zerschneiden Lebensräume, Fischreusen werden zu tödlichen Fallen und auch Brücken machen Ottern Probleme. Die scheuen Säugetiere schwimmen nicht unter ihnen hindurch, sondern queren solche Hindernisse nur trockenen Fußes.

Über Brücken verlaufen aber oft Autostraßen, sodass diese Umwege für Otter oft tödlich enden. Abhilfe schaffen kleine Stege unter der Brücke: In Brandenburg sind die sogenannten Bermen oder altenativ begehbare Uferstreifen unter Brücken bei Neubauten schon seit Jahren Pflicht [ls.brandenburg.de | Fischotter-Erlass als PDF].

Eine Mopsfledermaus im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin (Bild: dpa/Stefan Thomas)

2. Mopsfledermaus

Sie ist eine anspruchsvolle und seltene Waldbewohnerin: Die Mopsfledermaus gibt es in Berlin nicht mehr, in Brandenburg ist sie eine von 18 Fledermausarten - und vom Aussterben bedroht. Ihren Namen verdankt die Mopsfledermaus ihrer gedrungenen Schnauze, mit der sie kleine Nachtfalter fängt. Sie lebt in naturnahen Wäldern mit einem hohen Anteil von Totholz - in Baumspalten oder hinter abstehender Rinde, in Ruinen oder Bunkern verbringt sie den Winter.

In Brandenburg kommen Mopsfledermäuse in der Lausitz, dem Niederen Fläming und der Märkischen Schweiz vor. Auch in Potsdam-Mittelmark wurde die Art vereinzelt nachgewiesen. Bis zu 18 Jahre alt kann eine Mopsfledermaus werden, ihre Flügel haben bis zu 29 Zentimeter Spannweite - und das bei einem Leichtgewicht von sechs bis 13 Gramm. Aktuell läuft bundesweit ein Forschungsprojekt, um mehr über die Lebensräume dieser seltenen Fledermausart zu erfahren und darauf basierend bessere Schutzmaßnahmen zu entwickeln [mopsfledermaus.de].

Wölfe laufen im Wildpark Schorfheide durchs Gehege (Bild: dpa/Soeren Stache)

3. Wolf

Ja, es werden kontinuierlich mehr - aber als "gefährdet" in Deutschland stuft die bundesweite Rote Liste den Wolf immer noch ein. 2006 hat ein erstes Einzeltier sich ein Territorium in Brandenburg erobert - inzwischen sind es laut dem Landesamt für Umwelt (LfU) 49 Rudel und acht Wolfspaare, die 2020/21 Zuwachs von 173 Welpen bekommen haben [lfu.brandenburg.de]. Dementsprechend gilt der Wolf in Brandenburg mittlerweile als "etabliert".

In Berlin hat es bislang nur vereinzelte Sichtungen von wandernden Wölfen gegeben. Dass sich die Raubtiere aber dauerhaft im Berliner Stadtgebiet ansiedeln, ist sehr unwahrscheinlich: Es sei zu eng, zu laut, gebe zu wenig Rotwild als Beute, sagt der Wildtier-Experte des Senats, Derk Ehlert.

Wer einen Wolf tötet, zahlt Zehntausende Euro Strafe

In Brandenburg stellt der Straßenverkehr die größte Bedrohung für Wölfe dar: 27 Tiere starben 2021 bei Unfällen mit Fahrzeugen. Besonders häufig passieren Unfälle mit Wölfen laut LfU auf der A10 zwischen dem Autobahnkreuz Potsdam und der Abfahrt Ferch.

Und obwohl Wölfe vom Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt werden, wurden 2021 drei erschossene Tiere in Brandenburg gefunden. In den Vorjahren 2020 und 2019 waren es jeweils vier getötete Wölfe [lfu.brandenburg.de]. Solche illegalen Abschüsse können Geldbußen von 10.000 bis 50.000 Euro nach sich ziehen - oder in schweren Fällen als Straftatbestand gewertet werden, auf den Gefängnisstrafen stehen.

Eine Grosstrappe auf einer Wiese in Brandenburg (Bild: dpa/H.-J. Zimmermann)

4. Großtrappe

Der WWF Deutschland listet die Großtrappe unter den Gewinner-Spezies des Jahres 2021 [wwf.de]. Demnach sind die Bestände in Deutschland "auf dem höchsten Stand seit 40 Jahren": 347 Tiere wurden in Brandenburg und Sachsen-Anhalt gezählt - im Jahr 1997 waren es nur noch 57 Tiere. Mit ihrem Gewicht von bis zu 17 Kilogramm gehören Großtrappen zu den schwersten flugfähigen Vögeln der Welt. Die Männchen können rund einen Meter lang werden.

In Brandenburg leben sie noch in drei Vogelschutzgebieten: im Havelländischen Luch, den Belziger Landschaftswiesen und im Fiener Bruch. Weil die Mark Brandenburg stets Kerngebiet der Großtrappen in Deutschland war, hat der Vogel den Beinamen der "Märkische Strauß". Weil sich Bauern über Großtrappen beklagten, die ihr Gemüse wegfraßen, wurden die Vögel schon ab dem 18. Jahrhundert bekämpft. "Noch Anfang des 20. Jahrhunderts mussten Schulkinder Trappeneier auf den Feldern einsammeln", heißt es in einem Bericht des LfU Brandenburg über den Schutz der Großtrappe [lfu.brandenburg.de | PDF].

"Geeignete Lebensräume" nur noch in Schutzgebieten

1939 lebten demnach in der damaligen Mark Brandenburg noch etwa 3.400 der Tiere - mehr als das Zehnfache der heutigen Population. Die schlechte Nachricht lautet: In einer Landschaft, die von Monokultur-Feldern mit künstlichem Dünger und Pflanzenschutzmitteln geprägt ist, kann die Großtrappe nicht überleben - auch weil sie nicht genug Futter in Form von Insekten findet.

"Geeignete Lebensräume" seien "nur noch in Schutzgebieten mit großflächig extensiver Landnutzung und speziell angepassten Bewirtschaftungskonzepten" zu finden, heißt es in dem Bericht des LfU Brandenburg. Der Wiederverbreitung des Märkischen Strauß sind damit enge Grenzen gesetzt.

Ein Europäischer Laubfrosch sitzt auf einem Ast (Bild: dpa/G. Kunz)

5. Laubfrosch

Grün, klein, sympathisch: Für den drei bis viereinhalb Zentimeter großen Laubfrosch sollte eigentlich in jedem Tümpel genug Platz sein. Aber er gehört zu den Verlierer-Arten, die der WWF für 2021 aufgelistet hat [wwf.de]. In Berlin gilt der Laubfrosch als ausgestorben, in Brandenburg schrumpfen die Populationen. So wie jede zweite Amphibienart in Deutschland ist der Laubfrosch laut der Roten Liste Deutschland in seinem Bestand gefährdet [rote-liste-zentrum.de | PDF].

Die Naturschutzverbände Nabu Berlin und Nabu Brandenburg konstatieren einen "dramatischen Rückgang von Amphibien und deren Laichgewässer in beiden Bundesländern" [brandenburg.nabu.de]. Der Klimawandel, immer mehr versiegelte Flächen, von Straßen zerschnittene Lebensräume und die industrielle Landwirtschaft schaden den Wasserbewohnern.

126 von 191 Kleingewässern ausgetrocknet

Auf einer Nabu-Konferenz im November 2021 in Potsdam legten Naturschützer:innen alarmierende Zahlen vor. Beate Schonert berichtete aus Malchow: "In den 1990er Jahren wurden 191 Kleingewässer erfasst, wovon 37 ausgetrocknet waren. Als wir 2021 diese 191 Gewässer noch einmal untersucht haben, waren bereits 126 trocken."

Um Amphibien zu schützen, könnten Sickerbecken für Regenwasser "so gestaltet und bewirtschaftet werden, dass sie auch von Amphibien genutzt werden können", fordern die Konferenzteilnehmer:innen. Sie appellieren an Menschen, die eigene Grundstücke haben, statt einem Swimmingpool mit chemischer Algenbekämpfung lieber ökologische Schwimmteiche anzulegen, die "Mensch und Natur" nützen würden.

Eine Smaragdeidechse auf einem Stein (Bild: dpa/A. Hartl)

6. Östliche Smaragdeidechse

Diese Eidechsenart ist eine Rarität in Deutschland: Sie kommt nur noch an den Donau-Hängen bei Passau vor - und isoliert vom restlichen Verbreitungsgebiet im östlichen Brandenburg. Laut der Roten Liste Deutschland ist die Art vom Aussterben bedroht [rote-liste-zentrum.de | PDF].

In der Nähe von Cottbus kann man die Östliche Smaragdeidechse noch antreffen - zum Beispiel auf Böschungen von Straßen und Wegen oder am Rand von Kiefernforsten. Wer einmal eine von ihnen entdeckt, hat Chancen auf ein Wiedersehen: Die Östliche Smaragdeidechse gilt als sehr ortstreu. Den charakteristischen hellblauen Fleck am Hals bekommen Männchen und zum Teil auch ältere Weibchen übrigens speziell in der Paarungszeit.

Die Eidechse ernährt sich von Insekten, Spinnen und Schnecken. Intensive Land- und Forstwirtschaft, der Braunkohletagebau und die Verbuschung der Landschaften im östlichen Brandenburg bedrohen die Art. Dass es immer weniger Insekten gibt, schadet nicht nur Reptilien wie der Östlichen Smaragdeidechse, sondern auch Amphibien und Vögeln.

Eine weibliche Zwerglibelle (Bild: dpa/W. Leurs)

7. Zwerglibelle

Mit maximal zweieinhalb Zentimetern Länge ist sie die kleinste Libellenarten Europas - und aus Berlin längst verschwunden. In der zuletzt 2016 vom Senat aktualisierten Roten Liste für Insekten ist die Zwerglibelle als "ausgestorben" vermerkt [berlin.de]. In Brandenburg gibt es sie noch - aber der Bestand ist nach Angaben des Umweltministeriums vom Aussterben bedroht [natur-brandenburg.de]. Nur im Norden des Landes ist die Zwerglibelle noch anzutreffen - etwa im Naturpark Uckermärkische Seen.

Die Spezies braucht nährstoffarme Moore mit niedriger Vegetation als Lebensraum - und der schrumpft: Wo Feuchtgebiete entwässert werden und Nährstoffe hinzukommen, wachsen Moore mit Schilf und Gehölzen zu. Mit ihnen verschwindet die Zwerglibelle - genau wie immer mehr andere Insektenspezies.

Mit Gesetzen gegen das Insektensterben

Laut den Roten Listen Brandenburg sind starke Rückgänge in allen Insektenartengruppen zu verzeichnen - in der Menge der Tiere ebenso wie in der Artenvielfalt. Nach Angaben des Nabu Brandenburg sind rund 40 Prozent der Käfer und Großschmetterlinge sowie die Hälfte der Kleinschmetterlinge und Hautflügler - darunter Bienen - bereits ausgestorben, vom Aussterben bedroht oder gefährdet [brandenburg.nabu.de].

Um dagegen vorzugehen, arbeitet Brandenburg an einem Landes-Insektenschutzgesetz. Der Nabu fordert vom Gesetzgeber, mehr Platz für Blühstreifen, Hecken, Kleingewässer und Brachen zu schaffen und den Einsatz von Pestiziden zu minimieren. Städte wie Berlin sollten aus öffentlichen Grünflächen "blühende wilde Wiesen" entstehen lassen und auf Pflanzenschutzmittel verzichten. Wer einen Garten hat, könne bienenfreundlich pflanzen und so einen Beitrag zum Insektenschutz leisten. Eine Liste mit Pfanzentipps gibt es hier [nabu.de].

Beitrag von Anne Kohlick

3 Kommentare

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  1. 3.

    Eine Ergänzung: die Mopsfledermaus wurde bei einer Beobachtung über der Koloniestraße 10 gesichtet. Dazu gab es auch eine Pressemitteilung. Diese eigentlich sensationelle Nachricht hat nur seltsamerweise kaum jemanden interessiert.

  2. 2.

    Im Luch hatte ich mal das Glück Großtrappen im Flug beobachten zu können. Echt beeindruckend mit welcher Anmut sich diese "Brocken" bewegen.

    Großtrappe + Flug ... da gibt es tolle Videos.

  3. 1.

    Auch, wenn der Inhalt des Artikels eher traurig stimmt, so ist positiv zu vermerken, dass beim Öffnen der Startseite die ersten drei Artikel sich ausnahmsweise mal nicht um Corona drehen. Möge das so bleiben!

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