Abgeordnetenhaus entscheidet über Pilotversuch - Salzlösung auf Radwegen hat bitteren Beigeschmack für Umweltschützer

Mi 26.01.22 | 18:14 Uhr
  106
Passanten fahren auf Rädern in Friedrichshain durch den Schnee. (Quelle: dpa/Kay Nietfeld)
dpa/Kay Nietfeld
Video:rbb|24 | 26.01.22 | rbb|24 | Bild: dpa/Kay Nietfeld

Damit Radfahrer im Winter nicht über ungeräumte Pisten schlittern müssen, will Berlin einen salzigen Pilotversuch anstrengen. Dem Abgeordnetenhaus geht dazu jetzt ein Vorschlag zu. Von G.-S. Russew und O. Tischewski

Die Berliner Umweltsenatorin Bettina Jaraisch (Grüne) kommt mit ihrem Vorschlag voran, Salzlösung auf Radwegen zu verteilen, um diese zu enteisen. Sie darf einen entsprechenden Vorschlag ins Berliner Abgeordnetenhaus einbringen. Dies billigte der Senat am Mittwoch, wie Jaraschs Sprecher Jan Thomsen rbb|24 mitteilte.

"Unser Ziel ist, in der kommenden Wintersaison den Versuch auf geeigneten Streckenabschnitten zu starten", sagte Jan Thomsen rbb|24. Nun gehe es darum, entsprechende Unterstützung für diesen Vorstoß im Landesparlament zu bekommen.

Umweltschützer sind bislang weniger überzeugt von dem Salz-Vorstoß.

Per Twitter stieß Jarasch die Diskussion an

Jarasch hatte dieses Thema selbst am vergangenen Sonntag per Twitter in die Öffentlichkeit getragen und auf Sozialen Medien eine Kontroverse zum Salzeinsatz auf Berlins Straßen ausgelöst. Sie erklärte, dass sie mit dem Versuch schauen wolle, ob sich "Umweltschutz und Verkehrssicherheit" zusammenbringen ließe. Zahlreiche User wiesen Jarasch daraufhin, dass Streusalzeinsatz in der Stadt laut Berliner Naturschutzgesetz untersagt sei, dass das Salz schädlich für Pflanzenwelt und Grundwasser sei.

Sole für BUND keine Lösung

Der Soleeinsatz sei keine Lösung, sagte der Streusalz-Experte des Bunds für Umwelt und Naturschutz Berlin (BUND). "Das für die Bäume besonders schädliche Chlorid, das in Natrium – unserem Kochsalz – enthalten ist, ist auch in den meisten Stoffen, die für die Sole verwendet werden - und da sehen wir dann schon ein großes Problem", unterstrich Christian Hönig.

Klimakrise verstärkt Salzproblem

Dass Salz als Streumittel im Winter ein Umweltproblem darstellt, ist lange bekannt. Seit vielen Jahren wird versucht, seine Verwendung so weit wie möglich einzuschränken – Privatpersonen dürfen auf ihren Grundstücken überhaupt kein Streusalz verwenden. Die Auswirkungen der Klimakatastrophe – die trockenen und heißen Sommer der vergangenen Jahre – haben dieses Problem weiter verschärft, so Christian Hönig: "Im Boden werden Salz oder Sole, was auch immer man im Winter ausbringt, gespeichert. Und je geringer der Wassergehalt im Boden ist, desto höher ist die Salzkonzentration."

Zielkonflikt zwischen sicherem Radverkehr und Pflanzenschutz

Thomsen erklärte, dass es zwischen der Ermöglichung eines sicheren Radverkehrs und dem Pflanzenschutz in der Stadt einen "Zielkonflikt" gebe. Berlin habe zuletzt viel unternommen, um den Radverkehr in der Stadt auszubauen. Gerade die Corona-Krise habe viele Berliner veranlasst, aufs Fahrrad umzusteigen. "Es gibt gerade auch im Winter erhöhten Bedarf an sicheren, enteisten Radwegen", so Jan Thomsen. Daher soll sich dieser abzeichnende Zielkonflikt möglichst per Pilotversuch aufgelöst werden.

Aktuell räume die Berliner Stadtreinigung (BSR) im Winter die Radwege nur, enteist werde nicht. Der Einsatz von Splitt oder Sand nütze auf Radwegen wenig. Thomsen verwies in diesem Kontext auch auf eine Publikation "Information 99" [pdf] des Spitzenverbands der kommunalen Wirtschaft (VKU). Dort heißt es: "Im Zuge von Ökobilanzen für den Straßenwinterdienst weiß man heute überdies, dass abstumpfende Stoffe keineswegs umweltfreundlicher sind als auftauende Stoffe, wenn letztere mit modernen Streutechniken in geringer Menge verwendet werden." Dies gelte für alle Arten abstumpfender Stoffe, da Produktion, Ausbringung, Wiederaufnahme und Entsorgung der oft wesentlich größeren Streumengen zu einer negativen Umweltbilanz führen, insbesondere hinsichtlich des Kohlendioxid-Ausstoßes, heißt es weiter.

Pflanzenschutzamt soll Versuch überwachen

Die Sole, die die BSR testen soll, bestehe zu 21 Prozent aus Kalziumchlorid. Der Rest sei Wasser. Mit dieser Konzentration sei eine ausreichende Tauwirkung zu erzielen, hieß es. Laut VKU setzten deutschlandweit immer mehr Städte auf eine besenreine Räumung plus Solestreuung auf Radwegen und hätten damit äußerst positive Erfahrungen gemacht, was die erreichten Fahrbahnzustände und die sehr geringen Streumengen anbetrifft.

Jarasch will den Test durch das Pflanzenschutzamt der Senatsverwaltung begleiten und kleinteilg auswerten, hieß es.

BUND bleibt skeptisch - ADFC fordert sichere Radwege

Der BUND bleibt trotz den geplanten Auswertungen skeptisch. "Ich hoffe, dass dann auch erst auf die Ergebnisse gewartet wird, bevor man das dann flächendeckend in ganz Berlin zum Einsatz bringt – was immer meine Befürchtung war", erklärt Christian Hönig.

Die Bundesgeschäftsführerin Ann-Kathrin Schneider vom Fahrradclub ADFC forderte besonders vor dem Hintergrund der steigenden Covid-19-Infektionszahlen hohe Priorität für den Winterdienst auf Radwegen. Damit individuelle Autofahrten nicht unnötig zunähmen, müssten die Kommunen Radwege zuverlässig von Schnee und Eis befreien. So könne das Fahrrad als sicheres und klimafreundliches Verkehrsmittel auch im Winter für die Alltagswege genutzt werden, so der ADFC.

Eine Entscheidung über den Pilotversuch des Abgeordnetenhauses wird nicht vor Sommer 2022 erwartet.

Sendung: Inforadio, 26.01.22, 6:50 Uhr

106 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 106.

    Ich kann natürlich nur für mich sprechen, aber da ich die "Radwege" in der Clayallee auch für unzumutbar halte, antworte ich einfach mal. Ich
    1. fahre nur dann auf dem Hochbordradweg, wenn durch Zeichen 237, 240 oder 241 erzwungen. Sonst immer Straße. Wenn zwischen ruhendem Verkehr und linker Bordsteinkante weniger 5m Platz sind auch gerne so in der Mitte, dass KfZ nicht überholen können (trifft auf Clayallee aber nicht zu).
    2. meide Strecken, auf denen Hochbordradwege mit 237, 240, 241 gekennzeichnet sind.
    3. engagiere mich im ADFC und bei Sternfahrten aller Art um für den Radverkehr zu lobbyieren.
    4. versuche zusätzlich BVVler von der LINKEn zu überzeugen, Anträge in diesem Sinne einzureichen.

  2. 105.

    Also meinen Synapsen geht es prächtig. Meinem Alltagsbike (CycleWolf Mescalero, 28 Jahre jung)ebenso. Sicher sind mal Ersatzteile nötig - aber nach einem Jahr ein "Getriebe" und neue Felgen - mit was bitte malträtieren sie sich da?

  3. 104.

    Toller Artikel, ja. Und was sagt uns das jetzt? Dass wirklich viel mehr Menschen in Berlin ihre notwendigen Wege mit dem Rad zurücklegen, als hier in den Kommentaren von Autobegeisterten behauptet wird? Dass obwohl in Berlin MIV und ÖPNV zusammen nicht mal das 3-Fache des Radverkehrs ausmachen, Berlin nur 31Mio in Radinfrastruktur aber 600Mio in die anachronistische Verlängerung der A100 um 3,2km stecken will? Dass die Kosten des KfZ-Verkehrs für die Allgemeinheit die Einnahmen durch KfZ-Steuer bei weitem übersteigen?

    Oder kurz: das jede für den Fahrradverkehr zuträgliche Maßnahme, (beinahne) gleich wie viel sie den Staat auch kosten mag, wirtschaftlich sinnvoll und dem Gemeinwohl zuträglich ist? Sag ich doch die ganze Zeit. Trotzdem danke für den Hinweis.

  4. 103.

    Mein Fahrrad ist kein Sportgerät. Es ist mein tägliches Transportmittel.
    Sie haben sicher Ihres, und so könnte an sich jeder glücklich und zufrieden sein... :-)

  5. 102.

    Ich radele täglich - naja, außer vielleicht bei Glatteis. :-)
    Und natürlich sage ich Tacho, oder allenfalls noch Kilometerzähler.
    Dass mir das Ding vielleicht noch ein Durchschnittstempo ausrechnet oder die Uhrzeit anzeigt, macht es für mich noch nicht zu einem Computer. :-)
    Aber als Hersteller und Verkäufer (der Sie ja wohl lange waren) wäre ich natürlich auch scharf darauf, den Leuten so ein eindrucksvolles Wort wie "Fahrradcomputer" anzudienen... Macht schon was her! :-)))

  6. 101.

    Ich wollte nicht wissen, ob sich Fahradfahrende überholen oder es ihnen an Fahrkünsten mangelt, sondern was Sie konkret gegen die " Gefahren " die Sie hier so blumig geschildert und ausgemalt, unternommen haben ? Wie wäre es denn mal mit einer Blockade-Aktion, ähnlich wie auf der Stadtautobahn usw. , oder beschränkt sich das nur auf larmoyante Statements ?

  7. 100.


    "Debatte über Kostenbeteiligung an Radwegen - Warum gibt es keine Fahrradsteuer?"

    https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2020/09/berlin-fragen-antworten-fahrrad-steuer-radweg.html

  8. 99.

    @Heidekind, Hilfe für Ihre Synapsen: es gibt auch Radfahrende, die chron. Erkrankungen haben, z.B. Rheuma. Nein, nicht dafür sollten die Radwege beheizt sein. Aber dafür sollten die Radwege nicht auch noch die Knochen und das Rad ruinieren. Es kostet übrigens Geld, wenn sie jedes Jahr das Getriebe plus Felgen einmal komplett austauschen müssen.

  9. 98.

    Ich fasses es nicht @Grauer. Ist das eine ernste gemeinte Antwort?
    Ob Sie es glauben oder nicht: es gibt tatsächlich Menschen, für die das Rad das einzige Fortbewegungsmittel darstellt.
    Für die Öffentliche aus den unterschiedlichsten Gründen nicht infrage kommen (hier ein kl. Auswahl für Sie: finanzielle Gründe, Pandemie, BVG-genervt, Körper nicht mehr kompatibel mit dem ruppigen Anfahr- und Bremsverhalten von Fahrern, usw.) und die kein Auto besitzen, sich keine Taxe leisten können oder wollen.
    Für diese Menschen ist es eben wichtig, dass auch bei Wind und Wetter, wo die Fortbewegung per Rad eh schon kein reines (Sport-)Vergnügen die Wege wenigstens auch unfallfrei befahrbar.

  10. 97.

    @Udo Behrmann:
    "Soviel ich weiß, sind dort "(Clayallee )"fast über die gesamte Länge Radwege, die für mich ausreichend breit genug und auch befahrbar sind." Sie irren gewaltig! Es gibt ein ultrakurzes Stückk vor der amerikanischen Botschaft, welches gut befahrbar ist. Der Rest ist der normal-berliner-Holperradweg.
    Und zu Ihrer Frage, weshalb Radwege (unbedingt!) breiter sein sollten: weil es genauso wie bei Autofahrern (sehr) langsame und (sehr) schnelle Radfahrende gibt, die sich mal überholen wollen oder mal ausweichen müssen. Wenn Sie das aktuell bei den meisten Radwegen dieser Stadt probieren (auch aus dem Gründen, die bereits genannt wurden), dann landen Sie auf dem Gehweg. Oder auf der Fresse, weil es eine hochstehende Einfasskante am Radweg gibt, sie Sie nicht im richigen Winkel nehmen können, um nicht stürzend da drüber zu kommen.
    Berliner Radwege sind nicht nur eine Katastrophe, sondern wirklich gesundheitsgefährdend - mit oder ohne Salz.

  11. 96.

    Gäbe es da nicht die Menschen die 10.000km im Jahr mit dem Fahrrad durch Berlin zum Arbeitsplatz pendeln. Woher bloß immer diese Unterstellungen kommen?

  12. 95.

    Nehmen wir Fahrraeder doch einfach als das was sie sind, einfach preiswerte Sportgeraete. Man spielt auch im Winter im Park kein Fussball.

  13. 94.

    Hach ja ... beheizte Radwege, wo es dolle am Popöchen stuckert, ein Tartanbelag, Gehwegpoller aus Schaumstoff und an roten Ampeln das Wort "Bitte" aufs Glas draufkleben. Radfahren kann so einfach sein.

  14. 93.

    Das Foto ist aus Friedrichshain, Karl-Marx-Allee oder Frankfurter, zwischen Strausberger und Proskauer, würde Südseite vermuten.
    Als Fußgänger sieht man bei solchem Wetter aber auch nicht anders aus.

  15. 92.

    Eigentlich kann man sich nur noch mit der flachen Hand vor die Stirn schlagen - bei jedem Thema, dass Berlin betrifft.

    - Die Umweltsenatorin Berlins möchte einen "Pilotversuch" starten, um trotz Verbotslage Salz zur Abstumpfung der Berliner Radwege einzusetzen.
    - Trotz zu erwartender Schäden an benachbarten Bäumen, sonst. Pflanzen, dem Grundwasser und den Radwegen/Straßen (#26) will man eine völlig sinnlose und populistische "Winterlösung" (#11) , obwohl strafbewährt, erwägen.
    - Es geht um die Absicherung des rein ideologisch ausgerichteten Ziels "Berlin hat autofrei zu werden", dass völlig an der Realität vorbei, sogar Menschen mit Behinderung von der gesellschaftlichen Teihabe ausschließen würde.

    Wenn ich nicht genau wüsste, dass wir das Jahr 2022 schreiben, würde ich meinen, dass wir in der ehemaligen Ostzone sind. Methoden des Zurechtbiegens geltenden Rechts, um rein ideologische Zielsetzungen zu erreichen, sind eigentlich für eine Demokratie nicht typisch.

  16. 91.

    Wenn die von Ihnen nicht benutzten Hochbordradwege " lebensgefärlich " sind und jede Kreuzung eine Todesfalle ist. wem haben Sie denn diese gravierenden Mängel mitgeteilt und was haben Sie unternommen um diese Mißstände abzustellen ?

  17. 90.

    Verzeihung, aber da habe ich mich wohl missverständlich ausgedrückt. Ich wollte keineswegs dafür werben, Kohlestrom zu verwenden. Ich wollte nur anmerken, dass das aktive Beheizen von Radwegen an ausgewählten Stellen zur Glättebeseitung durch den hierdurch wegfallenden KfZ Verkehr durchaus eine gewaltige CO2 Reduktion bewirken kann. Natürlich sind auch hier regenerative Energien zu bevorzugen. Pilotprojekte dazu gibt es auch schon in Deutschland, nur meines wissens leider nicht in Berlin.

  18. 89.

    "Einige Menschen wollen im Winter Fahrrad fahren. Das ist unvernünftig."

    Wenn es darum geht, was alles unvernünftig ist, muss man auch ein paar Autofahrende nennen, die um die Ecke fahren, um da einen Kaffee zu trinken. Denen raten Sie ja auch nicht, zu laufen oder 2 Stationen mit dem Bus zu fahren.

    Fragen Sie und andere sich gar nicht, warum manche bei, wie einige finden, widrigen Witterungsbedingungen Rad fahren? Bestimmt nicht, um Autofahrer oder Fussgänger zu ärgern oder absichtlich Unfälle zu provozieren. Manchen macht das Wetter eben nix aus. Andere können sich Tickets für die Öffentlichen nicht leisten. Wieder andere haben in Zeiten der Pandemie Angst vor Ansteckungen in den Öffentlichen (ob berechtigt oder nicht ist in dem Zusammenhang egal). Wieder andere wollen nichts mit Verbrennern zu tun haben. Manche fahren einfach für ihr Leben gerne Rad. Einfach so. Alles ihr gutes Recht. Und ich finde es nicht vermessen, diese Gegebenheiten zu akzeptieren und zu unterstützen.

  19. 88.

    Hier geht es ja grade darum statt die Radwege zu salzen einfach die Radler mit den Autos fahren zu lassen. Aber das haben Sie scheinbar überlesen.

  20. 87.

    Die fahren vielleicht einfach ins Büro, nicht weil sie Spaß haben, sondern weil sie sonst gefeuert werden. Fahrräder sind keine Spielzeuge, sondern Transportmittel.

Nächster Artikel