Pilotprojekt in Berlin - Jarasch plant Einsatz von Salzlösung auf glatten Radwegen

So 23.01.22 | 16:52 Uhr | Von Georg-Stefan Russew
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Eine Fahrradfahrerin fährt in der Innenstadt über einen teilweise vereisten Radweg. (Quelle: Sven Hoppe/dpa)
Bild: Sven Hoppe/dpa

Die Berliner Verkehrs- und Umweltsenatorin will, dass glatte Fahrradwege im Winter der Vergangenheit angehören - und zwar auf umweltfreundlichere Art und Weise. Dafür soll in einem Pilotprojekt Sole, eine Salzlösung, eingesetzt werden. Von Georg-Stefan Russew

Die Berliner Verkehrs- und Umweltsenatorin Bettina Jarasch (Grüne) will auch im Winter sichere Radwege und möchte in einem Pilotversuch im Winterdienst testen, ob sich durch das Auftragen von Sole "Umweltschutz und Verkehrssicherheit zusammenbringen" ließe. Das erklärte die Grünen-Politikern am Samstag auf ihrem Twitter-Kanal.

Sole, eine wässrige Salzlösung, solle "bessere Räumungsleistungen [...] erreichen", so Jarasch. Schon am Dienstag will sie in der Senatsrunde einen entsprechenden Vorstoß präsentieren.

Streusalzverbot in Berlin

Zur Schnee- und Glättebeseitigung darf in Berlin kein Salz verwendet werden [berlin.de], da es Bäume und sonstige Vegetation schädigt. Nach dem Berliner Naturschutzgesetz ist die Verwendung von Streusalzen oder anderen Auftaumitteln auf Grundstücken verboten.

Ausnahmen gelten [gesetze.berlin.de] nur für die Berliner Stadtreinigung (BSR) auf bestimmten Fahrbahnen bei besonderer Glätte. Hier setzt das Unternehmen schon auf Feuchtsalz. Verstöße auf öffentlichem Straßenland werden vom Ordnungsamt aufgenommen und geahndet.

Zudem warnt das Umweltbundesamt (UBA) davor, dass das Salz in das Grundwasser gelangen und Pflanzen schädigen könne. "Da Grundwasser nur sehr langsam erneuert wird und unsere wichtigste Trinkwasserquelle darstellt, müssen chemische Beeinträchtigungen aber so weit technisch möglich vermieden werden", schreibt das Umweltbundesamt etwa auf seiner Webseite [umweltbundesamt.de]. Dem Verkehrssenat sei diese Rechtslage bekannt, schrieb Jaraschs Sprecher Jan Thomsen. Daher sei zunächst nur ein Pilotversuch geplant, der vom Pflanzenschutzamt der Senatsverwaltung begleitet und ausgewertet werde.

BSR zeigt sich aufgeschlossen

Die Berliner Stadtreinigung (BSR) zeigte sich Jaraschs Vorschlag gegenüber aufgeschlossen und antwortete auf Twitter, dass es bei der Glättebeseitigung auf Radwegen keine wirksamere Alternative zu Auftaumitteln gebe.

Die BSR, die in Berlin für den öffentlichen Winterdienst beispielsweise auf Fahrbahnen, Radstreifen und -wegen sowie Fußgängerüberwegen zuständig ist, führte unter Verweis auf Experten des Spitzenverbands der kommunalen Wirtschaft (VKU) an, dass abstumpfende Streustoffe - wie Splitt und Sand - nicht umweltfreundlicher seien, als geringe Mengen Sole.

Bereits Kleindosen von 10 oder 15 Gramm bringen Eis zum Tauen, heißt es auf der BSR-Webseite [bsr.de]. Sole hat auch eine bessere Haftung und Liegedauer auf der Fahrbahn sowie eben eine schnellere Tauwirkung. Es kann auch nicht vom Wind verfrachtet werden kann. Dagegen könne Splitt Reifen beschädigen; Sand sei besonders in Kurven wegen der zusätzlichen Rutschgefahr kritisch zu betrachten, hieß es.

Sole-Tests in Norddeutschland

So teste beispielsweise die mecklenburgische Stadt Neubrandenburg die Sole-Technik eines österreichischen Anbieters auf Radwegen. Die Flüssigkeit, die dort zum Einsatz komme, verfüge über eine Salzkonzentration von 23,8 Prozent. Eine Sprühtechnik verteile 40 Gramm Salz je Quadratmeter. In Hamburg setzt der Flughafen bei Gehwegen ebenfalls auf dieses System.

User sehen schädliche Folgen

Als Reaktion auf Jaraschs Vorschlag schrieben dagegen verschiedene Twitter-User, dass Salz eine "ganz schlechte Idee" für Radwege sei. Es greife nicht nur die Wurzeln der Straßenbäume an, sondern sei insbesondere gegenüber bei Fahrrädern häufig verwendetem Aluminium hoch korrosiv.

Sprecher Jan Thomsen erklärte ebenfalls auf Twitter, dass es im Pilotversuch gerade darum gehe, eine verträgliche Abwägung zu finden. "Im Übrigen ist Sole gerade weniger konzentriert als Streusalz und daher nicht das Gleiche", twitterte Thomsen weiter.

Andere User schrieben, dass es ein politisches Zeichen erster Güte wäre, wenn zuerst die Radwege und dann die Straßen geräumt würden. Schließlich hätten Autos vier Reifen und könnten nicht so ohne weiteres bei drei Stundenkilometer umkippen, schrieb beispielsweise ein Nutzer namens @berlin_radler.

BSR räumt mit Priorisierung

Die BSR räumt Fahrbahnen, Radwege, Haltestellen und Fußgängerüberwege - und zwar in einer bestimmten Rangfolge. Priorität haben laut BSR wichtige Fahrbahnen wie zum Beispiel die Stadtautobahn. Auch Radfahrstreifen und die Fußgängerüberwege stünden auf der Prioritätenliste.

Erst wenn diese geräumt und gestreut seien, kämen zum Beispiel die Nebenstraßen an die Reihe. Auf Nebenstraßen und auf Radwegen könne die BSR jedoch nur Schnee räumen, Glätte werde auf Radwegen - bislang - nicht beseitigt.

Beitrag von Georg-Stefan Russew

117 Kommentare

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  1. 116.

    Jaaaa, wenn vernünftig geräumt/gestreut würde, wären wohl viel mehr Radler auch im Winter unterwegs, oder?

  2. 115.

    Richtig. Und das ist das Kernproblem, was man aber nicht verstehen will. Die grüne Politik (keine Abwertung!) hat in dieser Hinsicht das Augenmaß verloren und man konzentriert sich auf den ersten Besten den man greifen kann, nachdem irgendjemand gerufen hat "haltet den Dieb". Nun ist es aber so, dass der Erste nicht immer der Beste sein muss, genauso wenig wie das erste erkennbare Ziel nicht immer das maßgebende/ausschlaggebende sein muss.

    In meinem Kommentar 102 habe ich das aktuelle Feindbild, dass dabei(in diesem Zusammenhang) aufgebaut wurde, umschrieben und bezogen auf diesen Fall Zusammenhänge, die mir aufgefallen sind, beschrieben.
    Wenn die grüne Politik (siehe oben) das "Täterprofil" nicht vollständig erkennen kann (oder will?) wird sie das "Gericht" (die Bevölkerung) von der Wahrhaftigkeit ihrer Aussagen nicht überzeugen können. Man wird die "Anklage" fallen lassen müssen. Mich hat sie nicht überzeugt. Ich erkläre mich als "Unschuldig i.S. der(en) Anklage".

  3. 113.

    Das mit der Ökobilanz würde ich auch nie bestreiten. Mir ging es in meinem Kommentar an "Carl" eigentlich darum, dass nicht nur die Autofahrerspezies an der CO² Bilanz Schuld ist. Da haben wir alle einen mehr oder weniger großen Anteil dran. Und das gegenseitige Zuweisen von Schuld trägt auch nicht zu einem guten Dialog bei. Schönen Tag noch. :-)

  4. 112.

    Nee, is klar: Salz im Winter und Atomkraft als grüne Projekte! Schon toll, wie sich Inhalte ins Gegenteil verkehren können, wenn es denn passt.

  5. 111.

    Oh , habe ich eine der Gottheiten verunglimpft ? Hoffentlich komme ich jetzt nicht in die Hölle ! Gnade bitte
    Radfahrer-Gott .

  6. 110.

    Obwohl ich zur Fraktion "fährt ganzjährig" gehöre, finde ich die Idee seitens einer grünen Politikerin irgendwie, sagen wir, "überraschend". Denn gerade das Salz (o.a. die Sole) auf Radwegen dürfte direkt den Bäumen links oder manchmal auch rechts daneben nicht gerade gut tun.
    Ehe man aber anfängt, sich darüber Gedanken zu machen, sollte man das Geld besser erst einmal für die Grundsanierung der Radwege ausgeben. Da ist reichlich zu tun. Außerdem wäre es schön, wenn es Gesetz wäre, bzw,, wenn das eigentlich schon vorhanden, dass die Radwege frei zu halten sind. Auch im Winter. Also auch frei von Schneebergen. Glattgebürstete Schlidderpisten sind aber damit nicht gemeint.

  7. 109.

    "...Also bitte, vergleichen Sie keine intelligente Lebewesen mit Grüner Politik..." Nein, um Gottes Willen, mach ich nicht.
    Ich glaube im dritten Absatz meine Position grundlegend erläutert zu haben, auch wenn es nur ein Satz war.

  8. 108.

    Das ist alles, was ihnen als Antwort zu meinem Kommentar einfällt? "Verbohrt" ist ihr einziges Argument?
    Also etwas mehr Beachtung (für mich gleichbedeutend mit Respekt) hätte ich schon erwartet, bei der Mühe, die ich mir gegeben habe, hierzu eine exakte Analyse durchzuführen.
    Vielleicht haben sie aber auch nicht alles auf die Schnelle verstanden :) :) ? Lesen sie es nochmal in Ruhe!

  9. 107.

    Weshalb sind Radfahrer wichtiger als Fußgänger? Warum sollen ausgerechnet Radwege gesalzen werden ind Fußwege nicht?

  10. 106.

    Also bitte, vergleichen Sie keine intelligente Lebewesen mit Grüner Politik.
    Ansonsten halte ichs wie @Neo.... Bitte (und nicht nur) Witterungsbedingt mehr Respekt und Achtsamkeit den Anderen gegenüber. Dann wirds ooch wat miteinander in der großen Stadt.

  11. 105.

    Schade, mit # 97, 102 und 101 kommen jetzt verbohrte Ideologen zu Wort die ihren persönlichen Krieg auf deutschen Straßen anheizen wollen.

  12. 104.

    Ich würde ihr empfehlen, im Rahmen einzuführender Kehrwochen, Haus- und Grundstücksbesitzer zu verpflichten, nicht nur nur den Gehweg sondern auch den Radweg, egal ob der auf dem Gehweg oder der Straße verläuft, räumen zu lassen und die Verkehrssicherungspflicht zu erweitern. Das schafft unser Lande aus Schwaben doch bestimmt, oder?

  13. 103.

    Ich habe einen anderen Vorschlag: Aufhebung der Radwegebenutzungspflicht und ein generelles Tempo 30 in der Stadt. Räumung der mangelhaft erhaltenen Radwege überflüssig.

    Das hat nicht RRG zu verantworten, das ist jahrzehntelang so üblich gewesen. Im Gegenteil, erst seit RRG passiert doch was in Sachen gerechtere Aufteilung des Straßenraums.

  14. 102.

    Einsatz von Salz obwohl verboten?
    Das Problem hat m.E. einen ideolog. Hintergrund. Wenn der RRG-Senat den Autofahrer zum persönlichen Feind erklärt (einzelne Entscheidungen wurden schon durch Gerichte gekippt) und alles unternimmt, um Berlin autofrei und zur Fahrradstadt Europas zu machen (am liebsten auch noch die Schwerbehinderten, die übrigens nicht immer im Rollstuhl sitzen müssen), dann muss man natürlich auch eine passend verbrämte „Winterlösung“ anbieten (die vor Monaten in Diskussionen bereits erwartet wurde), da sonst die Seifenblase platzt. Man ist dafür sogar bereit seine eigenen grünen Prinzipien zu opfern (Bäume, Grundwasser......).

    Wenn Kommunalpolitik durch Ideologie geprägt wird, verliert sie ihre Glaubwürdigkeit.

    Zu dem grünen Anstreichen von Fahrradwegen: absolut populistische Aktion ohne Sinn und das Bild dokumentiert Geldverschwendung, die lediglich zeigen soll wer die Macht hat und vergleichbar ist mit dem Revier markieren von Hunden beim Gassi gehen.

  15. 101.

    Hauptsache dem Radfahrer geht es gut , dann ist auch der Schaden für die Umwelt plötzlich egal ! Hauptsache die "Handvoll" Winterradler kommen gut ans Ziel . Alles für die Radler ! die Radler leben hoch ! Sie sind unsere neuen Gottheiten , sollten verehrt werden so wie Kühe in Indien !

  16. 100.

    Massenware kommt aus Fernost, das ist richtig. Also Baumarktschlörren und der restliche fabrikneue Sperrmüll bis hin zu den niedrigpreisigen (~ 800 €) Rädern der großen Hersteller.

    Ich kann ihnen ein gutes Dutzend Hersteller nennen, die Rahmen fertigen und hier montieren lassen. Allerdings kommen die Komponenten fast ausschließlich aus Fernost.

    Dennoch haben Fahrräder eine 10-fach bessere Öko-Bilanz als KfZ, wo auch viele Teile inzwischen aus Fernost kommen.

  17. 99.

    Als radelnder Autonutzer (außerhalb der Stadt) kenne ich diie Diskrepanz, sehe Radfahrende allerdings nicht unbedingt als Bittsteller. Und bei Eisglätte halte ich es mit größter Vor-und Umsicht, egal ob Rad oder Dose. Angepasste Fahrweise ist ein Teil Gesundheitsschutz, wenn andere Deppen nicht wären, egal womit sie sich fortbewegen. Da nehme ich niemanden aus.
    Es wäre senatsseitig toll, wenn Radwege konsequent mit in den Räumplan einbezogen werden, warum das jetzt erst "aufploppt" ist mir ein Rätsel, oder hat die Senatspolitik bald schon pathologisch gepennt? Das sollten sich vor allen die fragen, die seit zig Jahren die RRG und jetzt RRG-Politik gestalten. Fakt ist, dem Bürger Taumittel verbietet, aber der BSR erlauben und Sole ins Spiel bringen, finde ich doppelzüngig und nicht ehrlich

  18. 98.

    Gurkenwasser ist nichts anderes wie Sole, also eine Salzlösung. Also genau das was Jarrasch vorschlägt.

    "Das übrig gebliebene Salzwasser der Firma Develey wird recycelt. So wird die Menge an Salz, das in die Umwelt gelangt verringert – quasi eine Win-Win-Situation. Bereits seit Anfang November werden sieben Straßenmeistereien im Umkreis des Develey-Standorts in Dingolfing für ihren Winterdienst mit der umweltfreundlichen Sole beliefert, das bei der Produktion von Salzgurken entsteht und normalerweise über eine Kläranlage entsorgt wird. "

    https://www.oekotest.de/freizeit-technik/Gurkenwasser-statt-Streusalz-_600773_1.html

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