Brandserie in Berlin-Staaken - "Verlieren wir beim nächsten Mal vielleicht alles?"

So 09.01.22 | 07:55 Uhr | Von Kerstin Breinig
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Hausbrände in Staaken (Quelle: rbb)
Video: rbb|24 | 09.01.2022 | Material: Abendschau | Bild: rbb

Seit Monaten kommt es in Berlin-Staaken nahe der Heerstraße immer wieder zu Kellerbränden in Hochhäusern. Die Menschen im Kiez leben in Angst vor dem Feuerteufel. Zwar wurden zwei Mal Verdächtige gestellt - doch es brannte auch dann noch weiter. Von Kerstin Breinig

Im Eingangsbereich der Obstallee 4 stinkt es nach Rauch. Das Licht funktioniert nicht, ein Fahrstuhl ist auch außer Betrieb. Hinter einer grauen Stahltür liegt der Kellerraum, in dem das Feuer ausbrach. Jetzt ist sie verschlossen. Die Glastür auf der anderen Seite des Hauses ist eingeschlagen. Das Loch wurde nur mit einer Plastiktüte verschlossen. In diesem Raum befinden sich auch die Versorgungsleitungen des Hochhauses.

Das Haus sei verqualmt gewesen, erzählt Petra Winter. Sie wohnt seit Jahren in dem Elfgeschosser in Berlin-Spandau. Den Rauch und das Jaulen der Feuermelder, als der Qualm in die Wohnungen eindringt, wird sie so schnell nicht vergessen. Bei dem Brand ist mehr kaputt gegangen als die Hausleitungen. Ruhig schlafen kann kaum noch jemand, weil es seit Monaten immer wieder brennt in der Obstallee-Siedlung - zuletzt in der Nacht zu Dienstag.

Hausbrände in Staaken (Quelle: rbb)
Anwohnerin Nicole Achiri | Bild: rbb

Obstallee 17: Ein junger Nachbar hämmert an alle Türen

"Am Tag ist es noch okay", sagt Nicole Achiri, die ebenfalls in der Siedlung wohnt. Aber nachts komme die Angst. Die meisten Brände der vergangenen Monate waren zwischen Mitternacht und vier Uhr morgens ausgebrochen. Ein Nachbar habe im September bei ihr und den anderen an die Türen gehämmert, als er die Flammen bemerkte. Noch vor dem Eintreffen der Feuerwehr konnten so alle Mieter das Haus verlassen, erzählt Nicole Achiri. Für sie ist der damals 17-Jährige ein Held.

Verletzt wurde niemand. Doch das Haus, ihr Zuhause, war über Wochen unbewohnbar. Kein Strom, kein Wasser, kein Gas. Das fehlt bis heute. Ihr Gasherd funktioniert nicht. Die Reparaturen ziehen sich. Die Auseinandersetzungen mit der Wohnungsbaugesellschaft, mit TV- und Internetanbietern zehren an den Nerven. Bis heute wurde der Täter nicht gefasst.

Der kurze Moment der Hoffnung, als ein 14-Jähriger bei einem anderen Brand festgenommen wurde, zerschlug sich nur zwei Tage später. Es brannte wieder in der Obstallee. Für diesen Brand kommt der Junge nicht in Frage. Wann brennt es wieder? Wo wird das sein? Es sind diese Fragen, die die Menschen hier umtreiben. "Haben wir beim nächsten Mal vielleicht alles verloren?", fragt Nicole Achiri. Dann schiebt sie noch ein "Oder ..." nach. Diesen Satz beendet sie nicht. Doch die Angst ist spürbar. Bisher gab es keine schweren Verletzungen, keine Toten. Doch was, wenn man aus dem Hochhaus nicht mehr ins Freie kommt?

Obstallee 24: Einige Schäden sind bis heute nicht behoben

Blaulicht und Sirenen lösen bei vielen nur einen Gedanken aus: Wo brennt es jetzt wieder? "Gott sei Dank ist uns nichts passiert, aber das ist gefährlich", sagt auch Ahmad Al Masri. Er wollte am 10. Dezember seine Tochter zur Schule bringen, als es bei ihnen anfing zu brennen – auch dort im Versorgungsraum. Seitdem hat er Angst.

Die Familie lebt mit vier Kindern in einem der markanten Punkthochhäuser, die das Bild der Siedlung prägen. Auch sie mussten vorübergehend ausziehen – kein Strom, keine Heizung, kein Wasser. Einige Schäden sind auch hier bis heute nicht behoben. Viele ältere Menschen kämen nicht mehr nach draußen, erzählt Ahmad Al Masri. Denn im 22-Geschosser funktioniere nur noch ein Aufzug und auf den würde man jedes Mal mindestens eine Viertelstunde warten.

Was ihn auch ärgert, ist der viele Sperrmüll, der auch jetzt noch im Treppenhaus liegt. Eine Einladung für Brandstifter, findet er. Es braucht nur ein Feuerzeug.

In die Jahre gekommener sozialer Wohnungsbau

Die Obstallee-Siedlung und die Rudolf-Wissell-Siedlung an der Heerstraße mit insgesamt mehr als 8.000 Wohnungen wurden in den 1970ern am Stadtrand gebaut. Die Mieten sind vergleichsweise günstig. Der Bereich an der Heerstraße Nord gilt seit Jahrzehnten als sozialer Brennpunkt. Das Büro der Quartiersmanager hat selbst einen Brandschaden.

2019 hat die landeseigene Wohnungsgesellschaft Gewobag viele Häuser übernommen. Von ihr fühlen sich die Mieter jetzt im Stich gelassen, weil so vieles nicht funktioniert. Aber vor allem, weil das Unternehmen den Sicherheitsdienst des vorherigen Vermieters abgeschafft hat. 1.200 Unterschriften haben sie in der Nachbarschaft gesammelt, damit das wieder rückgängig gemacht wird. Die Wohnungsgesellschaft will in diesem Monat an einem runden Tisch teilnehmen, um Lösungen für das Viertel zu finden.

Hausbrände in Staaken (Quelle: rbb)
Die Polizei sucht nach Zeugen | Bild: rbb

Die Polizei ist vor Ort - doch die Ermittlungen sind schwierig

Die Polizei zeigt derweil viel Präsenz. Das Präventionsmobil des Abschnitts 23 macht am Staakener Zentrum Station, klärt auf, versucht da zu sein. Die Polizei rät den Menschen, keinen Sperrmüll im Haus abzustellen und die Türen geschlossen zu halten. Doch nicht alle halten sich daran, erzählen die Mieter. Vor allem da, wo die Klingelanlagen kaputt oder durch die Feuer zerstört sind, ist das schwierig.

Die Brände sind nicht das einzige Problem im Kiez, aber das drängendste. Die Suche nach Brandstiftern gestaltet sich für die Polizei generell schwierig. Ist es ein Täter oder haben die Taten gar nichts miteinander zu tun? Gibt es Nachahmer? Das alles ist bisher nicht klar. Zwei Mal wurden Tatverdächtige gestellt. Beide Male brannte es hinterher weiter. Erst wenn der oder die Täter gefasst werden, wird zumindest ein bisschen Ruhe einkehren. "Dann fällt von uns eine große Last ab", sagt Nicole Achiri. Sie würde dann wieder besser schlafen.

Sendung: rbb 88.8, 04.01.2022, 17 Uhr

Beitrag von Kerstin Breinig

19 Kommentare

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  1. 19.

    Mein Vorschlag: Wenn in Berlin mal wieder irgendeine Straße o. ä. umbenannt werden soll, schlage ich sowas wie "Straße der Feuerwehr", "Straße der Freiwilligen Feuerwehr" oder "Walter-Jäger-Straße" (der Erfinder des Rauchwarnmelders) vor.
    Verdient hätten sie es allesamt.
    Und was diese Brandstiftungen betrifft:
    Sofern man den oder die Täter erwischt, Anklage wegen mehrfachen, versuchten Mordes.
    Nicht weniger.

  2. 18.

    Ich wohne nicht in Charlottenburg und bei uns geht es genauso. Aber dort, wo sogar an lebenswichtigen Reparaturen gespart wird, würde die Hausreinigung abgeschafft, wenn die Mieter anfingen, sie selbst zu machen. Die Verursacher findet man ja selten.
    Solche Gesellschaften gehören für mich enteignet, das sind grobe Verstöße gegen die Fürsorgepflicht! Da macht es sich das Land Berlin zu einfach!

  3. 17.

    Es geht nicht um die Einsparung bei den Vermietern, wer macht den Dreck und Unrat denn?
    Bei uns im Haus kommt einmal im Jahr die Grundreinigung, das reixht, Sperrmüll kann man selbst bei der Bsr abgeben oder wird von denen abgeholt. Bleibt doch was im Hof stehen müssen alle Mieter dafür bezahlen. Da wir das auch nicht möchten achten wir in unserer Anlage sehr darauf, das das nicht vorkommt und es wird reglementiert. Eben Charlottenburg.

  4. 16.

    Ja, mit dem Lesen ist das so eine Sache. Die Brandserie begann nicht erst 2019 und die Sicherheitsdienste haben daran nichts geändert.

    Ich kenne die Ecke seit den 70ern und das war schon immer ein sozialer Brennpunkt, wie überall wenn man Menschen in Legebatterien am Stadtrand verfrachtet.

  5. 15.

    Jein, das sind nur vordergründige Lösungen.... Natürlich kann man den Müll entsorgen lassen und selbst die Hausreinigung machen, sicher gibt es im Haus auch den einen oder anderen Handwerker... was langfristig wohl zu weiteren Einsparungen bei der Vermieterin führen würde.

  6. 14.

    "Und die Mieter zu wenig darauf achten, das die Kellertüren verschlossen sind und nicht nur einfach zugezogen, ohne die Tür richtig durch 2 maliges drehen der Verriegelung zu verschliessen" das mag ja sein, aber das gibt doch niemandem das Recht, dort 1. einzudringen und 2. Feuer zu legen! Und für eine mit einer Plastikfolie "reparierte" Eingangstür, einen nicht-funktionierenden Aufzug u. ä. sind wohl auch die Mieter verantwortlich? Die Menschen dort leben in Angst, Schuldzuweisungen sind hier fehl am Platz!

  7. 13.

    Da gibt es noch die Möglichkeit der Mietminderung, das beschleunigt notwendige Arbeiten. Den Bewohnern empfehle ich, mit einem Anwalt ein Sammelverfahren anzustreben, die Zustände dort sind schon ohne Brandstifter skandalös!

  8. 12.

    Die größte Sorge ist, dass aus diesen fatalen Fehlern des "sozialen Wohnungsbaus", der leider viel zu oft wie hier nur asoziale Wohnbedingungen bietet und nur als Multiplikator des Prekariats von sich Reden macht, keine Schlüsse gezogen werden. Im aktuell panischen "Mietenwahnsinn" Aktionismus scheint der Senat genau die gleichen Fehler in Beton zu gießen BAUEN BAUEN BAUEN - möglichst schnell - möglichst billig - möglichst zu Dumpingmieten.

  9. 11.

    Blödsinn? Erst den Bericht komplett lesen bitte: „ 2019 hat die landeseigene Wohnungsgesellschaft Gewobag viele Häuser übernommen. Von ihr fühlen sich die Mieter jetzt im Stich gelassen, weil so vieles nicht funktioniert. Aber vor allem, weil das Unternehmen den Sicherheitsdienst des vorherigen Vermieters abgeschafft hat. 1.200 Unterschriften haben sie in der Nachbarschaft gesammelt, damit das wieder rückgängig gemacht wird. Die Wohnungsgesellschaft will in diesem Monat an einem runden Tisch teilnehmen, um Lösungen für das Viertel zu finden.“

  10. 10.

    Dieser wurde extra in geschaffenen Räumen gelagert. Die Zusammenarbeit mit QM und Polizei sowie vielen sozialen Akteuren fand statt, Asbestsanierungen wurden flächendeckend unternommen. Ja, es war ein privater Vermieter, aber wir haben es damals gut im Griff gehabt. Dann kam die Gewobag und damit der Spardruck. Und warum man nicht überall Kameras installieren darf, kann man ja mal den Datenschutz fragen. Das Heiligtum der Deutschen! Viel Glück an alle Mieter, das Arbeiten hat dort Spaß bereitet

  11. 9.

    Liebe Experten, die sich hier äußern wollen. Gerne geb ich mal einen kleinen Einblick. Als Verwalter habe mit einem Kollegen von Mitte 2016 bis Ende 2018 das Quartier vor Ort betreut. Zu dieser Zeit gab es meines Wissens nach 1 Brand in einer Wohnung, bei welchem der Mieter vermutlich Spuren verwischte. Der Sicherheitsdienst patroullierte nachts bzw ab ca. 18/20 Uhr. Die Berichte wurden von uns ausgewertet, Schäden beseitigt, Gefahrenquellen beseitigt, Sperrmüll kontinuierlich entfernt.

  12. 8.

    Einem schmierigen Hausflur da kann man was entgegen setzen, ganz einfach, Eimer, Seife, Wasser und putzen. Eigenleistung heisst das Zauberwort, genau so bei dem Sperrmüll, der wird auch nicht von der Hausverwaltung oder Bsr auf die Häuser verteilt. Genau genommen werden die Entsorgungskosten auf alle Mieter im Haus umgelegt, nicht nur auf die Schweine die nicht wissen das man Müll selber zu entsorgen hat. Es wird also für jeden im Haus teuer wegen einigen wenigen die sich an nichts halten.

  13. 7.

    @ Rainerharald, was schlagen Sie denn an Ermittlungen und Überwachungen vor? Die Siedlung scheint ja doch etwas größer zu sein. Da wird es ein Kommen und Gehen geben. Wie soll man das umfangreich überwachen?
    A und O sind geschlossene Haustüren, Rauchmelder, eine gesicherte Haustechnik, eine funktionierende Gegensprechanlage und! aufmerksame Mitbewohner. In der Praxis werden aus Bequemlichkeit auch mal Türen nicht abgeschlossen, bei Klingeln ohne Rückfrage geöffnet und achtlos Müll liegengelassen. Die Anonymität von Hochhäusern verstärkt das vielleicht noch.
    Es wird Ermittlungen geben, aber es wäre ja nicht zielführend, die in der Öffentlichkeit breit zu treten.

  14. 6.

    Die Probleme dort sind vielen Spandauern bekannt. Bis zur Wende ging es insgesamt recht gut. Besser Verdienende zahlten eine Fehlbelegungsabgabe. Ein insgesamt damals gutes Gemisch von Mietern. Nach der Wende ging es bergab. Man sparte sich diese Abgabe und kaufte sich im Umland etwas eigenes oder auch in Berlin. Der Verkauf der GSW dann aus finanziellen Gründen der Stadt Berlin gab dann den Rest dieser Siedlung. Der Nachfolger nahm oft nur noch harzt 4 Empfänger auf, die Miete ist sicher!!

  15. 5.

    Das liegt auch an der Gewobag,weil sie nichts reparieren und alles verkommen lässt.Dafür wird fleissig neu gebaut.
    Wir haben in Charlottenburg,seit einem Jahr eine kaputte Klingelanlage,das Haus ist also immer geöffnet.Reparaturen werden nicht ausgeführt oder erst in drei Monaten angekündigt.Ständig ist die Heizung und das warme Wasser für längere Zeit ausgefallen.Es gibt unter Alba keinen Winterdienst.Der Hausflur ist schmierig dreckig,und hat seit Jahren keinen feuchten Lappen gesehen.

  16. 4.

    Mir scheint, das nicht in genügenden Mass Ermittlungen und überwachungen durchgeführt werden. Und die Mieter zu wenig darauf achten, das die Kellertüren verschlossen sind und nicht nur einfach zugezogen, ohne die Tür richtig durch 2 maliges drehen der Verriegelung zu verschliessen.

  17. 3.

    Blödsinn! Zum einen geht die Brandserie seit Jahren und zum anderen was kann eine WBG dafür wenn sich dort durchgeknallte Pyromanen tummeln? Kennen sie die Gegend überhaupt?

  18. 2.

    Liebe Bewohner ich hoffe das bald der oder die Täter gefasst werden und wünsche der Polizei viel Erfolg dazu.
    Ich könnte auch nicht mehr schlafen.
    Mein Mitgefühl Christian Teichert

  19. 1.

    Ein Beispiel dafür, dass auch die landeseigenen Wohnungsbauunternehmen nicht die Heilsbringer zu sein scheinen.

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