UN-Ziel verfehlt - Jeder fünfte Berliner U-Bahnhof noch nicht barrierefrei

So 02.01.22 | 13:57 Uhr
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Ein Mann mit einem Rollstuhl auf einem Bahnhof vor einem Aufzug. (Quelle: dpa/Robert Schlesinger)
dpa/Robert Schlesinger
Video: rbb|24 | 22.12.202 | Bild: dpa/Robert Schlesinger

Mit Jahresbeginn sollte der öffentliche Nahverkehr barrierefrei sein, das sieht eine UN-Konvention vor, die auch Deutschland ratifiziert hat. Die BVG ist davon aber noch ein ganzes Stück entfernt. Das Problem sieht das Unternehmen nicht bei sich selbst.

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben das Ziel verfehlt, von 2022 an alle U-Bahnhöfe barrierefrei zugänglich gemacht zu haben. Von insgesamt 175 Bahnhöfen sind aktuell 141 für Rollstuhlfahrer oder Gehbehinderte mit einer Rampe oder einem Aufzug zugänglich, wie die BVG auf rbb-Anfrage mitteilte. Das sind rund 80 Prozent der Bahnhöfe. 130 U-Bahnhöfe (74 Prozent) verfügen demnach über ein Blinden-Leitsystem.

Eine UN-Konvention zur Stärkung der Rechte behinderter Menschen sieht vor, dass von 2022 an der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) vollständig barrierefrei sein soll. Deutschland hatte die Konvention bereits 2009 ratifiziert.

BVG: Lange Genehmigungsverfahren sind das Problem

Die BVG kündigte an, bis Ende 2024 "mit dem Großteil der Einbauten fertig zu sein". Das hänge allerdings davon ab, ob die Verkehrsbetriebe die dafür nötigen Baugenehmigung zeitnah bekämen. Derzeit seien Aufzüge an elf U-Bahnhöfen im Bau: Schlesisches Tor, Augsburger Straße, Rathaus Schöneberg, Seestraße, Konstanzer Straße, Grenzallee, Residenzstraße, Pankstraße, Birkenstraße, Bayerischer Platz und Platz der Luftbrücke.

Der Einbau eines Aufzugs dauert laut BVG zwischen neun und 30 Monaten – je nachdem, welche baulichen Probleme es am jeweiligen Standort gibt. "Die im Vorfeld erforderlichen Planungs-, Genehmigungs- und Leitungsverlegungszeiträume betragen aktuell je Standort fünf bis zehn Jahre." Mehr als 50 verschiedene Verwaltungen und Verbände müssten bei den gesetzlich vorgeschriebenen Abstimmungs- und Genehmigungsverfahren beteiligt werden, erklärte die BVG und regte an, diese Zahl zu reduzieren.

S-Bahn besser ausgestattet

Zu den Blinden-Leitsystemen teilte die BVG mit, dass der Einbau der geriffelten Bodenplatten zum Teil erhebliche Umbaumaßnahmen an der Bahnsteigplatte erfordere und wegen der dafür nötigen Bahnsteigsperrungen zu Betriebseinschränkungen führe. Auch der Denkmalschutz macht laut BVG den Einbau von Blinden-Leitstreifen "sehr aufwändig", beispielsweise im U-Bahnhof Klosterstraße.

Bei der Berliner S-Bahn sieht es besser aus mit der Barrierefreiheit. Nach Unternehmensangaben sind 156 der insgesamt 168 Bahnhöfe (knapp 93 Prozent) durch Aufzüge oder zumindest über Rampen nutzbar. 145 Bahnhöfe (86 Prozent) sind demnach an den Bahnsteigen mit einem Blinden-Leitsystem ausgestattet.

Sendung: Inforadio, 03.01.2022, 15 Uhr

59 Kommentare

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  1. 59.

    Man könnte auch sagen, 80 % Erfolg, am Rest wird noch gebaut.

  2. 58.

    Viel Spaß, die Fahrplandaten aus einer anderen Quelle zu besorgen als S-Bahn/BVG/VBB. Dazu müssen noch die Pünktlichkeitswerte irgendwie abgegriffen werden ohne dass die von den Firmen direkt kommen etc. Realistisch besteht nur bei den Algorithmen, die die Fahrtempfehlung ausrechnen, Spielraum für andere Anbieter wie eben "Öffi". Dabei hat die App der BVG Schwächen, indem die einen beim Umstieg quer über eine vielbefahrene Straße oder manchmal sogar durch Gebäude laufen lässt. Das ist dann garantiert nicht barrierefrei im Sinne dieses Artikels, :-) liegt dann aber an der Schwarmintelligenz bei OSM.

  3. 57.

    Nun gut, wenn Sie es SO genau nehmen:
    Mit den Öffis so viele Einkünfte erwirtschaften wie möglich.
    Besser?
    Was die App-Herausgeber betrifft:
    Weiß ich.
    Daher ja auch mein Wunsch nach mindestens EINEM Anbieter, der seine Infos (wie es sich heutzutage eigentlich gehört) aus mehr als EINER Quelle bezieht.
    Danke für die Hinweise, doch ich stehe weder auf Hotlines nebst Warteschleifen, noch habe ich vor, mich mit einer Maschine eine gefühlte Ewigkeit durch dumme Standardfragen zu hangeln, bevor ich dann irgendwann endlich einen Menschen dran habe, der mir nur sagt, dass er meinen entsprechenden Hinweis weitergeben wird.
    Mit Twitter bin ich nicht vertraut und hätte viel lieber eine E-Mail-Adresse zur Hand, unter der womöglich sogar jemand reagiert.

  4. 56.

    Mit dem ÖPNV Gewinner erzielen? Der war gut, auch wenn ein, zwei Ausnahme die Subventionsregel bestätigen. Selbst die BVG ist nur "Subunternehmer" des Aufgabenträgers.

    Es gibt auch Apps wie "Öffi" außerhalb der agierenden Firmen. Nur greifen die auch auf die Daten eben dieser Firmen zu.

    Für Beschwerden und Anregungen gibt es das Servicetelefon der BVG und den Chatbot auf bvg.de. Bzgl. der Verletzung Ihrer Menschrechte durch den Ausfall des 246 empfehle ich Ihnen zudem eine Twitteranfrage an @bvg_bus mit dem Hashtag #246_bvg

  5. 55.

    Im Grunde habe ich keines, da mich diese Problematik ja nicht betrifft.
    Und es sollte ja auch nur ein Beispiel sein.
    Mir ist ziemlich schnurz, wer eine solche App bereitstellt.
    Nur sollte es nach Möglichkeit niemand sein, der mit dem Anbieten entsprechender Beförderungsmöglichkeiten Gewinn macht.
    Und an die Nutzung von Schwarmintelligenz habe ich dabei tatsächlich gedacht.
    Also an ein Programm, das aktuelle Meldungen/Eingaben sämtlicher Benutzer ermöglicht.
    Aber warum sollte der Hinweis auf ein (nicht)vorhandenes Wartehäuschen unmöglich sein?
    Übrigens vermisse ich bez. der BVG generell die Möglichkeit, auf aktuelle Missstände aufmerksam machen zu können:
    Eine falsch beschilderte Bushaltestelle habe ich in Ermangelung anderer Möglichkeiten dem Bezirksamt gemeldet, die fehlende Seitenscheibe eines Wartehäuschens an der Kreuzung Alt-Tempelhof/Tempelhofer Damm wird seit Monaten nicht ersetzt und die nachmittäglichen Busse der Linie 246 fallen oft und gerne aus.

  6. 54.

    Dann haben Sie ein Problem. Selbst Google greift auf die Fahrplandaten der Verkehrsunternehmen zu. Was BVG, S-Bahn und VBB nicht zur wissen, weiß auch niemand anderes. Etwas komplizierter wird es bei Bushaltestellen mit "Kasseler Bord", unmöglich beim Wartehäuschen. Aber Sie können ja bei Open Street Map als Dritter die Daten dazu einpflegen.

  7. 53.

    Äh, Sie sind doch der Experte zum Einbau der Aufzüge und haben uns erklärt, was nicht geht. Ich bin nur Leser, der an Ihrem Fachwissen teilhaben möchte.

  8. 52.

    Ich war ca 10 Monate partiell" behindert" aufgrund eines Unfalls auf Krücken angewiesen. Und auch mir ist dabei vor allem an Bushaltestellen mit nur einer Linie aufgefallen; sehr wenig bis gar keine Sitzmöglichkeiten und/oder Überdachung. Am S-und U-Bahnhof Pankow sind regelmäßig Fahrstühle und auch Rolltreppen ausgefallen. Sowohl Treppe als auch Rolltreppe benutzen ist mit Krücken heikel. Da ist bei beiden Unternehmen noch viel Luft nach oben.
    P. S. "Behindert" ist man nicht, sondern wird man

  9. 51.

    Auch in anderer Hinsicht ist der Denkmaschutz ein Problem:
    An den Innenseiten meines Badefensters hat sich schwarzer Schimmel gebildet.
    Meine Nachfrage, ob man statdessen nicht einen anderen Fensterrahmen (z. B. aus Kunststoff) einsetzen könnte, wurde aus dem genannten Grund abgelehnt.
    Merket auf: Denkmalschutz geht vor Gesundheitsschutz.
    Mein Standpunkt: Solche Bestimmungen darf man guten Gewissens als rückwärtsgewandt bezeichnen.
    Die Bedürnisse heute lebender Menschen sind wichtig, nicht, dass irgendetwas so oder so aussieht.
    Hätte ich diesbezüglich etwas zu sagen, wäre es wohl: "Denkmalschutz ist zweitrangig".

  10. 50.

    Höchst erstaunlich, dass mehr als 80% der Bahnhöfe bereits umgerüstet wurden. Das ist eine unglaubliche Erfolgsgeschichte für das arme Berlin!

  11. 49.

    Stimmt zwar, doch will die BVG ja auch was VERKAUFEN. ;-)
    Ich würde mir aber eine neutralere Informationsquelle wünschen. Also quasi ein "Google Maps" mit der Möglichkeit, vorgeschlagene Routen zu verfeinern (z. B. mit der Option "Zeige mir nur barrierefreie Bahnhöfe an" oder "Ich möchte falls nötig nur dort warten, wo es ein Wartehäuschen gibt"). Selbstverständlich müssten die entsprechenden Vorschläge laufend aktualisiert werden.

  12. 48.

    Genau! Man schaue sich nur mal an, wie steinalt die Stationen aus der Frühzeit des U-Bahnbaus in Spandau sind. Nächste Ausrede bitte!

  13. 47.

    Sehr geehrter Herr Neumann,vielleicht sollten Sie den Job übernehmen Fahrstühle einzubauen bzw. zu planen.
    Sie scheinen ja Experte zu sein.
    Ist nicht böse gemeint.

  14. 46.

    Ihnen stehen 200 andere Länder der Welt zur Verfügung, wenn man dort weiter sein sollte.

  15. 44.

    Sehr geehrte/-r „Schwarz“,
    einen Fahrstuhl gibt es dort von oben Richtung Velodrom. Meistens ist der aber defekt. Und der neu eingebaute zur Straßenbahn stadtauswärts ist noch immer nicht in Betrieb. Ich wohne da nur eine Tramhalte vom Bahnhof entfernt und kann, was die Situation am S-Bhf. Landsberger Allee betrifft, mitreden.
    Mit freundl. Grüßen

  16. 43.

    Gegenbeispiel Linie U 2 U-Bahnhof Stadtmitte. Dort liegen die selben Maße vor.

  17. 42.

    Das kann ich toppen:
    Ich (= nicht schwerbehindert) habe mir für meinen Schlüsselbund eine Mini-Taschenlampe zugelegt, da es an vielen Bushaltestellen nicht mal eine LICHTQUELLE gibt, so dass man die Ankunftzeit des nächsten Busses bei Dunkelheit erraten muss.
    Ein großes Problem ist dabei aber auch die Rücksichtslosigkeit diverser Fahrgäste:
    Da werden Wartehäuschen demoliert (und die BVG lässt sich mitunter viel Zeit für Reparaturen), beschmiert, vermüllt und Raucher müssen darin auch bei strömendem Regen unbedingt ihrer Sucht nachkommen.
    Mitunter denke ich darüber nach, ob es wohl für stark gehbehinderte Menschen Alternativen gibt, wie preisgünstige Fahrdienste oder die Möglichkeit, sich bürgersteiggeignete Transportmittel zu mieten.
    Was meiner Kenntnis nach fehlt, ist eine zentrale Informationsmöglichkeit. Also eine Internetseite, auf der man sich jederzeit aktuell informieren kann, wie man den Umständen entsprechend von A nach B kommt.

  18. 41.

    Das wäre dann ein Aufzug, bei dem sich mehr Gedanken gemacht werden muss anstelle die Hände in den Schoß zu legen. Was sind Ihre Ausreden bei Paul-Stern-Straße, Görlitzer Bahnhof, Möckernbrücke (vergl. #14), Rosa-Luxemburg-Platz, Ernst-Reuter-Platz, Deutsche Oper, Neu-Westend, Borsigwerke, Holzhauser Straße, Alt-Tempelhof, Westphalweg, Altstadt Spandau, Rohrdamm, Mierendorffplatz, Weinmeisterstraße, Heinrich-Heine-Straße, Moritzplatz, Schönleinstraße, Güntzelstraße .... Beim U Elsterwerdaer Platz hat man willkürlich die zu steile Rampe für barrierefrei erklärt, obwohl die Ausschilderung der BVG eine Schiebehille vorsieht.

  19. 40.

    Der Vergleich mit der Berliner S-Bahn ist schwierig, denn die S-Bahn hat i.d.R. breitere Bahnsteige und aufgrund der generellen Bauphase in der Regel mehr Raum für das nachträgliche Einbauen für Fahrstühle.
    Was erwarten die Menschen, wie schnell ein Einbau von Fahrstühlen bei der Schmalprofil-U-Bahn, bei laufenden Betrieb der U-Bahn, bei laufenden Betrieb des Oberflächenverkehrs, unter Beachtung des Denkmalschutzes und der Wünsche Dritter, umsetzbar ist?

    Den Ärger von Betroffenen kann ich verstehen, dennoch sollte zum einen Nachsicht gezeigt werden (niemand kann zaubern) und zweites mal ein Blick auf andere Länder mit ähnlich alten U-Bahnen geworfen werden. … schaut euch die marode U-Bahn von New York an! Wir leben im Luxus und meckern trotzdem.

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