Schlechte Ernährung und Hartz-IV - "Am Ende des Geldes ist noch Monat übrig"

Mi 05.01.22 | 17:00 Uhr | Von Laura Kingston
Eine Frau legt in einer Halle der Berliner Tafel auf dem Berliner Großmarkt Lebensmittel in Papiertüten (Bild: dpa/Bernd von Jutrczenka)
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Dass vieles teurer wird, merken alle Verbraucher. Besonders schmerzlich ist es für die Ärmsten. Wie Hartz-IV-Empfänger Kylo Kurpanek aus Berlin, der sich gesundes Essen schlicht nicht mehr leisten kann. Das kann verheerende gesundheitliche Folgen haben. Von Laura Kingston

Die Aussicht auf mehr Geld stimmt Menschen meist glücklich. Kylo Kurpanek kann darüber nur lachen. Doch sein Lachen hat einen bitteren Beigeschmack. Denn er lebt als alleinerziehender Hartz-IV-Empfänger in Berlin am Existenzminimum. Seit Beginn dieses Jahres bekommt er eine Erhöhung, die beträgt aber nur drei Euro pro Person.

"Das sind gerade mal zwei Brote", sagt Karin Siggelkow, eine Sozialarbeiterin der Hilfseinrichtung Arche in Berlin-Hellersdorf. Ihr ernster Blick ist starr geradeaus auf die Straße gerichtet. Sie fährt Kylo Kurpanek gerne, wenn er Hellersdorf verlassen muss, um ihm die Ausgaben für BVG-Tickets zu ersparen. "Niemals, so teuer wie die geworden sind, kriegst du da keine richtigen Brote für. Höchstens Toastbrote", antwortet Kurpanek. Stille. "Jedenfalls ist das einfach lächerlich", sagt er dann und lacht noch einmal sein bitteres Lachen.

Zur Person

Kylo Kurpanek (Bild: Laura Kingston)
Laura Kingston

Kylo Kurpanek bezieht seit mehr als zehn Jahren Hartz-IV, weil er als alleinerziehender Vater von acht Kindern lange keinen passenden Job gefunden hat. Aktuell lebt er noch mit dreien seiner Kinder zusammen in Berlin-Hellersdorf.

Viele Eintöpfe, wenig Abwechslung

Kylo Kurpanek hat im Monat etwa 400 Euro für Lebensmittel, um sich und seine drei Kinder, alle schon im Jugendlichen-Alter, über die Runden zu bringen. "Satt habe ich sie immer bekommen", sagt er, "aber besonders abwechslungsreich ist das, was ich koche, nicht." Es gebe vor allem Eintöpfe, da man die in großen Mengen kochen könne, und eben Nudeln, weil günstig. Gesunde Ernährung mit viel Obst und Gemüse sei ihm eigentlich wichtig. Deswegen verzichtet er auf andere Dinge, wie zum Beispiel den Besuch beim Friseur. Aber – gerade seit ein paar Monaten – sei trotz aller Sparmaßnahmen "am Ende des Geldes noch Monat übrig", wie er sagt.

449 Euro bekommt ein alleinstehender Hartz-IV-Empfänger in diesem Jahr pro Monat. Davon sind 34,7 Prozent für Essen vorgesehen; also 5,19 Euro am Tag [www.lpb-bw.de]. Das ist aber nur die Theorie. "Sobald eine Anschaffung kommt, mit der ich nicht gerechnet habe, muss ich das beim Essen abziehen", sagt Kurpanek. "Wenn mein Sohn von einer Schuhgröße 38 auf eine 41 flutscht, dann kann das nicht bis zum nächsten Monat warten."

Inflation trifft Menschen am Existenzminimum besonders

Die Inflationsrate hat im November 2021 einen neuen Höchststand innerhalb von fast dreißig Jahren erreicht: 5,2 Prozent. Die Preissteigerungen merken alle Verbraucher:innen im Supermarkt und auf ihren Rechnungen – zum Beispiel für Strom. Bei Kylo Kurpanek führen die höheren Preise dazu, dass er Ende des Monats gar keine andere Wahl hat, als auf Lebensmittelspenden der Arche zurückzugreifen. "Oder es gibt eben nur noch Brot und ...", Kurpanek stockt. "Brot und Teewurst oder so. Das ist die günstigste Wurst, die es gerade so gibt."

Der Paritätische Wohlfahrtsverband bezeichnet die aktuelle Erhöhung des Hartz-IV-Satzes als eine "faktische Kürzung" [www.der-paritaetische.de], da die Inflation mehr als fünf Prozent und die Erhöhung des Hartz-IV-Satzes nur 0,76 Prozent betrage.

Mangelernährung durch einseitiges Essen

Das bedeutet für Kylo Kurpanek und seine Söhne nicht nur Verzicht, sondern auch ein gesundheitliches Risiko. "Letztes Jahr rief mich die Ärztin an, wegen meines jüngsten Sohnes: 'Ihr müsst mehr Fleisch essen. Der Junge hat einen Eisenmangel.' Ist nicht drin, habe ich gesagt."

Kopfschüttelnd schaut Kylo Kurpanek auf die Hochhäuser, an denen er und Sozialarbeiterin Karin Siggelkow inzwischen vorbeifahren. "Da blieb mir nichts anderes übrig als in den nächsten Discounter zu fahren und ein Eisenpräparat zu holen. Das ist günstiger als Fleisch."

Ernährungsbedingte Krankheiten häufiger bei armen Menschen

Eine Mangelernährung stellt Diana Rubin häufiger bei ärmeren Menschen fest, "zum Beispiel im Hinblick auf bestimmte Vitamine oder Mineralstoffe, weil die Ernährung zu einseitig ist." Rubin ist Chefärztin am Zentrum für Ernährungsmedizin im Vivantes-Klinikum in Berlin. Eine falsche Ernährung könne gewisse Krankheiten begünstigen. So stellten Rubin und ihr Team Diabetes Typ 2 und Adipositas "häufiger bei sozioökonomisch schlechter gestellten" Personen fest.

Das belegen auch Studien: Arme Menschen erkranken nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts [www.rki.de] zwei bis drei Mal so häufig an Herz-Kreislauferkrankungen wie Schlaganfällen und Herzinfarkte als Menschen mit höherem Einkommen. Und auch das Risiko an Diabetes Typ 2 zu erkranken ist für arme Menschen 20 Prozent höher als bei Nicht-Armen [www.diabetesde.org].

Auf Hilfe von Dritten angewiesen

Kylo Kurpanek und Karin Siggelkow sind wieder an der Arche angekommen. Hier ist auch – oder gerade – zwei Tage vor Heiligabend viel los. Menschen wie Kurpanek holen sich hier Gemüse und andere Lebensmittel für die Feiertage ab. Ende des Monats eben.

Auch die Lebensmittel-Tafeln sind gefragter denn je. Deutschlandweit stieg die Anzahl der Tafelnutzer:innen von 500.000 im Jahr 2005 auf 1,65 Millionen im Jahr 2019 an.

Erhöhung des Hartz-IV-Satzes nicht in Aussicht

Dass Hartz-IV nicht für eine ausgewogene Ernährung ausreicht, sagen nicht nur Sozialverbände, sondern auch der wissenschaftliche Beirat des Landwirtschaftsministeriums [www.bmel.de]: "Die derzeitige Grundsicherung reicht ohne weitere Unterstützungsressourcen nicht aus, um eine gesundheitsförderliche Ernährung zu realisieren." Dieser Appell aus dem Sommer 2020 wurde von der damaligen Bundesregierung zur Kenntnis genommen – und nichts an der Höhe des Hartz-IV-Satzes geändert. Und auch die neue Bundesregierung kündigt in ihrem Koalitionsvertrag keine Erhöhung an.

Nach mehr als zehn Jahren Hartz-IV habe Kylo Kurpanek ohnehin keine große Hoffnung auf die Politik. Braucht er auch nicht. Gerade hat er einen Arbeitsvertrag unterschrieben als Mitarbeiter in einer Wäscherei. "Dann kommt bei mir alles auf den Tisch, was ich will – und vor allem, was die Kinder wollen", sagt er mit einem Lachen, dieses Mal ganz ohne bitteren Beigeschmack.

Sendung: ARD Mittagsmagazin, 03.01.2022, 13 Uhr

Beitrag von Laura Kingston

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