Interview | Hunderegister in Niedersachsen - "Das Hundegesetz wurde zur Gefahrenabwehr eingeführt"

Mi 05.01.22 | 11:29 Uhr
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Ein American Staffordshire Terrier steht mit Maulkorb auf dem Tempelhofer Feld (Bild: dpa/Wolfram Steinberg)
Bild: dpa/Wolfram Steinberg

Berlin hat ein verpflichtendes Hunderegister eingeführt, in Niedersachsen gibt es das schon seit neun Jahren. Die Landestierschutzbeauftragte erzählt, wieso sie das für eine gute Idee hält und zu welchem Zweck es in Niedersachsen vor allem dient.

rbb|24: Frau Dämmrich, Sie sind Landestierschutzbeauftragte in Niedersachsen. Haben Sie selbst Tiere?

Frau Dämmrich:
Ich habe zwei Katzen. Für Katzen gibt es leider noch keine Pflicht zur Registrierung, aber ich kann jedem Haustierbesitzer nur empfehlen, seine Katze zu kennzeichnen und zu registrieren. Allein damit man sie schnell wiederbekommt, wenn sie mal verlorengegangen ist.

Zur Person

MIchaela Dämmrich (Quelle: Niedersächsisches Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz)
ML

Als Tierschutzbeauftragte in Niedersachsen setzt Michaela Dämmrich sich nach eigenen Angaben dafür ein, das Wohl der Tiere zu verbessern. Dabei agiert sie als beratenden Instanz an der Schnittstelle zwischen Politik, Tierschutzvereinen und Landwirtschaft.

Seit 2013 gibt es in Niedersachsen ein Hunderegister, in dem jeder Halter sein Tier anmelden muss. Seit Anfang des Jahres 2022 nun auch in Berlin. Ist das unnötiger bürokratischer Aufwand?

Die Registrierung ist auf jeden Fall sinnvoll. Das niedersächsische Hundegesetz wurde zur Gefahrenabwehr eingeführt, weil die frühere Liste bestimmter als gefährlich eingestufter Rassen zur Abwehr von Hundebissen nicht zielführend ist. Hunde von Rassen, die nicht auf der Liste geführt sind, können genauso bissig sein. Das Register dient in Niedersachsen also vor allem der Sicherheit und Sachkunde im Umgang mit Hunden. Wenn ein Tier unangenehm auffällt, kann es auf jedem Fall einem Besitzer zugeordnet werden und der wird dann auch zur Verantwortung gezogen.

Hat sich durch die Erfassung gezeigt, dass bestimmte Hunderassen zu Unrecht als gefährlich eingestuft werden?

Darüber führen wir keine Statistik. Pit Bulls dürfen in Niedersachsen gar nicht mehr gezüchtet oder eingeführt werden, daher gibt es nur noch wenige. Bissvorfälle gibt es bei allen Rassen, Schäferhunde sind genauso oft dabei wie Mischlinge. Das hängt in erster Linie von der Ausbildung oder der fehlenden Erziehung ab.

Was passiert, wenn das Land Niedersachsen einen Hund als gefährlich einstuft?

Ein Hund wird aufgrund eines Beißvorfalls oder aufgrund auffälligen Verhaltens bei einer Behörde angezeigt. Dann stellt das Ordnungsamt gemeinsam mit dem Veterinäramt die Gefährlichkeit des Hundes fest. Anhand eines Wesenstests wird überprüft, ob dieser Hund nur einmal geschnappt hat oder eine gesteigerte Aggression bei dem Hund vorliegt. Wenn dies so ist, dann wird der Hund als gefährlich eingestuft. Dann muss der Halter bestimmte Auflagen erfüllen, sonst muss er den Hund abgeben.

Bissvorfälle gibt es bei allen Rassen, Schäferhunde sind genauso oft dabei wie Mischlinge.

Michaela Dämmrich, Landestierschutzbeauftragte

Können Sie beobachten, ob sich seit Einführung des Registers etwas an den Vorfällen mit gefährlichen Hunden verändert hat?

Genaue Zahlen dazu sind nicht erfasst worden. Das Register hat sich aber dahingehend ausgewirkt, dass nicht nur die Registrierung verpflichtend ist, sondern auch eine Sachkundeprüfung abgelegt werden muss, bevor jemand sich einen Hund anschafft.

Einen sogenannten Hundeführerschein.

Genau. Der Hundeführerschein führt dazu, dass viel Unkenntnis ausgeschaltet wird. Hunde werden oft erst dadurch gefährlich, dass sie falsch gehalten oder falsch erzogen werden. Bei der Prüfung werden die physiologischen Grundlagen eines Hundes abgefragt. Was frisst er, wieviel Bewegung braucht er, welche Bedürfnisse hat er noch? Wie erziehe ich ihn am besten und wie erkenne ich Gefahrensituationen und kann ihnen ausweichen.

Berlin verspricht Hundehaltern, dass entlaufene Hunde fortan leichter wieder an den Besitzer zurückgeführt werden können. Hat sich dieses Versprechen in Niedersachsen bewahrheitet?

Wenn in Niedersachsen ein Hund gefunden wird, dann wird der Hund beim Ordnungsamt abgegeben. Das Ordnungsamt kann anhand des Transponders, also durch das Auslesen des Chips, die Nummer ermitteln und kann dann beim Zentralregister abfragen, wem dieser Hund gehört. So kann der Hund zügig wieder an den Besitzer zurückvermittelt werden.

Es gibt kostenlose Haustierregister wie Tasso und Findefix, wieso braucht es eine kostenpflichtige Stelle des Landes?

Natürlich wäre eine Kooperation mit einem dieser kostenlosen Portale auch denkbar gewesen, aber aus juristischen Gründen geht das nicht. Jeder, der einen Hund findet, bekommt auf Tasso auch die Daten des Halters angegeben. Im Zentralregister des Landes werden die Tierhalterdaten nur an Behörden rausgegeben, da gibt es andere datenschutzrechtliche Ansprüche. Die kostenlosen Stellen dienen außerdem nicht der Gefahrenabwehr, sondern haben ihren Fokus darauf, entlaufene Tiere wieder zurück zu ihrem Besitzer zu vermitteln.

Wie wird überprüft, dass ein Hund wirklich registriert ist?

Das passiert durch die Ordnungsbehörden. Das heißt, wenn es zu einem Bissvorfall kommt oder ein Tier alleine aufgefunden wird, dann lesen die Beamten seinen Chip aus. Wenn da kein Chip auszulesen ist und das Tier nicht registriert ist, dann gibt es auch ein Ordnungsbußgeld.

Gibt es Schätzungen dazu, wie viele Hundehalter die Registrierung nicht vornehmen?

Das ist schwierig. Denn die Tiere, die ohne Registrierung herumlaufen sind gar nicht erfasst. Auffällig wäre es, wenn Hunde im Finanzamt gemeldet ist, aber nicht im Register. Das kommt allerdings selten vor, denn wer für seinen Hund Steuern zahlt, registriert ihn in der Regel auch.

Was können Sie dem Land Berlin für die Einführung des Zentralregisters empfehlen?

Ich möchte erstmal dazu beglückwünschen, dass Berlin jetzt auch ein Zentralregister hat. Wichtig ist natürlich, das Register möglichst öffentlichkeitswirksam darzustellen, damit möglichst alle Hundebesitzer ihre Tier dort auch anmelden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Anna Bordel, rbb|24.

Sendung: rbb 88,8, 05.11.2022, 18:02 Uhr

41 Kommentare

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  1. 41.

    Wie schon von vielen anderen geschrieben geht es hier nur um unnötige Kontrolle un Abzocke. Mit den gleichen Argumenten könnte bzw müsste man ein Kinderregistwr einführen und die Eltern dazu einen passenden Kinder Erziehungsnachweis bringen...Wobei ich nicht widersprechen würde, dass die hinter diesen Gesetzten treibenden Kräfte auch schon an so etwas gedacht haben... Es gibt ja anscheinend schon seit 2003 ein Gesetz, welches Eltern sogar eine Backpfeife gegenüber Kindern unter Strafe stellt...

  2. 40.

    Eben nicht. Es wird ja noch zwangsweise extra Obolus vom Bürger gefordert. Dazu noch in unterschiedlichen Höhe ob oldskool schriftlich /telef. oder per Internet.

  3. 39.

    Registrierung mag ja angehen, aber zu unzerschiedlichen Tarifen, ob man anruft, vorbeimommt oder modern per Internet, dass darf nicht sein. Ein kleiner Obulus, obwohl es eiene neue Zwangsabgabe ist, schon die Steuern und somit der Hund amtlich erfasst ist, sowieso fraglich. Man kann über Internet in Deutschland verfügen muß es aber nicht.
    es muss immer noch möglich sein amtliche Vorgänge generell haendisch, also schriftlich, ohne jegliche Nachteile zu erledigen.

  4. 38.

    Was mich stört an der ganzen Sache ist folgendes. Das ein Hunderegister, wo u.a. Name Anschrift und Alter des Hundehalters gefordert sind, durchgerwunken wird und ein Impfregister wegen Corona auf Grund des Datenschutz angezweifelt wird. Was soll das?
    Die Politik verarscht uns da doch.

  5. 37.

    Ok, und wenn wir, wie jeden Tag, bei der Hunderunde die Grenze von Kleinmachnow nach Berlin überschreiten, ist ein nicht registrierter Hund in Berlin. Ich hoffe inständig, dass die Dame vom Ordnungsamt das unterscheiden kann.....

  6. 36.

    Fazit des Interviews: Der einzige Sinn des Registers ist es, nach einem Vorfall festzustellen, dass der Hund nicht registriert ist, damit ein Bußgeldverfahren eingeleitet werden kann. Würde mich nicht wundern, wenn mir nach Der Registrierung die Werbung für Hundefutter auf dem auf dem Handy landet.

  7. 35.

    Wieder einmal wird der Bürger von neunmalklugen Verwaltungsbeamten für dumm verkauft. Scheinargumente aus der "Luft" gegriffen und offensichtlich befreundeten externen Lobbyisten finanziell unter die "Arme" gegriffen. Unfug wurde in dieser Bananenrepublik schon in größerem Umfang verzapft. Last sie machen, auch in der Verwaltung werden die Dummen nicht weniger und zudem durch unser Wahlverhalten noch gefördert. Wieder hunderttausende von Euro der Bürger in den Sand gesetzt ohne Konsequenzen.

  8. 33.

    Was für mich nach wie vor unbegreiflich ist, warum muss es ein zusätzliches Register geben?
    Alle Hunde müssen zwecks Entrichtung der Hundesteuer angemeldet werden. Warum können da nicht alle benötigte Daten angegeben und im entsprechenden Fall abgefragt werden und schon sparen wir uns die Datensammelwut und noch eine und noch eine und noch eine Stelle, die Daten erfasst.

  9. 32.

    Ich habe mal gelernt, dass man sich erst darüber klar sein sollte, was man herausfinden will und wie man das abfragen kann, bevor man eine Datenbank anlegt oder beauftragt.
    Aber schon das Wort „Datenbank“ ist hypertroph, wenn eine einfache Excel-Tabelle genügen würde.
    Aber Hauptsache, es kostet Geld, das man auf die Bürger abdrücken kann.

  10. 31.

    Das stimmt so nicht. Ich habe mal einen entlaufenen Hund gefunden; habe bei Tasso angerufen und habe die Handynummer des Halters sofort von denen bekommen!
    Der Hund konnte wohlbehalten an seinen Besitzer zurück gegeben werden.

  11. 30.

    Diese KOSTENPFLICHTIGE Registrierung ist tatsächlich ein zusätzlichen Abzocken der Hundehalter. Ein aggressiver Hund/Halter lässt sich so nicht ermitteln, wenn es zu einem Beißvorfall im öffentlichen Raum kommt und Hund und Halter "verschwinden". "Wilde" Haltung könnt ihr damit auch nicht nicht verhindern. Wer bisher seinen Hund nicht beim Finanzamt/Gemeindeamt angemeldet hat, wird das auch nicht auf dieser Plattform tun, auch wenn es gesetzlich verankert ist. Welche Kosten entstehen, bei einer online Registrierung, zumal ich in der Folge ALLE Änderungen/Abmeldungen etc. ohnehin selbst vornehmen muss? Ältere Menschen ohne Internetzugang werden dann auch noch mit 26,50 EUR zur Kasse gebeten. Was soll das?
    Kontrollen wird es nicht geben.

  12. 29.

    Mir sind leider als Radfahrer ständig Hunde aufgefallen die nach mir schnappen, mir entgegen springen oder hinter mir herrennen und mich zu beißen versuchen. 3 mal musste ich die Polizei informieren, weil zwar ein Humd hinter mir her war aber kein Mensch in der Nähe zu finden war. Also für mich ist es eine Lüge zu behaupten dass einem noch nie ein gefährlicher Hund begegnet wäre.

  13. 28.

    "100000 Registrierungen x 17.50 sind? Sie meinen, knappe 2 Mio sind zuviel "

    ja. finde ich auch. Tasso macht das für viel mehr Tierbesitzer sogar kostenlos. Aber natürlich kostet das alles auch etwas Geld- aber eine Datenbank bei einem Dienstleister aufsetzen und den Speicherplatz mieten für so eine geringe Datenmenge kostet wirklich nur ein Appel und ein Ei.
    Ist eben ähnlich wie bei der Corona Warnapp- horrende Kosten für ein einfaches Programmierproblem. Ist eben, wie in der Apotheke Taschentücher einkaufen.

    Ganz davon ab, dass die Hundesteuer hoch genug ist in Berlin und man das leicht daraus hätte bezahlen können (aber gar nicht müsste, weil die ja schon...ach, lassen wir das)

  14. 27.

    Ausserdem sind Hundebesitzer,mit gefährlichen Hunden,oder auch Hunde mit gefährlichen Herrchen,und der/der tut nix/Mentalität sowieso weder beim Finanzamt,Tasso oder sonst wo angemeldet.Die Dunkelziffer der nicht angemeldeten Hunde soll genauso hoch sein,wie die der Hundesteuerzahler.
    Da ist eine Registrierung sinnfrei Das OA hat kein Personal auf blauen Dunst die Hundehalter anzusprechen,um auch die Anzahl der mitgeführt Kotbeutel zu überprüfen.

  15. 26.

    Erstmal ist es falsch,dass wenn man einen Hund findet,bei tasso anruft und sofort die Daten es Halters erfährt.
    Das ist totaler Quatsch.Tasso ruft die Halter an,ich rufe nur bei Tasso an und gebe die Nummer des Findlings durch.an.Mehr nicht.Tasso sucht dann an Hand der Nummer den Halter.

  16. 25.

    Die einzige echte wirkungs- und vielleicht sinnvolle Konsequenz des Registers wird im Artikel wie folgt beschrieben:

    "Das Register hat sich aber dahingehend ausgewirkt, dass nicht nur die Registrierung verpflichtend ist, sondern auch eine Sachkundeprüfung abgelegt werden muss, bevor jemand sich einen Hund anschafft."

    Leider fehlt ein zwingender, logischer Zusammenhang völlig: Wieso ist ein neues Hunderegister die Vorbedingung zum Ablegen eines Sachkundenachweises? Auch das Finanzamt könnte doch zur Anmeldung den Sachkundenachweis verlangen.

  17. 24.

    @ pmv, Glück für Sie, aber die Statistik über Hundebisse sagt etwas anderes. Mir als Läufer sind schon oft Hunde begegnet, die gefährlich waren und sich nicht sozialisiert zeigten. Dass in den meisten Fällen eher die Hundehalter dafür verantwortlich sind, steht ausser Frage. Aber es gibt bestimmte Züchtungen, die aufgrund körperlicher Eigenschaften gefährlicher sind, auch wenn andere beißfreudiger sind(Wadenbeißer). Wenn sich durch das Register z.B. herausstellen würde, dass Bullterrier weniger für Attacken verantwortlich sind als z.B. Pintscher, wären wir doch alle schlauer.

  18. 23.

    Ich glaube, man sollte die Kirche im Dorf lassen, und Augenmass bewahren: Mir ist in 74 Jahren noch nie ein „gefährlicher“ Hund begegnet, dafür aber etliche Menschen, deren Gefährlichkeit nicht zu übersehen war.
    Die Blockwart-Mentalität derer, die diese Registrierungspflicht hier im Forum befürworten und am liebsten noch eine DNA-Registrierung hätten, erscheint mir bedenklicher als jeder „Kampfhund“.

  19. 22.

    Nichts anderes habe ich gemeint.
    Dass sie meinen kleinen Seitenhieb, mit der effektiven Verwaltung, nicht richtig einordnen konnten, liegt bestimmt daran, dass er sich auf einen Kommentar in einem anderen Artikel zum selben Thema bezog.
    @Sententia knows....

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