Berliner Katholiken reagieren auf Missbrauchsgutachten - "Wie soll man jetzt noch Menschen in diesem Glauben erziehen?"

Sa 29.01.22 | 16:54 Uhr | Von Carmen Gräf
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Ein Blick auf die Hände von Kardinal Reinhard Marx in einer Pressekonferenz zum Gutachten zu sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im katholischen Erzbistum München und Freising. (Quelle: dpa/Sven Hoppe)
Audio: Inforadio | 30.01.2022 | Carmen Gräf | Bild: dpa/Sven Hoppe

Viele Katholikinnen und Katholiken sind empört über den Umgang der verantwortlichen Kleriker mit dem Münchner Missbrauchsgutachten. Das ist auch in der katholischen Gemeinde Sankt Annen in Berlin-Steglitz deutlich zu spüren.

Sankt Annen liegt im Berliner Ortsteil Lichterfelde und ist eine kleine, eher bürgerliche Gemeinde. Auch hier sind viele entsetzt über die Nachrichten rund um das Münchner Missbrauchsgutachten.

"Mir fehlen dafür eigentlich fast die Worte" sagt Maike Brokat. "Das Wort Katastrophe ist eigentlich noch untertrieben. Ich sehe das als weltweites Versagen." Die in ihrer Gemeinde jahrelang engagierte Katholikin empört sich vor allem über den emeritierten Papst Benedikt XVI., der in München lange Zeit Kardinal war und offenkundig beim Lügen ertappt wurde. "Das ist weit weg von integer", sagt sie.

Maike Brokat von der katholischen Gemeinde Sankt Annen in Berlin. (Quelle: rbb/Carmen Gräf)
Maike Brokat | Bild: rbb/Carmen Gräf

Die Kirche "hält bräsig dagegen"

Maike Brokat hätte sich gewünscht, dass man die Missbrauchsfälle konsequent nachverfolgt, und Maßnahmen ergreift, die eine echte Reue bezeugen. Aber sie befürchtet, wenn alle Fälle aufgedeckt würden, dass dann "die Kirche in Deutschland leergefegt wäre".

Was tun? Klar, es gebe kirchenkritische Ansätze - wie die Fraueninitiative Maria 2.0 oder das Kirchenvolksbegehren "Wir sind Kirche" - aber "der große Kasten katholische Kirche als Institution hält bräsig dagegen", sagt Maike Brokat.

Marlies Brouwers aus der katholischen Gemeinde Sankt Annen in Berlin. (Quelle: rbb/Carmen Gräf)
Marlies Brouwers | Bild: rbb/Carmen Gräf

Wie soll man das vermitteln?

Auch Marlies Brouwers findet es ausgesprochen traurig, dass momentan immer noch zu wenig aufgeklärt wird. Dazu noch ein emeritierter Papst, der offenkundig lügt. "Wie soll man jetzt noch Menschen und auch die eigenen Kinder in diesem Glauben erziehen", fragt sie, "wenn selbst dort das 8. Gebot nicht mehr wert ist?" Das Gebot, nicht zu lügen.

Marlies Brouwers fordert: Die Kirche müsse ihr Amtsverständnis überdenken, müsse sich fragen, wie man mit anderen Lebensentwürfen umgehen könne und dabei die bisher geübte Arroganz sein lasse. Wichtig - gerade im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen - wäre ihr, das "Kirchenrecht zu überdenken und wirklich alle Straftäter weltlichen Gerichten zuzuführen". Bisher hat die Kirche in vielen Fällen Straftaten so lange vertuscht, bis sie verjährt waren.

Hans-Joachim Scholmann von der katholischen Gemeinde Sankt Annen in Berlin. (Quelle: rbb/Carmen Gräf)
Hans-Joachim Scholmann | Bild: rbb/Carmen Gräf

Kleine Veränderungen ausgemacht

"Es brodelt ja schon recht lange in der katholischen Kirche", sagt Hans-Joachim Scholman, Gemeinderat in Sankt Annen. Diese war schon vor 12 Jahren durch den Missbrauchsskandal in eine ihrer tiefsten Krisen gestützt. Damals wurde die sexualisierte Gewalt an Schülern des Canisius-Kollegs öffentlich gemacht. In den letzten Jahren habe sich einiges verändert, sagt Scholman.

"Die Priester sind von ihrem Sockel gestoßen und normale Menschen geworden. Dadurch dass man ihre Fehlbarkeit jetzt erkennt." Inzwischen werde weniger von oben diktiert, berichtet er. Man arbeite mehr miteinander. "Es ist also etwas in Bewegung. Das Problem ist sicherlich, wenn so was an der Spitze passiert, dann schwindet das Vertrauen in die Struktur und in dieses Amt."

Das Gutachten

Eine Münchner Anwaltskanzlei hatte im Auftrag des Erzbistums München und Freising Missbrauchsfälle zwischen 1945 und 2019 untersucht. Die Gutachter fanden in diesem Zeitraum im Erzbistum Hinweise auf mindestens 497 Betroffene sexualisierter Gewalt, sowie 235 Täter, darunter 173 katholische Priester. Zudem werfen sie dem emeritierten Papst Benedikt XVI. Fehler im Umgang mit Missbrauchs-Tätern in vier Fällen in seiner Funktion als Münchner Erzbischof zwischen 1977 und 1982 vor.

Bleiben oder Gehen?

Austreten aus der Kirche? Das hat sich Hans-Joachim Scholman auch schon überlegt. "Ich kann natürlich mit den Füßen abstimmen, aber wenn ich das tue, ändert sich da drin nichts, also bleiben wir und versuchen von dieser Ebene her mehr und mehr uns einzumischen." Die kleiner werdenden Gemeinden wollen und sollen sich nicht abschotten, suchen das Miteinander mit den benachbarten evangelischen Gemeinschaften und wollen vor allem nicht nachlassen, auf die eigene Kirchenleitung Druck auszuüben - auch wenn es darum geht, bisher nur den Priestern vorbehaltene Rechte zu teilen. "Wir wollen also in diesen Dialog treten und nicht gleich mit der Keule, aber doch bestimmt sagen, dass wir hier etwas mit ändern müssen", sagt Scholmann.

Auch Marlies Brouwers will in der Kirche bleiben. Es geht ihr vor allem darum, katholisch zu sein. Das gebe ihr Halt im Leben. Was der Papst sagt, ist ihr weniger wichtig.

Maike Brokat denkt derzeit dagegen fast täglich über einen Austritt nach. Sie hat keine Hoffnung mehr, dass sich die Kirche von innen reformieren lässt: "Ich glaube, dass die Kirche als Institution zusammenbrechen muss, damit sie sich neu erschaffen kann."

Sendung: Inforadio, 29.01.2022, 7 Uhr

Beitrag von Carmen Gräf

21 Kommentare

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  1. 21.

    Das letzte Mittel um Zeit zu gewinnen bis Gras über die Meldungen gewachsen ist ist eine Kommission einzusetzen. Das passiert auch in diesem Fall und der Heilige Stuhl bleibt fest.

  2. 20.

    Ich denke da auch an den Islam, wo man schon bei der Geburt Muslim ist. Und an die Jungen, nicht Mädchen, die von klein auf mit in die Moscheen müssen, ob sie wollen oder nicht :(

  3. 19.

    Der Zerfall der katholischen Kirche ist längst überfällig. Heutzutage versteht auch keiner mehr, wieso ein Verein wie dieser noch so viel Einfluß zugesprochen bekommt und wieso bspw. der Staat für eine missbrauchsdeckende Vereinigung auch noch die Steuern einzieht. Abschaffen!

  4. 18.

    Ich glaube, dass etwas Göttliches immer dann vorhanden ist, wenn Menschen Gutes tun. Hierfür sind weltanschauliche (also religiöse oder humanistische) Vereinigungen durchaus förderlich. Schlimm wird es immer dann, wenn darin einzelne Menschen oder Gruppen sich für höherwertig halten. Sowas fördert hierachische Strukturen - und aus denen heraus wird dann Macht über andere ausgeübt: zum Schaden vieler Einzelner und auch der Allgemeinheit (erzwungener Sex; heimlicher einvernehmlicher Sex usw, unerwünschte Familienplanung). - Hierarchie ist in der heutigen katholischen Kirche so tief verankert, dass nur ein intensiver Neuanfang hilft: Z.B. Mit weltweit demokratisch gewähltem Sprecher*rat statt Pabst. Und Frauen- und LQGBT-Quote für Pfarrstellen. (Meine ich ganz im Ernst.)

  5. 17.

    Scheinbar ist die (Nicht-)Reaktion der Kirche auf die Aufklärung der Missbrauchsdelikte für manche schlimmer als die Missbräuche selbst. Dass es überhaupt zu Missbrauch in der Kirche kommt, hängt doch aufs Engste mit dem Zölibat zusammen. Da die Kirche aber zum Dogmatismus verdammt ist, kann sich nichts ändern.

  6. 16.

    Wenn das deutsche Finanzamt nicht mehr seine Provision bei der Kirchensteuereintreibung bekommen würde bräuchte der RBB auch nicht mehr solche Artikel zu veröffentlichen.

  7. 15.

    Zur Überschrift : Garnicht!

    Kinder religiös zu erziehen oder ihnen politische Meinungen vorzugeben ist Indoktrination.

    Wer als Jugendlicher/Erwachsener religiös wird ok seine/in ihre Sache, aber Kinder dazu zu erziehen ist auch Missbrauch.

    Leider kann man nicht verhindern das Erwachsene als Vorbild funktionieren - auch falsche (siehe rechtsextreme Eltern) - aber das man aktiv Kindern falsche Inhalte beibringt schon übrigens auch in Waldorfschulen.


  8. 14.

    Kirchliche Vergewaltiger gehören genauso bestraft wie weltliche Personen

  9. 13.

    Man sollte doch meinen, dass eine 2000-jährige kriminelle Vergangenheit reichen müsste, um diesen Verein endlich als das zu bezeichnen, was er immer schon war: eine kriminelle Vereinigung mit Mord, Betrug, Lug und Trug. Hieße er nicht "Kirche", wäre er schon längst verboten worden. Die Zeit ist mehr als reif, damit das endlich geschieht.

  10. 12.

    Ein abgesonderter "Selbstmörder-Friedhof" wie im Forst Grunewald ist out of time, weil die Kirche ihre Haltung, siehe da, in einer solch bedeutsamen Frage ändern konnte. Veränderung geht! Kirchenämter für Frauen, Partnerschaften über die heterogene Ehe hinaus als Selbstverständlichkeit: diese Veränderungen müssen auch geschehen. Und sie werden auch geschehen, wenn die katholische Kirche sich nicht durch weiteres Vertuschen und Lügen über die Missbrauchsfälle ganz abschafft.

  11. 11.

    Hoffen und harren halten die Gläubigen zu Narren. Worauf warten sie? Mit dem Nichtstun machen diese sich mitschuldig.

  12. 10.

    Wenn ich es recht sehe, ist ein zentraler Teil des christlichen Glaubensdogma die Vorstellung von Buße und Vergebung, demzufolge dem bußfertigen Sünder Absolution zuteil werden kann. Die Katholische Kirche unterliegt den Gesetzen des Heiligen Stuhls als souveränem Völkerrechtssubjekt. Insofern kann ein Konflikt zwischen nationalen Gesetzen und den Gesetzen des Heiligen Stuhls entstehen. Sofern die fraglichen Personen nach den Gesetzen des Heiligen Stuhl Absolution erlangt haben, ist es aus kirchenrechtlicher Sicht schwer, diese den nationalstaatlichen Behörden zur Strafverfolgung auszuliefern.

  13. 9.

    ob Herr Ratzinger seine Lügen schon gebeichtet hat?

  14. 8.

    Macron ist in Frankreich sehr scharf geworden. Einmal wöchentlich kommt immer die Nachricht im swr DREILAND AKTUELL und die schaue ich mir immer an.
    Und von deutschen Politikern bei uns hat man noch nichts gehört.

  15. 7.

    Danke für Ihren Kommentar. Ich glaube nicht, dass sich die katholische Kirche selbst erneuern kann. Die Macht dort wird nichts dafür tun die Missstände aufzudecken und zu ahnden.

  16. 6.

    Um die Frage zu beantworten: gar nicht.

  17. 5.

    Die Kirche versteht nur eine Sprache: Geld. Ich bin daher letztes Jahr ausgetreten. Obwohl ich Christ bleibe und ich den katholischen Glauben an sich eigentlich mag. Der Organisation "katholische Kirche" allerdings möchte ich nicht mehr angehören. Ich stelle mir vor,, wie ich eines Tages vor Petrus stehe und er zu mir sagt: "Du warst doch auch dabei und hast das noch unterstützt!"

    Die katholische Kirche ist hauptsächlich ein Machtapparat. Sie unterdrückt Frauen, sexuell anders Orientierte, Schwangere und Geschiedene. Sie zwingt Priester in ein unmenschliches Lebensmodell, sie behindert bei der Aufklärung von Missbrauchsfällen, sie übt Macht aus in der Politik. Das alles stößt mich ab.

  18. 4.

    Man kann Christ sein, ohne dieser unseligen Institution anzugehören. Und leider ist es so, dass gerade "Berufschristen" eben oft eher unchristlich leben. Als Atheist kann man sich christlichen Regeln und Normen annehmen, danach leben, ohne an einen Gott zu glauben. Die Institution Kirche hat jahrhundertelang ihre Macht missbraucht, hat sich aus niederen Gründen bereichert und weltliche Mächte unterstützt, die sehr, sehr böse waren und sind. Mittlerweile gehört diese Institution nicht nur reformiert, sondern abgeschafft, am besten verboten und in die Mottenkiste der menschlichen Geschichte gapackt. Ich meine ausdrücklich die Institution, nicht die meist braven und ehrlichen Gläubigen. Vor diesen Menschen habe ich nach wie vor Achtung und Respekt.

  19. 3.

    Wie sieht es in andren Ländern der Welt aus ? Zum Bsp. in Polen und Frankreich. Wird dort weiter der Missbrauchin der Kirche praktiziert ? Stehen dort die Verantwortlichen vor Gericht ? Ich denke nicht.

  20. 2.

    Ich bin selbst praktizierende Katholikin. Aber was die beiden ehemaligen Päpste Johannes Paul II (Wojtyla) und Ratzinger so meistens von sich gaben, habe ich sowieso nicht akzeptiert oder ich habe auf Durchzug gestellt.
    Am allermeisten störte mich bei den beiden, wie die Befreiungstheologie (Ausbeutung, Entrechtung und Unterdrückung der Bevölkerung)in Südamerika von denen niedergemacht wurde und viele gute und überzeugte Leute ihr Amt deswegen verloren.
    Auch fand ich ganz übel den Lehrentzug von Hans Küng/Tübingen. Zum Glück hat das Land Baden-Württ. richtig reagiert und für Hans Küng einen neuen Lehrstuhl geschaffen, den er bis zu seiner Emeritierung hatte. Bei einer privaten kath. Hochschule/Universität wäre Küng auf der Straße gelandet.

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