"Gisela Gneist" - Streit um Straßenbenennung in Oranienburg nicht gelöst

Mi 19.01.22 | 22:54 Uhr
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Symbolbild: Axel Drecoll, Direktor der Stiftung Brandenburgischen Gedenkstätten. (Quelle: Annette Riedl/dpa)
Video: Brandenburg aktuell | 19.01.2022 | Margarethe Neubauer | Bild: Annette Riedl/dpa

Darf eine Straße in der Nachbarschaft der Gedenkstätte Sachsenhausen den Namen Gisela Gneist tragen? Darüber haben Oranienburger Stadtverordnete wie schon vor einem Jahren erneut diskutiert. Die Gedenkstättenleitung und der Zentralrat der Juden protestieren.

Trotz zahlreicher Proteste bleibt ein jahrelanger Streit um die Benennung einer Straße in einem Oranienburger Neubaugebiet nahe der Gedenkstätte Sachsenhausen ungelöst. Die Stadtverordnetenversammlung hatte die Straße im Jahr 2020 nach Gisela Gneist benannt, die von 1946 bis 1950 im sowjetischen Speziallager Nr. 7 Sachsenhausen inhaftiert war. Dagegen hatten unter anderen der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Axel Drecoll und das Internationale Sachsenhausen Komitee protestiert. Drecoll hatte der 2007 gestorbenen Gneist Kontakte zu Rechtsextremisten vorgeworfen.

Blick in das Neubaugebiet. (Quelle: rbb)
Blick ins Oranienburger Neubaugebiet. | Bild: rbb

Stiftungsdirektor sieht schwieriges Beziehungsgeflecht

Aber darum gehe es ihm allein nicht. Sein Einwand beziehe sich vor allem auf den historischen Ort, wo das Neubaugebiet und die Straße entstehen sollen. Das sogenannte Aderluch war früher ein Außenkommando des KZ Sachsenhausen: Von 1942 bis 1945 mussten hier Hunderte KZ-Häftlinge Zwangsarbeit leisten.

"Warum ist das wichtig? Das Konzentrationslager hat eine zweifache Geschichte - KZ im Nationalsozialismus, aber auch Speziallager der sowjetischen Besatzungsmacht nach 1945", erklärte der Direktor im Interview mit Brandenburg Aktuell. Beides seien Unrechtskontexte. "Aber es gibt ein schwieriges Beziehungsgeflecht, weil nämlich in diesem Speziallager der Sowjets sehr viele Unschuldige leiden mussten, aber eben auch NS-Täterinnen und -Täter dort inhaftiert waren", so Drecoll.

Nehme man in so einem Gebiet, das nichts mit dem historischen Speziallager zu tun hätte, sondern nur mit der KZ-Zeit, "und legt da zwei Straßennamen mit Opfern aus beiden Epochen quasi nebeneinander, dann kann ungewollt der Eindruck einer Gleichsetzung dieser beiden Verbrechens-Kontexte geschehen", führt Drecoll weiter aus. "Eine nicht-intendierte, aber symbolische Gleichsetzung muss meines Erachtens verhindert werden."

Der Stiftungsdirektor betonte auch, dass Giesela Gneist sich sehr für die Belange der Speziallager-Inhaftierten eingesetzt hätte. "In dieser Funktion hat sie sich aber auch sehr kritisch über die NS-Aufarbeitung geäußert. Zudem hat sie Kontakte gepflegt, die kritisch zu beurteilen sind."

Gutachten zu Gneist von Stiftung vorgelegt

Dies könne auch ein im November 2021 von der Stiftung vorgestelltes Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte zu der Benennung der Straße nach Gneist belegen. Der Gutachter Frank Bajohr erklärte dazu, Gneist habe "keine Berührungsängste gegenüber rechtsextremistischen Positionen" gezeigt und habe 2005 zu den Unterzeichnern eines geschichtsrevisionistischen Aufrufs zum 60. Jahrestag des Kriegsendes gehört.

Dirk Blettermann (SPD), Vorsitzender der Oranienburger Stadtverordnetenversammlung. (Quelle: rbb)Dirk Blettermann, Vorsitzender Stadtverordnetenversammlung.

Stadt weiter unentschieden

Nach einer erneuten Beratung der Straßenbenennungskommission mit Drecoll sowie Vertretern des Internationalen Sachsenhausen Komitees und der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft habe es am Dienstagabend keine neue Empfehlung der Kommission gegeben. Allerdings habe die Linksfraktion einen Änderungsantrag zu der Straßenbenennung angekündigt. Dagegen hätten andere Fraktionen bekräftigt, hinter dem früheren Beschluss zu stehen, hieß es in der Mitteilung der Stadt.

Zentralrat der Juden spricht sich für andere Namensgebung aus

In den Streit hatte sich zuletzt auch der Zentralrat der Juden in Deutschland eingeschaltet. "Alle Beteiligten sollten sich noch einmal zusammensetzen, um offen und sachlich über alternative Namensgeber zu diskutieren", sagte der Präsident Schuster dem Tagesspiegel. "Anstatt jedoch eine sehr umstrittene Persönlichkeit wie Gisela Gneist als Namensgeberin zu wählen, wäre es sinnvoll, eine andere Person für den Straßennamen auszusuchen."

Sendung: Brandenburg aktuell, 19.01.2022, 19:30 Uhr

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12 Kommentare

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  1. 12.

    Vom Prinzip her waren ihrer Meinung nach alle, einer ausgenommen, unschuldig und Mitläufer.
    Wahrscheinlich waren fast alle im Widerstand.
    Nazis werden wieder Salonfähig, die Verharmloser bekommen Oberwasser.

  2. 11.

    "In Berlin ist man schon weiter" ???
    Falsch, in Berlin ist man janz weit zurück - wetten... nicht nur bei (Straßen)Namen...
    Wer hat denn genau die Deutungshoheit, was "schon weiter" im Sinne von Fortschritt überhaupt ist? Was meinen Sie, wird man über uns später so alles als "lächerlich" bewerten? Und damit sind keine, zu enge Jacketts und zu kurze Hosen gemeint ;-)

  3. 10.

    Vermutlich wäre das Problem nicht vom Tisch, siehe #3 CD(1.). Es geht um Macht und „Überlegenheit“... Manches muss ausgefochten werden, solange man darf...und man erkennt schön öffentlich, wer wem und warum „auf die Nerven gehen“ will und auch, ob sich überhaupt Nichtbetroffene durchsetzen müssen und wer ist legitimiert, demokratisch Namen festzulegen?

  4. 9.

    Vermutlich wäre das Problem nicht vom Tisch, siehe #3 CD(1.). Es geht um Macht und „Überlegenheit“... Manches muss ausgefochten werden, solange man darf...und man erkennt schön öffentlich, wer wem und warum „auf die Nerven gehen“ will und auch, ob sich überhaupt Nichtbetroffene durchsetzen müssen und wer ist legitimiert, demokratisch Namen festzulegen?

  5. 8.

    In den letzten Kriegswochen faselten Goebbels und Co ständig von "Werwölfen". Den Quatsch haben die Sowjets ernst genommen. So landeten viele junge Burschen völlig unschuldig in den Lagern. Ich habe den Namen Gneist noch nie gehört und werde mich nicht dazu äußern. Aber vielleicht sollte man noch einmal darüber nachdenken.

  6. 7.

    Vorallem alles was mit dem Autobauer Henry Ford in Verbindung gebracht werden kann...oder Bayer oder Hugo Boss oder IBM....VW und Daimler nicht zu vergessen....

  7. 6.

    Speziallager des NKWD war die offizielle Bezeichnung, genau wie Konzentrationslager die der Nazis.
    In Berlin ist man schon weiter, 290 Straßen hat man hier im Blick, darunter sogar die Jüdenstrasse. Witzigerweise aber nur die in Mitte, die Spandauer sind mal wieder etwas Besonderes, ihre ist nicht erwähnt. Sie war vor ca. 30 Jahren
    zurückbenannt worden.

  8. 5.

    Zu schwierig! Wo fängt man an und wo auf? Martin-Luther- Straße ? Ginge ja auch nicht. Also keine Namensnennung mehr und das Problem wäre vom Tisch.

  9. 4.

    Speziallager klingt so angenehm, so verharmlosend und damit verniedlichend.
    Viele Unschuldige und Mitläufer sind aus fadenscheinigen Gründen dort eingesperrt, brutal mißhandelt und ermordet worden. In Tradition des Nazilagers!
    Ich finde die Straßenbenennung durchaus angemessen.
    Irgendwelche Vorwürfe aus der grünlinken Ecke sollten nicht gelten.
    Dann müßte man auch die Luther- und andere Straßen känzeln.

  10. 3.

    Man sollte Straßen generell nicht mehr nach Personen benennen. Diese permanente Ideologie-Debatte und Umbenennerei von Strßane muss endlich aufhören. Genau wie das unsägliche Gendern. Das löst weder Probleme in der Gesellschaft noch ändert es Vergangenes.

  11. 2.

    Wie unsensibel kann man denn nur sein angesichts der Geschichte !!!!

  12. 1.

    "keine Berührungsängste gegenüber rechtsextremistischen Positionen"
    gottchen ja, was heute alles Nazi ist. Da hätte ich doch lieber den bemängelten Text der Revisionistin.

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