Josephinen-Anlage Potsdam - Gekündigte Senioren sollen Studenten weichen

Do 27.01.22 | 20:31 Uhr
  29
Ein Betreuer läuft im Altenheim mit einer Bewohnerin auf einem Flur. (Quelle: dpa/Bernd Weißbrod)
Bild: dpa/Bernd Weißbrod

Mehr als 100 Mietern der Seniorenwohnanlage Josephinenstift wurde Ende letzten Jahres gekündigt. Einen Verkauf der Anlage an die Stadt lehnt der Betreiber ab. Er möchte daraus ein Studentenwohnheim machen. Das verspricht auch höhere Rendite. Von Efthymis Angeloudis

Die Josephinen-Wohnanlage in Potsdam soll ein Studentenquartier werden, sobald die letzten der rund 110 gekündigten Seniorinnen und Senioren das Haus verlassen haben. Die Wohnungen sollen für die Vermietung an Studenten hergerichtet werden, wie es in einem Schreiben des Betreibers, SGG Soziale Grundbesitzgesellschaft Potsdam, an den SPD-Ortsverein heißt, das rbb|24 vorliegt. Zuvor hatte die "PNN" [pnn.de] berichtet.

Eine rbb-Anfrage dazu ließ das Mutterunternehmen der SGG, die Hamburger MK-Kliniken AG, bislang unbeantwortet. Der Betreiber der Wohnanlage hatte den Bewohnern mit der Begründung gekündigt, er könne die Pflege "weder jetzt noch in Zukunft zu wirtschaftlich vertretbaren Konditionen" erbringen. Allerdings würden keine finanzielle Schäden durch den Betrieb der Wohnanlage entstehen, teilte die MK-Kliniken AG im November dem rbb auf Anfrage mit.

Studentenwohnheime nicht von Mietspiegel begrenzt

Studentenwohnheime unterliegen nicht dem Mietspiegel und den meisten Regelungen zur Begrenzung der Miethöhe. "Da diese Quartiere von den Regularien der Mietpreisbremse weitgehend ausgrenzt sind, kann man sich vorstellen, dass das lukrativ sein könnte", kommentierte Holger Catenhusen, Geschäftsführer des Potsdamer Mietervereins, die Pläne des Betreibers gegenüber dem rbb.

Damit es dazu kommt, müssten die verbliebenen Bewohner aus der Wohnanlage in der Burgstraße 6A ausziehen. Ende Januar sollten laut SGG 90 Wohnungen in der Anlage leerstehen. Die Zahl ist laut rbb-Informationen jedoch bei Weitem nicht erreicht. Rund 50 Prozent sollen nach Angaben von Bewohnern und Pflegern ihre Wohnungen verlassen haben. Der Rest denke nicht über einen Auszug nach.

"Ich habe überhaupt nicht die Absicht, auszuziehen", sagt Marianne, eine der verbliebenen Bewohnerinnen, rbb|24. "Die Kündigung ist gar nicht rechtsgültig." Die 92-jährige habe mittels ihres Rechtsanwalts bereits Einspruch eingelegt. Die meisten Bewohner haben eine dreimonatige Kündigungsfrist - ihre Kündigung wäre wirksam im April. Wie Marianne aber sagt, hält ihre Familie zu ihr.

Potsdamer Mieterverein: Kündigung ist unwirksam

Auch der Potsdamer Mieterverein hält die Kündigungen für unwirksam. "Wenn es zu einem Räumungsrechtstreit käme, hätten die Bewohner gute Chancen, gegen die Kündigung vorzugehen", sagt Holger Cathusen dem rbb. "Wir halten die Begründung für unzureichend", sagt der Geschäftsführer des Mietervereins. "Die Kündigungsschreiben sind sehr wortreich auf viele Seiten, aber das sind keine triftigen Kündigungsgründe."

In dem Kündigungsschreiben, das rbb|24 vorliegt, verweist Manfred Dreier-Gehle, Geschäftsführer des SGG, darauf, dass Probleme mit dem Bau eines Speisesaals auf dem Grundstück der Anlage entstanden seien. "Der Stillstand der Bauarbeiten ist im Wesentlichen der Covid-19-Pandemie und ihren Folgen geschuldet". Wegen der Lockdowns seien die begonnenen Arbeiten, um den Speisesaal zu modernisieren und Tagespflegeplätze zu schaffen, "immer wieder verschoben worden". Die Bauarbeiten könnten unter den besonderen Sicherheitsvorkehrungen für die vulnerablen Bewohner somit nicht fortgeführt werden. Auch könne er die Pflege "weder jetzt noch in Zukunft zu wirtschaftlich vertretbaren Konditionen" erbringen.

"Dass da nicht renoviert werden kann, ist Vermieterrisiko", sagt Cathusen. "Warum muss man den Menschen deswegen kündigen?" Die Mieter seien auch ohne einen Speisesaal gut zurecht gekommen. Angesichts der Pandemie wäre ein gemeinsamer Speisesaal für vulnerable Gruppen auch fragwürdig. "Mietrückstände gibt es nicht, und bei 110 Wohnungen kann man auch schlecht Eigenbedarf anmelden."

Betreiber lehnt Ankauf von Stadt ab

Wieso die Häfte der Bewohner bereits ausgezogen ist, kann Marianne nicht verstehen. Die Bewohner, die bereits ausgezogen sind, seien sehr traurig gewesen. "Die, die ich kenne, sind nach Görlitz gezogen. Die sind gar nicht in Potsdam geblieben", sagt die 92-Jährige.

Ihr werde das nicht passieren. "Sollte es zum Äußeren kommen, lass ich mich hier raustragen", sagt sie entschlossen. Die Rente für die 2.000 Euro, die sie anderswo in einem Pflegeheim zahlen müsste, habe sie nicht, und aus Potsdam weg wolle sie in ihrem Alter nicht. "Ich lass mich nicht verjagen."

Dabei hätte es längst nicht so weit kommen müssen. Laut Angaben des Betreibers versucht die Stadt Potsdam "Ankaufsmöglichkeiten" der Wohnanlage "zu suggerieren". Diese schlägt die SGG aber aus und besteht darauf, dass zukünftig an Studenten vermietet werde.

Studenten-Senioren WG?

Der Potsdamer Mieterverein reagiert auf Anfrage des rbb mit einem Gegenvorschlag. Er schlägt eine gemischte Nutzung von Seniorenwohnen und studentischem Wohnen bei gleichzeitigem Verzicht auf gerichtliche Auseineinandersetzungen vor. "Soweit der Vermieter darauf nicht eingehen sollte, währen wir gehalten, die rechtlichen Fragen bei den zuständigen Gerichten anhängig zu machen", teilt Rainer Radloff, Vorstandsvorsitzender des Mietervereins mit.

Projekte wie eine gemeinsame Wohnanlage für Studenten und Senioren gibt es in mittlerweile in mehr als 30 Städten in Deutschland. In vielen Uni-Städten ist bezahlbarer Wohnraum rar, viele Rentner wohnen wiederum allein in einer großen Wohnung oder einem Haus und brauchen gerade im Alter oft Hilfe im Haushalt und Alltag.

Ein Vorschlag, der auch bei Marianne gut ankommt. "Ich stell mir das ganz lustig vor." Kinder und Jugendliche hätten sie noch nie gestört. Außerdem sei die Schalldämmung im Haus ganz gut. "Neben mir wohnt eine schwerhörige Dame und ich höre ihren Fernseher kaum", sagt sie. "Im schlimmsten Fall gibt es ja auch Ohropax."

Die Kommentarfunktion wurde am 28.01.2022 um 13:44 Uhr geschlossen. Die Kommentare dienen zum Austausch der Nutzerinnen und Nutzer und der Redaktion über die berichteten Themen. Wir schließen die Kommentarfunktion unter anderem, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt.

29 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 29.

    Nur zuweilen... nicht immer...
    Oder "Schlafendenwohnheim", oder "Kochendenwohnheim", oder ...?

  2. 28.

    Mir gehen im Artikel als auch im TV-Bericht zu viele Fakten durcheinander. Es wäre einfach schön, wenn der Artikel einmal über die hauseigene Rechtsabteilung zum Faktenscheck geschickt würde. Denn hier geht es um die Gültigkeit von Verträgen. Ist es ein Pflegeheim oder eine Anlage für bereutes Wohnen, bei der jeder den Pflegedienst dazu gebucht werden kann? Wer hat was gekündigt? Ein Betreiber- ein Eigentümer der Anlage oder eine Hausverwaltung? Mit wem besteht welcher Vertrag (hängt wiederum von obiger Art der Anlage ab). Außerdem sagte der Vertreter im TV-Bericht, dass alle Verträge rechtswirksam gekündigt worden seien. Jetzt gibt es dazu offensichtlich eine andere Auffassung. Meine Bitte an den rbb: Fassen Sie diesen Artikel bitte genauer, dann ist auch die Diskussion im Forum sachlicher: Danke.

  3. 27.

    Wieso geht es nicht ohne Ausschüttung der Gewinne an Kapitalanleger? Wieso reicht ein "es entstehen durch den Betrieb der Wohnanlage keine finanziellen Schäden" nicht aus?

  4. 26.

    Heißt das nicht Studierendenwohnheim?

  5. 25.

    Dieser Vermieter verdient den Zusatz: "A-Soziale...... " Was ein Hohn - diese Bude müsste zwangsenteignet oder umbenannt werden.

  6. 24.

    Man verdrängt zu leicht, dass es ohne Rendite/Profit (3-15%) nicht geht, egal wer der Eigentümer ist. Und wie geht man mit den Alten um? Na ja, wenn man ein Seniorenheim (unkündbar) will, muss man es eben machen... Wer am Besten?
    In diesem Fall scheint der Mieterverein von allen Beteiligten die konstruktivsten Vorschläge zu machen, ohne "Türen zuzuschlagen". Gemeinsames Wohnen von Jung und Alt - hat seinen Charme...

  7. 23.

    Es ist furchtbar, dass Senioren auf die Straße gesetzt werden nur weil der Vermieter den Hals nicht voll kriegt.

  8. 22.

    Haben Sie im konkreten Fall einen Beleg für Ihre These der Enteignung?

    Oder auch für Ihren ganz allgemein gehaltenen Einwurf "Vermieten = Enteignung"?

  9. 21.

    Enteignet den Eigentümer. Oder schreibt alle bisherigen Bewohnerinnen als Studentin an der Uni ein. 8

    Bei so asozialen Besitzern kann man nur das kotzen lernen.

    Soziale und Gesundheitseinrichtungen gehören nicht in Private Hände. Gemeinnützige gGmbh, Vereine oder staatliche Hände wo keine Profitmaximierung im Vordergrund steht , möglich ist.

  10. 20.

    Und wer soll Ihrem Erguss auf den Leim gehen? Auch Sie und der Eigentümer der Anlage wird mal alt werden und alles kommt irgendwie auch mal zurück im Leben.

  11. 19.

    Mir kommen die Tränen. Gerade in diesen schweren Zeiten war mir ja nicht ansatzweise bewusst, was für Helden Vermieter sind. Wir sollten eine grosse Spendenaktion für Vermieter ins Leben rufen, besonders für die ehrenhaften, die Menschen in Ihrer letzten Lebensphase an die Luft setzen wollen.
    Immerhin die Hälfte ist bereits ausgezogen, getrennt von vertrauten Menschen und sogar teilweise ihrer Heimatstadt beraubt.

  12. 18.

    Der Name des Eigentümers ist wohl ein Witz wenn man das Geschehen betrachtet. Wo ist das denn sozial?

  13. 17.

    Es klingt wie Hohn, wenn man auf der Internetseite der MK- Kliniken liest, dass sie sich seit 35 Jahren mit Hingabe und Verständnis um ältere Menschen kümmern. Ich glaube das Einzige worum sich diese Leute ernsthaft kümmern ist ihr Kontostand und der Kauf der nächsten Immobilie mit welcher man noch mehr Gewinn erzielen kann. Für solche Menschen kann ich nur Verachtung empfinden.

  14. 16.

    Und wer soll Ihrem Erguss auf den Leim gehen? Auch Sie und der Eigentümer der Anlage wird mal alt werden und alles kommt irgendwie auch mal zurück im Leben.

  15. 15.

    Das ist eine ganz große Sauerei, was da gemacht wird. So etwas tut man nicht.
    Da werden Senioren, die sich nicht wehren können, gegen Studenten ausgespielt.
    Wo sollen die alten Leute hin?

  16. 14.

    Falls jemand an der den Urhebern dieser "bürgerfreundlichen" renditeorientierten Privatisierung des Pflege und Gesundheitssystems interessiert, ist trifft er vielleicht auf den angeblich beliebtesten Politiker Deutschlands. Die 90er wären empfehlenswert.

  17. 13.

    Danke, Efthymis Angeloudis, fürs Dranbleiben! Sie widmen sich immer wieder Themen, denen sich keiner sonst so durchdringend annimmt - Respekt! Die "Ausflüchte" des Betreibers sind so derart offenkundig, dass er gleich hätte sagen können, er entmietet die alten Leute, um mehr Kohle zu bekommen... Aber warten wir es mal ab. Am Schluss ist das ein gutes Übergangsheim mit vielen kleinen Wohneinheiten - so ist es in Teltow auch gekommen mit den frisch sanierten Alten- und Studentenwohnungen. Jetzt ist es die Quarantäne-Station für an Corona erkrankte Geflüchtete! Da kriegt man noch mehr Geld, direkt vom Staat, wow...

    Bitte auch weiterhin dranbleiben, schon öfter hat das wache Auge der rbb-Journalisten etwas bewirkt! Viel Erfolg!

    Viel Erfolg auch der älteren Dame, die sich nicht vertreiben lassen will :-) der Widerstand gefällt mir!

  18. 12.

    Und bei Studis kommt auch das Geld ggf. vom Amt .... und alte Leute haben keine Lobby .

  19. 11.

    Da kommt mir die Galle hoch wenn ich sowas lese. Wenn’s um‘s Geld geht zeigt dich der Charakter. Schämen sollten die sich und ein Unding, dass sowas möglich ist.

  20. 10.

    Die einen sagen weniger Rendite und die anderen sagen weniger Verlust. Immer wieder erstaunlich wie die Leser dem Wording des rbb auf den Leim gehen.
    1x eingezogen, wird man die Mieter nie wieder los und hört dann so Parolen wie mir doch egal Vermieterrisiko und da wundern sich einige, dass niemand mehr vermieten will. Vermieter sind nur noch dafür da den Kredit mit Schufa abzuwickeln, die Risiken zu tragen und sich um die Handwerker zu kümmern. Mietverträge schließen kommt schon einer Enteignung nahe.

Nächster Artikel