Prozessauftakt in Potsdam - 42-Jähriger soll Männer mit Gewalt zu Einbrüchen gezwungen haben

Mi 12.01.22 | 18:07 Uhr
Das Justizzentrum Potsdam, in dem sich auch das Landgericht Postdam befindet. (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
dpa/Christoph Soeder
Video: Brandenburg Aktuell | 12.01.2022 | Friedrich Herkt | Bild: dpa/Christoph Soeder

Ein 42-Jähriger soll Männer aus Serbien mit falschen Versprechen nach Deutschland gelockt und zu Einbrüchen gezwungen haben. Zwei von ihnen soll er wochenlang wie Sklaven gehalten haben. Seit Mittwoch muss er sich vor Gericht verantworten. Von Lisa Steger

Menschenhandel, Misshandlung Schutzbefohlener, Diebstahl und Nötigung – das sind die Vorwürfe, wegen derer sich seit diesem Mittwoch ein 42-Jähriger vor dem Landgericht Potsdam verantworten muss. Unter anderem soll Ljubisa N., serbischer Staatsbürger, zwei junge Landsleute in seiner Wohnung in Sachsen-Anhalt gefangen gehalten haben.

Verlockendes Angebot

Über einen Mittelsmann soll der Angeklagte Kontakt zu jungen Männern in Serbien aufgenommen haben, so Staatsanwalt Jens Abisch. In Deutschland könnten sie auf Baustellen putzen, teilte ihnen der Mittelsmann mit. Sie würden 1.500 Euro netto verdienen und eine Wohnung gestellt bekommen. Im Juni 2919 soll der Angeklagte zwei junge Männer in Berlin am Busbahnhof angeholt haben.

Die Autofahrt führte allerdings nicht zu einer Baustelle - sondern zu einer Wohnung des Angeklagten in Stendal in Sachsen-Anhalt. Die jungen Serben sollen das Haus in den nächsten Wochen nicht mehr verlassen haben. "Sie mussten unentgeltlich zweimal am Tag die Wohnung putzen, sie schliefen in einer Baracke", so der Staatsanwalt. "Handys und Pässe wurden ihnen abgenommen, sie durften die Wohnung nicht verlassen".

Mit der Faust habe der Angeklagte sie auf den Hinterkopf und ins Gesicht geschlagen; er soll gedroht haben, ihnen die Bäuche aufzuschlitzen. "Der Angeklagte nutzte ihre Hilflosigkeit aus, ihre Lage in einem fremden Land", so Staatsanwalt Jens Abisch.

Organisierte Einbruchstouren

Zwei andere Männer, die Ljubisa N. aus Serbien eingeschleust hatte, wollte er zu Einbruchstouren schicken, so die Staatsanwaltschaft. Einer von ihnen kehrte daraufhin nach Serbien zurück. Der andere hat im Februar des Jahres 2020 tatsächlich mehrere Einbrüche verübt. Die Tatorte: Falkensee, Nauen und Berlin. Dieser Mann wurde festgenommen. Er ist bereits verurteilt und in Haft, so Gerichtssprecherin Sabine Dießelhorst.

Der Einbrecher soll den Angeklagten belastet haben. Es gibt aber noch zahlreiche andere Zeugen, die bereits gegen Ljubisa N. ausgesagt haben und in den nächsten Wochen geladen werden, so das Gericht.

Ljubisa N. soll die jungen Landsleute nicht nur angeworben, sondern die Einreisen auch organisiert und finanziert haben. Mit Gewalt und Drohungen soll er die Einbrecher zu ihren Taten gezwungen haben. Die Beute aus den drei Einbrüchen, um die es unter anderem in diesem Verfahren geht, hat Ljubisa N. der Staatsanwaltschaft zufolge behalten: Gegenstände im Wert von rund 15.000 Euro.

Angeklagter sitzt schon wegen anderer Taten im Gefängnis

Verteidiger Frank Seiler bezweifelt hingegen, dass sein Mandant der Auftraggeber im Hintergrund war. "Er soll da etwas organisiert haben und der Hintermann gewesen sein. Ob sich das so erhärten lässt, ist aus meiner Sicht sehr fraglich", so der Anwalt. "Es gibt da durchaus andere Geschehensabläufe, die ebenso denkbar sind."

Dem Anwalt zufolge reiste Ljubisa N. erst Ende 2019 in Deutschland ein - und nicht weitaus früher, wie die Staatsanwaltshaft annimmt. Und: Der 42-Jährige habe hier nicht von Straftaten, sondern von staatlichen Leistungen gelebt. Allerdings listet die Anklage auch Verkehrsdelikte auf, die von einem luxuriösen Lebensstil zeugen. 26 Mal wurde der Serbe beispielsweise beim Fahren ohne Fahrerlaubnis erwischt und angezeigt. Die Autos: Mercedes, BMW, Audi und Volkswagen. 14 Mal wurden andere Männer ohne Fahrerlaubnis am Steuer von hochwertigen Autos angehalten, die auf den Namen des Angeklagten angemeldet waren.

Ljubisa N. will sich vorerst nicht zu den Vorwürfen äußern, ließ er am ersten Prozesstag über den Dolmetscher mitteilen. Er sitzt derzeit wegen anderer Taten im Gefängnis, unter anderem wegen Diebstahls und Urkundenfälschung. Jetzt droht ihm erneut eine lange Strafe. Allein für den Menschenhandel und die Misshandlung von Schutzbefohlenen könnte er bis zu zehn Jahre Haft erhalten, so die Gerichtssprecherin. Ein Urteil könnte im April verkündet werden.

Sendung: Brandenburg aktuell, 12. Januar 2022, 19:30 Uhr

Nächster Artikel