rbb|24-Datenauswertung zu 2021 - Weniger Fahrräder auf Berlins Straßen - der Trend geht dennoch nach oben

Mo 31.01.22 | 06:44 Uhr | Von Götz Gringmuth-Dallmer
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Fahrradfahrer sind auf einem Radweg in Berlin-Mitte unterwegs. (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
Bild: dpa/Christoph Soeder

Berlin zählt an ausgewählten Punkten in der Stadt den Radverkehr. Und der ist im letzten Jahr leicht zurückgegangen. Insgesamt aber zeigt der Trend nach oben. Denn der Rückgang könnte an Corona liegen - aber auch an anderen äußeren Umständen.

Der Radverkehr an den offiziellen Radzählstellen [berlin.de] in Berlin hat 2021 im Vergleich zum Vorjahr abgenommen. rbb|24 hat dazu die Daten der offiziellen Radzählstellen ausgewertet, die auch schon im Vorjahr in Betrieb waren. Insgesamt wurden hier 10,5 Prozent weniger Fahrräder als 2020 gezählt. Die Berliner Zeitung hatte bereits über das Thema berichtet.

Der längerfristige Vergleich mit den Vorjahren zeigt jedoch: Die Anzahl der gezählten Räder lag in der Summe 2021 immer noch jeweils über den Jahren 2016 bis 2019.

Bei der Bewertung muss berücksichtigt werden, dass wie auch 2019 schon, der Radverkehr nach Angaben der zuständigen Senatsverwaltung durch Baustellen teilweise nur eingeschränkt gezählt wurde (Mariendorfer Damm, Paul-und-Paula-Uferweg, Breitenbachplatz). Außerdem gibt es seit 2021 auf der Straße des 17. Juni eine neue Zählstelle, die nicht mit in die Auswertung eingeflossen ist.

"Die Jahre 2020 und 2021 waren Ausnahmejahre", so die Einschätzung von Felix Creutzig mit Blick auf Corona. Creutzig forscht am Berliner Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) zum Thema Mobilität in Städten. "Der langfristige Trend geht nach oben. Also die Gesamtentwicklung ist, dass der Radverkehr weiter zunimmt."

Knapp ein Drittel im Home-Office

Gründe für den Rückgang im vergangenen Jahr sind nicht eindeutig zu bennen. Es gibt aber mehrere Faktoren, die dazu beigetragen haben könnten.

Einer könnte sein, dass auch 2021 viele zumindest teilweise im Homeoffice gearbeitet haben. Ein Bericht von Infas und vom IFO-Institut schätzt auf Basis von Befragungen, dass in Berlin etwa 31 Prozent der Beschäftigten im ersten Halbjahr 2021 zumindest teilweise zu Hause gearbeitet haben. Dabei dürften auch einige gewesen sein, die normalerweise mit dem Rad zur Arbeit fahren.

Hier lohnt ein Blick auf einzelne Zählstellen. An fünf der 16 Zählstellen, die seit 2016 aktiv sind, wurden 2021 weniger Räder als im Durchschnitt der fünf Jahre davor gezählt. Weniger los war zum Beispiel an der Jannowitzbrücke, also eine der Pendlerstrecken zwischen Mitte und Kreuzberg. 2021 wurden hier gut 270.000 Fahrräder weniger als im Schnitt gezählt. Auch am Paul-und-Paula-Uferweg an der Rummelsburger Bucht wurden etwa 82.000 Fahrräder weniger gezählt, als im Schnitt der Vorjahre.

Was außerdem auffällt: In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres - einhergehend mit den zwischenzeitlichen Corona-Lockerungen - sind wiederum mehr Menschen mit U-Bahn, Bus und Straßenbahn gefahren. So lag die Nachfrage der BVG in den Monaten August bis Dezember 2021 über denen dieser Monate im Jahr 2020.

Der Einfluss der Wettervorhersagen

War es also vielleicht das Wetter, das die Menschen in diesen Monaten vom Rad in die Bahn trieb? Für Mobilitätsforscher Creutzig gehört das Fahrrad für viele immer mehr zur täglichen Infrastruktur. "Wenn man sich erst einmal darauf festgefahren hat, bleibt man bei dabei", so Creutzig. "Viele Schönwetterradfahrer werden Ganzjahresradfahrer."

Die Forschung seines Kollegen Jan Wessel von der Uni-Münster zeichnet noch ein etwas anderers Bild. Der Mobilitätsforscher hat die Auswirkungen von Wettervorhersagen auf Fahrradfahrer untersucht. Eine Erkenntnis ist: "Falsche Regenvorhersagen können die Anzahl der Radfahrer um circa 3,6 Prozenz reduzieren, selbst wenn es eigentlich gar nicht regnet."

Für den Weg zur Arbeit hat das dann noch weitere Folgen: "Wenn zum Beispiel für die Morgenstunden Regen vorhergesagt ist, sinkt sogar die Anzahl der Radfahrer in Mittags- und Nachmittagsstunden, für die kein Regen vorhergesagt wurde." Also wer morgens wegen schlechter Wettervorhersage mit Bus oder Bahn zur Arbeit fährt, fährt natürlich auch nicht mit dem Rad zurück - und kann dann auch von keiner Zählstelle erfasst werden.

Sendung: Abendschau, 31.01.2022, 19:30 Uhr

Beitrag von Götz Gringmuth-Dallmer

20 Kommentare

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  1. 20.

    Warum sind Sie denn dann noch in der Stadt? Zum Stadtverkehr gehört der Radverkehr dazu.

  2. 19.

    "Wieviel Steuern und Jobs schaffen die Radfahrer?" Keine Ahnung in welchen Jobs Menschen arbeiten die Fahrrad fahren.

    Falls sie die Fahrradindustrie und noch viel mehr die Touristikbranche meinen, die auf Radfahrer setzt...eine Menge.

  3. 18.

    Weil Radfahrer keine Fußgänger töten, haben Sie bei ihnen Radfahrer einen Freibrief. Viele Radfahrer drangsalieren die Mehrheit der Berliner. Rücksichtslos sind viele Radfahrer gegenüber Fußgängern jetzt in der Friedrichstraße und der Bergmannstrasse. Radfahrer, diese Herrschaften lassen sich zu beinahe sozialistischen Preise im ÖPNV chauffieren. Busse müssen hinter Radfahrer schleichen. Da gibt´s Radfahrer die absichtlich Busse behindern und wenn der Bus überholt dass Video groß in das Internet stellen. Wer nicht in der Stadt leben will, ziehe doch besser in die Uckermark. Wieviel Steuern und Jobs schaffen die Radfahrer?

  4. 17.

    Es ist wohl die Einstellung im Kopf, hat nichts mit gewähltem Verkehrsmittel zu tun, gilt aber auch für andere Lebensbereiche, in denen man dann auch als "Egoist" leicht zu erkennen ist. Wer alles wählt, um mobil zu sein, ist kein schlechter Mensch, wenn manchmal "das weiße Kleidchen" in Öffis nicht zu jeder Tageszeit richtig ist. Auch das Fahrradfahren ist schön, mag aber nicht jeder...und niemand fliegt 1. Klasse um eher anzukommen ;-) Und sicher? Ist derjenige, der sich nicht von hinten nähernd, neben einen LKW stellt... sonst riskiert er, in eine Unfallstatistik aufgenommen zu werden... und Statistiken... oh je, dass ist ein anderes Thema...und Studien auch.

  5. 16.

    Sie hatten ja vor einiger Zeit dargelegt, dass es ausreicht, wenn der Radfahrer sich noch beim Fußgänger vor dessen Ableben entschuldigen kann, dass das dann für Sie nicht zählt. Schaut man mal bei ADFC rein, warum hier in Berlin voriges Jahr Radfahrer in Folge von Unfällen verstarben, ergibt sich zudem in der Realität ein wesentlich gemischteres Bild als in Ihrer Welt. Entlarvend war vor ein paar Monaten auch der Bericht des RBB über die Oranienstraße. Dort drängelten auch die Radfahrer und schubsen ihresgleichen oder fuhren mit dem Lastenrad zügig auf dem linksseitigen Gehweg.

  6. 15.

    Diese gegenseitigen Beschimpfungen sind etwas albern. Ich nutze alle Verkehrsmittel In der Stadt, wundere mich über rücksichtsloseAuto-, Fahrradfahren und Fußgänger. Wundere mich oft das es Fahrradfahrer gibt die keine rote Ampel kennen? Autofahrer die Radwege als Parkplatz nutzen etc. Der Polizei zu unterstellen, dass sie gegen Verstöße von Autofahrern nicht unternehmen ist lächerlich. Ich fahre aufgrund der Pandemie übrigens mehr Fahrrad um ÖPNV zu meiden.

  7. 14.

    E-ben. Ein Gefühl. Schade, vorher haben sie die Problematik treffend beschrieben. Wobei es wesentlich mehr Auto- statt Radfahrer sind die sich kriminell (!) verhalten. Ich rede hier nicht von 5 km/h zuviel oder auf dem Fußweg fahren, sondern davon mit 75 km/h zu knapp überholen oder auf dem Fußgängerweg mit 20 km/ zu dicht zu überholen. Das ist krminell!

    Aber was sagt die Unfallstatistik? Ich lese "Getötete Radfahrer" durch KfZ, keine getöteten Fußgänger durch Radfahrer.

  8. 13.

    Die Behauptung, dass es viele Polizisten gibt, die Verstöße von Autofahrern nicht ahnden, weil sie sich selbst eine autofreundlichere Politik wünschen, halte ich auch für sehr gewagt. Der Beobachtung, dass der Nachdruck, mit dem offenkundige Behinderungen und Gefährdungen durch falsch abgestellte Fahrzeuge beseitigt werden, eher rückläufig ist, schileße ich mich meiner persönlichen subjektiven Erfahrung nach aber an.

    Ich könnte mir aber vorstellen, dass die Polizei häufig mit anderen ebenso wichtigen Aufgaben voll ausgelastet ist, sodass die Veranlassung einer Fahrzeugumsetzung für einen PKW, der auf dem Fahrradschutzstreifen abgestellt wurde, so dann und wann mal hinten über fällt.

  9. 12.

    Jain, das ist nur halb richtig. Das Fahrrad ist auf Kurzstrecke unschlagbar, wobei immer mehr längere Strecken gefahren werden. Nicht nur mit E-Bikes.

    Der Ausbau der Fahrradinfrastruktur wurde jahrzehntelang vernachlässigt und muß massiv beschleunigt werden. Natürlich ist für viele Menschen das Rad nur die U-Bahn Schlörre, sprich der Zubringer. Da würde ich auch kein hochwertiges Rad fahren wollen.

    Aber immer mehr steigen auf echt hochwertige Räder um denen man täglich (!) 30 Kilometer fahren kann.

  10. 11.

    Soviel Blodsinn habe ich selten gelesen. Sie kennen demnach "viele Polizisten" - aha - und wissen auch, dass sie vehement Auto fahren. Was ein Dünnschiss. Übrigens ist für dass Ahnden und Verteilen von Knöllchen das Ordnungsamt, zuständig, falls Sie den Begriff schon al gehört oder gelesen haben sollten. Polizei schreibt auch Knöllchen und fährt auch Fahrrad.

  11. 10.

    Na, ich wurde grade eben von einem Kleinwagen Fahrenden mit nicht mal einem Metern Abstand überholt. 100 Meter weiter hätte ich zur Seite kullern können; Geduld gibt's wenig. Der größte Teil der KFZ-Nutzenden ist geduldig. Und zum Thema Radler: gestern wollte mich ein Essenslieferant vom Gehweg klingeln und auf meine Bemerkung, dies wäre ein Gehweg kam ein Effe. Ich habe als Kfz-Nutzer, der sich an Regeln hält und auch mal weiter läuft, wenn in der Straße nix zum parken auffindbar ist, der Radfahrenden auch geduldig hinterherfährt, der sich als Radfahrer ebenfalls an Regeln hält, warum ich als Fußgänger das Gefühl habe, mehr Radfahrern als Fußgängern zu begegnen?

  12. 9.

    Meineserachtens wird zuviel Wert auf den Fahrradverkehr gelegt.Er ist wichtig,löst aber die Verkehrsprobleme nicht.Überlegen Sie was passiert wenn alle Fahrgäste der Straßenbahn z. B.nach Marzahn mit dem Fahrrad unterwegs wären.
    Nur eine Verzahnung des Umweltverbindes kann die Lösung sein. Dazu muß aber z. B.im Westen auf zu Parkplätze umfunktionieren Gleiskörpern auch wieder eine Straßenbahn fahren und das könnte schnell gehen wenn man nur wollte.

  13. 8.

    Bessere Radfahranlagen werden für automatisch für mehr Radfahrende sorgen. Wer also mehr Radverkehr haben möchte, muss entsprechend bauen.

  14. 7.

    Viele Polizisten sind selbst Autofahrer und mit einerVerkehrspolitik nicht einverstanden, die anderen Verkehrsteilnehmern mehr Raum geben will. Passiver Widerstand. Es werden auch die Falschfahrer- Parker, die notorisch in 2. Reihe im Halteverbot parken (leeres KFZ), nicht angezeigt. Täglich auf Turm- und Huttenstraße, Müllerstr. etc. zu beobachten.

  15. 6.

    Ich werde bestimmt nicht mit dem Fahrrad fahren, soweit die Verkehrswege bei mir nicht richtig sicher sind. Meine wenigen Autofahrten und die Erkenntnisse als Fußgänger reichen mir. Zebrastreifen und rote Ampeln sind da eher nur so eine Empfehlung. Meine Erfahrung ist, dass politisch wirksame Maßnahmen realisiert werden, aber Projekte an wirklichen Problempunkten seit eigentlich Jahrzehnten ignoriert werden.

  16. 5.

    "Gefühlt wird der Verkehr aggressiver. Angehupt zu werden ist inzwischen alltäglich (ohne Gefahr, nur so "mach mal Platz", wo gar kein Platz ist etwa um mit Abstand zu überholen - auch im Stau oder bei der schon sichtbaren roten Ampel)."

    Nicht nur gefühlt. Es ist tatsächlich so, dass die Aggression von geschützten Verkehrsteilnehmern (Auto, LKW auch auch BVG Busse) ggü. ungeschützten (Fußgänger, Radfahrer) erheblich zugenommen hat.

    Warum untersucht der rbb|24 hier nicht mal die Ursachen? Obwohl, da reicht ein Blick in die Kommentarfunktion hier.

  17. 4.

    Bemerkenswerter Artikel des Tagesspiegel von heute dazu. Offenbar verfogt die Polizei Anzeigen zu Falschparkern kaum noch. Bestätigt meine tagtäglichen Erlebnisse auf Gehwegen. Siehe Foto zum Bericht.
    https://plus.tagesspiegel.de/berlin/anzeige-ist-aus-34000-hinweise-auf-falschparker-wanderten-in-berlin-in-den-mulleimer-377017.html

  18. 3.

    Wir immer, kann man etwas nicht schlüssig erklären, muss das Wetter herhalten. Ersten es ist Winter, da fahren nur die sogenannten Hardcore Radler, zweitens im Winter ziehen die Abgase schlechter ab. In dem Dieseldunst möchten sich wohl nur die harten Radler, die eigene Gesundheit ruinieren und Drittens immer mehr zeigt sich, dass volle Radwege anstrengend sind, weichen Manche schon auf die Fußwege oder in die Fahrspuren der Autos aus, mit unschönen Folgen für Radfahrer und Autofahrer.

  19. 2.

    Könnte auch mit der zunehmenden Anzahl der Autos in Berlin zusammenhängen. Immer mehr werden potentiell gefährliche Orte, z.B. Ecken, zugeparkt. Gefühlt wird der Verkehr aggressiver. Angehupt zu werden ist inzwischen alltäglich (ohne Gefahr, nur so "mach mal Platz", wo gar kein Platz ist etwa um mit Abstand zu überholen - auch im Stau oder bei der schon sichtbaren roten Ampel).
    @ rbb Nutzen die meisten Radbesitzer*innen keine Leihräder? Um z.B. von Arbeit zurückzufahren?
    "Also wer morgens wegen schlechter Wettervorhersage mit Bus oder Bahn zur Arbeit fährt, fährt natürlich [sic] auch nicht mit dem Rad zurück - und kann dann auch von keiner Zählstelle erfasst werden."
    Persönlich nutze ich auch lieber Regenklamotten statt der Leihgurken. Aber würde mich mal interessieren, werden die nur für kurze Wege und oder Touristen genutzt. Gibt es dazu zugängliche Daten z.B. der von Berlin subventionierten Verleihunternehmen? Fehlen noch bedarfsdeckende Verleihstationen in Berlin?! ;)

  20. 1.

    Ich freue mich auf Bullerbü in Berlin

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