Produkte aus der Region - Warum Brandenburger Obstbauern bald in den Melonen-Anbau einsteigen könnten

Fr 21.01.22 | 07:32 Uhr | Von Roberto Jurkschat
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Ein Anhänger voller Wassermelonen, die frisch von einem Feld geerntet wurden. (Quelle: dpa/Lindsey Bauman)
Bild: dpa/Lindsey Bauman

Der Klimawandel krempelt den Anbau von Obst und Gemüse auch in Brandenburg um. In den Supermärkten könnten künftig nicht nur Äpfel und Heidelbeeren aus der Region erhältlich sein, sondern auch Melonen oder Weintrauben. Von Roberto Jurkschat

Obst und Gemüse aus der Region - im Supermarktregal sind das längst nicht nur Möhren und Äpfel vom heimischen Feld. Der Trend zu regionalen Waren hat in den vergangenen Jahren ein riesiges Sortiment entstehen lassen. Inzwischen sind aus Brandenburg Gemüsesorten erhältlich, die sonst aus südlicheren Ländern kamen, darunter Paprika, Auberginen oder Tomaten. Auch der Klimawandel hinterlässt Spuren auf den Obstplantagen, Brandenburg ist Weinanbauregion und mancherorts experimentieren Obstbauern sogar mit dem Anbau von Melonen.

Selbst Südfrüchte ließen sich in Brandenburger Gewächshäusern ohne Weiteres züchten, sagt Obstbauer Thomas Bröcker aus Frankfurt (Oder) im Gespräch mit rbb|24. Allerdings habe der Anbau exotischer Obst- und Gemüsesorten in der Region einen gewissen Preis: Gewächshäuser müssen beheizt werden - und wegen der Energiekosten würden zum Beispiel Zitrusfrüchte auf vergleichsweise engem Raum nicht genug Ertrag abwerfen, um wirtschaftlich zu sein.

Als Limettenbauer werden Sie in Brandenburg wahrscheinlich auch in zehn Jahren noch kein Geld verdienen.

Thomas Bröcker, Obstbauer

Heidelbeer-Anbau in fünf Jahren mehr als verdoppelt

Limetten aus der Prignitz, Ananas aus dem Havelland oder Bananen aus dem Spreewald werde es in absehbarer Zeit daher nicht in großen Mengen geben. "Mit Blick auf Qualität, Aufwand und Kosten wäre das ein Minusgeschäft. Als Limettenbauer werden Sie in Brandenburg wahrscheinlich auch in zehn Jahren noch kein Geld verdienen", sagt Bröcker.

Realistischer sei, dass Obst- und Gemüsebauern auf Sorten zurückgriffen, die schon jetzt in Brandenburg angebaut werden: Äpfel, Heidelbeeren, Birnen, Kirschen. "Es geht einerseits darum, Sorten zu finden, die besser mit Frost zurechtkommen und andererseits geht es darum, Vorkehrungen gegen klimabedingte Ernteausfälle zu treffen", sagt Bröcker. Möglich sei das unter anderem mit Überdachungen, mit Fleece-Tunneln oder Hagelnetzen, die die Früchte vor Wetterschäden schützen.

Im Jahr 2020 traf das Wetter viele Obstbauern noch sehr unvorbereitet: Das warme Frühjahr hatte Aprikosen, Kischen und Pfirsiche bereits Anfang April in die Blüte getrieben, einen Monat früher als sonst. Ende April sanken die Temperaturen dann aber noch mal ab, in einer Nacht haben manche Wetterstationen Tiefstände von minus sechs Grad gemessen. Für viele Obstbauern ein finanzielles Desaster, weil der Frost die sogenannten Frühblüher so stark beschädigte, dass erhebliche Teile der Ernten ausfielen.

Äpfel aus der Region nur im Winter klimafreundlich

Dass Produkte aus der Region - egal ob Apfel oder Melone, ob Paprika oder Aubergine - klimafreundlicher sind, ist tendenziell schon richtig, allerdings gibt es Ausnahmen, wie auch Andreas Jende vom Gartenbauverband Berlin-Brandenburg sagt. "Im Sommer haben importierte Äpfel eine bessere CO2-Bilanz, weil die kühle Lagerung heimischer Äpfel von Mai bis August mehr Energie verbraucht als der Transport von Äpfeln aus dem Ausland." Äpfel aus der Region seien nur zwischen September und April klimafreundlicher.

Ähnlich ist es, wenn tropische Obst- oder mediterrane Gemüsesorten in Brandenburger Gewächshäusern reifen. Auberginen beispielsweise gedeihen nur, wenn die Umgebungstemperatur nicht unter 15 Grad sinkt. Wenn Betriebe aus der Region dann nicht etwa erneuerbare Energie oder Fernwärme zum Heizen verwenden, kann der CO2-Abdruck regionaler Produkte ebenfalls größer sein als bei importierten Lebensmittel. Obst und Gemüse aus beheizten Gewächshäusern in Brandenburg kann unter Umständen also die klimaschädlichere Wahl sein.

Was im Einzelhandel in den Regalen landet, hängt allerdings von sehr unterschiedlichen Marktfaktoren ab, wie Andreas Jende, der Geschäftsführer des Gartenbauverbandes Berlin-Brandenburg, rbb|24 erklärt. "Eine Herausforderung ist, dass Obstbauern auf langfristige Planung angewiesen sind und nicht so spontan reagieren können, wenn es im Einzelhandel einen Trend gibt und ganz bestimmte Produkte stärker nachgefragt sind." Betriebe würden Sorten züchten in der Hoffnung, dass sie auch in einigen Jahren noch den Verbrauchergeschmackt treffen.

"Im Moment sind Äpfel beliebt, die knackig, säuerlich und rotschalig sind", so Jende. Die drei Apfelsorten Gala, Elstar, Pinova stünden bei Verbrauchern deshalb hoch im Kurs und hätten süße Sorten wie Golden Delicious inzwischen den Rang abgelaufen.

Beregnung von Obstbäumen war in dieser Region früher gar kein Thema, inzwischen kommt man da nicht wirklich dran vorbei.

Tobias Hahn, Obstbauversuchsstation Müncheberg

Frostschutz ein zunehmend wichtiges Thema

Bei der Obstbauversuchsstation in Müncheberg sucht man deshalb vor allem nach Lösungen für die derzeitigen Hauptanbaukulturen in Brandenburg.

Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums waren im Jahr 2020 Äpfel mit 917 Hektar flächenmäßig am stärksten im Land verbreitet, gefolgt von Heidelbeeren (410 Hektar), Süßkirschen (340 Hektar), Sanddorn (330 Hektar) und Pflaumen (120 Hektar).

Tobias Hahn, der Technische Leiter der Versuchsstation sagt im Gespräch mit rbb|24, dass sich die Bedingungen für den Obstbau in Brandenburg gewandelt haben. In zunehmend trockeneren Sommermonaten, aber vor allem zum Schutz gegen Frost sei das Beregnen größerer Plantagen vielerorts nur noch durch den Bau großer Wasserreservoirs möglich. "Beregnung von Obstbäumen war in dieser Region früher gar kein Thema, inzwischen kommt man da nicht wirklich dran vorbei", sagt Hahn. Wegen ihrer Kälteanfälligkeit gelten viele früh blühende Obstsorten inzwischen als Risikosorten. In der Versuchsstation würden aktuell mehr als 1.000 Sorten gezüchtet, ein Teil werde davon auf Klimawandelresistenz getestet.

Der Koordinator der Versuchsstation, Daniel Kaiser, erklärte gegenüber rbb|24, dass sich der Obstanbau in der Region auf lange Sicht schwer vorhersagen lasse. Für Direktvermarkter könnten von den exotischeren Sorten möglicherweise Melonen, Khaki oder Indianerbananen interessant sein.

Thomas Bröcker, der die Waren von seiner Obstwiese bei Frankfurt (Oder) auch in einem Geschäft in Schöneberg anbietet, hat sich bei der Obstproduktion für einen Mix aus verschiedenen Sorten entschieden. Dabei sind Tafeltrauben, Aprikosen, Sauerkirschen, Süßkirschen, Äpfel, Pflaumen, Mirabellen und Birnen. Bröcker sagt, inzwischen seien die Existenzsorgen vieler Obstbauern inzwischen groß. "Das Risiko liegt bei den Produzenten und gegen die Gefahr mancher Wetterereignisse lässt sich kaum vorbeugen. Es ist inzwischen vieles möglich, aber es kann auch sehr viel schiefgehen."

Beitrag von Roberto Jurkschat

30 Kommentare

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  1. 30.

    Guten Abend Opa Klaus,

    Sie haben natürlich völlig recht. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.
    Danke für den Hinweis und einen schönen Abend,

    Ihre Redaktion

  2. 29.

    @rbb24 Die gefragte Apfelsorte heißt Elstar, nicht Elster.

  3. 28.

    Der zweite Teil Ihres Kommentars hat leider nichts mit Fakten zu tun. Oder sind Sie absurder Weise der Meinung das von der Natur in Millionen Jahren gespeicherten Kohlenstoff, in nur 200 Jahren vom Menschen freigesetzt.....keine Auswirkung hat ???

  4. 27.

    "Hab gerade gelesen, dass es im Mittelalter in diesen Regionen im Februar Erdbeeren gab."
    Interessant - wo haben Sie das denn gelesen?

  5. 26.

    Weinbergstraßen oder auch Weinberge sind als Bezeichnungen auch in Mitteleuropa immernoch verbreitet. Dies deutet darauf hin, dass es Weinanbau dort vor Hunderten Jahren gegeben hat. Es war wohl vor nicht allzu langer Zeit auch schon mal milder hier. Es gibt Gemälde, auf denen sind Schlittschuhfahrer auf dem zugefrorenen Tiber in Rom zu sehen. Dort gab es auch schon kalte Zeiten. Klima wandelt sich. Das kann man nicht leugnen. Ob man das bekämpfen kann, wie und aus welchen Gründen, ist fraglich. Die Maßnahmen, die Deutschland ergreift sind in erster Linie geschäftsorientiert und weniger zielorientiert.

  6. 25.

    1.Die Melonen wurden zu DDR-Zeiten aus sozialistischen Bruderländern importiert, Ungarn, Bulgarien und so weiter. Oder können Sie mir ein Melonenanbaugebiet der DDR nennen? 2. Tomaten sind sehr wohl Nachtschattengewächse, Melonen und Gurken gehören zu den Kürbisgewächsen und stellen andere Anforderungen an den Anbau, besonders an die Luftfeuchte. @Benny: es gab im Mittelalter sehr warme Klimaphasen, insofern sind Erdbeeren im Februar jetzt nicht so verwunderlich. Allerdings waren das wildwachsende Pflanzen, die Kulturerdbeeren und heutigen Sorten gab es damals noch nicht. Auch bei den Wilderdbeeren gibt es verschiedene Unterarten, das müssen damals nicht die uns bekannten Walderdbeeren gewesen sein.@Martin: Obst ist nach gängigen Kriterien immer eine durch Bestäubung entstandene Frucht, Gemüse ein vegetativer Pflanzenteil. Eine Sonderstellung nehmen Hülsen FRÜCHTE und FRUCHTgemüse wie Tomaten, Kürbis etc ein.

  7. 22.

    Tja, da wollte ich den ersten Fehler korrigieren und verliere einen Buchstaben. Sowas aber auch. Liegt wohl am gesprungenem Display.

  8. 21.

    Sorry, was is'n der Golstrom? :-)

    Bitte nicht persönlich nehmen, aber eine gewisse Situationskomik ist da schon drin.

  9. 20.

    Tomaten und Gurken wachsen bei mir im Garten Super ich bin noch nie auf die Idee gekommen, eine wassermelone anzubauen. Ich assoziiere dieses Obst (von mir aus auch Gemüse), immer mit wärmeren Regionen. Gab es in der DDR wirklich einen Abbau in Deutschland?

  10. 19.

    Nee - beides! Lokalfood der anderen Art.
    https://www.brigitte.de/rezepte/schweinespiesse-mit-wassermelone-10930620.html

  11. 17.

    Letzteres hat mit dem Golfstrom. Der Klimawandel wird Einfluss auf den Golfstrom haben. Alles hängt mit allem zusammen.

  12. 16.

    Wie jeder Fahrgast der U8 weiß, gibt es in Berlin die Weinmeisterstraße. Deren Name erinnert daran, dass hier vor Jahrhunderten Wein angebaut wurde - wie auch an vielen anderen Orten Brandenburgs, wo es bis heute Flurnamen wie "Weinberg" gibt.

    Es ist heute nicht mehr üblich, in Norddeutschland Wein anzubauen, weil dank der verbesserten Transportmittel der qualitativ bessere Wein aus Süddeutschland oder Südeuropa importiert werden kann. Aber möglich ist es nach wie vor, dazu braucht man keinen "Klimawandel".

    Und natürlich kann man mit Gewächshäusern alles machen, auch dafür braucht man den nicht. In Island baut man zB seit Jahrzehnten Bananen unter Glas an.

    Sagt bescheid, wenn in Brandenburg Orangen im Freien gedeihen. Bisher schaffen das nichtmal die kälteresistentesten Palmenarten wie Trachycarpus, die zB im erheblich milderen Klima Südenglands (und übrigens auch auf Helgoland) mühelos im Freien überwintern können. Auch Letzteres hat nichts mit "Klimawandel" zu tun.

  13. 15.

    Erklären Sie mir den Unterschied zwischen Obst und Gemüse. Botanisch, also wissenschaftlich, sind diese Begriffe jedenfalls nicht haltbar. Die Botanik unterscheidet z.B. Nussfrüchte, Steinfrüchte, Beeren usw. Die Tomate und auch die Banane sind Beeren. Die Erdbeere eine Sammelnüsschenfrucht. Obst und Gemüse sind landläufige Unterscheidungen nach Nutzung und somit auch nicht klar definiert.

  14. 14.

    "Obstbauern wollen Melonen anbauen." Der Satz müsste wie folgt lauten: "Gemüsebauern wollen Melonen anbauen."

  15. 13.

    Die Klarstellung wie relativ der CO2 Abdruck doch ist, wurde gut erklärt. Aber dann: eine "moralische" Vorbereitung auf kommende Forderungen ist das doch nicht? Wir müssen jetzt nicht etwa befürchten, dass Frutarier eine Lebensweise einfordern, die zur "Verteufelung" der Veganer und sogar zu Straßenumbennungen führt, wenn eine Vegetarierin "da drauf" steht? Und eine verkürzte Lebenserwartung wird doch dann nicht als CO2-Absenkung, außerhalb des Zertifikatehandels , "verkauft"?

  16. 12.

    Hab gerade gelesen, dass es im Mittelalter in diesen Regionen im Februar Erdbeeren gab.War das auch der Klimawandel?

  17. 11.

    Ja, mit einer Entsalzungsanlage an der Ostsee oder das Wasser hier halten statt über die Kanalisation in die Flüsse abzuleiten, welches dann ins Meer einfließt. Aber die wasserintensiven Obst und Gemüseanbauten hier in Brandenburg sind schon ziemlich unsinnig.

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