Stechlinsee in alarmierendem Zustand - Getrübter Blick in die Tiefe

Mo 17.01.22 | 13:24 Uhr | Von Karsten Zummack
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Gonsiorczyk (links) am Seelabor am Stechlinsee im Januar 2022. (Quelle: rbb/Karsten Zummack)
Video: Brandenburg aktuell | 15.01.2022 | Karsten Zummack | Bild: rbb/Karsten Zummack

Brandenburg ist mit gut 100.000 Hektar Wasserfläche das seenreichste Bundesland. Der Stechlinsee, von dessen klarem Wasser schon Fontane schwärmte, ist wohl der berühmteste. Doch der Klimawandel bedroht auch dieses Idyll. Von Karsten Zummack

Mit Spezialwerkzeugen flickt Rainer Böttcher seine Reusen - eine Arbeit, die viel Fingerspitzengefühl verlangt und natürlich Zeit. Erst jetzt im Januar kommt der 59-jährige Fischer dazu. Denn Jahresbeginn heißt für ihn Saisonende. Die Netze sind eingeholt, die Gummihosen trocknen in seiner kleinen Werkstatt am Ufer des Erholungsortes Neuglobsow.

Mit seinem Familienbetrieb bewirtschaftet Böttcher in sechster Generation den Stechlinsee (Oberhavel). Hier kennt er jede Ecke, quasi jeden Schilfhalm. Schon als Kind hat er hier Schwimmen gelernt, seit Jahrzehnten ist er normalerweise fast täglich mit dem Fischerboot draußen. Dabei beobachtet er natürlich auch, wie sich die Wasserqualität verändert.

Zunehmend trübe Ausblicke

"Wenn wir früher rausgefahren sind, konnten wir acht bis zehn Meter tief gucken", erinnert sich der Mann mit Brille und Basecap. Jetzt aber würde die Wasserqualität im Stechlin schwanken. "Der ist manchmal so trübe, da kann man vielleicht nur noch anderthalb, zwei Meter gucken."

"Tief, glasklar, sagenumwoben und voller Poesie", schrieb einst Theodor Fontane über den See. Noch heute übt der Stechlin eine magische Anziehungskraft aus. Selbst jetzt im Winter ziehen Schwimmer in Neoprenanzügen ihre Runden über das 70 Meter tiefe Gewässer.

Gonsiorcyk nimmt am Stechlinsee im Januar 2022 eine Probe. (Quelle: rbb/Karsten Zummack)Forscher Thomas Gonsiorczyk bei der Entnahme einer Wasserprobe am Stechlinsee.

Zuviel Phosphor, zu wenig Sauerstoff

Der See scheint zu kippen - ein Problem, das auch Experten beschäftigt. Das Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei unterhält hier in Neuglobsow sogar einen eigenen Standort mitsamt schwimmendem Seelabor. Dort werden die Auswirkungen von Klimawandel, Licht- oder Luftverschmutzung generell auf Seen untersucht.

Regelmäßig fahren die Wissenschaftler auch mit dem Motorboot weit raus auf den Stechlin, um hier Wasserproben zu nehmen. Die Ergebnisse nennt Forscher Thomas Gonsiorczyk "alarmierend". Am gravierendsten: Innerhalb weniger Jahre hat sich die Phosphorkonzentration im See vervierfacht. Das ist zwar nicht giftig. Doch "wenn mehr Phosphor in den See gelangt, haben wir auch mehr Algenwachstum", erklärt Gonsiorczyk.

Die Daten belegen: In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Phosphorgehalt im Stechlinsee vervierfacht. Vor allem in der Tiefe macht sich das bemerkbar, dort geht die Misere einher mit einem sinkenden Sauerstoffgehalt. Es sind also keineswegs nur die Algen, die Wissenschaftlern und Anwohnern Sorgen bereiten.

Sorgenkind Maräne

Fischer Rainer Böttcher sorgt sich vor allem um die für den Stechlinsee berühmte Maräne. Der lachsähnliche Fisch lebt weit unter der Wasseroberfläche. Deshalb fühlt er sich seit Jahrhunderten bereits besonders wohl in dem 70 Meter tiefen und einst glasklaren Stechlinsee. Doch die Sauerstoff-Knappheit bedroht die Maräne, fürchten Experten. Ein Grund: Der See heizt sich zeitiger auf als noch vor zehn Jahren.

"Wenn das ausfällt, ist das mehr als böse. Dann geht es an die Existenz", warnt Böttcher. Auch der Tourismus in der Region könnte darunter leiden, wenn der Stechlinsee kippt. Es müsse endlich etwas getan werden, fordert auch eine örtliche Bürgerinitiative.

Machbarkeitsstudie in Arbeit

Das hat längst auch die Politik erkannt. Unter Federführung des brandenburgischen Umweltministeriums wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, der auch Experten und Umweltschützer angehören. Schließlich geht es um die Frage, wie der Stechlinsee gerettet werden kann.

Auf dem Tisch liegen Ideen, beispielsweise mit Aluminium oder Technik den Phosphorgehalt zu senken. Der Naturschutzbund (Nabu) zeigt sich noch offen für eine Lösung, plädiert aber laut dem regionalen Nabu-Fachmann Tom Kirschey für die "umweltverträglichste Lösung".

Voraussichtlich im Frühjahr will die Arbeitsgruppe erste Konzepte für die Sanierung des Stechlinsees präsentieren. Anschließend soll die Förderung beantragt werden. Denn billig dürfte das Unterfangen nicht sein. Zudem wird es wohl etliche Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis das magische Gewässer im Norden Brandenburgs wieder so glasklar ist wie einst von Fontane beschrieben.

Seelabor am Stechlinsee im Januar 2022. (Quelle: rbb/Karsten Zummack)Das Seelabor am Stechlinsee.

Sendung: Brandenburg aktuell, 15.01.2022, 19:30 Uhr

Beitrag von Karsten Zummack

12 Kommentare

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  1. 12.

    Sie sollten besser recherchieren und nicht einfach auf die Pharmaindustrie zeigen. Sicher haben Unternehmen Versuchsflächen aber kaum im Naturschutzgebiet und heute wird an Strategien zur zielorientierten Düngung gearbeitet. Das Thema ist komplex und man sollte als "Nicht-Landwirt" und *Nichtwissenschaftler" gern Wünsche äußern aber nicht Schuld zuweisen.

  2. 11.

    Aus einer DDR-Fernsehsendung über den Stechlinsee
    Die Maräne wird grau gefangen, gold geräuchert und schwarz verkauft. So etwas durfte man auch mal sagen.

  3. 10.

    Der Fischer am Stechlinsee füttert ja in einem abgeteilten Bereich vor seinem Grundstück die Fische an. Welchen Einfluss hat das auf die Wasserqualität?

  4. 9.

    Wer düngt denn hier? Die Forstverwaltung oder die paar Anwohner? Der Stechlin war glasklar als viele andere Seen schon stanken. Da müssen noch andere Ursachen sein.Offenbar forscht man daran.Es ist wohl nicht so einfach. Oder ist es gar der Fluch des Alten?

  5. 8.

    wer hat hier denn negiert,dass die Erderwärmung einen Einfluss auf die Entwicklung hat? Wie groß der Anteil der jeweiligen Ursachen an dem aktuellen Zustand ist,geht aus dem Artikel auch nicht hervor.

    "Die Daten belegen: In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Phosphorgehalt im Stechlinsee vervierfacht."
    Warum das so ist,wird in dem Artikel überhaupt nicht erwähnt.
    Diese Tatsache scheint mir aber einen größeren Einfluss zu haben,denn das ist relativ kurzfristig im Einklang mit der Verschlechterung des Sees passiert. Die Erderwärmung vollzieht sich eher langfristig.
    Genauso können Maßnahmen gegen die Ursachen kurz- und langfristig angegangen werden. Obwohl laut Artikel wohl eher die Auswirkungen und nicht die Ursachen im Fokus sind.

  6. 7.

    Wieso ist es für so viele Menschen eigentlich so schwer zu verstehen, dass Probleme auch *trommelwirbel* MEHRERE Ursachen haben können?
    Und zumeist auch haben!
    Höherer Nährstoffeintrag führt zu mehr Algenwachstum.
    Klimawandel führt zu höherer Wassertemperatur und erhöhte Wassertemperatur führt ebenfalls zu mehr Algenwachstum.
    Bäääm, zwei Ursachen, eine Wirkung! Und die eine Ursache schließt die andere nicht aus, Wahnsinn, oder?
    Ebenfalls sinkt die Löslichkeit von Gasen bei höherer Temperatur, was zu Problemen mit der Sauerstoffversorgung führt.
    Steht ja auch alles im Artikel.

    @Maria Anne:
    Cooles Konzept, einfach das eigene Argument oft genug wiederholen und einer Aussage widersprechen, die so gar nicht im Artikel steht.
    Weder benennt der Artikel monokausal (!) den Klimawandel, noch den Nährstoffeintrag, insofern steht letzterer auch nicht im Widerspruch zum ersteren.

  7. 6.

    Aber den Eintrag von Kunstdungern will die Pharmaindustrie. Und viele ehemaligen LPG
    Gehören schon Bayer und COl.

  8. 5.

    „Phosphor wird durch eine von Menschen verursachte Anreicherung des Wassers mit Nährstoffen (Düngung…) hervorgerufen. Nicht alles kann auf die Erwärmung geschoben werden. Die Schadstoffbelastung durch die Landwirtschaft ist schon lange bekannt.

  9. 4.

    Aber Sie machen es sich leider auch zu einfach, Klimawandel wegzuwischen.

    Ja, durch Landwirtschaft kommen auch Nitrate und Phosphor in die Seen. Das ist kein neues Phänomen. Durch die wärmer werdenden Sommer in den letzten Jahren, entwickeln sich jedoch mehr Algenblüten. Das wiederum ist schlecht für den Sauerstoffgehalt des Sees.

  10. 2.

    Der Klimawandel wird stets bemüht, wenn eigene, unmittelbare Fehler nicht eingestanden werden sollen. Klassisches Beispiel ist die Überschwemmungskatastrophe im Ahrtal im letzten Jahr. Dieses ca. alle hundert Jahre natürlich auftretende, historisch bekannte Unwetterphänomen mit all seinen Folgen wurde bei der Bebauung und weiteren Besiedlung missachtet und verstärkt durch wasserbauliche Maßnahmen. Zudem wurden die Warnungen aus den Wettervorhersagen ignoriert und viel zu spät weitergegeben. Das ist vielfaches und langfristiges menschliches Versagen, Ignoranz und verantwortungsloses Handeln. Da bietet es sich wunderbar an, den Klimawandel für verantwortlich zu erklären, die wahren Fehler und Verantwortlichen zu belassen, statt sie zu beseitigen und weiterzumachen, wie bisher.

  11. 1.

    Man macht es sich zu einfach, wenn man das drohende Umkippen des Stechlinsees auf den Klimawandel schiebt.
    Das Umkippen und die schlechte Qualität vieler Gewässer in Deutschland liegen bekanntermaßen an dem viel zu hohen Einsatz von Mineral- und organischen Düngern in der Landwirtschaft, die den Phosphorgehalt in Gewässern und Böden dramatisch erhöhen.

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