Bezirk gegen Karlshorster Wohnwagenplatz - "Danach kommt für viele nur noch die Straße"

Do 27.01.22 | 06:08 Uhr | Von David Donschen
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Karlshorster Wohnwagenplatz (Quelle: rbb/David Donschen)
rbb/David Donschen
Video: rbb|24 | 30.01.2022 | Autor: Simon Wenzel | Bild: rbb/David Donschen

Etwa 100 Menschen leben zur Miete auf einem Wohnwagen- und Containerplatz in Karlshorst. Die meisten von ihnen haben auf dem Wohnungsmarkt keine Chance, doch jetzt will der Bezirk, dass der seit 15 Jahren bestehende Platz verschwindet. Von David Donschen

So richtig wohnlich wirkt es nicht auf dem Stellplatz im Hönower Wiesenweg an diesem grauen Januarmorgen. Mehr als 20 Wohnwagen stehen hier dicht an dicht, dazu noch einmal etwa so viele Baucontainer, zum Teil übereinandergestapelt.

Doch das ändert sich, sobald man einen der Container betritt. Andrea öffnet ihre Tür: Am Eingang steht ein Kühlschrank mit kleiner Kochecke, dahinter gleich der Fernseher und das Bett, das tagsüber als Sofa dient. Am Fenster ein kleiner Tisch, daneben der Kratzbaum, in dem ihre schwarz-weiß gepunktete Katze Maja döst. Die Wand ist mit Platten aus Parkettimitat verkleidet. "Wie ein langes schmales Wohnzimmer", beschreibt Andrea ihren 18-Quadratmeter-Quader.

Homeoffice im Container

Toiletten und Duschen gibt es zwei Container weiter, unten stehen Waschmaschinen für alle Mieter. Seit knapp zehn Monaten wohnt Andrea hier mit ihrem Mann Marcus und der Katze. "Ist doch ganz gemütlich, oder?" Andrea findet, es lässt sich gut leben auf dem Platz. Zumindest eine Zeit lang.

Die Krankenpflegerin macht in dem Container sogar Homeoffice: Am Laptop kümmert sie sich um das Qualitätsmanagement in Kliniken.

Vergangenes Jahr hatten sie und ihr Mann ihre Wohnung in Spandau gekündigt. Eigentlich wollten sie nach Kladow ziehen, in einen Bungalow, den sie sich dort gekauft hatten. Unter anderem wegen Corona ging der Umbau aber nicht so schnell voran wie gedacht. Also zogen sie im April 2021 in den Container. Übergangsweise, bis der Bungalow fertig renoviert ist: "Deswegen sind wir hier. Wir haben uns nichts zu Schulden kommen lassen. Manchmal geht das halt so im Leben. Vor allem jetzt während Corona."

Karlshorster Wohnwagenplatz (Quelle: rbb/David Donschen)
| Bild: rbb/David Donschen

Argument des Bezirks: Gewerbegrundstück

Sorgen bereitet ihr dagegen der Streit mit dem Bezirk. Denn der will, dass der Platz in seiner jetzigen Form verschwindet. Die Begründung: Die Wohnwagen und Container stehen auf einem Gewerbegrundstück. Die Nutzung zur Vermietung sei nie genehmigt worden und rechtlich auch gar nicht möglich.

Mit Zwangsgeldern versucht der Bezirk Lichtenberg, ein Nutzungsverbot durchzusetzen. Der Besitzer des Grundstücks ist dagegen vor Gericht gezogen. Er spricht von "Schikanen des Bezirksamtes" und argumentiert, dass der Platz zuvor schließlich auch 15 Jahre lang vom Bezirk geduldet worden sei.

Studierende, Bauarbeiter, Ex-Knackis

500 Euro kostet Andrea und Marcus der Container im Monat - inklusive Strom und Wasser. Nicht billig, aber für den Preis eine Wohnung in Berlin zu finden? Unmöglich, sagt Andrea.

Sie ist heilfroh, den Container zu haben. So wie viele andere hier. Auf dem Platz leben Studierende, Bauarbeiter, Ex-Knackis. Einer der Bewohner hat vorher auf der Brache an der Rummelsburger Bucht gelebt, die vor fast genau einem Jahr geräumt wurde. Ein anderer erzählt, dass er von seiner Wohnungsverwaltung vor die Wahl gestellt wurde: Entweder gibt er seine beiden Hunde ab - oder er muss ausziehen.

Keine Chance auf dem Wohnungsmarkt

Es sind ungeplante Abzweigungen im Leben, die viele der Bewohnerinnen und Bewohner hierhergebracht haben: der Tod eines nahestehenden Menschen, das Ende einer Ehe - anderen wurde wegen Eigenbedarf der Mietvertrag gekündigt. Und die allermeisten hier haben auf dem Berliner Wohnungsmarkt kaum noch eine Chance.

Auf eine Gehhilfe gestützt erzählt die 67-Jährige Christine ihre Geschichte. Wegen einer kaputten Hüfte kam sie ins Krankenhaus und anschließend in ein Pflegeheim. Dort hielt sie es aber irgendwann nicht mehr aus. "Tod und Demenz" wohin sie schaute. Weil sie aber mit ihrer Rente von 800 Euro keine neue Wohnung fand, zog sie vergangenen Herbst in einen der Baucontainer.

Die Atmosphäre unter den Bewohnerinnen und Bewohnern beschreibt Andrea als recht herzlich. Mit größeren und kleineren Beschwerden kommen sie zu der Krankenpflegerin. Gemeinsam mit anderen renoviert Andrea gerade einen der Dusch- und Toilettencontainer. Ab und zu gibt es auch Stress und Geschrei. "Das passiert aber doch in einem Wohnhaus genauso", meint Andrea.

Neubauprojekt auf dem Grundstück nebenan

Viele Bewohnerinnen und Bewohner vermuten, dass ein Neubauprojekt gleich nebenan der Grund für die Probleme mit dem Bezirksamt ist. Gegenüber auf der anderen Straßenseite entsteht die sogenannte "Parkstadt Karlshorst". Der Projektentwickler Bonava will hier 1.000 Eigentums- und Mietwohnungen bauen.

Und da würden die Wohnwagen und Container stören, glaubt zumindest Bewohnerin Andrea: "Klar bieten wir hier nicht den schönsten Ausblick für die Luxuswohnungen von Bonava. Aber warum kann so etwas wie wir nicht genauso existieren?" Der Bezirk bestreitet, dass die Parkstadt etwas mit der drohenden Räumung zu tun habe.

Angst vor Obdachlosigkeit

Viele der Bewohnerinnen und Bewohner sorgen sich, wie es weitergeht. "Danach kommt für viele nur noch die Straße", sagt Andrea.

Lichtenbergs Bezirksstadtrad für Stadtentwicklung und Soziales, Kevin Hönicke (SPD), versichert auf rbb-Anfrage, dass bei einer Räumung keiner der Bewohnerinnen und Bewohner auf der Straße landet. Notfalls werde der Bezirk die Menschen vorübergehend in Hostels unterbringen. Erstmal wolle man aber seitens des Bezirks das Gerichtsverfahren in der Sache abwarten.

Sendung: rbb88,8, 27.01.2022, 07:50 Uhr

 

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Beitrag von David Donschen

34 Kommentare

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  1. 34.

    Reichtum ist keine Leistung. Der Irrglaube vieler Menschen ist es immer noch, dass das Statussymbol Auto etwas Tolles über einen Menschen aussagt. Dem ist nicht so, denn ein Mercedes sagt nur aus, dass der Halter ein schlechtes Selbstbewusstsein hat und Statussymbole benötigt, um sich aufzuwerten.

  2. 33.

    Herr Hönicke sollte den Bewohnern des Stellplatzes Wohnungsangebote machen, die für die Menschen bezahlbar sind. Dann löst sich das in seine Augen vorhandene Problem von selbst. Jedoch werden eher solche Plätze zunehmen, in der Stadt, bei den steigenden Mieten und Ausbleiben von Lohnsteigerungen. Herr Hönicke sollte sich Gedanken machen, wo solche Plätze legal entstehen können? Die Mietsteigerungen werden absehbar nicht enden.

  3. 32.

    Man spricht erst über Armut, wenn sie stört, sichtbar wird, aber längst ist die Armut vieler eine Realität und wenn heute schon Arbeitende Mieten nicht mehr zahlen können und existentielle Ansprüche nicht mehr befriedigt werden können, dann müsste das soziale Ruder herumgerissen werden. Im Moment sehe ich allerdings Preise unermesslich in die Höhe schießen, ob Monopole wie Wasser, Strom oder Mieten. Im Gegenzug suggeriert man der Arbeit, es würde aufwärts gehen. Man müsse vom Mindestlohn und doppelt besteuerten Betriebsrenten auch noch höhere Kosten für andere Fahrzeuge, andere Heizungen und energieeffiziente Häuser stemmen. Das funktioniert in Deutschland immer gut, das Schröpfen der Arbeit mit guten Begründungen? Das Absenken des Lebensstandards durch Kostenexplosionen ist weder für Menschen, noch für die Demokratie von Vorteil. Ca 50 Zwangsräumungen pro Tag gibt es schon seit vielen Jahren in unserem reichen Land.

  4. 31.

    Schon möglich, dass das aktuelle Handeln des Bezirks mit dem Neubau gegenüber zusammenhängt, ist aber in sich nicht ganz schlüssig. Alternativ bekommen die neuen Eigentümer und Mieter dann eben ganz nach Vorschrift einen Gewerbebetrieb vor die Nase gesetzt. Ist dann auch nicht schöner anzusehen, als die Wohnwagensiedlung. Im Prinzip ist es wieder die übliche deutsche Prinzipienreiterei und das Handeln nach Vorschrift, ohne Rücksicht auf Verluste. Auf einem Gewerbegrundstück darf eben nach Gesetz nicht gewohnt werden, die Nutzung des Platzes hierfür hätte nie genehmigt oder auch nur geduldet werden dürfen. Nach 15 Jahren plötzlich dann doch auf dem Gesetz zu beharren, hat schon fast etwas von Willkür, zumal dadurch auch eine alternative Wohnbebauung auf diesem Grundstück ebenfalls ausgeschlossen wird. Am Ende verlieren alle.

  5. 30.

    Das Projekt "Parkstadt Karlshorst" ist mitnichten ein Luxuswohnprojekt, da es zur Hälfte auch Miet- und Sozialwohnungen enthält, um die sich auch die Wohnwagenbewohner bemühen könnten. Hilfe dazu gibt es vom Sozialamt.
    Als Bewohner des Prinzenviertels nebenan unterstütze ich dieses Projekt, weil damit auch die alten Gleisanlagen und Müllhalden auf dem Hönower Wiesenweg verschwinden. Die ungenutzten Gewerbegrundstücke auf der anderen Seite müssen neu vermessen und erschlossen werden. Dann können diese auch für sozialen Wohnungsbau genutzt werden.
    Niemand muss hier mitten in der Stadt in Wohncontainern leben.

  6. 29.

    Nutzen Sie Ihre Chancen auf „gründerzeitvilla und einem mercedes vor der tür“ ... ist eine Leistung!
    Oder auch Wohnwagen, wie Sie selber das mögen...es ist erlaubt.

  7. 28.
    Antwort auf [Peter 2] vom 27.01.2022 um 09:34

    Tatsächlich? Sie meinen also, wenn Sie eine Gruppe gegen die andere aufhetzen, dann ist das eine Lösung für die zunehmenden Probleme und die soziale Not? Der Anfang für eine Lösung liegt in der Solidarität und dem Blick in eine Richtung, Spaltung benötigt niemand.

  8. 27.

    Ich finde das Wohnprojekt echt klasse , die Stadt macht für Menschen die auf dem ersten zweiten Wohnungsmarkt kein Wohnraum finden garnichts , sorry doch sie steckt sie in Unterkünfte wo sie sich zu 4-6 ein Zimmer teilen für 800-900€ pro Person.
    Die Leute leben dort in eine Gemeinschaft und nicht wie in einem Wohnhaus wo man seine Nachbarn oft nur aus der Ferne kennt.
    Solche Projekte wie dort sollen erhalten bleiben und gefördert werden. Ich finde es klasse und möchte diese Projekte gern bei stehen und unterstützen

  9. 26.

    Ja klar - schonmal das Bild betrachtet? Dort sieht es übrigens gefplegt aus, zumal das KEINE wilde Anlage ist und es jemanden gibt, dem das gehört und der sich um eine Bleibe für Leute kümmert, die aus den vielfältigsten Gründen dort leben müssen. Christian ist wohl auch Eigentümer und duldet keine Leute, die nicht seiner Vorstellung einer sauberen Umgebung entsprechen - wat?

  10. 25.

    Der Staat muss garnichts. Das Einzige, was ein Betroffener in D machen muss, ist zu sagen: ich brauche Hilfe. Und dann bekommt derjenige alle erdenkliche Hilfe unseres Sozialstaates. Was auch völlig ok ist. Aber um Hilfe rufen muss der Betroffene allein, das wird ihm niemand abnehmen.

  11. 24.

    Die Frage sei erlaubt: Was kostet denn den Staat, die Stadt, die Unterbringung in einem Hostel ect.pro Monat? Darüber sollte das Bezirksamt auch einmal Auskunft geben. Hier geht es ja auch um Steuergelder.

  12. 23.

    das sagt sich leicht mit einer gründerzeitvilla und einem mercedes vor der tür, immer alles schlecht reden

  13. 22.

    Der Bezirksbürgermeister ist "Die Linke" (24,8 %), Soziales hat die AfD...
    Campingplatz ist eine gewerbliche Nutzung.

    Die Mieter können in den öffentlichen Sitzungen der Bezirksverordnetenversammlung ihr Anliegen vortragen und in die Sprechstunden ihrer Abgeordneten gehen. Das Grundstück kann für andere Zwecke umgewidmet werden. Sie werden sicher auch viel Unterstützer in ganz Berlin finden, wenn sie eine Bürgerinitiative gründen. Woanders werden Tinyhouses errichtet und hier gibt es schon eine Lösung. Berlin muss auch Platz für diese Lebensform erhalten!

  14. 21.

    Kann der Bezirk keine Wohnung in einer städtischen Wohnungsgesellschaft zuweisen? Das ist doch der beste Weg gegen drohende Obdachlosigkeit!

  15. 20.

    Es ist immer wieder das gleiche, am Ende ist Berlin nur noch für die mit Geld.
    Viel Glück und nicht aufgeben

  16. 19.

    Die Lösung ist ganz einfach. Die Stadt muss lediglich eine nachhaltige und menschenwürdige Unterkunft für die Betroffenen schaffen. Das kann doch so schwer nicht sein in einem der reichsten Länder. Nicht wahr, mitte--linke, bürgerlich-grüne und ganz linke Parteien? Etwas politischer Wille, dann geht das schon. Bei Geflüchteten ist das ja auch kein Problem.

  17. 18.

    Bezirksstadtrat - ahhh, SPD hört hört. War da nicht das Geplapper von "Gerecht" in Wahlkämpfen zu hören? Ich wünsche mir, dass es der SPD so ergeht wie der katholischen Kirche - Reihenweise Austritte und keine Stimme mehr bei Wahlen.

    Super Lösungsansatz - mit vorübergehend und Hotels. Sozialer Wohnungsbau in Berlin - Fehlanzeige.

    Wofür kassiert Berlin die Förderung aus anderen Bundesländern - wird diese Förderung hoffentlich auch sofort eingestellt? Wäre doch den Grünen genüge getan - oder....

  18. 17.

    Aus Studenten wurden hier Studierende, aber aus Bauarbeiter keine Bauarbeitenden. Das ist nicht konsequent, lieber RBB.

  19. 16.

    Allen Wohnungssuchenden kann ich die Seite www.inberlinwohnen.de empfehlen.
    Menschen in akuter Wohnungsnot (z.B. durch Kündigung oder Räumung) können die Aufnahme ins Geschützte Marktsegment in ihrem zuständigen Sozialamt beantragen.
    Menschen, die neben der Wohnungsnot auch noch weitere Problemlagen haben (z.B. Schulden, Arbeitslosigkeit, Sucht etc.) können in ihrem zuständigen Sozialamt Hilfe in besonderen Lebenslagen nach Paragraph 67 ff. SGBXII beantragen.

  20. 15.

    besonders spannend: der leiter der stadtplanung, herr nöske, hat ein buch über die 1.300 luxuswohnungen in der parkstadt karlshorst verfasst...und anschließend dem investor bonava die baugenehmigung erteilt...zustände wie im alten rom

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