Ausschreitungen in Kasachstan - Die längste Woche meines Lebens

Do 13.01.22 | 10:17 Uhr | Von Anna Severinenko
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Das Bürgermeisteramt in der Hauptstadt Almaty in Kasachstan geht in Flammen auf. (Bild: picture alliance/dpa/TASS | Valery Sharifulin)
Das Bürgermeisteramt in der kasachischen Hauptstadt Almaty steht in Flammen. | Bild: picture alliance/dpa/TASS | Valery Sharifulin

Kasachstan ist den wenigsten in Deutschland ein Begriff, bis vor einer Woche Unruhen ausgebrochen sind. Während die Welt diskutiert, bangt unsere Autorin um ihre Familie in Almaty. Von Anna Severinenko

Ich komme aus Almaty in Kasachstan. Bis vor einer Woche ist das Land den wenigsten in Deutschland ein Begriff - doch das ändert sich schlagartig, als zunächst friedliche Proteste in gewaltsame Ausschreitungen umschlagen. Während die ganze Welt plötzlich über Kasachstan diskutiert, kann ich nur an eines denken: meine Familie.

Denn zu Weihnachten ist auch meine Cousine Anastasia, die seit sechs Jahren in Deutschland lebt, in ihre Heimat gefahren. Normalerweise haben wir fast täglich Kontakt. Bis zum 4. Januar, als die Lage in Kasachstan eskaliert und plötzlich das Internet abgeschaltet wird.

Plötzlich ist das Internet weg

"Meine Heimatstadt ist wunderschön", berichtet Anastasia später. "Vor allem die Tage vor Silvester waren traumhaft. Schnee, Sonne, Festtagsstimmung." Währenddessen sitze ich in Deutschland, internationale Medien berichten über Ausschreitungen in Almaty, in meiner alten Heimatstadt. Auf den Straßen Chaos und Schüsse.

"Wir wohnen außerhalb des Zentrums in einer Wohngegend. Plötzlich waren die Straße vor unserem Haus voller Demonstranten, die in Richtung Zentrum zogen", berichtet Anastasia. "Sie wirkten aggressiv, aber ich habe gedacht: Jetzt sind die Proteste eben auch hier angekommen. Dann war das Internet weg."

Anastasia aus Kasachstan (Quelle: privat)
Cousine Anastasia in Almaty | Bild: privat

Geplünderte Waffengeschäfte

Am nächsten Morgen ruft meine Mutter an, sagt, in Kasachstan herrsche Chaos. Ich schreibe Anastasia, will wissen, ob es ihr gut geht. Noch zwei Tage zuvor like ich ihre Fotos auf Instagram. Sie hüpft im Schnee in den Bergen rum. Jetzt: nichts. "Als das Internet auch am nächsten Morgen nicht funktionierte, habe ich verstanden: Irgendetwas stimmt hier nicht", beschreibt Anastasia die Situation.

Doch was genau vor sich geht, versteht auch sie nicht. "Wir hatten wirtschaftliche Forderungen, und diesbezüglich gab es zu diesem Zeitpunkt schon einen Dialog." In der Ferne hört sie Schüsse und verbarrikadiert sich in ihrer Wohnung, erzählt sie später. Die einzigen Informationen kommen jetzt vom kasachischen Staatsfernsehen. "Es wurde gezeigt, wie Waffengeschäfte geplündert wurden. Überall da, wo es Waffen gab, waren die Demonstranten auch. Auf einem Video konnte man sehen, wie auf den Straßen geschossen wurde, und im Hintergrund klaut jemand einen Fernseher."

Kaum Informationen dringen nach außen

Von all dem bekomme ich in Deutschland wenig mit, nur Informationsfetzen dringen nach außen. Anastasia ist zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht online. Ich muss arbeiten, aber kann mich kaum konzentrieren. Behalte internationale Nachrichtenagenturen, das russische Fernsehen und mein Handy im Blick. Die letzte Nachricht an Anastasia wurde noch immer nicht zugestellt ... ob sie in Sicherheit ist?

In Kasachstan sitzt meine Cousine zu diesem Zeitpunkt vor dem Fernseher. "Es wurde gezeigt, wie diese Bewaffneten zum Flughafen fahren. Auch da habe ich mir noch gedacht: Nicht so schlimm. Der Flughafen wird von der Armee geschützt. Wenig später ist er besetzt und alle Shops im Gebäude zerstört. Das war der Moment, in dem ich verstanden habe: Es ist ernst."

In der Nacht hört Anastasia ihr Handy klingeln, erzählt sie später. Das Internet ist zurück, aber nur für kurze Zeit. Sie nutzt die Gelegenheit und tauscht sich mit Freunden in Deutschland aus, versucht zu beruhigen. Doch die sehen im Internet noch weit Schlimmeres als Anastasia vor ihrem Fenster. "Alle haben sich extreme Sorgen gemacht", sagt Anastasia.

Am nächsten Morgen lese ich ihren Namen auf meinem Bildschirm. Erleichterung. Aber ich bekomme einen Kloß im Hals. Anastasia schreibt von toten Zivilisten. Dann ist das Internet wieder weg, und die Lage spitzt sich weiter zu.

Präsident erteilt den Schießbefehl

"Es hat gar nichts mehr funktioniert", sagt Anastasia später. "Von meinem Fenster aus kann ich eine Tankstelle sehen. Dort versammelten sich Leute mit Kanistern und Flaschen und haben offenbar versucht, Sprit abzuzapfen. Es fiel ein Schuss, und alle rannten weg." Der kasachische Präsident bittet das Sicherheitsbündnis OVKS um Hilfe, erteilt den Schießbefehl.

"Das war der entscheidende Punkt. Als die ausländischen Truppen kamen, hat sich die Lage beruhigt", erzählt Anastasia. "Jetzt heißt es, die schlimmste Zeit sei vorbei und die Truppen können das Land in den nächsten Tagen verlassen."

Davon erfahre ich in Deutschland zunächst nichts. Am Wochenende trinke ich Cremant auf einer Geburtstagsfeier. Alle amüsieren sich, aber ich kann mein Handy nicht aus der Hand geben. Immer noch keine neue Nachricht von Anastasia. Meine Nachrichten kommen wieder nicht durch.

Anastasia aus Kasachstan (Quelle: privat)Anastasia in den kasachischen Bergen

Montagmorgen, kurz vor sechs. Endlich ein Lebenszeichen: "Es war echt schlimm", schreibt Anastasia. "Keine friedlichen Demos. Sie hatten Waffen." In Kasachstan verbreiten sich Gerüchte, angeblich seien Frauen vergewaltigt worden. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Informationen nicht. Auch der Präsident verbreitet derartige Geschichten auf Twitter, löscht den Tweet aber anschließend.

Einen Tag später können wir telefonieren. "Ich kann immer noch nicht glauben, dass das wirklich passiert ist", sagt Anastasia. "Ich hoffe, wir können jetzt zu einem normalen Leben zurückkehren."

Beitrag von Anna Severinenko

6 Kommentare

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  1. 6.

    Lieber Beobachter,
    vielen Dank für Ihr Kommentar. Natürlich hat Berlin auch Verbindungen und einen Austausch mit Kasachstan, nur war das Land sonst nicht wirklich im Bewusstsein der meisten Menschen ;). Als Autorin des Artikels habe ich noch von keinen verletzten Journalisten gehört, obwohl sicherlich einige im Land sind. Ich hoffe sehr, dass sie jetzt in Sicherheit sind.

  2. 5.

    @rbb Es gibt auf jeden Fall enge Verbindungen von Almaty nach Berlin. So war dort unter anderem einer der ehemaligen Präsidenten der Freien Universität an der privaten Deutsch-Kasachischen Universität in Almaty tätig.
    Danke für diesen sehr persönlichen Bericht. Mich interessiert auch sehr, wie es jetzt den angegriffenen Journalisten vor Ort geht?!
    https://www.daad-kazakhstan.org/de/kooperationen-mit-hochschulen
    https://dku.kz/de

  3. 4.

    Schön, dass die OVKS die Lage offensichtlich beruhigen konnte ... Mit brennenden Häusern, Autos und mit verängstigten Bürgern ist ja Niemandem geholfen. … Die OVKS ist übrigens mit der gleichen Legitimation wie z.B. die Bundeswehr im Irak aktiv, nämlich auf ausdrücklichen Wunsch und Ersuchen der örtlichen Regierung … Diese Anmerkung nur, falls hier wieder irgendwelche Invasionsphantasien Raum gewinnen wollen.

  4. 3.

    Ich habe mich auch an der Formulierung gestoßen, dass die wenigsten Kasachstan kennen. Das ist eine sehr pessimistische Verallgemeinerung. Davon abgesehen fand ich den Beitrag sehr interessant u8nd erschütternd.

  5. 2.

    Was wissen denn die meisten Deutschen bisher über Kasachstan?

    Das ist schon do wie es in dem Bericht beschrieben ist.

    Bisher hat doch kaum einer Anstalten gemacht, dich zu informieren, obwohl es Internet gibt.

    Die USA sind etwa genauso weit entfernt wie Kasachstsn, saber da weiß komischerweise jeder Bescheid.

    Ich wage auch zu bezweifeln, dass viele wissen, dass due Kasachen auch reine eigene Sprache haben.

  6. 1.

    Den wenigsten in Deutschland ein Begriff??

    Das hoffe ich doch stark zu bezweifeln!

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