Eröffnung der Stadtbahn vor 140 Jahren - 731 Bögen tragen Berlins Eisenbahn-Magistrale

Mo 07.02.22 | 06:07 Uhr | Von Georg-Stefan Russew
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Auf dem Stadtbahnviadukt am S-Bahnhof Jannowitzbruecke ist ein Regionalexpress mit Doppelstockwagen in Richtung Westen unterwegs. (Quelle: imago stock&people)
Auf dem Stadtbahnviadukt am S-Bahnhof Jannowitzbruecke ist ein Regionalexpress unterwegs. | Bild: imago stock&people

Es sind keine sieben Brücken, wie sie die Band "Karat" in ihrem Song beschreibt. Auf der Berliner Stadtbahn sind es 731 Bögen, die sich per Viadukt von Ost nach West schlängeln. Jetzt steht der 140. Geburtstag der Strecke an. Von Georg-Stefan Russew

Sie gehört heute nach wie vor zu den wichtigsten Verkehrsschlagadern Berlins, die Stadtbahn. Mit Sicherheit hätte sich Berlin nicht so rasant entwickelt, wenn 1882 das Viadukt nicht in Betrieb genommen worden wäre. Die Errichtung der Strecke ist nach Angaben der Deutschen Bahn eine Revolution für den Eisenbahnverkehr in der Stadt – und bedeutete gleichzeitig den Durchbruch für den Nahverkehr auf der Schiene.

Blick auf die Stadtbahn und den S-Bahnhof Hackescher Markt. (Quelle: imago stock&people)
Blick auf den Hackeschen Markt. | Bild: imago stock&people | Bild: imago stock&people

Die grundlegenden Fakten

Die rund 11,2 Kilometer lange Strecke startet am Ostbahnhof, quert die Jannowitzbrücke, führt über den Alexanderplatz und den Hackeschen Markt, passiert die Friedrichstraße sowie den heutigen Hauptbahnhof, führt durch Bellevue und Tiergarten zum Bahnhof Zoo und Savignyplatz. Am Bahnhof Charlottenburg endet das Viadukt. Die Strecke dient hauptsächlich dem Personenverkehr. Zwei der vier Gleise werden von Regional- und Fernverkehrszügen, die beiden anderen von der S-Bahn Berlin genutzt. Allein zwischen der Friedrichstraße und dem Hackeschen Markt waren 2018 per S-Bahn täglich 230.000 Menschen täglich unterwegs. Damit galt dieser Abschnitt als der am meisten befahrene S-Bahnabschnitt.

1871 bis 1882: Als alles begann und Kaiser Wilhelm I. seine erste Spazierfahrt unternahm

Um 1871 herrschte in der Berliner Mitte bahntechnisch gähnende Leere. Die acht Hauptbahnlinien endeten jeweils an Kopfbahnhöfen, die am Berliner Stadtrand oder knapp außerhalb lagen. Wollte man von einem Bahnhof zum anderen, musste man sich per Droschke chauffieren lassen. Im selben Jahr wurden die Bahnhöfe der Anhalter, Potsdamer oder Schlesischen Bahn nach und nach per Berliner Ringbahn miteinander verbunden.

Hermann Rückwardt (1845-1919). Partie von der Stadtbahn beim Neuen Packhof, 1882. (Quelle: akg-images/pa)
Partie von der Stadtbahn beim Neuen Packhof, 1882. | Bild: akg-images/pa

68.128.699 Mark und 22 Pfennige

Um 1872 plante die Deutsche Eisenbahnbaugesellschaft den Bau der Südwestbahn. Sie sollte ins südwestliche Deutschland führen. Weil die Firma arge Geldsorgen hatte, konzentrierte sie sich auf den Berliner Abschnitt - die Stadtbahn. Die Strecke avancierte dann zur schnellen Verbindung zwischen den Kopfbahnhöfen. Ein Jahr später gründete sich mit Partnern die Berliner Eisenbahngesellschaft. 1875 wurde der erste Spatenstich für die Strecke vom Schlesischen Bahnhof (heute: Ostbahnhof) in die damalige Stadt Charlottenburg gesetzt. Unter anderem wurde der Berliner Festungsgraben zwischen Hackeschem Markt und Jannowitzbrücke zugeschüttet. Die Geldsorgen wollten aber nicht enden. 1878 war die Gesellschaft bankrott und Preußen übernahm.

Am 6. Februar 1882 inspizierte Kaiser Wilhelm I. die Strecke. Einen Tag später ging sie ans Netz. Die Baukosten beliefen sich laut Deutscher Bahn auf 68.128.699 Mark und 22 Pfennige. Im Preis damals enthalten waren neun Bahnhöfe.

Seitdem steht das Viadukt rund sechs Meter über dem Boden und dient als Hochbahn zwischen Schlesischem Bahnhof und Charlottenburg. Schnell avanciert die Stadtbahn zum beliebten Verkehrsmittel.

Berlin Bahnhof Friedrichstraße vor dem Umbau um 1914 (Quelle: Historische Sammlung der Deutschen Bahn AG)
Bahnhof Friedrichstraße um 1914. | Bild: Historische Sammlung der Deutschen Bahn AG

Nach dem ersten Weltkrieg erfolgte die erste Streckensanierung und der Wechsel zum Gleichstrom

Nach dem ersten Weltkrieg hatte die Stadtbahn sehr viel mehr Zugverkehr zu bewältigen und größere Loks mit sehr viel höherer Achslast zu tragen. Dafür mussten Strecke und Bahnhöfe ertüchtigt werden. So wurden die gemauerten Viadukt-Bögen zusätzlich mit Betonbögen verstärkt, Stahlbrücken wurden ebenfalls verstärkt beziehungsweise ausgewechselt. Ab 1928 startete zudem die Elektrifizierung. Ein Jahr später waren die Arbeiten hierfür abgeschlossen. In der Folge verschwanden 1929 die letzten Dampfzüge, als auch auf dem Ring vollelektrisch gefahren werden konnte. 1930 bekam die S-Bahn dann ihr noch heute gültiges Logo - ein weißes "S" auf grünem Grund. Es galt für die Stadt-, Ring- und Vorortbahn.

Bahnhof Zoologischer Garten an der Überführung zur Hardenbergstrasse am 16.02.1940 (Quelle: Historische Sammlung der Deutschen Bahn AG)
Bahnhof Zoo um 1940. | Bild: Historische Sammlung der Deutschen Bahn AG)

Nach 1945 erfolgte der Wiederaufbau

Aufgrund der schweren Zerstörungen infolge der Bombardierungen während des zweiten Weltkriegs waren große Teile der Stadtbahn zerstört. Als wichtige Verkehrsader wurde das Viadukt aber wiederhergestellt. Anekdote am Rande: Der sowjetische Machthaber Stalin reiste aufgrund von Flugangst per Bahn im Juli 1945 zur Potsdamer Konferenz an. Hierfür wurde ein Gleis von 1.435 Millimeter Normalspur auf das russische Maß von 1.524 Millimeter verbreitert.

Infolge der deutsch-deutschen Teilung verlor die Strecke ihre große Bedeutung für den Fernverkehr. Viele Fernbahnhöfe schlossen. Dafür wurde der S-Bahnverkehr umso wichtiger. Anfang der 1950er Jahre verkehrte der letzte Fernzug die Trasse im DDR-Binnenverkehr.

["Westberliner Bürger mit Tagespassierschein" steht über dem Treppenausgang am Bahnsteig in der Friedrichstraße. (Quelle: dpa/Zentralbild)
Blick auf den Bahnsteig des Grenzübergangs Friedrichstraße um 1965. | Bild: dpa-Zentralbild

Bau der Berliner Mauer

Mit dem Bau der Berliner Mauer ab August 1961 avancierte der Zoo zum letzten Fernbahnhof Westberlins. Auf DDR-Seite verblieb der Ostbahnhof als Gegenüber.

Der Bahnhof Friedrichstraße selbst wurde zur Grenzstation mit zwei hermetisch voneinander getrennten Bereichen. Nach Passieren des Grenzübergangs gings zur S-Bahn nach Westberlin. Für DDR-Bürger, die nicht das Rentenalter erreicht hatten, war dieser Bahnsteig so gut wie unerreichbar. Auf DDR-Seite wurde die Friedrichstraße im Prinzip zum stark frequentierten Kopf-S-Bahnhof. Hier endeten die S-Bahnzüge aus Richtung Ostkreuz beziehungsweise fuhren in diese Richtung zurück. Nur der Interzonenzugverkehr in Richtung Skandinavien passierte den Bahnhof. Diese Züge waren für DDR-Bürger ebenfalls unerreichbar.

Der sogenannte Tränenpalast, die ehemalige Ausreisehalle von der DDR nach Westen am Bahnhof Friedrichstraße, zeugt noch immer von der deutsch-deutschen Teilung an der Berliner Stadtbahn.

S-Bahn auf der Stadtbahn in Berlin zwischen Jannowitzbrücke und Alexanderplatz. (Quelle: Historische Sammlung der Deutschen Bahn AG)
Blick auf den S-Bahnhofs Marx-Engels-Platz, heute Hackescher Markt. | Bild: Historische Sammlung der Deutschen Bahn AG

Nach 1989 erlebte die Stadtbahn eine Renaissance

Die Stadtbahn erlebte nach dem Mauerfall eine Renaissance. 1990 fuhr der erste Fernzug wieder über die Strecke. Am 2. Juli 1990 nahm die S-Bahn nach fast dreißig Jahren auf der Trasse durchgehend wieder den Verkehr auf. Als Jahre später der Hauptbahnhof gebaut wurde, wurde die Streckenführung erstmals in ihrer Geschichte versetzt. Sie verläuft dort heute etwas südlicher als ursprünglich gebaut. Zudem wurde auf 530 Viadukt-Bögen eine 18 Meter breite und 25 Zentimeter starke Stahlbetonplatte eingebaut, so dass die Last der vier Gleise gleichmäßig verteilt ist. Brücken, Weichen etc. wurden auch erneuert.

Die S-Bahn passiert den Hauptbahnhof. (Quelle: www.imago-images.de)
Eine S-Bahn passiert den Hauptbahnhof. | Bild: www.imago-images.de

Die Ferngleise der Stadtbahn gelten seit 2013 offiziell als überlastet. So wurde seit Ende 2015 die ICE-Linie von und nach Köln von der Stadtbahn abgezogen und über den unteren Teil des Hauptbahnhofs gelenkt. Heute verkehren Regional- und Fernzüge in dichtem Takt. Täglich sind es laut Deutscher Bahn etwa 900 Züge - 600 S-Bahnen und 300 Regional- und Fernzüge.

Sendung: Radioeins, 07.02.2022, 06:00 Uhr

Beitrag von Georg-Stefan Russew

17 Kommentare

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  1. 17.

    731 Bögen waren es mal, durch diverse Veränderungen in der Bausubstanz sind heute weniger als 500 Bögen erhalten. Die genaue Zahl müsste man vermutlich echt mal durch Ablaufen ermitteln, da gibt es meiner Meinung nach keine zu 100 Prozent zuverlässige Quelle, zumal einige Nummern mehrfach vorhanden sind und durch Buchstabenzusätze ergänzt wurden.

  2. 16.

    731 Bögen,ein wunderbarer bauhistorischer Schatz in Berlin.Man kann nur hoffen,das alles dafür getan wird,ihn zu hegen und zu pflegen.Ich befürchte es könnte irgendwie einfach verabsäumt werden darauf zu achten.Denke da an die maroden Brücken und vergessene Planung für Tram Gleise.

  3. 15.

    Die Stadtbahn ist unstrittig Berlins größter historischer Verkehrsschatz. Für andere historische Bahninfrastruktur in Berlin gibt es diese Wertschätzung nicht: die zahlreichen ehemaligen Ortsgüterbahnhöfe werden bahnfremd genutzt und oft genug zugebaut. Damit beraubt sich die Stadt der Chance einer umweltfreundlichen Güterversorgung.
    Als Beispiele aus eigener Anschauung seien Lichterfelde Ost, Steglitz, Neukölln(Hermannstraße) genannt.

  4. 14.

    ...kann ich nur bestätigen. Ich frage mich immer mehr, ob die Artikel nicht probegelesen werden (Approval workflow?) So einige Fehler müssten aber selbst von der Rechtschreibkorrektur erkannt werden....

  5. 13.

    Immer noch voller Fehler:

    „und das König Preußen“ statt Königreich…

    Leute!

  6. 12.

    Also ich sehe auf Bild 1 einen RE der Linie 2 nach Rathenow. Daher dürfte dieses Foto auch schon historisch sein. Ich schätze ca. 2010. Woher nimmt man denn die Erkenntnis, dass das ein Zug der RE1 ist?

  7. 11.

    Preisfrage: Wo befindet sich der Bogen Nummer 1. 50/50 Joker: Am Ostbahnhof oder am Stutti.?

  8. 10.

    @rbb24 Die grundlegenden Fakten:Savignyplatz wird in einem Wort geschrieben.

  9. 9.

    Ich stelle mir gerade vor, was passieren würde, wenn heute jemand auf die Idee kommen würde, so eine Bahnstrecke zu bauen. Das wäre eine Aufgabe für zehn Generationen, nicht zehn Jahre.

  10. 8.

    Lieber Herr Kniebolek,

    vielen Dank für den Hinweis, haben wir geändert.

    LG
    rbb|24

  11. 7.

    Damals wurde die Stadtbahn vergleichsweise zügig gebaut, heute traut sich die DB nichtmals, Teile der Fernbahngleise der Ringbahn zu elektrifizieren. Das würde jahrelange Diskussionen mit den NIMBYs und den Lokalpolitikern nach sich ziehen, die in der Stadt an der Bahnstrecke ihre Ruhe haben wollen. Selbst die Reaktivierung der Stammbahn scheint ein Unterfangen zu werden, mit dem sich zukünftige Generation noch beschäftigen werden können.

  12. 6.

    Die Stadtbahn hat eine lange Geschicht und bewegte Zeit hinter sich. Ein Teil der Viaduktbögen haben sich zu interessanten öffentlichen Räumen entwickelt.
    Leider scheint es, dass die Bahn ihre eigenen Bilder nicht genau kennt. Das Foto "S-Bahn zwischen Jannowitzbrücke und Alexanderplatz" müsste m.E. richtig lauten "S-Bahn zwischen (früher) Marx-Engels-Platz (heute Hackescher Markt) und Friedrichstraße" lauten. Die abgebildete S-Bahn fährt Richtung Alex (am rechten Bildrand ist m.E. das ehemalige Interhotel Berlin (heute Park Inn) zu sehen.

  13. 5.

    Wäre ein so visionäres Bauvorhaben und die unglaublich schnelle Realisierung heute überhaupt noch möglich? Ich ziehe den Hut vor den Planern, aber auch den Bauarbeitern, denn man wüsste nicht, wie Berlin ohne dieses richtungsweisende und zukunftsorientierte Bauwerk heute aussehen und verkehrstechnisch funktionieren würde. Eine zentrale Trasse quer durch die Stadt, die gleichzeitig aber nicht die wichtigen anderen Verkehrsachsen zerschneidet, weil sie einfach konsequent drüber hinweg führt, war und ist ein Segen für die Metropole.

  14. 4.

    Es fuhren auch zu DDR-Zeiten Interzonenzüge/Fernzüge nach Westdeutschland/Westeuropa bzw. Osteuropa über den Bhf. Friedrichstraße.

  15. 3.

    Schöne Geschichte gerne mehr darüber

  16. 2.

    Lieber RBB,

    Die Bildunterschrift des vorletzten Fotos stimmt nicht: hier ist der damalige Bahnhof Marx-Engels-Platz (heute Hackescher Markt) aus Richtung Friedrichstraße zu sehen.

  17. 1.

    Der Bericht ist interessant, aber voller Rechtschreibfehler. Bitte korrigieren.

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