Verkehr in Berlin - Das sind Berlins gefährlichste Kreuzungen

Mo 14.02.22 | 09:12 Uhr | Von Angela Ulrich
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Radfahrer sind auf einem provisorischen Radweg zwischen Strausberger Platz und Otto-Braun-Straße unterwegs. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Video: Abendschau | 13.02.2022 | Agnes Sundermeyer | Gespräch Bettina Jarasch | Bild: dpa/Paul Zinken

Erneut ist vor wenigen Tagen eine Radfahrerin in Berlin gestorben. Die Stadt ist von der "Vision Zero" - also null Verkehrstote und Verletzte - noch weit entfernt. Das zeigen die gefährlichsten Kreuzungen Berlins. Von Angela Ulrich

Der Verkehr rauscht an der riesigen Kreuzung Otto-Braun- und Mollstraße am Berliner Alexanderplatz vorbei. Vier- bis fünfspurig wälzen sich Autos und Lkw durch Berlin-Mitte, dazu noch die Straßenbahn - und: Fahrräder und Fußgänger.

Für die Radfans Zoé und Alex ein tägliches Wagnis: Das sei ein bisschen wie eine Nahtoderfahrung, sagen beide. Das Problem seien ihrer Meinung nach Lkw, abbiegende Autos und sehr kleine Radwege. "Fahrradfahren ist echt eine Mutprobe", so Alex.

Unfallkommission kommt nicht hinterher

Ragnhild Soerensen vom Verein Changing Cities kann die beiden gut verstehen. Sie zeigt auf die viel befahrene Kreuzung – zwei Radfahrer sind hier in den letzten Jahren ums Leben gekommen, dazu gab es mehrere Unfälle mit Schwerverletzten. Für Soerensen kein Zufall: "Es gibt keinen geschützten Radweg hier, der ist auch relativ schmal. Es gibt keine getrennte Ampelschaltung für Fuß-, Rad- und Autoverkehr. Es ist eine Kreuzung, an die muss man wirklich ran, um für viel mehr Sicherheit – vor allem für die Ungeschützten – zu sorgen."

Ran will Berlin eigentlich - und für mehr Verkehrssicherheit sorgen. So steht es im Mobilitätsgesetz, und das gilt seit 2018. Darin steht auch, dass eine Unfallkommission unverzüglich die Orte untersuchen soll, an denen es Unfälle mit Toten oder Schwerverletzten gegeben hat. Doch die Experten kommen aktuell nicht hinterher, wie Felix Reifschneider (FDP) mit einer Anfrage ans grüne Verkehrsressort herausbekommen hat, über die zuerst der "Tagesspiegel [Bezahlinhalt]" berichtete. Darin heißt es, dass derzeit keine regelmäßige Prüfung von Unfällen mit schwer Verletzten durch die Unfallkommission stattfinde.

"Für mich ist es ein Armutszeugnis, dass der Senat so wenig Wert auf Verkehrssicherheit legt, die eigenen Anforderungen des Mobilitätsgesetzes nicht erfüllt. Und ich habe auch wenig Hoffnung, dass sich das in dieser Legislaturperiode substanziell ändern wird", sagt Reifschneider dem rbb.

Kreuzungen mit den meisten Unfällen*

Frankfurter Tor (65 Unfälle mit Verletzten)

Otto-Braun-Straße / Mollstraße (58)

Saatwinkler Damm / Seestraße / A100 / Beusselstraße (54)

Alexanderstraße / Karl-Liebknecht-Straße / Memhardstraße (54)

Mühlenstraße / Stralauer Allee / Warschauer Straße / Am Oberbaum (51)

Danziger Straße / Prenzlauer Allee (50)

Insbrucker Platz (50)

Mehringdamm / Tempelhofer Ufer /Hallesches Ufer / Wilhemstraße (50)

Straße der Pariser Kommune / Karl-Marx-Allee (48)

Admiralstraße / Kottbusser Straße / Reichenberger Straße / Skalitzer Straße / Adalbertstraße (46)

* Unfälle mit Personenschaden in den Jahren 2018 bis 2020 / Quelle: Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz

Verkehrsverwaltung räumt Nachholbedarf ein

Und es wäre eine Menge zu tun. Über 760 Verkehrsunfälle mit Schwerverletzten hat die Berliner Polizei in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres aufgenommen. Am Hotspot Otto-Braun-Straße/Ecke Mollstraße wurde eine von vier Ampelschaltungen verändert und ein kleiner Radbereich markiert. Viel zu wenig, räumt selbst Jan Thomsen, Sprecher der Berliner Verkehrsverwaltung, ein: "Diese Kreuzung ist viel zu groß, die müsste eigentlich komplett umgebaut werden. Insofern ist mit kleinen Maßnahmen einiges getan, aber längst nicht alles."

Dabei hat Berlin Möglichkeiten. Zum Beispiel, konsequenter Unfallschwerpunkte zu untersuchen. Die Unfallkommission soll aber kaum aufgestockt werden – zu wenig Personal, zu wenig Mittel, heißt es bei der Verkehrsverwaltung. Die setze die Schwerpunkte anders, macht Sprecher Thomsen klar. Das Wichtigste sei die Entschleunigung, aber auch Technik wie Abbiegeassistenz in allen großen Fahrzeugen. "Und wir brauchen Kontrollen, Kontrollen, Kontrollen. Wir fassen hier ein wirklich großes Rad an. Und es ist nicht so, dass man mit ein paar schnellen Maßnahmen und einer Task Force mal eben durch die Stadt huschen kann, um dieses Problem zu lösen." Für umfassende Verbesserungen müssten laut Thomsen zudem bundesrechtliche Änderungen hinzukommen wie etwa eine weitreichende Vermeidung von Lkw-Fahrten innerorts.

Dass die "Vision-Zero"-Strategie - also null Verkehrstote und Verletzte in Berlin - nicht schnell gehen kann, ist auch Ragnhild Soerensen von Changing Cities klar. Trotzdem wundert sie sich: "Wir haben ein Gesetz, wo bestimmte Sachen drinstehen, die aber irgendwie dann im Alltag nicht befolgt werden, wie zum Beispiel die Überprüfung nach Unfällen. Und das kann ja eigentlich nicht sein – das ist ein Skandal."

Die Unfallkommission bestehe im Moment aus vier Mitarbeitern ihrer Senatsverwaltung, zwei Polizisten und zwei Vertretern der Bezirke, erklärte Verkehrssenatorin Bettina Jarasch am Sonntag in der rbb-Abendschau: "Die schauen sich nach jedem tödlichen Unfall die Unfallstelle an, verfügen Maßnahmen." Etwa 30 Kreuzungen würde die Kommission im Jahr umbauen, das müssten sie laut Mobilitätsgesetz auch tun. Aber das genüge nicht, um Verkehrssicherheit in ganz Berlin herzustellen, so Jarasch.

Sie will nun ein Verkehrssicherheitsprogramm auflegen und alle Beteiligten an einen Tisch bringen - ein langer Prozess. Für manchen Radfahrenden wird er zu spät kommen.

Sendung: Abendschau, 13.02.2022, 19:30 Uhr

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Beitrag von Angela Ulrich

25 Kommentare

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  1. 25.

    Das "an die eigene Nase fassen..." ist der Punkt: ich begreife diese Unfälle mit Rechtsabbiegern z. B. nicht: wenn ich als Radfahrende das Fahrzeug sehe, bin ich bremsbereit. Was hilft mir denn meine Vorfahrt! Ich bin auf dem Rad der zweitschwächste Verkehrsteilnehmer, meine stärkste Waffe ist die Bremse. Ja, ich wäre auch für mehr Kontrollen, Kennzeichen für Fahrräder und empfindliche Strafen - für mich macht es keinen Unterschied, ob ein Auto oder Fahrrad bei Rot über die Ampel fährt.
    Und: Kopfhörer auf, Augen auf dem Smartphone und plötzlich parkt einer auf der Radspur - sorry, NULL Verständnis meinerseits.

  2. 24.

    Was hat das damit zu tun, ob ich mich einer Kreuzung mit 50 oder 30 näher? Abbiegen kann man auch mit 30 nicht. Eine Entschleunigung würde hier nicht viel bringen. Getrennte Ampelschaltungen schon eher. Wenn ich abbiege vergewisser ich mich immer, ob ein Radfahrer oder Fußgänger kommt. Oft kann man den Radweg aber baubedingt kaum einsehen. Kottbusser Tor nur ein paar Meter, weil Kreisverkehr. Wenn da ein Radler mit ordentlich Tempo kommt ist das schon kritisch. Genauso wie Fußgänger plötzlich und unvermittelt doch noch losrennen, obwohl sie eben noch standen oder eine andere Richtung angepeilt hatten. Dann noch die, die ohne Licht unterwegs sind etc. Jeder ist in der Verantwortung. Immer aufmerksam den Verkehr beaobachten - auch wenn ich Grün habe !!!

  3. 23.

    "Denke dabei an die "militanten" Radfahrer und/oder Diejenigen die Verkehrsregeln nicht kennen oder, trotz vorhandener Radwege, diese nicht benutzen. "

    Besonders die militanten Radfahrerhasser die solchen Stuss verfassen. Und bis heute nicht wissen, dass nicht jeder Radweg benutzungspflichtig ist.

  4. 22.

    Sichere Kreuzungen werden von allen bezahlt, genau aus dem selben Grund warum sichere Brücken, sichere Autobahnen, sichere Stromleitungen, sichere Bahnstrecken, usw. von allen bezahlt werden. Weil alle was davon haben.

  5. 21.

    Bin, je nach Wetter und Distanz - als Fußgänger, Autofahrer und Radfahrer unterwegs.
    Eine Radfahrer- und Fußgängerfreundliche Stadt ist wichtig, noch besser wäre eine Stadt, die für alle Verkehrsteilnehmer möglichst sicher ist.
    Leider sieht der Senat es anders und dem Dogma einer autofreien Stadt folgend eine Politik realisiert wo es am wichtigsten ist Feindbilder aufzubauen und versuchen die Sicherheit für eine Gruppe auf Kosten der anderen durchzusetzen. Es werden z.B. vorhandene Radwege auf die Straße verlegt nicht um mehr Sicherheit für Radfahrer zu schaffen sondern um einen Dauerstau zu generieren, der das Autofahrer weniger attraktiv machen soll. Es werden Tempo 30 Zonen auf Durchfahrtstrassen eingerichtet anstatt diese verkehrssicher umzugestalten. Es entstehen auf abenteuerlichsten und unerwarteten Stellen der Fahrbahn Radstreifen, die bei schlechten Sichtverhältnissen nicht wahrnehmbar und beim Matsch nicht sichtbar sind und, und, und.

  6. 20.

    Wenn bekannt ist, welche Kreuzungen gefährlich sind, warum steigen Radfahrende da nicht ab und schieben ihr Radel über die Kreuzung? Das wäre dann auch für Fußgehende mehr Sicherheit im Kreuzungsbereich.

  7. 19.

    Die befragten Radfahrenden werden als "Radfans" bezeichnet. Komischerweise habe ich die Bezeichnung "Autofans" beim RBB im Zusammenhang mit der Verkehrspolitik noch nie gelesen oder gehört. Die einen sind dann wohl die Exoten mit dem verrückten Hobby Fahrradfahren und die anderen die ganz normalen Bürger*innen?

    Schade, ansonsten ist der Artikel aber sehr gut und legt den Finger in die (v.a. grüne) Wunde.

  8. 18.

    Tempo 30 wird auch da nichts ändern, den Radfahrer:innen fehlt es auch zum Teil einfach an Weitsicht das man diese beim abbiegen nicht immer sehen kann. Auch Radfahrer dürfen bremsen und müssen nicht mit vollem Tempo über den Radweg

  9. 17.

    Der Ehrlichkeit halber muss man aber auch sagen, dass der Senat viele dieser Gefahren durch seinen Fahrradwahn überhaupt erst selber fabriziert. Ich wundere mich manchmal selber, dass ich die ein oder andere Kreuzung überquert habe ohne einen Unfall, Gefährdung oder irgendwen behindert zu haben. Manche Kreuzungen hat der Senat vollkommen unübersichtlich gemacht und somit die Gefahren erst geschaffen, die er heute bemängelt. Der Senat kann sich also nicht von einer nicht unerheblichen Mitschuld frei sprechen.

  10. 16.

    Es interessiert einfach niemanden. Jeder Tote wird mit Krokodilstränen weggetrauert und beim nächsten das gleiche und beim darauffolgenden auch.
    Seit Jahren werden Veränderungen nur versprochen und es passiert dennoch nichts.
    Einfach weiter zählen, es sind so wenige, das es politisch nicht relevant ist.

  11. 15.

    Alexanderplatz und Kottbuser Tor wird also mit Tempo 30 sicherer? Wann waren sie denn das letzte mal da Vor Ort? Da ist rund um die Uhr stehender Verkehr und bei Grünphasen vielleicht Tempo 20. Beteiligen sie sich doch einfach mal an Diskussionen, an denen sie was beitragen können. Radfahrer Bashing brauchen wir hier nicht auf solch einer Grundlage.

  12. 14.

    So wird das nie was, wenn man die Schuld generell bei den Anderen sucht. Habe noch nicht gehört, dass LKWS mit Tempo 50 um die Ecke fahren.

  13. 12.

    Wichtiges Thema, über das die letzten Jahrzehnte immer nur geredet, aber für das wenig bis gar nichts getan wurde. Einiges bleibt jedoch schwammig, z. B. was unter "weitreichende Vermeidung von Lkw-Fahrten innerorts" gemeint ist. Wie kommen denn dann Lebensmittel zu den Kaufhallen? Mit dem Lastenrad?

  14. 11.

    Warum sollen nun wieder alle für sicherere Kreuzungen bezahlen?
    Wäre es nicht angebrachter, die Leute die die Straße nutzen wollen, also auch oder vielleicht erst recht den Fahradfahrer*innen, eine Pflichtteilnahme an einer Schulung über das Verhalten im Straßenverkehr aufzuerlegen?
    Sie fahren im Dunkeln ohne Licht, entgegengesetzt der Fahrtrichtung, bei ROT über Ampeln und unter Einfluss von Alkohol oder ähnlichem. Das trifft vielleicht nicht auf alle zu, aber das wäre ein besserer Ansatz.

  15. 10.

    …seit 2018 hat sich nicht viel getan bei Radfahrer-Schutz… Aber trotzdem habt Ihr das R2G-Kasperltheater wiedergewählt.
    Fazit: wer Unfähigkeit, vertreten durch Unfähige (u.a. Aufgrund fehlender Schul-, Studien- und/oder Berufsschule-Abschlüsse), wählt, darf/kann/soll sich hinterher nicht über mangelnde politische Tätigkeiten beschweren!

  16. 9.

    Und seit Jahren wird wird über die neue AV Geh- Radwege diskutiert......
    D.h. seit Jahren gibt es keine Vorgaben für eine Planung bzw. Umplanung.
    Da steht sich der Senat, der alles besser machen will, selbst im Weg. Die Umsetzung des Mobilitätsgesetzes ist daher in einigen Bereichen bisher nur ein frommer Wunsch......
    So wird das nix.

  17. 8.

    In Berlin lebt man als Verkehrsteilnehmer gefährlich. Egal, ob ich zu Fuß oder mit dem Rad oder mit dem Auto unterwegs bin. Dies liegt aber an der Ellenbogentaktik der Teilnehmer. Hauptsache: Ich komm weiter, ich bin schneller und ich habe Recht. Keinem wird Aufmerksamkeit geschenkt. Ich missachte auch Verkehrsregeln, aber schaue mich immer um, ob ich dadurch andere oder mich gefährde.

    Komisch, dass es in ähnlich großen europäischen Großstädten besser funktioniert.

  18. 7.

    Sehr traurig. Die meisten Kreuzungen oben versuche ich zu meiden. Eine sofort leicht mögliche Maßnahme wäre TEMPO 30 rund um diese Unfallschwerpunkte. Am Alex und am Kottbusser Tor ist es einfach wahnsinnig gefährlich, wie dort gerast wird.
    "Das Wichtigste sei die Entschleunigung," Ja, volle Zustimmung!
    Bitte an allen möglichen gefährlichen Orten erstmal runter mit dem Tempo z.B. 50 oder 100m vor und hinter den Kreuzungen.
    Wenn "Vision Zero" wirklich ernst gemeint ist, bitte auf die Unfallforscher hören, und in der ganzen Stadt TEMPO 30 ermöglichen. Dann wird es vor allem sehr viel weniger Schwerverletzte geben. Die persönlichen und volkswirtschaftlichen Schäden durch diese vermeidbaren "Unfälle" sind extrem; eigentlich kaum zu glauben. Zumindest, anfgesichts der Tatsache, dass "Vision Zero" angeblich seit Jahren politisch gewollt ist.

  19. 6.

    Habe es Tag Täglich mit Raudi Radfahrern zu tun. Würde die Polizei mal mehr Die Kontrollieren und der Gesetzgeber auch für Radfahrer härtere Strafen einführen würde sich vielleicht was ändern aber solang die Radfahrer machen können was Sie wollen ohne wirklich bestraft zu werden wird sich nichts ändern.

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