Interview | Ermittler zu Kinderpornografie - "Es gibt Bilder, die wird man nicht mehr los"

Do 03.02.22 | 11:58 Uhr
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Eine Ermittlerin für sexuellen Missbrauch sitzt vor einem Monitor (Bild: dpa/Rolf Vennenbernd)
Video: Abendschau | 03.02.22 | Kerstin Breinig, Wolf Siebert | Studiogast Norma Schürmann | Bild: dpa/Rolf Vennenbernd

Allein in Berlin ermittelte die Polizei im vergangenen Jahr 640 Straftaten rund um Kinderpornografie. Kriminalhauptkommissar Thorsten Ivers versucht seit 16 Jahren, Täter aufzuspüren, die Missbrauchsabbildungen anschauen, verbreiten und herstellen.

rbb|24: Herr Ivers, Sie sehen Videos, in denen Kindern Unvorstellbares angetan wird, die vergewaltigt, gequält werden. Wie oft haben Sie darüber nachgedacht, aufzuhören?

Thorsten Ivers: Tatsächlich kein einziges Mal. Ich erkenne in meiner Arbeit einen tieferen Sinn. Denn es geht letztlich darum, die hinter den kinderpornografischen Inhalten stehenden sexuellen Missbräuche aufzuklären. Mir macht die Arbeit hier trotz dieses Betätigungsfeldes sehr viel Spaß.

Kriminalhauptkommissar Thorsten Ivers (Bild: rbb)
Kriminalhauptkommissar Thorsten Ivers (50) leitet in Berlin eines der Fachkommissariate, die gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und im Netz verbreitete Aufnahmen davon ermitteln. | Bild: rbb

Konnten Sie in Ihrer Laufbahn viele Täter stoppen?

Ja, mehrfach. Es gibt viele Missbrauchstäter, die nicht nur Kinderpornografie konsumieren, also fremdes Material, sondern eigenes Material generieren. Und das ist letztlich das Ziel unserer Tätigkeit, diesen Missbrauch zu erkennen und zu beenden. Jedes Mal, wenn wir einen Tatverdächtigen haben und bei den Beschuldigten durchsuchen, dann ist für uns immer im Hinterkopf: Hat dieser Mensch auch Missbrauchstaten begangen? Hat er eigene Kinder? Oder hat er mit Kindern zu tun? Das ist uns wichtig. Aber die Auswertung braucht auch viel Zeit. Das heißt, ein paar Monate müssen wir auf die Ergebnisse warten. Und erst dann können wir mit Sicherheit sagen, beziehungsweise mit annähernder Sicherheit, ob derjenige auch selbst Missbrauchsinhalte erzeugt hat.

Wie kommen Sie den Tätern auf die Spur?

Viele Hinweise kommen aus den USA. Dort gibt es das National Center for Missing and Exploited Children (NCMEC). Amerikanische Anbieter sozialer Dienste sind verpflichtet, dort entsprechende Inhalte zu melden. Überdies haben auch Anbieter wie Facebook, Tiktok und Instagram begonnen, jedes Bild, jedes Video, was durch deren Netzwerke fließt, durch Automatismen zu scannen. Und jedes Mal, wenn dort ein einer Datenbank bekanntes Bild durchgeht, führt das automatisch zu einer Meldung bei NCMEC. Und die geben das dann weiter an das BKA. Und wenn die Spur nach Berlin führt, bekommen wir die Akte. Und im besten Fall können wir den Tatverdächtigen ermitteln, durchsuchen dort und finden Beweise.

Seit dem 1. Februar gilt die Novelle des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes. Jetzt gibt es auch in Deutschland eine zentrale Meldestelle für Internetkriminalität - auch für Kinderpornografisches Material. Was heißt das für Ihre Arbeit?

Das wird zunächst mal die Fallzahlen erhöhen. Andererseits ist es eben auch ein Zeichen, dass es dem Gesetzgeber nicht egal ist, was in den entsprechenden sozialen Medien verbreitet wird. Das dient der Aufhellung des Dunkelfeldes, das ist auch eine Botschaft an die Täter. Es gibt keine Gründe, kinderpornografische Bild- und Videodateien zu versenden. Auch wenn man das selbst lustig findet oder vielleicht der Meinung ist, dass es nicht weiter auffällt. Es wird unter Umständen automatisch festgestellt, führt zu einer Strafanzeige, und wir nehmen es ernst.

Das finden Menschen lustig, solche Bilder zu verschicken?

Ja, so komisch das klingt, dass kinderpornografische Inhalte auch aus Jux und Dollerei verbreitet werden. Es gibt zum Beispiel einen kinderpornografischen Sticker, der in Whatsapp-Gruppen von Kindern und Jugendlichen häufig versandt wird. Und ja, die Kinder und Jugendlichen, die den versenden, die mögen das möglicherweise lustig finden. Oder sie möchten zeigen: Guck mal, ich habe diesen Sticker. Aber es ist eben eine Straftat. Und was einmal im Internet gepostet wurde, bleibt auch dort. Das heißt also, die Betroffenen müssen damit leben. Nicht nur, dass sie missbraucht wurden, sondern, dass auch die Dokumente ihrer Missbrauchstaten ihr Leben lang im Internet kursieren.

Info

Der Begriff des Straftatbestandes "Kinderpornografie" wird immer wieder kritisiert. So meint die "Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs", Kinderpornografie sei "ein verharmlosender und ungenauer, weithin aber gebräuchlicher Begriff für Missbrauchsdarstellungen von Kindern auf Fotos, in Filmen und Texten". Der Begriff vermöge darüber hinwegzutäuschen, dass jede derartige Darstellung eine schwere Straftat sei. [aufarbeitungskommission.de]

 

Das sind ja oftmals Unmengen an Daten. Sie werten ja nicht nur Fotos und Videos, sondern auch Chats und Sprachnachrichten aus. Wie schafft man das?

Wir übergeben in den meisten Fällen die entsprechenden Asservate an externe Dienstleister, die für uns die Datenträger auswerten. Die machen auch eine inhaltliche Bewertung der Sachen, die sie dort finden, auch mit unterschiedlichen Tools. Es gibt künstliche Intelligenz, um Kinderpornografie mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit aufzuspüren. Letztlich ist es aber für uns dann eben auch nur ein Hinweis. Die letztliche Begutachtung, ob es sich wirklich um Kinderpornografie handelt, ob der Tatverdächtige die Bilder nur besessen oder auch hergestellt hat, das obliegt dem kriminalpolizeilichen Mitarbeiter.

Sie sind selbst Vater. Wie geht man mit diesen Bildern um? Wie hält man das aus?

Letztlich belastet mich jedes Bild und jedes Video, was ich sehe. Und es wäre auch schlimm, wenn es nicht so wäre. Trotz 16-jähriger Tätigkeit in diesem Bereich ist es so, wenn einen diese Inhalte, die wir hier wahrnehmen müssen, gar nicht mehr tangieren, dann ist etwas falsch gelaufen. Es gibt Bilder, die wird man nicht mehr los. Und tatsächlich ist es auch so, dass oftmals die Chats, die dort geführt werden, weit über das Gesehene hinausgehen. Also, da werden oftmals Fantasien der Täter beschrieben, die vielleicht auch gar nicht physikalisch oder biologisch möglich sind. Und da muss man auch sagen, das belastet die Mitarbeitenden sehr. Also, wenn man jetzt tagelang viele Chats liest, aus expliziten Foren, wo Leute ungehemmt und unbeobachtet ihre Fantasien schildern. Das ist nicht gut.

Und wie lange wollen Sie diese Arbeit noch machen?

Alle Mitarbeitenden, die in den drei Fachkommissariaten sind, sind unglaublich motivierte Kollegen. Und wenn das Umfeld stimmt, das trägt schon. Wenn man mich nicht wegschickt, möchte ich gerne bis zur Pension hier arbeiten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Wolf Siebert, rbb-Inforadio. Es handelt sich um eine gekürzte und redigierte Fassung. Mit einem Klick ins Titelbild können Sie das Gespräch als Audio nachhören.

Sendung: Abendschau, 03.02.22, 19:30 Uhr

8 Kommentare

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  1. 8.

    Erst einmal meine sehr große persönliche Wertschätzung u. Anerkennung für die Arbeit der Ermittler u. das sie keine eigenen Schäden durch ihre Tätigkeit davontragen. Auch, dass sie so viele Täter wie möglich erwischen! Was zu kurz kam, ist das Kindesmissbrauch überall vorkommen kann, auch im direkten Umfeld! Mein Rat immer aufmerksam gegenüber allen Kindern bleiben, wenn sie sich plötzlich ungewöhnlich verhalten. Nicht wegsehen, sondern handeln, d. h. bei Verdacht sofort die Polizei einschalten!

  2. 7.

    An Kindern verübte Gewalttaten sind das Schlimmste überhaupt, ebenso wie deren Dokumentation.
    Manche Pädophile behaupten ja, "Kinderpornografie" würde sie davon abhalten, selbst zum Täter zu werden. Das sind sie aber schon, weil deren Nachfrage Herstellung und Verbreitung von Missbrauchsdarstellungen in die Höhe treibt.
    Herrn Ivers und den anderen Kommissaren wünsche ich Kraft und Durchhaltevermögen bei ihrer nervenaufreibenden Arbeit.

  3. 6.

    Zunächst meinen tiefempfundenen Dank an all die Menschen, die sich täglich diesen Druck ansehen, um die StraftäterInnen einem gerichtlichen Verfahren zuführen zu können.
    Leider sind die Strafen oftmals zu lasch, dann noch die Verjährungsfristen. Da muss die Gesetzgebung dringend etwas ändern. Meiner Meinung nach darf es bei Tötungsdelikten und Sexualstraftaten keine Verjährung geben. Immerhin werden bei letzterem eine Art Seelenmord begangen, welcher auch mit langen Therapien nur gemildert werden kann. Die Gerichte hätten ja durch den Strafrahmen und one Möglichkeit der Milderung.
    Doch die TäterInnen sollten sich nie vor Strafverfolgung sicher fühlen, hier kann kein Rechtsfrieden eintreten. Die Opfer und/oder ihre Angehöhrigen finden ja auch eher selten ihren Frieden.

  4. 5.

    Solche und andere Abscheulichkeiten entstammen keinem vernünftigem Geist. (wobei Jeder aufgefordert ist sich auch selber Hilfe zu suchen - hier gibt es keine Entschuldigung)
    Leider ist das in Deutschland aber schon ein "altes Lied", was erschreckend weite Kreise zieht.
    Damit das nicht "abfärbt" ist das Einzige was man da als Ermittler wohl machen kann so sachlich und unemotional wie irgend möglich zu bleiben.
    Personen die Andere und ihre Umwelt derart direkt und indirekt schädigen haben wohl tiefgreifende Probleme.
    Im Zweifelsfall sind längere Haftstrafen durch den Gesetzgeber anzudenken, da die Sicherungsverwahrung noch zu teuer für solche Charaktere ist.

  5. 4.

    Tatmotive?!

  6. 3.

    Danke für Ihre wichtige Arbeit. Ich wünsche Ihnen starke Nerven.
    Für mich sind die Tatmotive nicht nachvollziehbar.
    Lieben Gruß

  7. 2.

    Erst einmal viele Dank an die vielen Ermittler. Dazu wünsche ich die Kraft, die sie brauchen, um diese ungeheuerlichen Verbrechen zu verarbeiten.
    Wie viele seelische verkrüppelte Menschen, wären uns erspart geblieben, wenn politisch Verantwortliche, viel eher reagiert hätten.
    Die Zeitschrift STERN Heft Nr. 40 aus dem Jahre 2003, hat schon auf sexuellen Missbrauch an Kindern deutlich hingewiesen. In der selben Zeitschrift, hatte ich im Heft 42, aus dem Jahr 2003, schon einen Lesebrief veröffentlichen lassen, wo es auch um das Thema sexueller Missbrauch an Kindern ging.
    Seinerzeit hat es überhaupt keinen Aufschrei gegeben, in der Öffentlichkeit. Es hat mich damals schon sehr verwundert.
    War es politisch nicht gewollt, oder waren die Verantwortlichen Politiker so Naiv und Verantwortungslos ?
    Gottseidank, hat es sich in den letzten Jahre gebessert und die Öffentlichkeit ist sensibler geworden. Es gibt noch sehr viele zu tun, gerade bei den Verantwortlichen der kath. Kirche

  8. 1.

    Respekt und Anerkennung an die Menschen aus den Fachkommissariaten, die täglich die Zeugnisse brutaler und hochkrimineller Handlungen an den Schwächsten der Gesellschaft ertragen müssen. Ich hoffe das der Dienstherr entsprechende psychologische Begleitung zur Verfügung stellt.

    Eines hätte mich noch interessiert. Wie fühlen sich die Ermittler, die täglich diese zutiefst verstörenden Dateien sichten müssen, wenn ein Straftäter, der dutzendfach Kinder missbraucht hat, mit einer verhältnismäßig geringen Strafe abgeurteilt wird, während die Opfer zeitlebens unter den Taten leiden.

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