Interview | 17-Jährige über Angriff in Berlin - "Ich habe an diesem Tag den Glauben an die Menschheit verloren"

Fr 11.02.22 | 08:54 Uhr
Symbolbild: Eine Tram hält abends an einer Berliner Haltestelle. (Quelle: dpa/C. Gateau)
Video: rbb|24 | 11.02.2022 | Material: Abendschau | Bild: dpa/C. Gateau

Die 17-jährige Dilan wird an einer Berliner Tramhaltestelle von mehreren Personen verprügelt und nach eigenen Angaben rassistisch beleidigt. Niemand schreitet ein. Nach der Tat am Samstag verbreitet die Polizei eine Falschmeldung. Doch die Jugendliche wehrt sich erfolgreich.

rbb: Wenn du zurückblickst auf den Tag der Tat, den 5. Februar - was kommt Dir als Erstes in den Sinn?

Dilan S.: Einerseits bin ich traurig. Wäre ich allein, würde ich vielleicht auch weinen, weil sich dann die ganze Tat in meinem Kopf wiederholt. Aber durch das Video, das ich veröffentlicht habe, und das ganze Feedback kann ich sagen, ich bin glücklich. Ich kann wirklich wieder lächeln, ich bekomme viel Zuspruch. Zu wissen: Da sind Leute für mich da, die tolerieren das nicht, die hätten geholfen, die sagen, so was darf es nicht geben, und die sich auch für mich einsetzen - das hätte ich nie gedacht und ich bin geflasht. Aber mit diesem Tag verbinde ich eher Hass und auch Trauer, weil ich es mir nicht erklären kann.

Die 17-jährige Dilan S. wurde von mehreren Erwachsenen in Berlin-Prenzlauer Berg krankenhausreif geschlagen. Im Interview spricht sie über die Attacke (Bild: rbb).
Bild: rbb

Welche Verletzungen hattest du genau davon getragen?

Ich bin mit einer Gehirnerschütterung und einem Hirnschädeltrauma ins Krankenhaus gekommen. Ich hatte auch ein Bauchtrauma und Prellungen, blaue Flecke und Verletzungen am ganzen Körper. So dass ich halt leider zwei, drei Tage nicht laufen konnte. Ich konnte natürlich aufstehen, aber es war besser, als ich mit dem Rollstuhl durchs Krankenhaus gefahren worden bin, weil ich sonst wirklich sehr, sehr starke Schmerzen hatte.

Was ging dir durch den Kopf in dem Moment, als es passiert ist?

Im ersten Moment war es für mich ein Schock, überhaupt körperlich angegriffen zu werden. Schon als die Frau mir in mein Gesicht gefasst hat. Ich konnte gar nicht glauben, was gerade passiert.

Aber im Nachhinein kann ich sagen: Schlimmer als die Verletzungen finde ich, dass mir die Leute nicht geholfen haben. Ich habe auch jetzt noch manchmal Schmerzen. So eine Gehirnerschütterung geht ja nicht einfach weg. Aber mehr verletzt mich im Inneren, dass einfach niemand geholfen hat.

Es muss ja nicht sein, dass man dazwischen geht. Um Gottes Willen. Man soll ja nichts selber abbekommen. Aber: Dass niemand seine Stimme erhebt - das konnte ich mir nicht erklären. Oder dass man vielleicht Ausschau hält: Hast du vielleicht mehr auf den Rippen - kannst du vielleicht mal schreien? Oder wenigstens die Polizei anrufen? Aber das musste ich schlussendlich selber machen als Opfer. Das ist traurig.

Du warst da ganz allein?

Eine Frau kam danach und hat mich gefragt, ob ich eine Zeugin brauche. In dem Moment habe ich noch gar nicht an Zeugen et cetera gedacht. Mein Vater hatte mich angerufen und gesagt: Ruf sofort die Polizei! Wo bist du? Er hat sich natürlich auch auf den Weg gemacht.

Ich konnte der Polizei gar nicht erklären, was passiert ist. Ich bin zusammengebrochen. Ich konnte fast nicht stehen. Ich habe gezittert, und es war schwer für mich, das Ganze zu erklären: Ich bin hier in der Greifswalder Straße, ich weiß gar nicht, was passiert ist, ich wurde angegriffen, ich brauche einen Rettungswagen. Ich war auf jeden Fall richtig verwirrt. Der Polizist hat mich leider nicht verstanden.

Deswegen war ich froh, dass diese Frau gekommen ist. Die hat mir ihre Daten gegeben. Da ist mir auch eingefallen: Ich brauche Zeugen, denn sonst glaubt mir ja keiner. Weil gerade die Straßenbahn einfuhr, habe ich geschrien und gefragt: Kann mir jemand seine Daten geben oder eine Zeugenaussage machen? Zuerst wurde mir gar nicht geantwortet. Es wurde gezuckt und gelacht. Dann wurde mir noch gesagt, ich wäre selber schuld. Ich Miststück solle leise sein. Das ist Datenschutz, das ist egal, und es interessiert nicht.

Einen halben Meter vor der Stelle entfernt, wo ich geschlagen worden bin, saß ein Herr. Der hat gesagt, er hätte nichts gesehen, ich wäre selber schuld, es wäre ihm egal. Er hat ganz oft mit den Schultern gezuckt. Dann ist ein Herr gekommen, der ihn kannte und der hat mir noch mal Zuspruch gegeben, hat gesagt: Hey, hilf der Dame doch. Was hast du denn zu verlieren? Aber leider konnte man ihn nicht zur Vernunft bringen. Schlussendlich ist er gegangen. Aber dieser Kumpel hat seine Daten der Polizei weitergegeben.

Ich bin einfach schockiert, dass keiner geholfen hat. Der Bahnhof war voll. Ich habe an diesem Tag den Glauben an die Menschheit verloren.

Kannst Du Dir erklären, wie es dann zu dieser Polizeimeldung gekommen ist, nach der Du keine Maske getragen haben sollst?

Nachvollziehen kann ich das gar nicht. Ich habe öfter gesagt, ich wurde rassistisch beleidigt. Ich habe die ganze Zeit zu meinen Eltern gesagt: Nur weil ich Ausländer bin? Dabei habe ich einen deutschen Pass. Ich habe mich immer wieder erklärt.

Von den Schlagzeilen hatte ich erst gar nichts mitbekommen. Meine Freundinnen riefen mich im Krankenhaus an und sagten: Du bist überall. Und als Allererstes habe ich mich gefreut. Ich dachte mir, okay, endlich passiert mal was. Rassismus wird mal so anerkannt auch hier in Berlin - das ist ja kein Einzelfall leider. Aber als ich dann die Schlagzeilen gesehen habe - von wegen "Corona-Leugnerin" und "Maskenverweigerin" oder ich wäre selber schuld in den ganzen Kommentaren - hat es mir wirklich mein Herz zerrissen.

Selbst wenn ich wirklich keine Maske getragen hätte, finde ich, ist es gar kein Grund, überhaupt auf eine Person loszugehen, und dann noch zu sechst - und dann auch noch auf eine Minderjährige.

Vielleicht haben die [von der Polizei, Anm.d.R.] das irgendwie falsch aufgeschrieben. Aber ich habe so oft wiederholt, dass ich diejenige war, die beleidigt worden ist. Dass ich eine Maske auf hatte und nicht ich die Täterin war. Eigentlich hatte ich mich verstanden gefühlt. Und auch, dass er das alles gut aufgenommen hat. Aber im Nachhinein muss ich sagen, hätte ich mein Video nicht aufgenommen, dann wüsste die Welt gar nicht, was los ist. Und dann würde ich nicht hier stehen und das Ganze erklären. Und da muss man sich mal fragen: Was ist noch alles falsch in der Presse? Was kann man überhaupt noch glauben?

Warum hast du das dann öffentlich gemacht?

Ich war schon immer eine Person, die sich gerne gegen Rassismus und generell einfach gegen Menschenhass eingesetzt hat. Ich habe auch Kurzfilme gedreht. Ich habe mich intensiv für das Thema eingesetzt. Aber dass mir das selber passiert - in Deutschland, in Berlin, in meiner Nähe und ich das Opfer war - das war ein richtig großer Schock.

Als ich dann diese ganzen Schlagzeilen gesehen habe und wie die Wahrheit komplett verdreht wird, hat mich das richtig aufgewühlt. Um mich herum haben die Maschinen im Krankenzimmer zu piepen angefangen. Die Ärzte mussten reinkommen, mein Puls war zu hoch, und sie haben mich beruhigt. Meine Freundinnen haben dann gesagt: Komm mach das jetzt einfach, wir haben eine Reichweite. Ich war immer ein Mensch, der sich für Gerechtigkeit eingesetzt hat. Ich werde nicht leise sein, egal was passiert.

Das Video hat jetzt in zwei Tagen mehr als acht Millionen Aufrufe erhalten. Über welche Reaktionen hast Du Dich dabei besonders gefreut?

Jede einzelne Nachricht hat mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Fremde Menschen nehmen sich wirklich die Zeit, deinen Account zu suchen, sich das Ganze anzuschauen. Neun Minuten, zehn Minuten zu investieren, ein Kommentar abzugeben und eine extra Nachricht zu schreiben mit ganz, ganz viel Zuspruch, mit ganz viel Liebe und ganz viel Verständnis. Also ich bin wirklich sprachlos.

Nach diesen Nachrichten kann ich endlich wieder sagen: Es gibt Menschen, die hätten geholfen, und die tolerieren das nicht.

Bei diesem Text handelt es sich um eine gekürzte und redigierte Fassung eines Interviews, das von Philipp Höppner für die Abendschau geführt wurde.

Sendung: Abendschau, 10.02.2022, 19.30 Uhr

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