Tag des Riesenrads - Als Berlin das Rad neu erfinden wollte und scheiterte

Mo 14.02.22 | 06:57 Uhr | Von Jenny Barke
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Eine Computersimulation des geplanten Riesenrades in der City-West in Berlin. (Quelle: dpa/Great Berlin Wheel GmbH/HO)
Bild: dpa/Great Berlin Wheel GmbH/HO

Mit dem "Great Berlin Wheel" wollte Berlin hoch hinaus: Ein Wahrzeichen und Europas höchstes Riesenrad sollte entstehen. Doch die Investoren brachten das Projekt selbst zu Fall. Ein Blick auf eine kuriose Baugeschichte anlässlich des Tag des Riesenrads. Von Jenny Barke

Die Nullerjahre waren für Berlin ein Jahrzehnt des architektonischen Aufbruchs. Durch den Zweiten Weltkrieg und die Mauer entstandene Baulücken wurden gefüllt. Auf dem Potsdamer Platz wuchsen Tonnen von Beton, Stahl und Glas in die Höhe - ein neues Stadtzentrum wurde geschaffen. An der Spree investierten Unternehmen Millionen in die Sanierung alter Lagerhallen - die "Mediaspree" war geboren. Berlin bekam einen Hauptbahnhof, mehrere Malls und einen neuen Flughafen - naja, zumindest war das der Plan.

Was da noch fehlte, war ein neues Wahrzeichen zur Erweiterung der Berliner Silhoutte. Geboren war in den 2000ern die Idee zum großartig großen Rad, zum "Great Berlin Wheel".

120 Millionen Euro für 185 Meter

Dabei wollte der damalige Regierende, Klaus Wowereit, wie so oft in seiner Regierungszeit nicht kleckern sondern klotzen: Das Riesenrad sollte nicht nur jenes aus DDR-Zeiten überragen, das nach der nach der Insolvenz des Spreeparks nur noch von Unkraut und Lost-Places-Touristen besucht wurde. Nein, das neue Berliner Riesenrad sollte den Höhenvergleich aller europäischen Riesenräder gewinnen. Die ehrgeizigen Visionäre blickten nach London zum 135 Meter hohen Aussichtsrad. Ganze 50 Meter sollte das neue Berliner Rad das "London Eye" übertrumpfen.

Schon sprach Wowereit beim Spatenstich 2007 von einem "neuen Wahrzeichen". Und das durfte auch was kosten. Die Pläne sahen Investionen von 120 Millionen Euro vor für die Attraktion vor. Darin inklusive: 36 klimatisierte Gondeln, eine Abflughalle mit Gastronomie und Geschäften, Platz für 40 Fahrgäste.

Schon sahen Investoren und Senat einen künftigen Tourismusmagneten, mit mindestens zwei Millionen Besucherinnen und Besuchern wurde gerechnet. Das Areal mit schönem 360°-Rundumblick dafür war in der Hauptstadt der Brachen schnell gefunden: Auf einem alten Wirtschaftshof zwischen Tiergarten und Zoologischer Garten an der Hertzallee.

Vision trifft auf Wirklichkeit

Noch heute hat der Block, eingerahmt von Landwehrkanal, S-Bahn-Gleisen und Technischer Universität viel Potenzial. Nutzen will das künftig ein Privatinvestor mit seinem Projekt Berlin Hertzallee GmbH. Nach Angaben der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sollen dort mehrere Türme gebaut werden. Möglich ist das, weil dort heute kein Riesenrad steht. Dass es nie dazu kam, ist eine Geschichte zwischen Vision und Wirklichkeit, im Jahrzehnt der unbegrenzten Baumöglichkeiten in Berlin.

Denn schnell scheiterten die hochfliegenden Ambitionen. Erst verzögerte sich der Bau, der innerhalb eines Jahres fertiggestellt werden sollte, weil auch der Zoologische Garten Neubauten plante und die Stadt das innerstädtische Areal um den Hardenbergplatz ausbaute. Dann stellte man fest, dass die Materialkosten steigen würden. Die Pläne verkleinerten sich: Kein prachtvoller Vorbau mit Restaurants, weniger Gondeln und - das schmerzte die Visionäre wohl am meisten - weniger Höhe. Zehn Meter fielen dem Sparzwang zum Opfer.

Zootiere durch Riesenrad gestört?

Die Schwierigkeiten beim Bau wurden von gesellschaftlichen Debatten begleitet. Die Tiere des naheliegenden Zoos könnten durch die Lichter des Riesenrads in ihrem Tag-Nacht-Rhythmus empfindlich gestört werden, befürchtete damals der Berliner Tierschutzverein. Allerdings widersprach selbst der Zoo diesen Befürchtungen.

Dann kam die Weltfinanzkrise. Und die brachte das Riesenrad endgültig zu Fall. Denn das Projekt sollte über einen Fonds finanziert werden - mehr als 10.000 Anleger zahlten insgesamt etwa 208 Millionen Euro ein. Die Investoren gaben das Geld allerdings nicht für das Rad aus, sondern für andere Grundstücke und Entwicklungen. Wie die rbb Abendschau 2010 berichtete, wurde unter anderem Geld in die Karibik umgeleitet und Dienstleistungen in Singapur bezahlt. Die Riesenrad-Projekte des Fonds, mit denen auch Riesenräder in Orlando und Peking gebaut werden sollten, scheiterten.

"Great Berlin Wheel" kam nie über Spatenstich hinaus

Schließlich drehten alle am Rad: Wütende Kleinanleger klagten gegen die Banken, die den Riesenrad-Fonds verkauft hatten. Auch die Berliner Staatsanwaltschaft erstattete 2010 Anzeige gegen drei Verantwortliche der Betreibergesellschaft wegen des Verdachts der Veruntreuung von Anlegergeldern.

Nach der Pleite wurde den geprellten Anlegern ein Vergleich angeboten: Sie sollten 60 Prozent ihres eingesetzten Kapitals zurückerhalten, wenn sie von weiteren Rechtsmitteln absehen. Die überwiegende Mehrheit ließ sich auf dieses Angebot ein.

Über den symbolischen Spatenstich kam das "Great Berlin Wheel" nie hinaus. Und damit geriet das gewünschte neue Wahrzeichen Berlins in Vergessenheit.

Beitrag von Jenny Barke

18 Kommentare

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  1. 18.

    Na ja, selber nachlesen ist jetzt nicht jedermanns Sache...ob da nicht der Eine oder Andere überfordert ist?
    Der (absurde) Zusammenhang zwischen "Olle Kamelle" und Parkplatzgebühren ist da dann auch nicht weit ;-)

  2. 17.

    Bei einigen ist es also schon "aggressiv" wenn man an die jüngere deutsche Geschichte erinnert? Soviel zu "Blase".

    Profiteure dieser Milliardenpleiten mögen daran nicht so gerne erinnert werden, schon klar. Es könnte ja auffallen dass diese davon immer noch profitieren. Antes... Aubis... uvm.

    https://www.tagesspiegel.de/berlin/kein-urteil-gegen-neuling-und-wienhold-zwei-verfahren-zum-bankenskandal-heimlich-eingestellt/11188528.html

    Wie gesagt, dagegen war die Posse um das Riesenrad Peanuts und mein Mitleid mit den geprellten Anlegern hält sich in engen Grenzen.

  3. 16.

    "Wer auf Zeitgeschichte steht, kann ja auch bei Wiki nachlesen und muss nicht mit "Olle Kamelle" werfen."

    Was ist dann die Geschichte mit dem Riesenrad, wo dem Steuerzahler kein Schaden entstanden ist? Mal ganz davon abgesehen, dass Berlin noch immer an den Folgen der MilliardenpleiteN (Mehrzahl) leidet. Besser gesagt der Teil der Bevölkerung, die auf einen funktionierenden ÖD, Schulen, Krankenhäuser usw. angewiesen sind. Von den Opfern der Privatisierung (Wasserpreise, Mieten) ganz zu schweigen.

    Nee, das sind alles andere wie "Olle Kamelle", das wirkt bis heute nach.

  4. 15.

    Treffend formuliert. Auch wenn es Streit darüber gibt, was "normal" ist und was nicht. Es gibt einen positiven Aspekt, je nach Sichtweise aus der eigenen (teils aggressiven) "Blase": der Streit darüber kann sehr fruchtbar sein...was Potsdam noch weiter kultivieren könnte, ohne es Berlin gleichzutun... aber trotzdem gut von Ihnen erwähnt: die Erdung.

  5. 14.

    "Wer auf Zeitgeschichte steht, kann ja auch bei Wiki nachlesen und muss nicht mit "Olle Kamelle" werfen."

    Was ist dann die Geschichte mit dem Riesenrad, wo dem Steuerzahler kein Schaden entstanden ist? Mal ganz davon abgesehen, dass Berlin noch immer an den Folgen der MilliardenpleiteN (Mehrzahl) leidet. Besser gesagt der Teil der Bevölkerung, die auf einen funktionierenden ÖD, Schulen, Krankenhäuser usw. angewiesen sind. Von den Opfern der Privatisierung (Wasserpreise, Mieten) ganz zu schweigen.

    Nee, das sind alles andere wie "Olle Kamelle", das wirkt bis heute nach.

  6. 13.

    "Warum hört man davon nichts mehr?"
    Vll. weil Diebchen schon 'n bisschen her ist und die nachfolgenden und aktuellen Politprofis jeglicher Couleur ausreichend Stoff liefern. Wer auf Zeitgeschichte steht, kann ja auch bei Wiki nachlesen und muss nicht mit "Olle Kamelle" werfen.

  7. 12.

    "Es gilt auch einer spezifischen Umgangskultur in Berlin, die ich mal als Gernegroß bezeichnen will. "

    Einspruch! Ich kann so eine "Umgangskultur" bei der normalen Bevölkerung nicht feststellen. Im kalten Krieg mußte man glitzern, man war ja Frontstadt. Die Betonmafia verdiente sich dumm und dämlich daran. Ob es nun der Ausbau der U-Bahn war, weil man Ulbrichts Stacheldrahtgondel Konkurrenz machen wollte oder Protzbauten wie das ICC.

    Was aber Diepgen nach der Wende wollte war ein gigantisches ABM, besser gesagt Geldbeschaffungsprogramm für seine Camarille und deren verfilzte Anhängerschaft. Mit der Bundes cDU im Schlepptau. Nicht dass die Berliner sPD besser gewesen wäre aber Diepgen, das war schon kein Größenwahnisnn mehr, das war Abzocke mit hoher krimineller Energie. Widerstand (u.a. Nolympia)wurde kriminalisiert.

    Warum hört man davon nichts mehr? Oder Aubis und Konsorten? Stattdessen berichtet man hier über Peanuts. Solche Windeier haben wir jahrein und -aus.

  8. 11.

    Ja, es gilt Diepgen. Und nicht nur. Es gilt auch einer spezifischen Umgangskultur in Berlin, die ich mal als Gernegroß bezeichnen will.

    Potsdam ist auch nicht frei davon. Damit meine ich bspw. den P. Hauptbahnhof, nicht aber die Rekonstruktionen des historischen Stadtbildes, was ich für zeitlich überfällig halte.

  9. 10.

    Hatte da nicht der einzige ehem. Reg PM den Finger, äh Spaten, mit drin?

  10. 9.

    Herzlichen Glückwunsch. Dann sind Sie ja Teil der sicher größeren Gruppe der Bevölkerung die die Mauer im Alltag subtrahiert hat. Wäre nicht so schwer an dem Wort „einige“ zu erkennen was ich zum Ausdruck bringen wollte.
    Den Rückschluss auf meinen eigene Meinung brauchen Sie nicht ziehen. War eh falsch.

  11. 8.

    Merkwürdig das kein Kommentar zum Fonds und den davon betroffenen Anlegern gegeben wird.

  12. 7.

    "Warum müssen den immer private Investoren Projekt verwirklichen, die in absehbarer Zeit hohe Renditen abwerfen? "

    Ja, deutsche Sprache, schwere Sprache. Also ich lese von einem windigen Unternehmen, welches das Geld der Anleger veruntreut hat.

    "Der Senat soll nicht marode Wohnkomplexe oder Gasnetze zurückkaufen, die wohl niemals Gewinn abwerfen werden, sondern in solche Projekte investieren."

    Na da lese ich doch die rechtsextreme AfD und FDP heraus. Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren.

    "Aber die Finanzsenatoren denkt immer nur von "sparen bis es quietscht" bis "warum in die Zukunft investieren, wenn die reichen Bayern und Schwaben sowieso immer pünktlich ihre Geld auf unser Konto überweisen?".

    Offensichtlich haben sie die letzten 20 Jahre verschlafen.

  13. 6.

    Gegen die geplatzte Olympiaberwerbung eines Herrn Diepgen war das hier Peanuts, zumal keine Steuergelder in den märkischen Sand gesetzt worden sind.

    Die meisten denken bei Diepgen nur an den Bankenskandal aber Diepgen und seine Camarilla haben den Steuerzahler noch etliche Milliarden mehr gekostet.

  14. 5.

    Na da scheint wohl die Mauer in Ihrem Kopf zu sein. Bin 1955 im Ortsteil Schmargendorf geboren und in Westberlin aufgewachsen. Ich bin froh, dass das Riesenrad nicht gebaut wird. Habe weiß Gott keine Neidgefühle bzgl des Fernsehturms.

  15. 4.

    Warum müssen den immer private Investoren Projekt verwirklichen, die in absehbarer Zeit hohe Renditen abwerfen?
    Der Senat soll nicht marode Wohnkomplexe oder Gasnetze zurückkaufen, die wohl niemals Gewinn abwerfen werden, sondern in solche Projekte investieren.

    Das Win-Win in jeglicher Hinsicht:
    Arbeitsplätze, Steuereinnahmen ab sofort und in wenigen eine Jahren eine nette Einnahmequelle für den Haushalt.

    Aber die Finanzsenatoren denkt immer nur von "sparen bis es quietscht" bis "warum in die Zukunft investieren, wenn die reichen Bayern und Schwaben sowieso immer pünktlich ihre Geld auf unser Konto überweisen?".

  16. 3.

    Aber der steht doch im östlichen Zentrum der Stadt.
    Soweit ich die Berliner Denke hier verfolge ist die Mauer doch nur durchlässiger geworden, aber immer noch in einigen Köpfen drin.
    Ansonsten sollte Berlin sein Image weiter pflegen. Baulicher Größenwahn stand dieser Stadt noch nie gut zu Gesicht, bis auf den Fernsehturm natürlich.

  17. 2.

    Ist auch ganz gut. Was in anderen Städten gut funktioniert, muss als kopierte Version in Berlin nicht auch passen und funktionieren. Wer Berlin von oben sehen will, fährt zum Fernsehturm rauf und hat einen noch besseren Rundumblick.

  18. 1.

    Da gibt es viele, die am großen Rad drehen wollen und an der nächsten hochstehenden Gehwegplatte stolpern. "Erdung" ist nicht unbedingt das Schlechteste.

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