Alkohol in der Schwangerschaft - "Ich bin meiner Mutter nicht böse"

Mo 21.02.22 | 10:27 Uhr | Von Carla Spangenberg
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Antonia sitzt mit ihrer Betreuerin am Esstisch. (Quelle: rbb)
Video: Abendschau | 15.02.2022 | Carla Spangenberg | Bild: rbb

Antonia kann sich schlecht konzentrieren und ist vergesslich. Das hat einen Grund: Sie ist das Kind alkoholkranker Eltern, ihre Mutter trank auch in der Schwangerschaft. Für Antonia wird das lebenslange Auswirkungen haben. Von Carla Spangenberg

Manchmal vergisst Antonia, zu kochen und zu essen – überhaupt braucht sie im Alltag häufig Unterstützung. Deshalb wohnt die 19-Jährige in einer betreuten WG. Dort, in Berlin-Spandau, helfen ihr Betreuerinnen und Betreuer bei den Dingen, die sie selbst nicht meistern kann.

Antonia leidet unter einer sogenannten fetalen Alkoholspektrumstörung (FASD). Die entsteht, wenn Mütter in der Schwangerschaft Alkohol trinken. Der Fötus wird dann schon im Mutterleib geschädigt und die Folgen tragen die Kinder ihr Leben lang: Lese- und Rechenschwäche und Konzentrationsschwierigkeiten, das ist auch bei Antonia so. Bei anderen gehören auch ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) und Wachstumsstörungen zum Krankheitsbild. Die Schäden können unterschiedlich schwer sein.

Bei Antonia sind sie nicht so schwerwiegend, sie hat allerdings oft Probleme, sich etwas zu merken: "Fremdsprachen sind für mich wirklich schwer." Auch Termine oder Absprachen mit ihrer Betreuerin vergesse sie häufig. Deshalb hat sie eigene Strategien entwickelt und führt einen detaillierten digitalen Kalender, der ihr Erinnerungen schickt.

Kindheit mit alkoholkranken Eltern

Bis zu ihrem achten Lebensjahr wuchs Antonia bei ihren alkoholkranken Eltern auf, dann kam sie in eine Pflegefamilie. Eine Verwandte hatte sich wegen der Situation ans Jugendamt gewendet, das stellte Kindeswohlgefährdung fest und nahm Antonia aus der Familie.

An ihre Kindheit kann sich die junge Frau kaum erinnern: "Ich weiß nur, dass die Wohnung wohl sehr verwahrlost war. Das hat mir das Jugendamt erzählt." Zu ihrem Geburtstag habe sie von ihren Eltern mal einen Hasen geschenkt bekommen, das weiß sie noch. Außerdem erinnert sie sich an Ausflüge mit ihrem Vater zum Spielmannszug, auf dem er Schlagzeug gespielt habe.

Zu Anfang war sie der Mutter böse

Zu diesem Vater hat Antonia nur selten Kontakt. Er ist noch immer alkoholkrank, und Antonia kann den Geruch von Alkohol und Zigaretten nur schwer ertragen. Ihre Mutter trinke nicht mehr, sagt Antonia. Die beiden sehen sich häufiger.

Ihre Mutter bestreitet, in der Schwangerschaft getrunken zu haben – allerdings zeichnet die medizinische Diagnose ein anderes Bild. Trotzdem macht Antonia ihrer Mutter keine Vorwürfe: "Ich bin ihr nicht böse. Am Anfang war ich das. Aber jetzt ich bin einfach sehr froh, trotzdem mit ihr Kontakt zu haben."

Schritt in die Unabhängigkeit

Vor kurzem hat Antonia einen Schritt in die Unabhängigkeit gemacht und ist bei ihren Pflegeeltern ausgezogen, zu denen sie immer noch einen guten Draht hat. In ihrer WG sind sie zu viert – die Wohngemeinschaft wird vom FASD-Fachzentrum geleitet und betreut.

Das Zentrum organisiert auch Workshops und Informationsveranstaltungen zum Thema FASD. Dort klärt Antonia als Referentin Schulklassen, Lehrerinnen und Erzieher über die fetale Alkoholspektrumstörung auf. Dabei macht sie sehr deutlich: Am besten ist es, in der Schwangerschaft gar keinen Alkohol zu trinken, denn schon kleinste Mengen können reichen, um das Kind nachhaltig zu schädigen. "Der Mann sollte die Frau während der Schwangerschaft unterstützen, gar keinen Alkohol anzufassen, damit erst gar keine Kinder mit dieser Störung geboren werden", sagt sie.

Nach Angaben der Bundesdrogenbeauftragten werden in Deutschland schätzungsweise rund 10.000 Kinder pro Jahr mit FASD geboren. Etwa 3.000 von ihnen leiden unter der schwersten Form dieser Behinderung: dem fetalen Alkoholsyndrom (FAS). Bei ihnen hat der mütterliche Alkoholkonsum in der Schwangerschaft zu körperlichen Fehlbildungen geführt, oder auch zu geistiger Behinderung. Normales Lernen ist für diese Menschen nicht möglich.

Antonia in ihrem Kinderzimmer, streichelt ihren Hasen. (Quelle: rbb)Antonia streichelt in ihrem Kinderzimmer einen Hasen.

Unverständnis im sozialen Umfeld

Häufig werden Kinder mit FASD gemobbt oder ausgegrenzt. Auch Antonia hat sich von ihrer Umgebung früher oft nicht richtig verstanden gefühlt. Das Leben in ihrer WG tut ihr gut, hier wohnen Menschen, die an der gleichen Störung leiden und größeres Verständnis haben: "Die Menschen hier verstehen mich. Nicht so wie andere, die sagen, dass ich irgendwas einfach nicht kann, oder mich deswegen runtermachen." Seit ihrer Kindheit hatte Antonia immer ein enges Verhältnis zu Tieren.Sie lebt größtenteils vegetarisch und ihre Katze und ihr Hase sind für sie da, wenn es ihr schlecht geht.

Demnächst beginnt Antonia vielleicht mit einer betreuten Ausbildung. Sie würde gern mit Zierpflanzen arbeiten, aber auch die Arbeit als Malerin kann sie sich gut vorstellen. Ein Praktikum in einem Malereibetrieb hat sie bereits absolviert. Und irgendwann will sie dann auch in einer eigenen Wohnung leben.

Sendung: Abendschau, 15.02.2022, 19:30 Uhr

Beitrag von Carla Spangenberg

11 Kommentare

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  1. 11.

    Es geht um leidende Kinder, die in ihrer Not alleine gelassen weden, was kann für die Gesellschaft wichtiger sein, als diesen Kindern zu helfen. Diese Gleichgültigkeit, auch seitens der Lehrer, ist unerträglich.
    Wer die Realitäten an Schulen als Auspielung der Theman abtut, dem fehlt es Sachverstand.

  2. 10.

    Ja, das Thema ist wichtig. Zu wichtig, um es gegen andere wichtige Themen ausspielen zu wollen. Ein geschmackloser Versuch Ihrerseits...

  3. 9.

    Ich finde es nicht gut die Mutter aus der Verantwortung zu entlassen. Ja, sie war (ist) krank. Aber das sollte nicht vor Strafe schützen. Warum wird ein Mensch der (s)einem Kind nachhaltig das Leben versaut nicht zur Rechenschaft gezogen?
    Bei anderen (psychischen) Krankheiten ist es doch auch normal nach Straftaten entsprechend behandelt zu werden.
    Es zeigt leider wieder, dass Kinder, deren Entwicklung u. Wohl bei uns in D. keine Lobby haben noch nicht ernst genug genommen wird.

  4. 8.

    Sie sprechen ein sehr wichtiges Thema an. Mobbing in der Schule. Meine Tochter war zwei Jahre in Therapie wegen Ihrer Magersucht. Sie wurde in der Schule gemoppt weil sie sehr groß ist(1,87cm)und in den Augen vieler Mitschüler zu kräftige Schenkel hatte.
    Irgendwann erkannte ich das Problem und wir gingen zu einem Arzt. Sie machte eine ambulante Therapie.
    Ich selber musste ebenfalls eine Art Therapie machen und lernen mit dieser Krankheit umzugehen.
    Meine Tochter ist heute geheilt und hat im letzten Jahr ihre Ausbildung zur Krankenschwester in der intensiv Medizin beendet.
    Es war für sie eine sehr schwere Zeit.
    Ich bewundere Antonia dafür das sie so offen über ihre Krankheit spricht und wünsche ihr auf diesem Wege alles Gute.
    Ich bewundere sie auch dafür das sie ihrer Mutter nicht mehr böse ist und den Kontakt zu ihr hält. Ein wirklich starkes Mädchen.

  5. 7.

    Ja die Wahrnehmung von Alkohol sollte verbessert werden und damit schon früh anfangen. Weil auch mobbing entsteht, wenn man früh keinen Alkoholpegel trinkt. Spaßbremse und Ausgrenzung waren da auch Alltag.
    Da anfangen und dann könnte sich vielleicht mal was ändern. Ich trinke aus dem Grund das kein vernünftiger Umgang damit statt findet schon immer nichts. Ich habe nie in meiner Schulzeit zum abschalten Alkohol gebraucht.

    Es ist gut über sowas aufzuklären.

  6. 6.

    Antonia ist eine total starke Person, bewundernswert - sie ist sogar Referentin, stellt sich vor ganze Klassen/Kurse! Was für eine Stärke, was für ein Mut! So zur eigenen "Geschichte" stehen, das kann nicht jeder...

  7. 5.

    Was ich an diesem Bericht für besonders wichtig erachte, das ist im letztem Absatz erwähnt: Häufig werden Kinder mit FASD gemobbt oder ausgegrenzt.
    Heutzutage ist Mobbing und Ausgrenzung unter den Schülern ein fester Bestandtteil des schulischen Miteinander geworden, fast in jeder Klasse finden sich 1-2 Kinder denen es wiederfährt, die Gründe sind unterschiedlich.
    Besonders tragisch für die Kinder wird es, wenn die Lehrer so tun, als wenn nichts wäre, oder gar ......

    Ein gesellschaftliches Problem, das kaum Beachtung findet, und über das nicht gesprochen wird, nur wenn es als Ausdruck von Rassismus gelten könnte, dann ja.

  8. 4.

    Alles Gute für Antonia!
    Mutig, darüber zu berichten, wichtig ohnehin.

  9. 3.

    Danke an die rbb24 Redaktion für diesen wie ich finde sehr wichtigen Artikel. Er macht u.a. deutlich was passiert, wenn Alkohol im alltäglichen Leben Einzug gehalten hat. Ich bin heilfroh darüber nie persönlich in Abhängigkeit von diesem Teufelszeug geraten zu sein. Es gab immer Momente wo ich berufsbedingt in der Gastronomie zuviel davon getrunken hatte. Aber die Ernüchterung folgte jedesmal auf den Fuß.

  10. 2.

    Wie wahr …Der Bericht macht einen nachdenklich und auch betroffen. Ich glaube es gibt kein Land der Welt wo Alkohol so schnell , 24 Std. , und billig wie in Berlin für jedermann zu beziehen ist.

  11. 1.

    Alkohol wird in unserer Gesellschaft schrecklich verharmlost.

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