Protestbewegung "letzte Generation" - Wer die Autobahn-Blockierer:innen sind

Mi 09.02.22 | 17:22 Uhr | Von Hendrik Schröder
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Archivbild: Polizisten beobachten Klimaschützer die mit dem Slogan «Essen retten» die Abfahrt der Berliner Stadtautobahn A100 unweit des ICC blockieren. (Quelle: dpa/P. Zinken)
Audio: Inforadio | 09.02.2022 | P. Klinke | Bild: dpa/P. Zinken

Seit bald zwei Wochen blockieren die Aktivist:innen der Bewegung "Aufstand der letzten Generation" fast jeden Morgen Teile der Stadtautobahn und sorgen für lange Staus. Aber wer steht eigentlich hinter der Bewegung? Von Hendrik Schröder

Carla Hinrichs ist 24 Jahre alt und studiert eigentlich Jura in Bremen. Doch ihr Studium hat sie unterbrochen, um sich hauptberuflich für die Bewegung "Aufstand der letzten Generation" zu engagieren: "Ich bin dazu gekommen, weil ich die letzten Jahre viel auf der Straße war, demonstriert habe, Petitionen geschrieben habe und das alles leider nichts gebracht hat."

Nun sei es an der Zeit für radikalere Proteste, sagt sie, denn die Welt sei auf dem Weg in eine Katastrophe: "Wo kann man in Deutschland die größtmögliche Störung hervorrufen, wenn nicht auf deutschen Autobahnen?" Größtmögliche Aufmerksamkeit für ihre Themen durch größtmögliche Störung der täglichen Routine, so das Kalkül der Aktivist:innen.

Die Polizei zählte zwischen dem 24. Januar und 8. Februar insgesamt 29 Blockaden auf verschiedenen Straßen und Plätzen in Berlin, darunter auch auf Autobahnauf- und -ausfahrten. Zwischen fünf und 50 Teilnehmer setzten oder legten sich dabei auf die Straßen, viele waren mehrfach dabei.

250 Menschen zwischen 19 und 72 Jahren

Erstmals aufgefallen ist die Gruppe durch einen 27-tägigen Hungerstreik im vergangenen Sommer im Regierungsviertel. Ihre Forderung damals war ein Gespräch mit dem damaligen Kanzlerkandidaten und jetzigen Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zum Thema Klima. Als gewaltfreien, zivilen Ungehorsam beschreiben die Aktivisten ihre Protestform.

Nach eigenen Angaben besteht die Gruppe aus deutschlandweit circa 250 Menschen zwischen 19 und 72 Jahren – und bildet einen Querschnitt aus der Gesellschaft; Handwerker, Angestellte, Studierende, Akademiker. Viele von ihnen waren vorher in Gruppen wie Fridays for Future oder Extinction Rebellion aktiv. "Wir sind eine große Klimagerechtigkeitsbewegung", sagte Sprecherin Carla Hinrichs am Mittwoch. Sie alle eine die Überzeugung, dass wirkungsvoller Protest nun radikaler werden müsse.

Die Forderungen

Konkret fordert die Gruppe von der Bundesregierung, ein Gesetz zu erlassen, dass das Wegwerfen von Lebensmitteln verhindert. 18 Millionen Tonnen wandern jedes Jahr in den Müll, sagt Carla Hinrichs, das sei eine Lkw-Ladung pro Minute. Diese Lebensmittel zu retten, wäre ein sinnvoller Beitrag zum Klimaschutz. Einen entsprechenden Gesetzentwurf, der zum Beispiel Supermärkte zum Spenden nicht mehr benötigter Lebensmittel verpflichtet, haben sie bereits ausarbeiten lassen.

Radikale Protestformen für mehr Aufmerksamkeit

Dass der Protest von Umweltaktivisten nun solche radikalen Formen annimmt, habe mehrere Gründe, sagt der Protestforscher Michael Neuber von der TU Berlin: "Angesichts der Corona-Pandemie geht die Aufmerksamkeit weg von der Klimaproblematik hin zu Lockdowns, Impfungen und so weiter. Damit hat die Klimabewegung zu kämpfen."

Auf der anderen Seite fürchten die Aktivisten, so Neuber, dass das Engagement gegen den Klimawandel in der Bevölkerung nachlässt, weil nun die Grünen mit in der Regierung sitzen und viele denken, dass das reiche.

Genervte Autofahrer

Fridays-for-Future-Sprecherin Carla Reemtsma unterstützt den Protest. Es brauche mehr, friedliche Proteste für Klimagerechtigkeit: "Was wir gerade sehen, ist, dass wieder junge und alte Menschen gemeinsam fürs Klima auf die Straße gehen. Das ist gleichzeitig ein Resultat der sich zuspitzenden Klimakrise und der politischen Untätigkeit." Dadurch sei es nur logisch, dass mehr Menschen auf die Straße gehen, so Reemtsma. "Ist es nicht total absurd, dass wir uns darüber aufregen, dass Menschen 15 Minuten im Stau stehen."

Die Protestform der "letzten Generation" ist umstritten, vor allem bei den blockierten Autofahrern. In Videos im Internet war zu sehen, dass die erzürnt und zum Teil aggressiv versuchten, sitzende oder liegende Blockierer von der Straße zu ziehen oder zu zerren. Solche Protestformen könne man nicht ewig aufrecht erhalten, sagt Protestforscher Neuber, irgendwann sei die Strategie aufgebraucht und der Nachrichtenwert nehme ab, dann müsse man sich etwas neues überlegen.

Bei den Aktivisten hingegen klingt das derzeit noch anders. Um die Menschen im Stau tue es ihr leid, sagt Hinrichs, niemand möge den Feueralarm. Ihre Gruppe sei aber nun mal der Feueralarm und werde so lange weiter protestieren, bis ihre Forderungen erfüllt seien. Auch für die kommenden Tage hat die Initiative weitere Autobahn-Blockaden angekündigt. Man werde so lange auf die Straße gehen, "bis es eine zeitlich verbindliche Zusage zu dem Gesetz" gibt.

Sendung: Abendschau, 09.02.2022, 19:30 Uhr

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Beitrag von Hendrik Schröder

41 Kommentare

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  1. 41.

    Jede*r Autofahrer*in, sollte Strafanzeige wegen Nötigung stellen, wenn er oder sie deswegen im Stau steht. Denn genau das ist es!

  2. 40.

    Nehm Se mal Nachhilfeunterricht.
    " Die Initiative für ein Bundesgesetz kann von der Bundesregierung, dem Bundesrat oder aus „der Mitte des Bundestages“ (Art. 76 Abs. 1 GG i.V.m § 76 GOBT) ausgehen. In letzterem Fall müssen eine Fraktion oder fünf Prozent der Mitglieder des Bundestages den Vorschlag unterstützen (§ 76 GOBT)."
    Der BT darf dann abstimmen und der Bundesrat entscheidet endgültig.

  3. 39.

    @ Justitia, das Lesen hilft, würde ich Ihnen auch gern sagen.
    Denn Sie lesen aus den Zeilen andere Dinge, als da geschrieben stehen. Ich frage mich auch, ob Sie die Entscheidungshoheit darüber haben, was dringend und notwendig ist.
    "Und wo trifft des den dumben Michel am besten, genau! Bei seinem Lieblingsspielzeug!" Eben nicht! Es sind Berufspendler, die Autos zweckgebunden zur Fortbewegung hin zur Arbeit benutzen.
    Und nicht jeder hat die Möglichkeit mit ÖPNV oder Rad zur Arbeit zu fahren. Vielleicht haben Sie das Glück sowohl in der Innenstadt zu wohnen und zu arbeiten. Viele haben diese Möglichkeit nicht. Darunter auch Ärzte.

  4. 38.

    Haben die keine anderen Sorgen? Man sollte die einfach kleben lassen!

  5. 37.

    Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie mit Ihrer reinen Mutmaßung der „sozialen Hängematte“ falsch liegen. Lesen Sie doch noch einmal nach, aus wie vielen verschiedenen Menschen mit unterschiedlichsten Berufen diese Bewegung sich zusammensetzt. Das scheinen zum Großteil Menschen zu sein, die für ihren Lebensunterhalt arbeiten gehen und Steuern zahlen. Ob beispielsweise Carla Hinrichs aktuell jobbt, Geld von ihren Eltern, Unterstützer:innen ihrer Bewegung oder vom Staat bekommt, ist auch völlig irrelevant; sie opfert ihre Zeit und setzt sich für eine sehr gute Sache ein. Wenn sie ihr Studium irgendwann beendet, wird sie aufgrund ihrer Qualifikation wohl auch einen gutbezahlten Job bekommen und daher dann auch selbst nicht wenig Steuern zahlen. Also versuchen Sie nicht, diese Menschen als Asoziale hinzustellen; das Gegenteil ist der Fall: Sie machen sich Gedanken darüber, was in unserer Gesellschaft falsch läuft, weisen auf diese Missstände hin und fordern, dass sie abgestellt werden.

  6. 36.

    So richtig ich das Anliegen dieser Leute finde, so fragwürdig finde ich die Form ihres Protests. Sich auf der Straße festzukleben und dann zu hoffen, mit äußerster Vorsicht von den Beamten wieder davon gelöst zu werden, kann ich nicht ganz nachvollziehen … was jedoch nichts daran ändert, dass sie auf ein wichtiges Thema, ein großes Problem in unserem kapitalistischen System, aufmerksam machen. So kritisch ich diese Form des Protests auch sehe: Da ich mich selbst nicht in anderer Form dafür engagiere, kann ich diesen Leuten nur dankbar sein, dass sie überhaupt auf diesen Missstand hinweisen und fordern, dass er behoben wird. Übrigens bezahlen WIR ALLE für diese weggeworfenen Lebensmittel mit, da diese Verluste in die Waren, die wir im Supermarkt kaufen, miteingepreist sind – während viel zu vielen Menschen bei stetig steigenden Preisen das Geld kaum noch bis zum Monatsende reicht ... Das ist ein eklatanter Fehler im System, der dringend behoben werden muss!

  7. 35.

    Ich sehe das genauso. Es würde doch genauso durch die Medien gehen, wenn die Aktivisten z. B. die Zufahrt von Zentrallager von Supermärkten o. ä. blockieren würden oder Mülltonnen von Supermärkten zukleben würden. Und das würden dann auch die treffen, die die Aktivisten hauptsächlich anklagen.

    Die neue Vorsitzende der Grünen hat schon gesagt, dass sie den Protest gut findet und unterstützt.

  8. 34.

    Großen Respekt vor solch engagierten Menschen die so aktiv demonstrieren!!!!!!!
    Wann wird dieser kranke und egoistische Blick auf das eigene Auto endlich gestoppt??

  9. 33.

    Ich glaube, die Jungs und Mädels brauchen dringend einen Medienberater, der ihnen erklärt, dass sie sehr unsympathisch rüberkommen. Wenn selbst Menschen, die ansonsten das Anliegen verstehen, die Form des Protests ablehnen, sollte man umdenken.
    Konzerne kann man nur durch Gesetztesänderungen dazu zwingen, Lebensmittel in einen zweiten Kreislauf zu führen. Private Lebensmittelverschwendung ist noch schwieriger zu verhindern. Dazu gehört Aufklärung und Umdenken. Aber wer wird sich davon überzeugen lassen, wenn er vorher zu spät zur Arbeit kam.
    Man überzeugt durch Vorbildfunktion oder gute Projekte.
    Die Autobahn-Klebekünstler erinnern eher an bockige Kinder, die sich vor der Kasse auf den Boden werfen. Der Faktor des Ernstnehmens dürfte der gleiche sein.

  10. 32.

    Lesen hilft! "Viele von ihnen waren vorher in Gruppen wie Fridays for future oder Extinction Rebellion aktiv. Sie alle eint die Überzeugung, dass wirkungsvoller Protest nun radikaler werden müsse."

    Und wo trifft des den dumben Michel am besten, genau! Bei seinem Lieblingsspielzeug!

    "...Ärzte erst nach handfester Unterstützung dritter durchgelassen werden..." Ein nette Umschreibung für eine handfeste Straftat. Welche OP? Nasenkorrektur? Abgebrochener Fingernagel? Das geht aus dem Artikel nicht hervor.

    Bei einer lebenswichtigen OP hätte die Ärztin garantiert nicht ihr Privatfahrzeug benutzt. Soviel zu "Oberstübchen" und "klingeln".

  11. 31.

    Wer wirklich irgendetwas bewegen will , behindert mit Sitzblockaden keine Ärzte und Rettungswagen , das ist einfach nur unterste Schublade und gehört strengstens Bestraft .

  12. 30.

    Die haben Recht. Unser Lebensstil bringt die künftigen Generationen um. Und niemand, auch die jetzige Regierung handelt. Insofern ist dieser Protest noch sehr moderat.

  13. 29.

    Wenn das Parlament sich nicht erpressen lassen möchte, wird es das geforderte und durchaus sinnvolle Gesetzt nicht erlassen. Sonst kommen die nächsten und fordern dies und das und jenes und kleben sich fest.
    Und wenn die Aufmerksamkeit nachlässt und sich der Berliner an die tägliche Blockade gewöhnt hat, wird dann der Name in "Die wirklich allerletzte Generation" geändert? Klebt euch doch mal in Mitte auf den Radwegen fest, Autos blockieren ist so 2021...

  14. 28.

    Es gibt schon recht viele Versuche Lebensmittelverschwendung zu vermeiden. Spenden an die Tafeln, alternative Verkäufe von Lebensmitteln in Zusammenarbeit mit den Produzenten. Es wäre besser mit den Herstellern und Verkäufern Ideen zuerarbeiten und zu vermarkten, statt unnötig die Gesellschaft gegen sich aufzubringen und sich strafbar zu machen. Dort kann dann auch Verpackungsmüll zusätzlich als Thema integriert werden. Nur so als Gedanke.

  15. 27.

    Würden diese Demonstranten für eine befristete Zeit Lebensmittelmärkte blockieren oder die Einkaufenden für unnötige Lebensmittelverschwendung sensibilisieren, hätte ich noch ein gewisses Verständnis.
    Ein Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung kann und wird es nie geben. Damit werden die Autobahnblockaden zur reinen, sinnlosen Gewaltanwendung gegen Unbeteiligte.

  16. 26.

    Ohne Zweifel kann man schon einmal resümieren, dass dieser Gruppierung ein gewaltiger PR-Fail gelungen ist - seien es die konkreten Aktionen als auch die mangelnde Kommunikation ihres Ansinnens. Hier müssen diese Leute noch einmal gründlich ihre ihre Hausaufgaben machen, zumal durch den aufgezeigten Dilettantismus das eigentliche Thema reichlich Kollateralschaden erlitten hat.

  17. 25.

    Die Bundestagsbüros am Reichstag haben doch bestimmt Tiefgaragen. DORT könnten die Demonstranten sich morgens an der Zugfahrt festkleben, um die für die Gesetzgebung zuständigen Abgeordneten auf ihre Versäumnisse aufmerksam zu machen (wenn sie schon so gerne mit Sekundenkleber hantieren)!

  18. 24.

    Solange die Berliner Politik mit solchen Leuten, Hausbesetzern, abgelaufene Mietverträge Missachter und andere aus dem links grünen Milieu sympathisiert, wird das in der Stadt immer schlimmer. Normale Menschen ziehen aus dieser Chaosstadt weg. Übrig bleiben immer mehr solche Kräfte und immer mehr davon ziehen her. Ich habe manchmal den Verdacht, dass das politisch ganz genauso geplant ist. Eine Art Reinigung der Stadt.
    Frau Kipping, lese ich heute im rbb, schlägt in genau diese Kerbe und meint, das wäre soziale Durchmischung. Wie viele linkssympathisanten sollen uns Bürger denn noch Tag ein Tag aus terrorisieren.
    Im Reichstag machen sie sich schön eine Bannmeile. Sollen sie die doch mal auf die gesamte Stadt ausdehnen.
    Platzverbote für den gesamten Stadtraum am besten für immer. Wenn die nochmal hier auftauchen, Knast und Strafzahlungen. Ich würde die einfach woanders festkleben. An einer alten verfallenen Scheune auf dem Land.

  19. 23.

    Danke für diesen wirklich objektiven Beitrag. Hier wird in den Kommentaren viel zu viel vermengt.

    Ich empfinde es auch so, dass diese Aktionen ehr eine Antipathie in der Bevölkerung schüren. Eine grüne Haltung im Bereich des Machbarn und Realisierbaren und diese Aktion, sind anscheinend zwei Paar Schuhe. Ich würde mir hier eine klare Haltung der Grünen wünschen. Finden Sie das gut und befürworten solche Aktionen oder stehen Sie hinter dem Steuerzahler, der die sogenannte energiewende erst möglich macht. Ich fühle mich veralbert

  20. 22.

    Offensichtlich und ohne Wertung haben die Leute viel Zeit bzw. machen das "hauptberuflich" und offensichtlich halten sie mit diesen Aktionen andere Leute von der Arbeit ab, die mit Ihren Steuern deren soziale Hängematte gewährleisten ... Sensationell

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