Projekt in Berliner Kitas - Wie Kindern aus suchtbelasteten Familien geholfen wird

Di 15.02.22 | 06:59 Uhr | Von Oda Tischewski
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Kinder im Kindergartenalter stehen nebeneinander und halten sich an den Händen. (Quelle: dpa/Monika Skolimowska)
Video: Abendschau | 15.02.2022 | Carla Spangenberg | Franziska Schulze, vista Berlin im Studio | Bild: dpa-Symbolbild/Monika Skolimowska

Jedes sechste Kind in Deutschland wächst in einer suchtbelasteten Familie auf - in jeder Kita-Gruppe oder Schulklasse durchschnittlich etwa drei bis vier Kinder. Suchtprävention kann daher nicht früh genug anfangen. Von Oda Tischewski

Der Vulkan macht Lust aufs Spielen: Auf einem etwa 25 Zentimeter hohen, graue Plastikfels sitzt das Dino-Junge Tika mit weit ausgebreiteten Schwingen. Was fehlt, sind seine Federn, damit es wegfliegen kann, bevor der Vulkan ausbricht. "Flieg Dino" ist ein Spiel, das der "Fluffi-Klub" in Berliner Kitas bringt. Mit Hilfe des Würfelspiels sollen Kindern ab vier Jahren lernen, Gefühle zu erkennen und einzuordnen.

Zum Vulkan gehören runde Karten mit bunten Illustrationen: Dino-Familien, die sich streiten, schämen oder freuen. Viele der Szenen werden alle Kinder kennen, es sind die kleinen Konflikte und Dramen des Alltags. Andere aber kommen vielleicht nur einigen von ihnen bekannt vor: Der wütende Papa-Saurier mit der Bierflasche in den Krallen, die Angst vor Besuch, weil die Wohnung im Chaos versinkt. Wer die Gefühle der Saurier richtig erkennt, kann für Tika Federn sammeln.

Spiel "Flieg, Dino!" (c) Hanna Rosebrock
Spiel "Flieg, Dino!" | Bild: Hanna Rosebrock

Wenn sich die Anhaltspunkte häufen

"Flieg Dino" ist nur ein Weg, wie der "Fluffi-Klub" [Projekt-Website bei nacoa.de] Kinder stark und widerstandsfähig machen will. Dazu gehört auch, die eigenen Gefühle zu kennen, Vertrauen aufbauen zu können, über Probleme zu sprechen. Dann kann geschultes Personal einhaken, versuchen zu helfen, indem es Eltern anspricht und Hilfen vermittelt, erklärt Hanna Rosebrock, Sozialarbeiterin beim "Fluffi-Klub": "Mir ist ganz wichtig, dass es nicht darum geht, Eltern anzuklagen. Die pädagogischen Fachkräfte in den Kitas bemerken aber manchmal etwas, zum Beispiel eine Alkoholfahne. Wenn das bei jemandem vorkommt, der sich normalerweise gut um das Kind kümmert, und dann passiert das einmal, dann ist das natürlich kein Anhaltspunkt. Wenn das aber regelmäßig passiert, dann guckt man da natürlich anders drauf."

Aber was können und sollten Erzieherinnen und Erzieher tun, wenn sich die Anhaltspunkte häufen? Zunächst das Gespräch mit den Eltern suchen, rät Hanna Rosebrock: "Man könnte zum Beispiel sagen: Wir würden gern mit Ihnen darüber sprechen, was wir beobachtet haben. Wir nehmen das und das an dem Kind wahr - können Sie dazu vielleicht etwas sagen? Und wenn man dann merkt, dass sich das Elternteil dazu öffnet, dann hat man einen Zugang. Wenn dann aber ein Widerstand kommt, man selber aber das Gefühl hat, da ist noch etwas im Argen, dann muss das natürlich weitergehen."

Jedes dritte betroffene Kind hat später selbst ein Suchtproblem

Weitergehen heißt in diesem Fall, dass weitere Hilfen angeboten und auch Experten von außen hinzugezogen werden können, wenn das Kindeswohl gefährdet ist. Wer dazu was beitragen kann und worauf Erzieherinnen und Erzieher achten sollen, das vermittelt der "Fluffi-Klub" in seinen Workshops. Anderthalb Jahre dauert das Programm, das teilweise auf der flauschigen Handpuppe "Fluffi" basiert, die dem Klub den Namen gibt.

Und das ist bitter nötig, denn gerade Kinder aus suchtbelasteten Familien tragen ein großes Risiko mit sich herum, sagt Andrea Hardeling, Geschäftsführerin der Brandenburgischen Landesstelle für Suchtfragen: "Man geht davon aus, dass ungefähr ein Drittel der Kinder, die in solchen Familien aufwachsen, später selbst eine Suchterkrankung entwickelt und ein weiteres Drittel möglicherweise eine psychische Erkrankung." Im Leben der Kinder, die sich unter diesen Umständen dennoch gesund entwickeln, haben sich oft früh außenstehende Personen eingeschaltet und das Kind unterstützt. Das kann auch ein Kitaerzieher oder eine Lehrerin sein.

"Es braucht wesentlich mehr Unterstützungsangebote"

Aber Projekte wie der "Fluffi-Klub" gibt es noch zu selten, gerade einmal fünf Kitas können ihr Personal zeitgleich ausbilden lassen. Dabei ist die Nachfrage nach Informationen groß, denn dass das Problem auf dem Tisch liegt, das wissen auch die pädagogischen Fachkräfte. Was knapp ist, seien fachliche Hilfen, so Andrea Hardeling: "Es braucht wesentlich mehr Unterstützungsangebote, sowohl für die Kinder als auch für die Familien. Die Kinder brauchen Anlaufstellen, um sich Unterstützung zu holen und auch die Familien brauchen ein Signal, dass sie Hilfe erhalten können. Da muss noch wesentlich mehr passieren und das muss natürlich finanziert werden."

Finanziert werden muss auch der "Fluffi-Klub" - einen Teil fördert das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales, einen weiteren tragen die Kitas. Immer fünf Einrichtungen können zeitgleich am Programm teilnehmen, 700 Euro kostet das jede Kita. Dafür wird das Personal in mehreren Workshops intensiv geschult, wie es Suchtproblematiken in einer Familie erkennen kann, wie es reagiert und Hilfen vermittelt.

Das Schweigen brechen

Manchmal kommen Suchtprobleme in den Familien tatsächlich durch Alltagsbeobachtungen des Kitapersonals ans Licht. Manchmal sind es aber auch die Kinder selbst, die die Situation zu Hause ansprechen, erzählt Hanna Rosebrock vom "Fluffi-Klub": "Wir haben auch schon erlebt, dass Kinder sich im Rahmen des Resilienztrainings konkret geäußert haben. Wenn wir dann zum Beispiel zum Thema Gefühle arbeiten und die Frage stellen, in welchen Situationen spürst Du Angst? Und dann hat ein Kind gesagt: 'Ich habe Angst, wenn meine Mutter wieder getrunken hat und wütend ist'."

Deswegen schult der "Fluffi-Klub" nicht nur die Erzieherinnen und Erzieher: Im "Resilienztraining" lernen Vorschulkinder, was sie stark macht, nicht nur gegen Sucht: Gefühle erkennen, Grenzen setzen und sich trauen, Probleme auszusprechen.

Sendung: Inforadio, 15.02.2022, 09:00 Uhr

Beitrag von Oda Tischewski

12 Kommentare

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  1. 12.

    Meine Jugend war unerfreulich, meine Schulzeit eine Tortur.
    Auch zurückhaltendes und vernünftiges Verhalten hat nichts gebracht.
    Was soll's. So bin ich immerhin zu der Erkenntnis gelangt, dass die wenigsten Menschen etwas taugen.
    Und nach einer Scheidung und zwei Trennungen (die erste von einem brutalen Widerling, die zweite von einem Softie, beide wie mein Vater Alkoholiker) hatte meine Mutter wohl erstmal genug von Männern und traute sich irgendwann immerhin nicht mehr, die Hand gegen mich zu erheben.
    Also hatte ich immerhin in dieser rattenverseuchten Neuköllner Bruchbude (in die es hin und wieder sogar rein regnete) für einige Zeit halbwegs meine Ruhe.
    Und danke, das hoffe ich für Sie auch.

  2. 11.

    Interessant, wie unterschiedlich die Erfahrungen sind.

    Bei mir war es eben so: Ich bin nicht gerne zur Schule gegangen. Ich wusste aber: Wenn man sich dort auch nur einigermaßen vernünftig verhält, passiert einem nichts. Daheim konnte ich mir nicht sicher sein.

    Einen Schlüssel hatte ich zum Glück.

    Ich hoffe, Sie konnten sich von der Vergangenheit zumindest etwas erholen.

  3. 10.

    Och, ich bin gänzlich unaufgeregt.
    Mich hat nur die Einschränkung "Substanz-Süchte" gewundert, wenn Sie ALLE Süchte meinen.
    Als momentan Konservativer halte ich wenig von Verboten und umso mehr von Eigenverantwortung.
    Man KANN nicht die ganze Welt kinder- und idiotensicher machen.
    Letztenendes obliegt es jedem selbst, was er sich und anderen antut.
    Das mag für die Leidtragenden bitter sein, doch so ist es nunmal.
    Also: Hilfsangebote? Gern. Verbote: Eher nicht.
    Freiheit muss eben auch heißen "frei, ein Dummkopf zu sein".
    Allerdings wäre ich bei Vorhandensein einer Suchterkrankung für einen sofortigen Entzug... des Sorgerechts.
    Das Aufziehen mindestens eines Kindes erfordert sich nicht weniger Umsicht und Verantwortungsbewusstsein als das Lenken eines Fahrzeugs.

  4. 9.

    Zitat: "Substanz-Süchte (um die es im Artikel geht) belasten, WIE VIELE ANDERE KRANKHEITEN (z.B. "Nicht-Substanz-Süchte")"
    Anderen Ortes, zu anderen Zeiten, mag sein. Und nun? Totalverbot sind aber auch nicht das einzige Mittel.
    Denkbar sind mehr Hilfsangebote (wie im Artikel steht) aber auch Werbeverbote, Öffentlicheitsverbote, weitere Abgabebeschränkungen, Teilverbote, etc.
    Aber diesebezüglich wird auf Grund der wirtschafltichen Zeichen, die auf Liberalisierung (Race to the Bottem) zum "ankurbeln der Wirtschaft" stehen, wohl nix passieren.
    Also keine Aufregung ; )

  5. 8.

    ...und jedes 3. Kind lebt in ärmlichen Verhältnissen. Hoch lebe die Spass-Gesellschaft und die faktische Steuerfreiheit der Reichen. Überall Vielfalt auch bei den Rauschmitteln ! Die Grüne wollen Canabis freigeben und die Fachleute warnen. Hauptsache Diversietät, dann vergißt man die Armen.

  6. 7.

    Welche Süchte tun das denn nicht?

    Und was sollte bez. Alkohol unternommen werden?
    Ein Verbot ist andernorts schon mal gescheitert.

  7. 6.

    Substanz-Süchte belasten, wie viele andere Krankheiten, direkt und indirekt Betroffene wohl schwer.
    Ich hoffe dass irgendwann diese und andere Ausprägungen menschlichen Leids der Vergangenheit angehört.
    Den Schwächeren sollte ohne wenn und aber geholfen werden.

    Auch der allgemeine, gesellschaftlich teils laxe Umgang mit Rauschmitteln sollte vllt. überdacht werden, um ein Abdrängen in das Abseits, nach dem Motto: "Selber Schuld!", zu verhindern. Ich erinnere an das "Alkopop-Thema".
    Die Alkohol-Produzenten können bestimmt auch ihre Produkte gut an andere Branchen (Bsp. Desinfektion) absetzen.

  8. 5.

    Ganz ehrlich: Ich hätte mir als Kind und Jugendlicher oft gewünscht, den ganzen Tag zuhause verbringen zu können.
    Denn mir war schon oft auf dem Weg zur Schule klar, dass ich später stundenlang nicht in die Wohung zurück konnte, da ich keinen Schlüssel hatte und meine Mutter auf der Couch ihren Rausch ausschlief.
    Denkt man sich in meinem Fall Introvertiertheit und eine schizoide Persönlichkeitsstörung hinzu, kann man sich denken, dass die Schulzeit nicht gerade super war.
    Kurzum: Die Kinder von suchtkranken Eltern haben mein MItgefühl und Verständnis.
    Und entsprechende Hilfsangebote sind definitiv eine gute Idee.

  9. 4.

    Ja wichtig wären Kitas und Horte mit qualifiziertem Personal, das gut Deutsch versteht, und kontinuierliche Bezugspersonen. Außerdem kleine Kita- und Hortgruppen und Klassen. Ja eine Athmosphäre die Vertrauen schafft. Passiert in Berlin sowieso nicht. Nur ein weiteres Projekt, das wahrscheinlich nicht dauerhaft bleibt.

  10. 3.

    Vielleicht sollte man dann in der Gesellschaft auch mal überlegen, ob der Zugang zu z.b. Alkohol so wie er ist gut ist. Schon alleine das man überall so schnell Alkohol bekommt, macht die Sucht nicht besser. Dazu der Umgang in der Gesellschaft. Als Jugendlicher wirst du als spaßbremse betitelt, wenn du keinen Alkohol trinken magst. Da müsst ihr auch ran, denn schon in der Jugend entwickelt sich so falsches Bild. Habe nach einer schulwoche oft den Satz gehört, dass die schon die Jugendlichen sich dann betrinken wollen um zu vergessen.

  11. 2.

    Ich war auch betroffen als Kind. Regelmäßiger Alkohol, Gewalt in der Familie, finanzielle Not.
    Ich war ein guter Schüler, für mich war es der Weg heraus. Viel Druck, ich wusste genau, mir würde bei Problemen in der Schule keiner helfen (können). Aus kummer habe ich Übergewicht angefuttert. Ich musste früh selbständig werden, die letzten zwei Jahre der Schule wohnte ich alleine.
    Ich war nie arbeitslos, vom Alkohol habe ich immer die Finger gelassen. Das Übergewicht habe ich mühsam abtrainiert, bin später Marathon gelaufen.

    Alles gut? Nein. Bis heute (44 J) leide ich an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Ich war immer allein, weil ich nie irgendjemandem wirklich vertrauen konnte. Ich bin immer innerlich in einem "Alarmzustand", muss dauernd gegen Wut und inneren Druck kämpfen.

    Ich finde diese Arbeit extrem wichtig. Kein Kind soll soetwas erleben müssen. Die Auswirkungen von Lockdown/Quarantäne auf diese Kinder mag ich mir gar nicht vorstellen.

  12. 1.

    Ich gehe davon aus das jedes Kind aus einer suchtbelasteten Familie geschädigt ist. Wenn nicht durch eine eigene Suchterkrankung oder durch eine diagnostizierte psychische Erkrankung ( Depressionen, Angststörung , Zwangserkrankung ) dann auf alle Fälle in der Persönlichkeitsentwicklung als Kind ( Unsicherheit , Schwarz-Weiß Denken ... ).

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