Interview | Mit Kindern über Krieg reden - "Die schrecklichen Bilder brennen sich bei jüngeren Kindern ein"

Fr 25.02.22 | 16:10 Uhr
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Zwei Kinder überqueren in Kramatorsk in der Region Donezk in der Ostukraine Hand in Hand die Gleisen, um einen Zug nach Kiew zu nehmen. (Quelle: dpa/V. Ghirda)
Video: Abendschau | 25.02.2022 | Helena Daehler | Bild: dpa/V. Ghirda

Russlands Angriff auf die Ukraine macht vielen Angst, auch Kindern. Leicht können sie sich von den Nachrichten überfordert fühlen. Die Kinder- und Jugendpsychologin Claudia Calvano gibt Tipps, wie Eltern Ängste auffangen und die Lage erklären können.

rbb|24: Frau Calvano, Kinder bekommen seit Tagen die Entwicklung in der Ukraine in den Nachrichten mit. Darin zu sehen: Menschen, die fliehen. Bombendetonationen, Panzer, Soldaten mit Gewehren, teils sogar blutende Verletzte.

Wie nehmen Kinder eine Kriegssituation wie jetzt in der Ukraine wahr?

Claudia Calvano: Das kommt natürlich darauf an, wie alt die Kinder sind und welchen Medien die Kinder ausgesetzt sind, was sie also überhaupt mitbekommen. Ziemlich sicher würde ich sagen, dass Kinder im Grundschulalter vielleicht schon etwas mitbekommen. Vielleicht sogar die Tagesschau, wenn die sie nebenbei sehen. Sie hören auch Nachrichten, vielleicht hören sie auch mal was in der Schule. Sie bekommen dann zumindest schon mit: Irgendwas stimmt da nicht, irgendwas ist da "mit Ukraine".

Zur Person

Portraitfoto Claudia Calvano. (Quelle: privat)
privat

Claudia Calvano

ist Kinder- und Jugendpsychologin und Gastprofessorin an der Freien Universität Berlin für den Arbeitsbereich klinische Kinder- und Jugendpsychologie und Psychotherapie.

Vielen Kindern macht diese Situation Angst. Wie können Eltern auf die Ängste reagieren?

Calvano: Erstmal ist es wichtig, ruhig zu bleiben und den Kindern eine Sicherheit zu geben. Man sollte aber auch nicht so tun, als ob nichts wäre und sagen 'Da ist nichts. Das ist nicht schlimm'. Man sollte das Kind auch erstmal fragen, woher es etwas gehört hat, was es beschäftigt. Welche Sorgen hat es? Je nachdem auch, welche Fragen die Kinder stellen, kann man ihnen auch heruntergebrochen erklären, was in der Ukraine passiert. So eben, wie man Kindern eine solche Sache erklärt.

Vielen Eltern wird es schwer fallen, das "einfach herunterzubrechen". Haben Sie ein konkretes Beispiel, wie man den Kindern den Krieg erklären kann?

Man kann sagen, dass es zwei Staaten gibt. Und dass in Staaten immer Personen an der Macht sind. Und bei Krieg ist es so, dass manche Personen vielleicht mehr Gebiet und ein größeres Land haben wollen. Also, dass manche Menschen einfach mehr Macht haben wollen. Und diese Menschen entscheiden sich dann dazu, dass sie Krieg machen und in das andere Land gehen und sich das Land holen wollen.

Sollte man Kinder von den Nachrichten fernhalten, um sie vor dem Krieg psychisch zu schützen?

Da kommt es ganz klar auf das Alter an. Wenn wir über die jüngeren Kinder sprechen, die im Grundschulalter oder gar Vorschulalter sind, dann ja. Da hilft es nichts, wenn sie diese schrecklichen Bilder sehen. Denn diese Bilder brennen sich dann vielleicht erstmal ein. Und man kann dann natürlich danach darüber sprechen und das wieder sozusagen die Kind auch verarbeiten lassen. Aber man muss sie diesen Nachrichten nicht aussetzen und das sollte man auch nicht. Das sollte man auf jeden Fall vermeiden. Es gibt ja auch spezielle Kindernachrichten, die dann altersgerecht den Konflikt vermitteln können.

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Ältere Kinder und auch Jugendliche konsumieren hingegen dann schon aufmerksamer Medien und Nachrichten. Gibt es eine Empfehlung, wie Eltern damit umgehen?

Also grundsätzlich sollten Eltern wissen, was die Kinder angucken und wann die zum Beispiel Fernsehen schauen. Ich denke, dass sie vor allem viel Fernsehen, aber auch internetbasierte Medien nutzen. Und da sollten eigentlich Eltern bei Kindern und Jugendlichen schon eine Ahnung haben, was sie sehen. Da haben die Eltern auch ein Recht und eine Pflicht, zu sagen: 'Nein, ich möchte nicht, dass du auf diesen YouTube-Kanal gehst'. Oder: 'Ich möchte nicht, dass du irgendwelche Nachrichten oder andere Sendungen ansiehst'.

Aber es sollte auf einem Verhältnis von Vertrauen beruhen, von Offenheit und Transparenz. Aber die Eltern können schon auch mal sagen, dass sie das nicht möchten.

Viele Erwachsene sind vielleicht selbst beunruhigt. Wie lässt sich vermeiden, dass man die Kinder mit seinen eigenen Ängsten ansteckt?

Ich denke, Eltern sollten schon versuchen, das ein bisschen "runterzukochen" sozusagen. Ich sollte den Kindern nicht zeigen: 'Ich hab tierischst Angst und morgen steht die Armee vor der Tür'. Das würde die Kinder sehr, sehr verunsichern, weil die das teilweise nicht so gut einschätzen können, ob das jetzt wirklich sein kann oder nicht.

Man sollte aber auf jeden Fall ehrlich sein und sagen, dass man sich Sorgen macht, dass man selbst schockiert, überrascht, bestürzt ist. Dass man nicht weiß, wie es weitergeht. Das ist vollkommen in Ordnung.

Das spiegelt dem Kind vielleicht auch seine Gefühle nicht. Und das bietet dann eine Basis, über den Krieg zu sprechen. Aber grundsätzlich sollten Eltern Sicherheit vermitteln.

Seit zwei Jahren leben die Kinder und Jugendlichen wegen der Corona-Pandemie mit existenziellen Ängsten. Viele hat es so verunsichert, dass viele psychische Erkrankungen bekommen haben. Auch jetzt beim Krieg in der Ukraine gibt es Parallelen: Die Kinder und Jugendlichen erleben erneut eine Bedrohung.

Wie merken Eltern, dass ihre Kinder nicht mehr allein mit ihrer Hilfe ein Gefühl von Sicherheit bekommen? Wann sollten sie sich Hilfe von außen holen?

Wenn man die Kinder beobachtet und merkt, dass sie ständig grübeln und Sorgen haben. Wenn plötzlich neue Verhaltensweisen auftreten und auch emotionale Probleme, die sie vorher nicht hatten oder die sich verstärkt haben. Häufig sind es Schlafschwierigkeiten. Andere Symptome sind oft Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, oder eben die Grübeleien.

Vielleicht merken Sie auch, dass sie schnell anfangen zu weinen. Also dass man einfach merkt als Elternteil: Das Kind ist anders, da stimmt was nicht. Dann muss man natürlich das Gespräch mit dem Kind suchen. Und dann kann man sich natürlich auch professionelle Hilfe suchen bei einem oder einer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:in.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Jenny Barke.

Sendung: Inforadio, 26.02.2022, 07:00 Uhr

4 Kommentare

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  1. 4.

    Da zeigt sich, dass Eltern ihren Kindern jahrelang eine heile Welt versprochen haben, was aber nie der Fall war. Besonders tragisch wird die Situation auch für Kinder mit Fluchterfahrung, deren Traumata als selbst betroffene seit 2015 weitgehend ignoriert wurden. Schaffen wir Gemeinschaft, Zusammenhalt und Vertrauen und zeigen allen Kindern, dass wir für sie da sind und nehmen alle gemeinsam die geflüchteten Kinder und Familien friedvoll in diese Gemeinschaft auf.

  2. 3.

    Es schadet den Kindern langfristig viel mehr, wenn man, wie oben beschrieben, die Welt in das verlockende, weil einfachere, „Gut/Böse“ aufteilt. Was auch ein Nährboden für kritikloses „in den Krieg ziehen“ für das vermeintlich Gute ist. Mit Tiermetaphern zu arbeiten wird einer komplexen Welt gerechter: Da eignet sich das Wolfsbeispiel besser...wie er sich verhält, warum, wenn man ihn wehrlos lässt usw. ...Er ist nun mal da.
    P.S. Stell Dir vor es ist Krieg und keiner geht hin...

  3. 2.

    Solange es "nur" in den Medien ist, ist das eine Sache. Da kann man immerhin darauf hoffen, dass diese Eindrücke so beeinduckend sind, dass sie dazu führen, dass eine Generation weiß, was sie nicht real im eigenen Leben erleben will.

    Mein Geschwister und ich haben uns gestern darüber unterhalten, also über unsere Kindheits-Erinnerungen an die Zeit des Kalten Krieges in Berlin. Mir hatten sich u.a. die damals allgegenwärtigen Hauswände mit Einschusslöchern eingebrannt, die Panzerparaden auf der Clayallee. Wer mit zwei kriegstraumatisierten Eltern groß wurde (einmal Jugend und junge Erwachsenenjahre im Krieg als Teilnehmer verloren, einmal die ersten 5 Lebensjahre in Luftschutzbunkern in Schöneberg verbracht), hat ebenfalls eine andere Sicht auf die Dinge als die Generation "rosa Wattebauschwelt".

  4. 1.

    Bitte vergesst nicht die Kinder mit traumatischen Erfahrungen, die direkt von Krieg und Migration betroffen sind. Sie brauchen alle, egal welcher Herkunft und Religion, psychologische Unterstützung um Erlebte das zu verarbeiten.

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