"Illegale Autorennen" im Technikmuseum - "So schnell wie möglich, bis einer aufgibt und vom Gaspedal geht"

Fr 25.02.22 | 07:26 Uhr
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Der Abtransport des Jeeps für die Ausstellung im Technikmuseum (Quelle: rbb/Jan Wiese)
Audio: rbbKultur | 24.04.2022 | Jan Wiese | Bild: rbb/Jan Wiese

In der neuen Schau geht das Technikmuseum Berlin dem Phänomen der illegalen Autorennen nach. rbb-Reporter Jan Wiese kennt sich in der Raser-Szene aus. Im Interview spricht er über die Situation in Berlin, über Motive und Männlichkeitsbilder.

rbb|24: Jan Wiese, ein zentrales Exponat der Ausstellung im Technikmuseum ist der Jeep, in dem 2016 nach einem illegalen Autorennen auf dem Kurfürstendamm ein Mensch gestorben ist. Inwiefern ist sie mehr als reiner Voyeurismus?

Wiese: Wenn man die Ausstellung betritt, ist das erste, was man sieht, dieser komplett zerstörte Jeep. Das ist schon ein Schock-Moment, das lässt wahrscheinlich niemanden kalt. Aber nachdem diese Emotionen gesetzt wurden, geht es in der Ausstellung viel um die gesellschaftlichen Ursachen für solche Rennen: der Geschwindigkeitskult, der seit Beginn des Autozeitalters besteht, Werbekampagnen und Filme, die diesen Kult befeuern und die Verknüpfung von Auto und Männlichkeit, die von Anfang an prägend ist – nur um einige zu nennen. Dadurch wird der Jeep eher zu einer Mahnung, wohin das alles führen kann. So sieht es auch der Sohn des Verstorbenen, mit ihm konnte ich mehrmals sprechen. In den kommenden zwei Wochen soll auch noch das Täterauto, ein ebenfalls völlig zerstörter Audi A6, in die Ausstellung kommen.

Kann man in Berlin von einer Raser-Szene sprechen?

Anders als zum Beispiel in Dortmund oder Hamburg gibt es in Berlin keine organisierte Szene. Dafür sind die Verbindungen hier zu lose. Die Fahrer verabreden sich spontan, etwa über Messenger, oder sie finden sich direkt auf der Straße. Sie touren mit ihren hochmotorisierten Autos rum und haben einen Blick dafür, wer es mit ihnen aufnehmen möchte. Das dauert nicht länger als eine Stunde, hat mir neulich ein Aussteiger geschildert: "Du checkst das Auto, den Fahrer, du siehst, wie er bremst, wie er anfährt, und spürst es einfach. Und dann geht es eben los, so schnell wie möglich, bis einer aufgibt und vom Gaspedal geht".

Wer sind denn diese Raser?

Dass die Fahrer durch die Bank weg männlich sind, ist kein Geheimnis. Das ist in Berlin genauso wie im Rest Deutschlands. Auch, dass sie recht jung sind, ist bekannt. Laut dem Bundesamt für Statistik sind über 70 Prozent aller Verurteilten zwischen 18 und 30 Jahre alt. In Berlin haben die meisten illegalen Rennfahrer nach Auskunft der Amtsanwaltschaft arabische, türkische oder serbokroatische Wurzeln. Auch russischstämmige Männer sind vertreten. Diese Gruppen sollen ungefähr 80 Prozent der Täter ausmachen.

Warum ist der Migrationshintergrund so hoch, und was sind die Motive der Männer, mit einem irrsinnigen Tempo durch die Stadt zu rasen?

Was alle Fahrer eint, ist die Überzeugung, wahnsinnig gut Auto fahren zu können. Und dass sie praktisch kein Risiko eingehen würden, entdeckt zu werden. Sie alle streben nach dem Kick, diesem ganz-im-Moment-sein während des Rennens, die Vibrationen, das Aufheulen des Motors, die vorbeifliegenden Lichter. Dieser Kick mache wirklich süchtig, hat uns ein Fahrer erzählt.

Aber dann gibt es auch Unterschiede: Gerade unter den jungen Männern geht es viel darum, eine bestimmte Form von Männlichkeit zu demonstrieren und irgendwelche empfundenen oder tatsächlichen Defizite zu kompensieren. Mit dem Auto durch die Stadt zu rasen, heißt dann oft, sich stark, mächtig und frei zu fühlen und den gesellschaftlichen Normen eigene Regeln entgegenzusetzen. Im Prinzip sind das keine ungewöhnlichen Wünsche. Sie werden hier aber auf eine schreckliche, weil völlig rücksichtslose Spitze getrieben. Und sie stehen in krassem Gegensatz zur Lebensrealität vieler dieser Männer: ein geringes Einkommen, zumindest offiziell. Oft leben sie in beengten und tristen Verhältnissen und haben wenig Perspektive sozial aufzusteigen. Hier dient die Raserei als Ventil. Das könnte auch eine Erklärung sein, warum der Migrationsanteil unter den illegalen Rennfahrern so hoch ist.

Aber nicht alle Fahrer sind so: Es gibt auch die gut situierten, die sich die Sportwagen auch tatsächlich leisten können. Sie kompensieren weniger, sondern leben ihre Leidenschaft aus, so wie vor kurzem der tschechische Millionär, der seinen Bugatti mit 417 km/h auf der Autobahn ausgefahren hat. Sie sind nicht weniger rücksichtslos, spielen zahlenmäßig in Berlin aber keine große Rolle.

Wichtig ist sicher auch die gesellschaftliche Bedeutung des Autos. Über Jahrzehnte stehen Autos für individuelle Freiheit und gelten als Statussymbol. Wer ein teures Auto hat, ist wer.

Woher bekommen sie die meist sehr teuren Autos?

Gerade die jungen Männer in Berlin können sich die entsprechenden Autos oft nicht leisten. Sie bekommen sie von Freunden oder der Familie, benutzen sogenannte Firmenwagen, oft mit ausländischem Kennzeichen, und leihen sie bei Autovermietungen. Über die Hälfte der Autos, die die Polizei beschlagnahmt hat, sind Mietwagen.

Große Autovermieter verleihen deshalb schon seit langem keine hochmotorisierten Autos an Fahrer unter 25 Jahren. Aber es gibt genug kleine Autovermieter in der Stadt mit fragwürdigen Geschäftspraktiken. Sie werben damit, 500 PS-starke Autos an Fahrer ab 18 Jahren zu verleihen, auch in der Führerschein-Probezeit. Bezahlt wird in bar, versteht sich.

Seit Oktober 2017 gelten illegale Autorennen als Straftat. Was hat der sogenannte Raser-Paragraph (§315d STGB) gebracht?

Die Einführung hat erst einmal viele Strafverfahren nach sich gezogen, und das von Jahr zu Jahr zunehmend: In Berlin gab es bis Ende 2021 über 2.100 Verfahren, die in 550 Verurteilungen mündeten. Wichtig ist hier, dass der Raser-Paragraph nicht nur Wettkampf-Rennen zwischen zwei oder mehr Fahrern umfasst, sondern auch Einzelraser. Viele Polizeifluchten fallen deshalb darunter.

Der für illegale Autorennen zuständige Amtsanwalt von Berlin, Andreas Winkelmann, hat uns einige Videos solcher Polizeifluchten gezeigt. Das ist schwer auszuhalten, wie rücksichtslos diese Männer unzählige Kreuzungen und rote Ampeln überqueren und viele Menschenleben gefährden.

Was der Paragraph gebracht hat, sind höhere Strafen. Angesichts der Rücksichtlosigkeit und des Egoismus, der aus den Taten spricht und den Schaden, den sie immer wieder anrichten, tut das dem Gerechtigkeitsempfinden der meisten Menschen besser genüge. Doch wirklich harte Strafen, also Haftstrafen von zwei Jahren oder mehr, sind selten. Und wer einmal verurteilt wurde, fällt in der Regel nicht nochmal auf.

Was er dagegen nicht gebracht hat, ist die Anzahl von illegalen Autorennen zu verringern. Das Gesetz schreckt die Fahrer überhaupt nicht ab. Man geht einfach nicht davon aus, erwischt und bestraft zu werden.

Welche Möglichkeiten gibt es, um das Rasen auf den Straßen zu verhindern?

Eine Möglichkeit wäre, Fahranfängern das Fahren von Sportwagen und dergleichen zu verbieten, über einen Stufenführerschein wie bei Motorrädern. Da darf man auch erst nach mehreren Jahren Fahrpraxis leistungsstarke Modelle fahren. Das fordert zum Beispiel der Berliner Amtsanwalt Andreas Winkelmann, aber bisher fehlt dazu der politische Wille.

Im Juni vergangenen Jahres hat der Berliner Senat versucht, über den Bundesrat eine Initiative zu starten, das Vermieten von Sportwagen an junge Fahrer zu verbieten. Das war aber ein Papiertiger, der Antrag wurde ohne jede Debatte abgelehnt.

Mehr Polizeipräsenz kann helfen, führt aber auch zu Verlagerungseffekten. Eine ganz andere Möglichkeit ist der Umbau von Straßen: Seit die Hasenheide in Neukölln zugunsten eines breiten Fahrradweges nur noch einspurig ist, gibt es dort keine Rennen mehr. Neben dem Mangel an Überholmöglichkeiten berührt dieser Umbau auch das tiefere Thema, wofür Autos heute noch stehen oder in Zukunft stehen werden. Bleiben sie ein Statussymbol und ein Symbol für eine bestimmte Form von Männlichkeit, an dem sich viele junge Männer orientieren? Geht es auch weiterhin um immer mehr Leistung und Motorstärke, sodass die durchschnittliche PS-Zahl neu zugelassener Autos heute bei 150 PS liegt? Gerade solche Fragen thematisiert auch die Ausstellung des Technikmuseums.

Vielen Dank für das Gespräch.

Sendung: rbbkultur, 24.02.2022, 15:00 Uhr

11 Kommentare

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  1. 11.

    Stufen Führerschein einführen, wie bei Motorradfahrer. Dann dürfen diese Fahranfänger bzw. Raser nicht gleich eine 200 PS und mehr Schleuder fahren. Ich würde diesen Rasern auch gleich den Lappen auf Lebenszeit entziehen.

  2. 10.

    Solange die Autolobby ihre Autos als cool und sportlich darstellt, wird sich nicht viel ändern. Luxussteuer auf alle SUV! Das mit den Minderwertigkeitsgefühlen kann ich so nicht unbedingt unterstreichen, das mit dem Migrationshintergrund schon. Ich unterrichte Werkstattpersonal (nicht KFZ
    Bereich) und die Leute werden durch die Bank gut bezahlt. Wenn es zum Thema Auto kommt, sind es zu 80% Leute mit familiären Migrationshintergrund, die das Auto vergöttern. Liegt sicher in familiären Zwängen.

  3. 9.

    Danke! Die eigentlich Schuldigen sind die Hersteller! Einziger Zweck übermotorisierter KFZ ist Protzen - ohne Rücksicht auf Ressourcen und Menschenleben. Selbst Waffenhersteller können noch behaupten, ihre Ware diene zur Verteidigung. Für solche KFZ aber gibt es keine Entschuldigung. - Den Spaß an Rennen kann ich absolut verstehen: Ich selber muss mich zurückhalten, wenn ich Mietwagen fahre, die ja selbst in der Kompaktgröße schon stark motorisiert sind. Und die mehrfach übermotorisierten sind auch mit Erfahrung kaum zu kontrollieren. - Meinen Spaß an der Battle lebe ich am PC-Lenkrad oder auf dem Fahrrad aus: Wenn ich mit Tempo 30 bis 35 Unter den Linden lang"brettere", bin ich am Tor alle - habe jemanden verblasen oder (wahrscheinlicher) wurde bloßgestellt - habe aber niemanden gefährdet! - Also einfach verbieten die dicken Motoren; fossil und auch elektrisch. Oder wieviele Tote und Verletzte wollen wir noch?

  4. 8.

    Gibt es einen Zusammenhang zwischen Alter und PS-Zahl? Und Sie maßen sich an, zu wissen, ob jemand ein Auto braucht?

  5. 7.

    Wohl selbst nicht richtig gelesen...auch das Täterfahrzeug wird ausgestellt. Das der Jeep dort steht weiß ich, das ist aber keine Schande aber das Fahrzeug vom Täter der einfach mal schnell gefahren ist und seine Karre zu Schrott gefahren hat...und die soll ausgestellt, das ist eine Schande.

  6. 6.

    Runter kommen. Wo ist da die Schande? Es geht doch darum auch diese Seite zu beleuchten und zu Hinterfragen, ob man in dem Alter so ein Auto braucht. Da wird niemand irgend ein Raum geboten. Schauen sie mal im Internet, da gibts solche Autos zu Hauf zum anschauen.

  7. 5.

    Immer genau hinsehen:Ausgestellt ist der gerammte Jeep, in dem der Rentner starb.

  8. 4.

    Eine Schande ist das, dass auch das Täterfahrzeug noch ausgestellt wird. Solche Leute sollten keinen Raum für ihre taten bekommen.

  9. 3.

    Warum wir in den Verkehrsunfällen mit zweierlei Maß gemessen. Es gibt jährlich viele Unfälle mit Todesfolge. Man erinnere sich an den Polizisten der in Uniform und mit Alkohol nicht 10 Jahre in Kasten geht, oder det Unfall in der Invalidenstraße. Warum werden die Autos nicht im ytechnokmuseum ausgestellt. Ich finde es ist Geschmacklos für beide Seiten, dieses Fahrzeug als Ausstellungsstück zu benutzen.

  10. 2.

    Drittes Problem ist, dass man vor allem einer bestimmten Klientel solche Autos nicht vorenthält. "
    Viertes Problem ist, das solche Dinger überhaupt erst hergestellt und in Umlauf gebracht werden.

  11. 1.

    Das Problem ist, dass bei vielen Fahrern mangelndes Hirn durch zu viele PS ersetzt wird. Ein zweites Problem ist, dass die Rechtsprechung viel zu spät aufgewacht ist und solche Leute viel zu spät in den Knast geschickt hat. Drittes Problem ist, dass man vor allem einer bestimmten Klientel solche Autos nicht vorenthält. Z.B. dadurch, dass ein Zulassungs- bzw. Verleih- und Versicherungsverbot für Boliden bis zu einem bestimmten Alter vorgenommen würde.

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