Landwirtschaft alt gedacht - Warum mehr Bäume den Äckern gut tun könnten

Mi 16.03.22 | 07:26 Uhr | Von Andreas Heins
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randenburg, Sachsendorf: Alte Eichen säumen einen Feldweg im Oderbruch. (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Bild: dpa/Patrick Pleul

Agroforstwirtschaft, ein altes Anbausystem, wird zurzeit neu erfunden. Dabei werden Landwirtschaft und Gehölz-Nutzung auf einer Fläche kombiniert. Das schützt nicht nur den Boden vor Erosion und Trockenheit, sondern auch Gewässer und Ökosysteme. Von Andreas Heins

Weidende Kühe unter Obstbäumen, Schweine in lichten Eichenwäldern, Äcker von Hecken umsäumt. Solche Bilder sind fast verschwunden in unserer Landschaft, aber das System dahinter, der Anbau von Bäumen und Sträuchern mit Ackerbau oder Tierhaltung - zum gegenseitigen Vorteil - gilt immer noch.

In Zeiten des Klimawandels und lang anhaltender Trockenheit besinnt sich die Landwirtschaft wieder auf dieses Prinzip, unter dem neuen Namen Agroforstwirtschaft. "Eigentlich ist das eine uralte Form der Bewirtschaftung", erklärt Christian Böhm von der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus. "Früher wurden nahezu alle landwirtschaftlichen Flächen so bewirtschaftet. Es wurden Ackerkulturen angebaut und gleichzeitig die Gehölze auf diesen Flächen genutzt - als Brennholz, als Bauholz, für Früchte und vieles mehr. Diese Nutzung ist in den letzten Jahrzehnten immer mehr zurückgegangen, Bauholz und Holz als Brennstoff hatten an Bedeutung verloren und die maschinelle Landwirtschaft verlangte nach immer größeren zusammenhängenden Flächen."

Nicht nur zum Verbrennen

Thomas Domin ist Landwirt aus Peickwitz in der Nähe von Senftenberg, er sammelt schon seit einigen Jahren Erfahrungen im gemeinsamen Anbau von Gehölzen und Ackerfrüchten. "Die moderne Agroforstwirtschaft sind nicht mehr nur Kühe auf Streuobstwiesen. Man muss sich das so vorstellen: Wir haben alle 60 bis 100 Meter einen Baumstreifen und dazwischen Ackerfläche. Dort bauen wir zurzeit schnell wachsende Gehölze an und ernten diese alle fünf bis acht Jahre. Das Holz nutzen wir zur Wärmeversorgung unseres Hofs. Aber auf die Dauer ist es vielleicht etwas fragwürdig, Holz nur zu verbrennen. Wir werden jetzt eine Pyrolyse-Anlage installieren, um Pflanzenkohle daraus herzustellen. Die wollen wir dann zur Bodenverbesserung nutzen. Es geht darum, ein Substrat herzustellen, das uns hilft, die Wasserhaltekapazität und den Nährstoffgehalt zu erhöhen. Ähnlich wie bei Terra preta, da sind wir aber noch im Versuchsstadium."

Vom Winde verweht

Eine der größten Herausforderungen der Landwirtschaft in Zeiten des Klimawandels ist der Erhalt des Bodens. Regenarme Jahre trocknen den Boden aus, Wind und Starkregen-Ereignisse verwehen ihn oder spülen ihn weg. Christian Böhm hat untersucht, wie sich die Bäume auf den Wasserhaushalt der Böden auswirken. "Die Gehölzstreifen bremsen den Wind, es ist nicht so sehr die Sonne die den Boden austrocknet, sondern der Wind und dadurch wird die Verdunstung verringert, was wiederum den Ackerpflanzen zugutekommt. Gleichzeitig kommt es zu Kühlungseffekten durch die Bäume. Das verbesserte Mikroklima führt gerade an trockenen Standorten, wie wir sie hier in Brandenburg haben, zu einer Verbesserung des Ertrags."

Thomas Domin hat diese Erfahrungen auch schon gemacht: "Wir sparen zwischen 15 und 20 Prozent an Wasser. Das kann Trockenperioden von Wochen oder Monaten nicht ausgleichen, aber es hilft uns kürzere Zeiträume zu überstehen. Vor allem geht es darum, den Boden festzuhalten, der ist unser Hauptproduktionsmittel, der enthält den Humus und der wiederum kann Nährstoffe und Wasser speichern."

Schaubild Agroforstwirtschaft (Quelle: DeFAF e.V.)Schaubild Agroforstwirtschaft

Ein natürlicher Filter

Nicht nur Landwirte profitieren von der Agroforstwirtschaft: Die Gehölzstreifen bieten Lebensraum für Vögel, Insekten und andere Tiere, sie verbinden weit auseinanderliegende Ökosysteme, und sie schützen das Wasser. Landwirtschaftliche Nutzflächen tragen zu einem großen Teil zur Verschmutzung unserer Oberflächengewässer durch Düngung und Pflanzenschutzmittel bei.

Deutschland ist schon seit Jahren wegen der hohen Nitratbelastung des Wassers in der Kritik. Durch Gehölzstreifen entlang der Gräben und Bäche kann die Belastung der Gewässer abgemildert werden, sagt Christian Böhm. "Die Gehölze haben ein tief reichendes Wurzelsystem und können so eine Filterfunktion übernehmen. Unsere Studien haben gezeigt, dass an Stellen, an denen Gehölzstreifen gepflanzt wurden, erheblich weniger Nitrat im Wasser zu finden ist. Selbst der Eintrag in das Grundwasser war geringer."

Altes neu zu entdecken

Dass moderne Agroforstsysteme in Deutschland nicht weiter verbreitet sind, liegt auch an den rechtlichen Rahmenbedingungen. Der Anbau von Gehölzen auf landwirtschaftlichen Flächen ist im deutschen Agrarförderrecht eigentlich nicht vorgesehen. Nur sieben Baumarten, die vor allem zur energetischen Nutzung geeignet sind, stehen in der Liste des Bundeslandwirtschaftsministeriums. "Wir möchten weg vom reinen Anbau von Energieholz und in Zukunft auch Obstbäume oder Wertholz, zum Beispiel für Furnier, anbauen. Besonders auf Grünland ist es kaum möglich Gehölze anzupflanzen", sagt Thomas Domin, "maximal 100 Bäume sind pro Hektar erlaubt." Er arbeitet dafür, dass auch Agroforstsysteme in die 2023 fällige Reform der europäischen Agrarpolitik aufgenommen werden. Dafür hat Thomas Domin 2019 den Deutschen Fachverband für Agroforstwirtschaft mitbegründet.

Hühnerwald, Agroforstwirtschaft mit Hühnern (Quelle: Lignovis GmbH)
Hühnerwald | Bild: Lignovis GmbH

Moderne Agroforstwirtschaft heißt zurzeit vor allem Anbau von Gehölzen auf Ackerflächen. Aber auch die uralte Tradition der Tierhaltung unter Bäumen ist wieder im Kommen. Besonders die Haltung von Geflügel unter Bäumen wird immer beliebter. Hühner als ursprüngliche Waldvögel fühlen sich sicherer und nutzen nicht nur die direkte Fläche vor ihren Stallungen aus. Rinder brauchen Schatten und es gibt Überlegungen, Schweine wieder unter Bäumen zu halten. Schafhaltung unter Apfelbäumen schützt sogar die Äpfel vor Pilzbefall. "Vieles vom alten Wissen ist verloren gegangen und muss erst wieder neu erlernt oder erforscht werden", so Christian Böhm.

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Beitrag von Andreas Heins

24 Kommentare

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  1. 24.

    Und was ist mit der ständigen Versiegelung der Natur und den Sonnenblumen auf den Beton?
    Sie sagen es, 100 Jahre in Berlin und Grunewald nichts passiert. Kein gutes Omen für Berlin.
    Nun stimmen Sie mir mal zu, weil es einfach richtig ist was Sie sagen!

  2. 23.

    Und was ist mit der ständigen Versiegelung der Natur und den Sonnenblumen auf den Beton?
    Sie sagen es, 100 Jahre in Berlin und Grunewald nichts passiert. Kein gutes Omen für Berlin.
    Nun stimmen Sie mir mal zu, weil es einfach richtig ist was Sie sagen!

  3. 22.

    Sie sagen es, wie im Grunewald, in Ihrem Berlin!
    Vor 100 Jahren und seit dem nichts getan, klingt gut für Berlin.
    Und was ist mit dem "Flächenfraß" und den Sonnenblumen auf Beton?

  4. 21.

    Sie schweifen ab. Die versiegelte Fläche ist in Metropolen pro Einwohner bekanntlich bedeutend kleiner als "auf dem Dorf". Auch sind die Wege bedeutend kürzer sowie der ÖPNV bedeutend besser, so dass der Umweltverbund bei fast jedem Wetter eine wesentlich grösseren Anteil am Modal Split hat.

  5. 18.

    Ihr Gedanke war bei einem Bauernthema verborgen. Bin dabei... wenn es den Bauern hilft... darum geht es hier.

  6. 17.

    .. das Erfolgreiche erst einmal zerstören um es dann als neue Lösung wieder auferstehen zu lassen. Das ist Politik-Geschäft. Wir subventionieren unsere sog. niedrigen Preise durch unsere Steuern selber. Das ist Agrarpolitik. Dabei bleiben dann die Landwirte die es richtig machen wollen auf der Strecke durch einfältige politische Entscheidungen.

  7. 16.

    Für all die im Artikel beschriebenen Merkmale der Grenzen von Feldern, gibt es in der Deutschen Sprache einen alten kurzen prägnanten aber scheinbar in Vergessenheit gegangenen Begriff : DER FELDRAIN. Dieser Ort ist nicht nur für Pflanzen und gegen Bodenerosion gut, sondern auch für Tiere gut wie beispielsweise wilde Bienen Hummeln, Kriechtiere, Vögel und Kleinsäugern. Auch könnten die Ränder der Feldraine mit Obstbäumen Sträuchern bepflanzt werden. Da hat sowohl Mensch wie Tier etwas davon.

  8. 15.

    Die Ingenieure die dafür sorgen, dass Deutschland weniger CO2 ausstößt.

  9. 14.

    Wie naturfern muss man sein, um riesige Monokulturen in der Land- und Forstwirtschaft zu verteidigen?

    Eine Kiefer steht übrigens gerne alleine. In Massen sorgen die auch für sinkende Grundwasserstände und für eine Abnahme der Biodiversität. Letzteres haben Berliner Förster schon für über 100 Jahren bei der Übernahme des Grunewaldes bemerkt. Als Hutewald wie hier im Artikel erwähnt taugen solche Waldäcker ebenfalls nicht. Sonnenblumen wachsen dort erst Recht nicht.

  10. 13.

    In Freienbrink standen auch mal viel Bäume. Auch wenn Sie dort immer einen Wald leugneten, eine Kiefer ist halt auch ein Baum und viele Bäume sind ein..... Wie die Kiefern im Grunewald.
    Schauen Sie mal ins Odervorland, da ist das noch vorhanden, was in diesem Artikel beschrieben.
    Das Problem liegt doch in der wahnwitzigen und profitorientierten Versiegelung unserer Natur.
    Über 60 HEKTAR täglich in Deutschland!!!
    In der Schaffung von Reservaten versucht man die Gemüter zu beruhigen.
    Aber auf Beton wachsen keine Sonnenblumen!

  11. 12.

    Ich fand schon immer, man sollte lieber Bäume pflanzen und Grünflächen schaffen, statt für alle möglichen Sachen Denkmäler zu errichten. Diese grünen Lungen könnte man dann z. B. entsprechend widmen, wesentlich attraktiver als irgendwelche Denk- und Mahnmale aus Stahl und Beton.

  12. 11.

    An Bäumen und an Knicks kann jede Landschaft nur gewinnen, an Einebnung zur landwirtschaftlichen Großproduktion kann sie nur verlieren. Und damit alle - auch wenn auf dem Kassenzettel im Supermarkt vordergründig etwas anderes steht.

    Ja: Erwachsende Wertschätzung hat nichts mit der Erfüllung von Verbandsforderungen zu tun, sondern mit dem Wissen, wo die Lebensmittel herkommen und welcher Aufwand nötig ist, sie hervorzubringen. Das hat seinen Preis sowohl im übertragenen Sinne wie auch ganz direkt.

  13. 10.

    Ja wer denn sonst. Arbeit an einer Kulturlandschaft ist etwas anderes als festkleben. Was nützt mehr?
    Nicht lachen, etwas länger darüber nachdenken.... da steckt mehr hinter als es scheint...

  14. 8.

    Die "Fachkräfte" erklärten allerdings nach den Großbauern bereits früh mittelgroße landwirtschaftlichen Betriebe ebenfalls zu Klassenfeinden und trieben die Industrialisierung der Landwirtschaft voran. Dabei störten Bäume und Hecken enorm. Heute ist es die noch weit verbreitete Geiz-ist-Geil-Mentalität vieler Kunden, die angesichts der seit einiger Zeit zu beobachtenden Preiserhöhungen in den Supermärkten sich noch verstärken wird.

  15. 7.

    ???
    Nochmal langsam lesen? Im letzten Teilsatz steht "was ich gerne hätte"...

  16. 6.

    Jammern gehört zum Handwerk. Dem Jammern begegnet man mit Wertschätzung am besten"
    Hä?
    Heißt das, das jeder Forderung immer nachzugeben sei?
    Ja, so hätten sie es gerne.

  17. 5.

    Früher hatten auch Fachkräfte entsprechende Positionen besetzt, und nicht der, der am besten Reden halten kann. Fachkräfte entscheiden nach Wissen und Erfahrungen sie brauchen auch weniger Berater und Gutachten.

    Günter Desens

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