Datenauswertung | Schuldneratlas - Weniger Überschuldung, mehr Insolvenzen

Do 03.03.22 | 11:30 Uhr | Von Götz Gringmuth-Dallmer und Sebastian Schneider
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Eine Schuldenberaterin der Caritas und eine Klientin waehrend einer Schuldenberatungssitzung in einer Beratungsstelle. (Quelle: rbb, dpa/Christof Schuerpf)
Bild: rbb, dpa/Christof Schuerpf

Die Zahl der Menschen, die in Berlin und Brandenburg im vergangenen Jahr nicht mehr ihre Rechnungen bezahlen konnten, ist zurückgegangen. Doch es gibt regional große Unterschiede - manchmal nur ein paar Straßen weiter.

Die Anzahl der überschuldeten Verbraucherinnen und Verbraucher ist in Berlin und Brandenburg im Jahr 2021 im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen.

Waren in Berlin im Jahr 2020 noch 12,02 Prozent der Menschen über 18 Jahren überschuldet, so verringerte sich diese Quote im vergangenen Jahr auf 10,81 Prozent. In Brandenburg ging die Quote von 9,64 auf 8,62 Prozent zurück und liegt damit erneut unter dem Bundesdurchschnitt von 8,86 Prozent. Das zeigen die Ergebnisse des Schuldneratlas 2021 der Wirtschaftsauskunftei Creditreform [Creditreform].

Zum Stichtag 1. Oktober 2021 wiesen in Berlin demnach 331.379 erwachsene Einwohner sogenannte Überschuldungsmerkmale auf, 2020 waren es 365.978 Menschen. In Brandenburg wurden 183.262 erwachsene Personen mit Überschuldungsmerkmalen gezählt, 2020 waren es 204.576.

Steigende Energiepreise werden erst in der Zukunft zu spüren sein

Nach Angaben von Christian Frey von Creditreform Berlin waren für den Rückgang der Überschuldung die Konsumzurückhaltung und eine gewisse Vorsicht bei finanziellen Ausgaben im Zuge der Corona-Krise verantwortlich. Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie und der stark gestiegenen Energiepreise werden allerdings erst in den kommenden Monaten und Jahren zu spüren sein, schätzen Schuldnerberatungen in Berlin und Brandenburg im Gespräch mit rbb|24 - insbesondere, wenn die Betriebskostenabrechnungen für 2021 fällig würden.

Bei der Schuldner- und Insolvenzberatung des ASB in Berlin-Neukölln, der größten der Stadt, ist die Zahl der Beratungen im vergangenen Jahr um etwa drei Prozent gestiegen. "Einer der wenigen positiven Aspekte dieser Pandemie ist aus meiner Sicht, dass dieses Stigma, das mit Schulden verbunden ist, kleiner geworden ist. Es ist sichtbar geworden, dass es jeden treffen kann und zwar auch völlig unverschuldet", sagte Marco Rauter, Leiter der Beratungsstelle in Neukölln, rbb|24.

Als überschuldet gelten Privatpersonen, deren Einkommen über einen längeren Zeitraum nach Abzug der Lebenshaltungskosten trotz Reduzierung des Lebensstandards nicht ausreicht, um fällige Forderungen wie zum Beispiel Kreditraten zu begleichen. Die Schuldnerquote setzt die Zahl der überschuldeten Personen zur Anzahl der Bevölkerung (ab 18 Jahre) ins Verhältnis.

Regional sehr unterschiedliche Überschuldungsquoten

Nun ist der Anteil der Menschen, die als überschuldet gelten, sowohl in Brandenburg als auch in Berlin recht unterschiedlich verteilt. Ein Blick auf die Verteilung nach Postleitzahl (PLZ)-Gebieten zeigt, dass es in beiden Bundesländern eine große Spreizung gibt.

Die Berliner Gebiete mit den höchsten Schuldnerquoten liegen in Marzahn-Hellersdorf sowie in im PLZ-Bereich 13405, der zu Reinickendorf, Tegel und dem Wedding gehört. Hier gelten jeweils über 20 Prozent der Menschen über 18 als überschuldet. Die niedrigsten Quoten gibt es mit etwa 4,3 Prozent im PLZ-Bereich 14129 in Nikolassee und Zehlendorf. Eine Besonderheit findet sich im Osten der Stadt. Dort liegt ein Gebiet mit einer sehr hohen Quote direkt neben einem Gebiet mit einer sehr niedrigen Quote. Der PLZ-Bereich 12627 in Marzahn-Hellersdorf hat eine Quote von 20,56 Prozent, die zweithöchste Berlins. Daran grenzt auch der PLZ-Bereich 12623, der zu Mahlsdorf gehört. Hier beträgt die Überschuldungsquote 4,58 Prozent, die viertniedrigste der Stadt.

In Brandenburg gibt es die höchsten Quoten mit über 17 Prozent in PLZ-Gebieten in Brandenburg an der Havel und in Cottbus. Gründe für die Spitzenposition der Stadt Brandenburg könnte laut Schuldnerberatungen vor Ort etwa der recht hohe Anteil von Menschen mit niedrigem Einkommen sein. Diese geraten überproportional häufig in finanzielle Probleme. Zum einen sind die Mieten in der Stadt noch vergleichsweise günstig, zum anderen sind Einrichtungen wie die JVA samt Maßregelvollzug, die Asklepios-Klinik für psychisch Erkrankte, ein Mutter-Kind-Heim und ein Frauenhaus ansässig. Besonders alleinerziehende Mütter sind überdurchschnittlich häufig von Überschuldung gefährdet.

Eberswalde und Frankfurt (Oder) auf Plätzen 2 und 3

Auch in Eberswalde und Frankfurt (Oder) gibt es mit über 15 Prozent hohe Quoten. In den kreisfreien Städten gibt es ebenso in Berlin eine große Spreizung. So reicht zum Beispiel in Cottbus die Schuldnerquote von 3,42 (0342) bis 17,3 Prozent (03052). Damit hat Cottbus nach PLZ-Gebieten die niedrigste und höchste Schuldnerquote in Brandenburg zugleich.

In der Landeshauptstadt Potsdam reicht die Schuldnerquote von 4,5 Prozent (14469) bis 13,32 Prozent (14478), in Brandenburg an der Havel von 9,11 Prozent (14774) bis 17,73 Prozent (14772).

Mehr Männer als Frauen betroffen

Ein deutlichen Unterschied gibt es auch zwischen Männern und Frauen. So gelten in Berlin weiterhin deutlich mehr Männer als Frauen als überschuldet. Die Überschuldungsquote der Männer lag bei 15,31 Prozent, ein Jahr zuvor waren es noch 13,74 Prozent. Bei den Frauen sank die Quote von 8,51 auf 7,54 Prozent.

Auch in Brandenburg ist die Überschuldungsquote bei Männern und Frauen gesunken. Bei Männern sank sie von 11,49 auf 10,27 Prozent. Bei Frauen ging sie von 7,51 auf 6,61 Prozent zurück.

Nach Angaben von Creditreform haben Männer eine höhere Neigung als Frauen, sich zu überschulden. So seien Männer bei Finanzentscheidungen bei Finanzentscheidungen risikofreudiger und würden oftmals als Hauptverdiener höher finanzielle Belastungen eingehen. "Wir haben hier gestandene Männer, die plötzlich während des Beratungsgesprächs anfangen zu weinen. Sie können ihre Familie nicht mehr ernähren und das zehrt sehr an ihrem Selbstbild. Sie wissen plötzlich nicht mehr weiter. Manche Männer schicken auch ihre Frau zu uns, weil sie sich schämen. So etwas zu erleben, nimmt einen mit", bestätigt Marco Rauter, Leiter der Neuköllner Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle. Insgesamt aber seien Männer und Frauen in der Beratungsstelle in etwa gleich verteilt.

Bei den Unterschieden nach Altersgruppen fällt in Berlin mit 15,64 Prozent der größte Anteil auf die 40- bis 49-Jähringen. In Brandenburg sind es mit 13,45 Prozent die 30 - 39-Jährigen.

Mehr Insolvenzverfahren von Verbraucher:innen

Auf der anderen Seite hat jedoch die Zahl der beantragten Insolvenzverfahren von Verbraucher:innen im Vergleich zum Vorjahr deutlich zugenommen. Das zeigen Zahlen vom Amt für Statistik Berlin-Brandenburg.

Waren es in Berlin zwischen Januar und November 2020 noch 1.726 Verfahren, so zählte die Statistik für den gleichen Zeitraum im vergangenen Jahr schon 3.268, knapp 90 Prozent mehr.

In Brandenburg gab es in den ersten elf Monaten des Jahres 2020 1.589 Insolvenzverfahren von Verbraucher:innen, im gleichen Zeitraum 2021 waren es 2.476, etwa 56 Prozent mehr.

Insolvenzanträge wurden zurückgehalten

Wie passt es nun zusammen, dass die Anzahl der Menschen, die ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können, im vergangenen Jahr weiter zurückgegangen ist und die Anzahl der eröffneten Verfahren für eine Privatinsolvenz deutlich gestiegen ist?

Der Grund dürfte eine Gesetzesänderung vom Dezember 2020 sein. Dank dieser können überschuldete Verbraucher:innen nach drei statt wie zuvor sechs Jahren von ihren Restschulden befreit werden. Creditreform geht bei der Analyse der vorliegenden Zahlen davon aus, dass viele Betroffene mit ihrem Insolvenzantrag gewartet haben, nachdem bekannt wurde, dass die Gesetzesreform kommen würde.

Seit Jahresbeginn 2021 haben das nun viele nachgeholt. Creditreform schreibt in seinem Jahresbericht 2021 [Creditreform], dass die im vergangenen Jahr eröffneten Insolvenzverfahren nur die Spitze des Eisbergs waren, da sie nur rund zwei Prozent der aktuellen Überschuldungsfälle ausgemacht hätten. Das Statistische Bundesamt kam zu einer ähnlichen Schlussfolgerung [Destaits] und geht davon aus, dass viele überschuldete Privatpersonen ihren Insolvenzantrag zunächst zurückhielten, um von der Neuregelung zu profitieren. "Eine Privatinsolvenz selbst ist für Betroffene übrigens längst nicht mehr so belastend, wie man als Außenstehender vielleicht denkt. Sie haben dann wieder eine Perspektive", sagt der Neuköllner Berater Marco Rauter.

Weiter steigende Verbraucherpreise

Ein weiterer Aspekt lässt vermuten, dass die Zahl der Menschen, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten werden, weiter zunehmen wird. Denn auch im Februar sind die Verbraucherpreise in Berlin und Brandenburg weiter angestiegen. Wie das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg mitteilte, kletterten die Preise im Vergleich zum Februar 2021 in Berlin um 5,2 Prozent und in Brandenburg sogar um 5,4 Prozent. Schuld daran waren demnach weiterhin überdurchschnittlich gestiegene Preise für Energie und Nahrungsmittel (siehe Tabelle). Ohne diese lag die Teuerung demnach in Berlin bei 3,0 Prozent und in Brandenburg bei 3,3 Prozent.

Wie sich die Preise durch den Krieg gegen die Ukrainie entwickeln werden, dürfte zur Zeit schwer einzuschätzen sein. "Noch schlägt das Problem der Energiekosten in unserer Beratung nicht durch, allerdings stehen die Betriebskostenabrechnungen für 2021 noch aus. Und man muss ganz klar sagen: Wenn die kommt, kann einem die ganze Finanzplanung zusammenbrechen", sagt Marco Rauter. Dieses Problem werde mit den steigenden Energiekosten noch viele treffen, daher sei es nicht zielführend, die Debatte vor allem auf sogenannte Transferleistungsempfänger zu konzentrieren.

Sendung: Abendschau, 03.03.2022, 19.30 Uhr

Beitrag von Götz Gringmuth-Dallmer und Sebastian Schneider

3 Kommentare

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  1. 3.

    Bedenken Sie bitte wer das bezahlen soll. Und all die redlichen Menschen, die nun auf berechtigte Forderungen "sitzen bleiben". Es war hart erarbeitet...
    Und, ist es wirklich so, dass tausende Insolvenzen unverschuldet sind oder gilt auch hier die 80/20-Regel: 20% unverschuldet?

  2. 2.

    Leider hat die Bundesregierung kein Interesse an einer bedarfsgerechten Anhebung der Regelsätze. Stattdessen nimmt sie die zunehmende Verarmung in Kauf. Die Grünen treiben dazu mit ihren hochfliegenden Energieplänen immer mehr Menschen in die Schuldenfalle.

  3. 1.

    Man muss kein Ökonom oder Hellseher sein um einen hohen Anstieg von Privatinsolvenzen und relativer weiterer Zunahme von Armut sowie weiteren Wohlstandverlust auch für die sogenannte Mittelschicht in Berlin/Brandenburg vorauszusehen. Man muss nur Eins und Eins zusammenzählen:
    Lohneinbußen durch Coronamaßnahmen und ein überwiegend niedriges Lohngefälle.
    Stark steigende Inflation bzw. Lebenshaltungskosten die nicht annährend durch dementsprechend steigende Löhne ausgeglichen werden.

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