Plattformarbeit in Berlin - Was gegen die Ausbeutung von Lieferfahrern getan werden kann

Sa 05.03.22 | 08:22 Uhr | Von Laura Kingston
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Gorillas-Fahrer Barış im Februar 2022. (Quelle: rbb/Laura Kingston)
Bild: rbb/Laura Kingston

Zu tausenden radeln sie durch die Berliner Straßen und liefern Lebensmittel – oft unter schlechten Bedingungen. Deshalb haben sich einige Lieferfahrer aufgelehnt. Der Arbeitskampf zahlt sich aus – aber nicht für alle. Von Laura Kingston

"Ich dachte, ich hätte mein Genick gebrochen," sagt Baris. Das war einer seiner ersten Arbeitstage als Gorillas-Fahrer. Er habe das schwere Gewicht seines Rucksacks nicht balancieren können, sei hingefallen, der schwarze Kastenrucksack auf seinen Kopf. Am Ende war "nur" sein Knie kaputt.

Baris ist einer der Gorillas-Fahrer, die sich seit mehr als einem Jahr für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen – vor allem im vergangenen Sommer lautstark – und medienwirksam. Das Medienecho ist inzwischen verklungen. Doch was hat sich für Plattformarbeiter wie Baris verändert?

Was sind eigentlich Plattformarbeiter?

Plattformarbeiter oder Gig Worker sind nicht nur die Lieferdienstmitarbeiter, sondern all die Menschen, die über eine digitale Plattform an ihren "Gig", also ihren Arbeitsauftrag kommen – und zwar gebunden an einen Ort.

Noch immer Unsicherheit über Beschäftigungsstatus

Plattformarbeiter liefern den Berlinern nicht nur Essen. Sie putzen auch ihre Wohnungen, babysitten, pflegen ihre Angehörigen, fahren sie von A nach B.

Eines haben die meisten Plattformunternehmen gemeinsam: Sie boomen in Großstädten wie Berlin. Insgesamt arbeiten in Deutschland zurzeit – je nach Studie – zwischen 500.000 und 2,7 Millionen Menschen für Plattformen. Genauere Zahlen für Berlin gibt es nach Angaben der Senatsverwaltung für Arbeit nicht, da "viele Gigworker nicht hauptberuflich über Plattformen arbeiten und/oder als solo-selbständig gelten."

Genau das war in den letzten Jahren häufig Grund für Kritik von Seiten der Gewerkschaften. Denn wer soloselbständig ist, hat zum Beispiel keine Garantie auf Mindestlohn. So auch bei der Plattform "Helpling", einem Vermittler von Putzkräften. Helpling bezeichnet sich selbst als Vermittler, Reinigungskräfte haben einen "Vermittlungsvertrag", keinen Arbeitsvertrag.

Genau mit dieser Argumentation ist Uber vorm höchsten Gericht in London gescheitert. Die Entscheidung: Uber-Fahrer sind keine "soloselbständige Partner", wie Uber sie bis dahin bezeichnet hatte, sondern Arbeitnehmer mit den dazugehörigen Rechten.

Noch immer wenig Sicherheit

Aber auch Plattformen, die Arbeiter anstellen, werden noch immer für ihre Arbeitsbedingungen kritisiert. Zum Beispiel in puncto Sicherheit: Baris ist mit seinem Arbeitsunfall nicht allein. Nach einer kleinen Anfrage der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus sind 252 Arbeitsunfälle, 454 Betriebswegeunfälle, 82 Wegeunfälle (auf dem Weg zur Arbeit) von in Berlin gemeldeten Lieferdienstfahrern gemeldet worden.

Was es braucht, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern

Ein Zusammenschluss aus internationalen Forschenden hat sich unter dem Projektnamen "Fair Work" zum Ziel gesetzt, dass "faire und bessere Jobs in der Plattformökonomie möglich sind", wie es auf der Internetseite des Projekts heißt. Es hat seine Basis an der Oxford-Universität in England und am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB).

In ihrem aktuellen Report "Fair Work Rating 2021/2022" [fair.work] beschreiben die Forschenden mehrere Kriterien für faire Arbeit. Dabei geht es nicht nur um das Thema Sicherheit, sondern vor allem auch um die Mitbestimmung der Arbeitenden.

1. Mitbestimmung der Arbeiterinnen und Arbeiter

Nach langem Protest hat Gorillas seit Ende 2021 einen Betriebsrat – in Berlin. Die einzige Lieferplattform, die bisher Betriebsräte in mehreren Städten und sich mit einer Gewerkschaft zusammengetan hat, ist nach Angaben von "Fair Work" der Lebensmittellieferdienst "Lieferando". Und es hat offenbar etwas gebracht: Lieferando stellt seinen Mitarbeitenden laut der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten ein Handy und ein Fahrrad und bietet ihnen unbefristete Arbeitsverträge.

2. Klare Haltung der Politik

Plattformarbeiter:innen sind nicht allein für ihr Schicksal verantwortlich – sie sind darauf angewiesen, dass der Gesetzgeber sich auf die relativ neue Form der Plattformarbeit einstellt. Die Arbeitsrechtlerin Johanna Wenckebach sagt "Das Recht ist immer etwas hinterher hinter dem, was in der Arbeitswelt an Realitäten geschaffen wird." Die Arbeitssenatsverwaltung sagte auf rbb-Anfrage, "Berlin werde sich im Bund dafür einsetzen, Arbeitsrechte und betriebliche Mitbestimmung in der Plattformökonomie zu stärken." Zudem teilte eine Sprecherin der Arbeitssenatsverwaltung mit, es solle "dem Abgeordnetenhaus bis Herbst 2022 ein Konzept für eine Informations- und Beschwerdestelle für Arbeitsschutz vorgelegt."

Doch es werde, so Wenckebach, zu wenig Geld in die Kontrollen der Arbeitsbedingungen vor Ort gesteckt: "Das macht es eben in der Praxis leicht für Arbeitgeber, gesetzliche Vorschriften, die eigentlich bestehen, zu umgehen". In Berlin ist dafür das "Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit" (LAGetSi) zuständig.

3. Das können Konsument:innen tun

"Es ist wichtig, dass wenn man solche Angebote schon nutzt, dass man zwischen den Praktiken verschiedener Plattformen und auch, inwieweit Plattformen faire Arbeit garantieren – unterscheidet", sagt Tatiana López, Mitarbeiterin des Wissenschaftszentrums Berlins. Sie ist auch Teil des Forschungsnetzwerks Fair Work, das kürzlich seinen neuesten Report für Plattformunternehmen in Deutschland herausgebracht hat. In dem wurden, Mitarbeitende von 12 unterschiedlichen Plattformen befragt. Die Kriterien: Faire Bezahlung, Faire Bedingungen, Faire Verträge, Faires Management, Faire Repräsentation der Arbeiter.

26 Kommentare

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  1. 26.

    Sie haben zwar grundsätzlich Recht, solche Dienste sind durchaus in Teilen notwendig. Die aktuellen Lieferdienste haben damit aber wenig zu tun, das sind auf Abzocke und Geldschneiderei ausgerichtete Dienste, die auf die Faulheit einer Hipster-Stadtbewohnerschaft ausgerichtet sind. Niemand sonst braucht Lieferfristen von 10 Minuten. Die Preise sind zu hoch, teilnehmende Geschäfte zahlen unangebracht hohe Provisionen, die Mitarbeiter sind unterbezahlt (sind meistens Menschen mit kurzer Bleibeperspektive, zum Beispiel Work-and-Traveler) und Investoren schießen Unsummen von Geld zu, sonst wären viele Firmen längst pleite. Die Gewinner und Absahner sind die Vorstände und Teilhaber dieser Startups, die lediglich Marktanteile erreichen wollen, um die Bude dann möglichst teuer zu verhökern. Außer denen gibt es keine Gewinner, weil niemand die echten Preise zahlen würde.

  2. 25.

    Sorry, aber der Gedanke, alles was ich nicht brauche, das gehört abgeschaft, diesr Gedanke ist zu tiefst asozial.

    Es gibt Menschen die krank werden, es gibt gehbehinderte und alte Menschen ohne "zu diensten" stehenden Freundeskreis, und die sind für Lieferdienste dankbar.

  3. 24.

    Also erstmal vielleicht sorry für diese Angestellten , aber ich bestelle dort grundsätzlich nicht . Ich habe das Glück laufen zu können und laufe zum einkaufen !!! Können viele vielleicht nicht in der heutigen hektischen Zeit , aber meiner Meinung sind die dann selber schuld . Ist vielleicht bei diesen heutigen Hippis oder wie man sie nennt modern ?

  4. 23.

    Einige Kommentare verlieren sich in Schuldzuweisungen an faule Menschen, die Lieferdienste nutzen, an dumme Menschen, die sich keine andere Arbeit suchen. Aha, wie einfach und so schnell gelöst, toll. Na dann, einfach nicht nachdenken, nicht hinterfragen, geistige Trägheit ist manchmal von Nutzen. Dabei muss man nur solidarisch denken und mutig sein, für Arbeitnehmerrechte einstehen, Was daran scheint so schwer zu sein?

  5. 22.

    Sie haben sich anscheinend noch nicht mit der Plattformökonomie beschäftigt. Anders kann man ihren Kommentar nicht verstehen, weil dieser zu kurz gedacht ist.

  6. 21.

    Das frage ich mich auch immer. Wir haben einen Mangel an Arbeitskräften, also wieso suchen sich die Arbeitnehmer nicht einfach einen anderen Job. Dann regelt es der Markt mit Angebot und Nachfrage ganz von allein.

  7. 20.

    Was ich mich in diesem Zusammenhang schon häufiger gefragt hab: Warum fängt man überhaupt erst bei einem Unternehmen an, bei dem die Arbeitsbedingungen so miserabel sind? Bzw. warum sucht man sich nichts anderes, sobald man das gemerkt hat? Gibt der Arbeitsmarkt wirklich so wenig her?

    Ich selbst lass mir übrigens absolut gar nichts liefern, erledige meine Einkäufe und koche fast ausschließlich selbst. Ab und zu hol ich mir auch mal was. Klappt wunderbar. Ich vermisse rein gar nichts.

    Geben die Leute, die bestellen, eigentlich gar kein Trinkgeld? Ein oder zwei Euro pro Bestellung dürften den Stundenlohn doch schon deutlich anheben und der Ausbeutung der Fahrer entgegenwirken.

  8. 19.

    Wie kommt man nur auf die hirnrissige Idee sich in einer Großstadt Essen liefern zu lassen...Wenn man auf dem Dorf wohnt ist das vielleicht noch okay aber in Berlin? Da schreit einem das Essen quasi von jeder Ecke an, wieso liefern lassen? Kann eigentlich nur Faulheit der Grund sein.

  9. 18.

    Was oder wen meinen Sie eigentlich mit "Schlechterverdienende" Mal ketzerisch angemerkt: n X-Berg scheint ja mittlerweile alles, was weniger als 10000 Netto im Monat zu den Armen zu gehören. Aber geistigen Reichtum kann man nicht bezahlen, da sind mir die sogenannten "Schlechterverdienenden" zumeist lieber als irgendwelche Geldsäcke/innen, haben diese den Blick für die Realitäten nicht verloren.

  10. 17.

    Also ich wohne auf dem Land und habe es 10km bis zum Supermarkt und zum nächsten Bäcker. Aber liefern lassen? Nee, ich will sehen was ich kaufe bevor mir irgendwas, das weg muss, geliefert wird. Was sie beschreiben scheint eine Berliner Besonderheit zu sein.

  11. 16.

    Niemand wird meiner Meinung nach gezwungen für diese Firmen zu arbeiten!
    Gilt genauso z.b. für Ryanair!!!

  12. 15.

    Diese Raser braucht echt niemand hier. Diese Lieferdienste und die Rider sind eine erhebliche Gefahr im Straßenverkehr. Drängen andere vom Radweg ab, fahren bei Rot über die Kreuzung und schikanieren Fußgänger auf deren Wegen. Und das alles nur weil Leute zu faul sind Butter und Brot selber zu kaufen. Branche könnte ruhig abgeschafft werden. Würde wahrscheinlich kaum jemand vermissen, außer die Hipster

  13. 14.

    Sorry,aber wer braucht solch ein Blödsinn, sich in Lebensmittel nach Hause bringen zu lassen. Branche abschaffen, selbst in meiner Quarantäne halfen mir Freunde. Faulheit sollte nicht belohnt werden

  14. 13.

    Sehr geehrter „KlausBaerbel“,
    das Problem an der Sache ist ja, dieser ganze Lieferwahn wird noch mehr unterstützt die meinen, jetzt nirgends mehr irgendwo hinzugehen weil alle jetzt in die Läden, Restaurants etc. gehen dürfen. Man braucht sich ja nur einige Kommentare bei den dementsprechenden Artikeln hier beim rbb24 durchlesen. Da stehen ja so manche wie, z.B.: „... dann gehe ich da halt nicht mehr hin, sondern lasse es mir doch liefern. Ist einfach...“
    Mit freundl. Grüßen und ein schönes Wochenende

  15. 12.

    Sorry Leute, es gibt soviele offene Stellen, wer sich in seinem derzeitigen Job nicht wohlfühlt sucht sich gefälligst einen anderen oder soll die Klappe halten.
    Vor 20 Jahren war das noch anders, doch heute?

  16. 11.

    Ich empfinde solche Äußerungen immer sehr schwierig, Dinge zu verbieten, unterbinden etc., gerade im Hinblick auf das Thema Arbeitsplätze. Jeder fängt mal klein an, auch Unternehmen und es ist menschlich und liegt in der Natur Fehler zu machen. Im Falle von Gorillas scheint es ja nun, dass sie die Dinge anpacken und optimieren wollen. Lieferdienste sind essenziell geworden, weil immer mehr Menschen existieren und irgendwann können Supermärkte diese Resonanz nicht mehr Stämmen.

  17. 10.

    Stimme ich zu. Jeder, der sich nur weil es gerade mega hip ist, jeden Kram an die Wohnungstür liefern lässt, weiß auch, dass die Arbeit von mies bezahlten "Sklaven", oftmals aus Ländern zugezogen, wo die Jobs noch weniger zu bekommen sind und bezahlt werden, verrichtet wird. Geht einfach in den Supermarkt oder in den Späti an der Ecke oder eben in ein Restaurant!!! Diese ganzen Lieferdienste sind ja nicht darauf ausgerichtet, gebrechlichen oder alten Menschen beschwerliche Wege abzunehmen...

  18. 9.

    Ich sehe in meinem Wohnumfeld zahlreiche Schlechterverdiener als uns, die alle ständig irgendwas Bestellen. Dinner, Lebensmittel, Belanglosigkeiten wie Bier und Chips. Im Haus fliegen die Rechnungen mit ihren Telefonnummern und ihren Mail-Adressen, Tüten der Lieferfirmen umher.

    Es gibt sicherlich Gründe, gelegentlich zu bestellen. Aber einen richtigen Mehrwert kann ich nicht erkennen.

    Sind die Menschen zu faul oder zu blöd geworden, ein Abendessen zu kochen oder auf dem Heimweg noch kurz in den um die Ecke liegenden Supermarkt zu springen?

  19. 8.

    Wie kann es sein, dass bei der besten Bundesregierung und dem besten Senat aller Zeiten Ausbeutung überhaupt noch stattfindet?
    Es wäre schön, wenn die Politik sich ENDLICH WIEDER um die REALEN PROBLEME der Menschen kümmert.
    Mindestlohn rauf!
    Schließung aller Unternehmen, die ausbeuten.
    Oder hat bei uns längst das Großkapital das Sagen?

  20. 7.

    Und das hier ist die richtige Stelle, auch für die Rentenpunkte etwas zu machen., statt immer nur Zu/Um- Verteilen.
    Es wurde nicht klar genug herausgearbeitet, dass das Bekämpfen von Ausbeutung im Subunternehmertum und Niedriglohnsektor Sache des AM, Herrn Heil ist. Hier die Rahmenbedingungen zu setzen ist mühevoller als unsolidarische Almosen zu verteilen.
    P.S. rbb24: Diese Art der Berichte sollten einen höheren Anteil und Gewicht haben als... sogenanntes „Gutmenschentum“.

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