Gewalttätige Fahrkartenkontrolleure - "Jetzt habe ich Angst, S-Bahn zu fahren und diesen Gewalttätern zu begegnen"

Di 22.03.22 | 18:57 Uhr | Von Efthymis Angeloudis
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Symbolbild: Kontrolleure im ÖPNV auf der Suche nach Schwarzfahrern. (Quelle: imago images/J. Ritter)
Audio: Inforadio | 22.03.2022 | Hendrik Schöder | Bild: Symbolfoto/imago images/J. Ritter

Ein Mann wird in der S-Bahn kontrolliert. Nachdem er etwas länger braucht, um seine Fahrkarte zu finden, wird er von drei Kontrolleuren beleidigt, schikaniert und weggestoßen. Erst als andere Fahrgäste einschreiten, lassen sie von ihm ab. Von Efthymis Angeloudis

Sie waren gekommen, um ihr Revier zu markieren – die Berliner S-Bahn. Mit breiten Schultern und noch breiterem Gang stellen sich drei Fahrkartenkontrolleure am Montagnachmittag vor die wenigen Fahrgäste der S-Bahn vom Berliner Nordbahnhof Richtung Yorckstraße.

Als einer der Passagiere, Ssaman Mardi etwas länger in der Hosentasche nach seiner Monatskarte sucht, sie aber letztendlich findet und zeigt, gerät ein Kontrolleur grundlos in Rage: "Ich f**** deine Mutter, du kleiner H****sohn", soll er dem 32-jährigen Mardi gesagt haben.

Mardi zückt sein Handy. Startet die Aufnahme. Fragt ruhig, aber entschlossen: "Magst Du das wiederholen?"

Kontrolleur schlägt Fahrgast das Handy aus der Hand

Was folgt sind Szenen, die man normalerweise aus dem kriminellen Milieu kennt. Die Kontrolleure versuchen Mardi einzuschüchtern, fangen an, auch ihn zu filmen, schikanieren ihn und lachen ihn aus, er dürfe sie nicht filmen. "Ich entgegnete, dass ich nicht vorhabe, das zu veröffentlichen und fragte nach Namen oder Personalausweisen, um mich beschweren zu können", sagt Mardi am Dienstag rbb|24.

Dann knallt es. Ein Kontrolleur holt aus und schlägt dem 32-Jährigen das Handy aus der Hand, wie man den Videoaufnahmen, die rbb|24 exklusiv zur Überprüfung vorliegen, entnehmen kann.

Auch nach dem Gewaltausbruch gehen die Einschüchterungsversuche weiter. Der Kontrolleur behauptet nun, Mardi hätte das Smartphone selber auf den Boden geworfen. Versucht den Spieß umzudrehen. Er habe Zeugen und werde Mardi "anzeigen".

"Ruft bitte die Polizei"

Mardi filmt weiter. Die S-Bahn kommt zum Halt. "Am Bahnhof Potsdamer Platz oder Anhalter Bahnhof checkten mich die Kontrolleure aus heiterem Himmel von hinten und schubsten beziehungsweise schlugen mich gewaltsam aus der S-Bahn raus", sagt er dem rbb. "Ich fiel auf den S-Bahn-Steig und verletzte mich an Hüfte und Knie."

Er rappelt sich hoch und schafft es glücklicherweise davon zu kommen und an einer anderen Tür wieder in die S-Bahn zu steigen und weiterzufilmen.

Mit im Waggon weiterhin seine drei Peiniger. "Ich hatte wirklich Angst, dass sie mich aus der S-Bahn rausziehen und zusammenschlagen. Ich rief um Hilfe und bat die anderen Fahrgäste, die Polizei zu rufen."

Zwei Fahrgäste stellen sich schützend vor ihn, als die Kontrolleure Mardi wieder aus dem Zug zerren wollen. Der 32-Jährige ruft: "Geht weg von mir, geht weg. Du hast mich zwei Mal geschlagen, ich komme nicht mit euch raus." Erst als eine Frau die Polizei anruft, lassen die drei Männer von ihm ab und steigen aus.

Kontrolleure auf Video klar identifizierbar

Der Vorfall ist in vielerlei Hinsicht bezeichnend für ein Problem, das im öffentlichen Nahverkehr der Hauptstadt seit Jahren besteht - und das die Berliner S-Bahn aber auch die BVG nicht zu lösen scheinen können: Gewalt durch Kontrolleure.

Körperverletzung, Freiheitsberaubung, Beleidigung, Betrug [tagesspiegel.de] – die Liste der Straftaten von Fahrkartenkontrolleuren, die die Berliner Justiz in den vergangenen Jahren beschäftigt haben, ist lang. Einer der Gründe könnte zweifelsohne sein, dass die S-Bahn keine eigenen Kontrolleure, sondern Personal einer Dienstleistungsfirma beschäftigt.

Ssaman Mardi hat den Angriff bei der Polizei angezeigt. Er wünsche sich, dass die S-Bahn den Vorfall rasch prüft. Nachdem er darüber auf Twitter berichtet und die Deutsche Bahn und S-Bahn angeschrieben hatte, kontaktierte ihn ein Kundendialog-Leiter der S-Bahn. "Ich habe ihm angeboten die Videos zur Verfügung zu stellen", sagt Mardi. "Die drei Kontrolleure sind im Video, auch wenn sie Maske tragen, klar identifizierbar." Eine Sichtung wurde seitens der S-Bahn abgelehnt – konkrete Maßnahmen nicht besprochen.

S-Bahn: Kontrolleure vom Prüfdienst suspendiert

Auf Anfrage von rbb|24 teilte eine Bahnsprecherin mit, dass der Vorfall der S-Bahn Berlin bekannt und die beteiligten Kontrolleure bereits vom Prüfdienst suspendiert wären. "Mit dem Fahrgast sind wir bereits gestern in den direkten telefonischen Kontakt getreten, heute haben wir von ihm das angebotene Videomaterial zur Sichtung angefordert", so die Sprecherin weiter.

"Die S-Bahn Berlin erwartet von ihrem Kontrollpersonal, das durch die beauftragten Dienstleister eingesetzt wird, in jeder Prüfsituation einen freundlichen und respektvollen Umgang mit unseren Fahrgästen."

Welche Anforderungen für die Einstellung von Kontrolleuren an den Dienstleister gestellt werden und wie der Bewerbungsprozess aussieht, wurde nicht weitergehend erklärt.

Fahrgäste zeigen Zivilcourage

Ssaman Mardi kann sich glücklich schätzen, dass andere Fahrgäste sich für ihn eingesetzt haben. "Ich bin den Fahrgästen echt dankbar, dass sie sich vor mich gestellt haben und eingeschritten sind. Ich habe mich danach auch bei allen bedankt und bin dankbar, dass es diese Zivilcourage gibt."

Unterm Strich bleibe ihm nun der Schock, zwei blaue Flecken und ein zerbrochenes Handydisplay, sagt er etwas leichtfertig, um ein klein wenig später das wahre Ausmaß des gewalttätigen Vorfalls zu zeigen. "Jetzt habe ich Angst, weiterhin S-Bahn zu fahren und diesen Gewalttätern nochmals zu begegnen."

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Beitrag von Efthymis Angeloudis

74 Kommentare

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  1. 74.

    Und wie heißt diese Dienstleistungsfirma?
    Wie hat den Auftrag überhaupt bekommen?
    Klingt ganz kriminell und verdächtig wie eine solche Firma den Auftrag gewonnen hat und warum wird nicht gekündigt wenn schon oft bei diese Firma solche Gewalttaten passieren.

  2. 73.

    @ Pico, die Kontrollen werden von einer Firma im Auftrag (!) der S-Bahn gemacht. Damit ist die S-Bahn also nicht so ganz raus.
    Und auch sonst geht es im Artikel... . Aber das können Sie ja selber noch mal nachlesen.

  3. 72.

    Trotzdem trägt doch die S-Bahn Berlin eine Verantwortung, wer für sie arbeitet, wer das Bild der S-Bahn nach außen hin prägt.
    Ich fände es auch besser, wenn Kontrolleure direkt bei der DB angestellt wären. Das Gleiche gilt übrigens für viele andere Bereiche im öffentlichen Sektor.
    Reinigung der Schulen beispielsweise. Da wird die Qualität jährlich schlechter, weil nur die allerbilligsten Anbieter genommen werden dürfen. So ist das unsinnige Gesetz...

  4. 70.

    "Ich habe einige obdachlose Alkoholiker kennen gelernt die vom Jobcenter eine Ausbildung im Sicherheitsbereich bezahlt haben wollten und/oder als Kontrolleure bei der S-Bahn als ABM gearbeitet haben."

    Ihre Story hat nur einen Haken, sie ist von vorn bis hinten erlogen und erstunken.

  5. 69.

    Das Problem ist die Abzockerfirma, die den Leuten nur ein 1000-Euro-Grundgehalt zahlt. Wenn sie wissen wollen wie die Firma heißt müssen sie den link zum Tagesspiegel anklicken, hier darf ich es nicht schreiben, warum auch immer.

  6. 68.

    Ich wünschte mir oft mehr Zivilcourage von Anderen. Statt dessen sieht jd. nur auf sein Smartphone und denkt wahrscheinlich insgeheim: "...ich mische mich mal lieber nicht ein, geht mich ja nichts an..." Situationen wie die beschriebene könnten u.U. vermieden wären, wenn Menschen beim kleinsten Anzeichen deratiger Pöbeleien und Übergriffe reagieren würden. Hilfe und Unterstützung hat viele Gesichter. Ich bin froh, dass es dann doch Unterstützer gab, die ein Gewissen hatten.

  7. 67.

    Solche Vorfälle sind beinahe täglich in den Öffis zu beobachten...ich kann das beurteilen, bin beruflich viel mit U- und S-Bahn unterwegs. Unhöflich, respektlos, machohaft und ungepflegt...so ist häufig das Auftreten der sog. Kontrolleure i.A. der BVG / S-Bahn. Es reicht nicht, bei Vorfällen nur die betroffenen Kontrolleure zu suspendieren, es ist ein generelles, strukturelles Problem, welches im Ganzen zu beurteilen ist. Bsp. Wenn ich eine Sanitärfirma beauftrage, Facharbeiten für mich auszuführen, so erwarte ich auch qualifiziertes und fachkundiges Personal, welches das Handwerk versteht. Sollte mir die Firma Leute schicken, die Null-Ahnung haben und dem Kunden gegenüber auch noch unhöflich wären, was wäre wohl meine Reaktion als Auftraggeber? Richtig! Nicht nur die "Handwerker" dürften sofort gehen, die Firma wäre auch ihren Auftrag los. So wird ein Schuh daraus. Die BVG/S-Bahn ist zu inkosequent bei der Wahl ihrer Dienstleister, das ist das Problem.

  8. 66.

    Genauso ist es,die mischen sich überall unter!Hab solche "Kontrolleure" auch schon beobachtet.Die fühlen sich wie König und machen was sie wollen.
    Die BVG sollte klare Maßgaben für die Einstellung haben und diese noch verstärken.

  9. 65.

    Das ist seit vielen Jahren ein Grundproblem der S-Bahn und der BVG: Leistungen an Billiganbieter abzugeben (Outsourcing, ohne auch nur ansatzweise die Qualifikation und Hintergründe deren Mitarbeiter zu prüfen. Haupsache billig, auch wenn dort die größten Prollos beschäftigt werden. Auch ich habe einmal persönlich in einer Auseinandersetzung mit dieser Art von Kontrolleuren gestanden und weitere Situationen beobachten können. Die sog. Kontrolleure sind weder gebildet (kennen das Regelwerk der BVG nicht) noch respektvoll u. professionell den Fahrgästen gegenüber. Das solche Drittanbieter dem Ansehen des Auftraggebers, in dem Fall der BVG, schaden, scheint niemanden zu interessieren.
    Im Fall des o.g. Hr. Mardi hätte ich umgehend Strafanzeige gegen die Kontrolleure UND die BVG gestellt, einen Fachanwalt engagiert und auch Schadenersatz gegenüber der BVG für das defekte Smartphone gefordert. Letztendlich haftet der Auftraggeber für seine Auftragnehmer. Ich hoffe, Hr. Mardi geht es besser.

  10. 64.

    Ein Beispiel dafür, dass die planwirtschaftliche Dummheit der Exceltabelle weder gute Ökonomie, noch lebenswertes Gemeinwesen macht. Das ist der Gewinn, die Rendite, die Qualität, für die Wirtschaft eigentlich gedacht ist. Ist man am Ende nicht doch bloß Krämerseele, statt Volkswirtschaft.
    Das Problem - liegt wie in vielen Branchen - natürlich schlicht im Subunternehmertum. Man kennt ja auch die unfreundlichen Pförtner, die gar nicht (mehr) wissen, dass sie erster Ansprechpartner, Repräsentant am Eingang der Firma sind.
    Die subunternehmerischen Kontrolleure entstammen dem Türsteher-Security-Milieu. Ihre Firmen meist auch. Entsprechend ist Auftreten und Ausbildung. Während sie Repräsentanten unseres ÖPNV sind.

    Dieser Missstand liegt in der Verantwortung jener, die solche Firmen, die sich dieses Outsourcing-Systems bedienen. Qualifiziertes Personal kostet eben. Im Krankenhaus müssten auch weniger Menschen an Keimen sterben, gälte Hygiene nicht als Job für ungelernte Putzkräfte.

  11. 62.

    Es liegt sicherlich an der zunehmenden verrohung der Gesellschaft. Es gibt auch Übergriffe auf Kontrolleure, Sanitäter, Polizei etc. Private Wachleute werden mies bezahlt, mit der Folge, dass dort nicht die aller hellsten Köpfe der Nation arbeiten.Der miese Lohn wird dann dadurch ausgeglichen, dass sie den "Hilfssheriff" mimen und ihr (nicht vorhandenes) Selbstbewusstsein stärken können.Dies gilt selbstveständlich nicht für alle im Wachdienst Beschäftigte. Die Lösung kann deshalb nur eigenes, geschultes Personal oder eine effektive Zugangskontrolle sein.

  12. 61.

    Sie haben sicher Recht. Es ist immer wichtig, beide Seiten zu Wort kommen zu lassen. Allerdings hat die ganze Sache schon ein gewisses "Geschmäckle" -auch wenn man die Schilderungen der Kontrolleure nicht kennt- wenn von einem geschädigten und 3 Kontrolleuren gesprochen wird. Ich denke, dass hier schon allein das Zahlenverhältnis dafür spricht, dass die Schilderungen des Geschädigten nicht so unglaubwürdig sein können. Oder was meinen Sie?

  13. 60.

    Artikel gelesen? Die S Bahn hat die Kontrollen an Drittfirmen abgegeben und stellt daher auch keine ein . Es ist des beauftragte Unternehmen. Aber für ein Drauf Hauen auf die S Bahn reicht es natürlich allemal für Sie !!!! Bisher hatte ich keine Probleme mit den Kontrollen gehabt . Warum auch wenn man alles hat . Aber viele Fahrgäste provozieren auch schön bzw haben kein Ticket und ellenlange Ausreden etc . Aber hier werden diese wieder als Unschuldlämmer hingestellt .

  14. 59.

    Die Dunkelziffer ist so unglaublich hoch!
    Meine Partnerin - zufällig ebenso weder blond, noch blauäugig, noch fließend der deutschen Sprache mächtig, hat bereits mehrfach Grenzüberschreitungen seitens BVG Kontrolleuren erlebt - anlasslos und mit jeweils gültigem Fahrschein
    Bei Beschwerden bei der BVG versteckt sich das Unternehmen dann hinter Aussage gegen Aussage, die Kollegen decken sich natürlich gegenseitig.
    Dabei ist es doch völlig abwegig, dass ein Fahrgast aus heiterem Himmel beim Unternehmen falsche Anschuldigungen gegen Kontrolleure macht!

  15. 58.

    Letztlich kann sich niemand von uns eine Meinung bilden, denn niemand kennt die Akten und die Darstellung ist einseitig. Auch Zeugen sind erfahrungsgemäß mit etwas Vorsicht zu genießen. Wenn der Kontrolleur von keinem Gericht schuldig gesprochen wird, gilt er als unschuldig.

    Klar gehen Handgreiflichkeiten nicht. Aber niemand kennt das Vortatverhalten des Kunden

    Das Verkehrsunternehmen kann aus diesem Grund keinen Vertrag kündigen. Dazu reicht's nicht. Ebenso werden keine Prämien ect bezahlt.

  16. 57.

    Unglaublich, dass die S-Bahn Berlin solche Gewalttäter als Kontrolleure einsetzt. Ich habe ähnliche Situationen als Zeuge und Fahrgast selber erlebt. Einige dieser Kontrolleure scheinen dem Clanmillieu entsprungen.
    Da läuft offenbar beim Einstellungsprozedere der DB etwas grundlegend falsch.

  17. 56.

    Es ist erstaunlich, wie viele der Kommentatoren anscheinend genau über den Vorfall Bescheid wissen. Hat man denn die Beschuldigten befragt? Aus dem Text gehen doch überwiegend die Aussagen des mutmaßlichen Opfers hervor. Bitte erst genau untersuchen.

  18. 55.

    Na ich schätze das das einfach billiges Personal ist ! S-Bahn will sparen also irgendeine Bude beauftragen . Wird schon gut gehen !
    Einfach Preise etwas erhöhen und Richtiges , geschultes Personal einstellen !!!!

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